Fera
Fera
Sie schreckte hoch, und für einen kurzen Moment der Panik griff sie sich ins Gesicht, um das Ding herunterzureißen, das dort saß – erst Augenblicke später realisierte sie, dass frische Luft herausströmte. Sie befand sich allem Anschein nach in einem Krankenhaus – die Wände waren weiß und zum Teil gefliest, helle Medikamentenschränke reihten sich aneinander und sie fand sich selbst auf einer gepolsterten Liege wieder. Warum hatte man sie hergebracht? War es einem potentiellen Wandler überhaupt erlaubt, das Reservat zu verlassen?
»Wach? Das wurde auch langsam Zeit. Noch länger und ich hätte dich ins nächste Krankenhaus einweisen müssen.« Es war die ruhige Stimme von Ian, der nun aus einer Arbeitsnische hervortrat. »Wie fühlst du dich?«
»Furchtbar«, sagte sie mit heiserer Stimme, die gar nicht nach ihr selbst klang. »Was ist passiert?«
»Du wurdest von Drachentötern angegriffen, die Sajian entführt haben. Wir konnten dir gerade noch rechtzeitig ein Gegenmittel zu dem Muskelrelaxans verabreichen, das du in Überdosis abgekriegt hast. Nur wenig später und ich hätte dich nicht mehr retten können. Es war sehr dumm, sich so vielen Bewaffneten entgegenzustellen.« Die Erinnerungen kehrten mit einem Schlag zu ihr zurück – die Männer und Frauen in Uniformen, die Sajian entführt hatten. Jared war bei ihnen gewesen. Er hatte tatsächlich zugelassen und in Kauf genommen, dass sie alle tödlich getroffen wurden. Auch, wenn sie keinen weiteren Beweis dafür gebraucht hätte, was für ein Mensch er war, setzte das nochmal einen drauf, und Wut staute sich in ihr auf. Sie hörte sich selbst allerdings etwas anderes sagen als denken: »Dann hättest du zumindest ein unnötiges Maul weniger zu stopfen gehabt.«
Ian schwieg, dann zog er einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. »Ein Arzt behandelt jeden Kranken und Verletzten, unabhängig von seinen eigenen Befindlichkeiten. Das ist die Aufgabe eines Arztes. Sie urteilen nicht über ihre Patienten. Ich urteile über dich als dein Vorsteher, nicht als dein Arzt.«
Sie schloss die Augen. »Dann sprich als mein Vorsteher und nicht als mein Arzt: Habe ich jetzt einen Lebensabschnitt vor mir, in dem ich immer wie ein Aussätziger behandelt werde, um den man sich aus Pflichtgefühl heraus kümmert und der nie Teil von etwas werden kann? Du hast bereits angekündigt, dass du uns rauswerfen wirst, wenn die Zeit gekommen ist. Ich habe niemanden mehr dort draußen, der für mich da sein wird, und werde vermutlich auf der Straße landen. Im Reservat könnte ich Bindungen knüpfen, aber welchen Wert haben die, wenn ich es ohnehin wieder verlassen muss und niemanden wiedersehe? In dem Fall wäre es mir lieber zu sterben. Aber vermutlich ist das Teil meiner Strafe. Du bist wohl kein Fan der Exekution.« Es tat unfassbar gut, ihre Gedanken so unverblümt in Worte zu fassen.
Ian tat etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Er griff ihr Gesicht und drehte es so, dass sie ihn ansehen musste. »Wir müssen uns unterhalten. Und ich muss überlegen, wo ich anfange. Vielleicht so: Du bist näher am Kind als am Erwachsenen. Jemand wie du sollte nicht so denken und fühlen, dass der Tod das bessere Los wäre. Der Tod ist keine Bestrafung – er ist Erlösung. Das scheint mir eine Weisheit zu sein, die mehrheitlich Ärzte erlangen. Ich habe furchtbare Schicksale gesehen, Leid, das den Tod freundlich aussehen ließ. Ich verabscheue den Umstand, dass der Tod mir im Laufe der Jahre so oft so viel angenehmer erschienen ist als das Leben. Daher verabscheue ich es, wenn anderen Schaden zugefügt wird. Nicht nur als Arzt, sondern als Mensch. Jeder verdient ein gutes Leben, das den Tod nicht besser wirken lässt. Dich eingeschlossen. Das ist meine Überzeugung. Deshalb will ich, dass du lebst und eigene Erfahrungen machst. An dieser Überzeugung ändert auch mein zerstörtes Vertrauen in dich nichts.« Er wartete, wohl auf ihre Erwiderung. Fera schluckte und wich ihm aus.
»Und was soll meine Aufgabe hier sein?«
»Leben. Lernen. Arbeiten. Deinen Unterhalt bestreiten und dir etwas eigenes schaffen. Andere Erfahrungen machen als mit einem Manipulanten, der dich zu seinen Zwecken ausnutzt und dann fallen lässt. Das ist es, was ich hoffe und wünsche.« Er erhob sich. »Bleib noch etwas liegen und ruhe dich aus, deine Werte sind gut. Ich denke, wir können die Überwachung beenden.« Er entfernte die Kabel von ihren Fingern und ihrer Brust, die sie gar nicht bemerkt hatte, sowie eine Manschette um ihren linken Oberarm. »Ich komme bald wieder nach dir sehen. Ach ja, du teilst dir die Station mit anderen Patienten. Ich erwarte anständiges Verhalten von euch allen.«
Fera setzte sich auf, nahm die Sauerstoffmaske herunter und sah sich um. Auf einer Matratze neben ihrer Liege ruhte Hickory zusammen mit einer Jugendlichen, die sie nun beide ansahen.
»Ian kann ganz schön… hart sein«, sagte Hickory, als sie unter sich waren. »Hätte ich gar nicht erwartet. Irgendwie habe ich mir vorgestellt, dass jemand, der selbst für einen alles und jeden bedrohenden Drachen positive Gefühle übrig hatte, viel verzeiht.«
Das ließ Fera sich nur noch elender fühlen. »Ich hab’s vermasselt, für immer. Ich bleibe für den Rest meiner Zeit hier ein Fußabtreter, dem er nie positive Gefühle entgegenbringen wird. Warum kümmert es mich überhaupt? Mir hat nie irgendjemand positive Gefühle entgegengebracht, nicht mal Leute, die mir nahestanden.« Sie blinzelte eisern die Tränen weg, die ihr bei diesem Geständnis in die Augen traten. »Mein Vater nicht, meine Mutter nicht, noch nicht einmal Jared. Er hat mich auch nur benutzt für seine eigenen Ziele.«
»Ich habe keine negativen Gefühle dir gegenüber«, sagte Hickory da. »Du brauchst jemanden, der aufrichtig für dich da ist, ohne Hintergedanken, und sich um dich kümmert. Diese Strafe sollte ein Weckruf für dich sein, etwas zu ändern und nicht, in deiner Tat zu versinken. Das ist es bestimmt, was Ian meint. Ich würde dir gern so einen Platz in meinem Schwarm bieten – wenn du ihn willst, natürlich.«
»Ich kann wohl kaum mit einer Gruppe Drachen in der Wildnis leben«, erwiderte sie zynisch.
»Warum nicht? Wir sind zur Hälfte Menschen. Wir können zusammen kochen, du kannst uns dabei helfen, unsere Jagdbeute zu zerlegen und zuzubereiten. Und nachts wärmen wir dich. Wir haben Höhlen im Wald, die wir hauptsächlich im Winter bewohnen, und die können richtig warm werden, wenn Drachenkörper darin liegen.«
Sie sah ihn unschlüssig an. Konnte das wirklich funktionieren? »Wa… warum wollt ihr nicht hier leben, in eurer Menschengestalt? Also dauerhaft, meine ich. Dann könnten wir hier ein… Schwarm sein, und ihr könnten ab und an in die Wildnis zurückkehren, wenn ihr das wollt.«
»Bisher war es uns nicht erlaubt, die Siedlung zu betreten«, erinnerte Hickory sie. »Wenn uns das nun freigestellt ist, könnten wir es versuchen. Ich genieße es schon, wieder in einem Haus zu leben und zu kochen. Aber ich kann auf Dauer nicht ohne den Drachen existieren. Ich muss diese andere Seite von mir ausleben.«
Plötzlich ergriff sie Zuversicht – und das Gefühl, hier tatsächlich etwas bewirken zu können. »Dann… dann tun wir doch genau das! Wir schaffen ein Reservat, in dem alle so leben können, wie sie wollen. Das wäre doch gut für alle, oder?« Sie schaffte es nicht, ihre Aufregung im Zaum zu halten. Wann hatte sie zuletzt soetwas gefühlt? Es tat unfassbar gut.
»Und du willst wirklich mit Drachen zusammenleben?«, fragte Grace. »Ich meine, du…«
Ihr Gesicht glättete sich vor Entsetzen. Natürlich – die anderen Drachen würden sie genauso wenig als eine der Ihren akzeptieren wie Ian, immerhin war sie ein Drachentöter. Wie hatte sie nur schon wieder so dumm und naiv sein können?
»Grace, was kann ein einzelner Mensch ohne Waffen schon tun? Es ist doch Unsinn anzunehmen, dass sie eine Gefahr wäre«, sagte Hickory. »Wenn die anderen auch kommen wollen, seid ihr mir willkommen. Ich war damals sehr froh über eure Gesellschaft. Es trifft mich immer zu hören, dass jemand keinen guten Vater hatte. Mein Vater war die Güte in Person.« Er kramte etwas unter seinem Kopfkissen hervor: Es war ein Foto. »Ian hat es mir gebracht. Ich glaubte es verloren, aber es wurde aufgehoben mit den Sachen, die ich mitbrachte, als ich vor so langer Zeit hier ankam. Ich will der Mann werden, der mein Vater gewesen ist – bei seiner Waldverbundenheit und Vorliebe für die Jagd und das Fischen habe ich den Drachen vielleicht sogar von ihm geerbt.« Er zeigte ihr das Foto – darauf zu sehen war ein bärtiger, bulliger Mann mit braunen Augen, die so viel Sanftheit, Liebe und Freude ausstrahlten, wie Fera es noch nie gesehen hatte. Er wirkte wie ein Traum von einem Vater. Und sie sah die unglaubliche Ähnlichkeit der Augen und des Gesichts bei Hickory. Plötzlich wünschte sie sich, einer von beiden wäre auch ihr Vater. Warum hatten manche Leute so gute Eltern und andere nicht? Warum war es so ungerecht verteilt? Warum konnten Kinder nichts daran ändern? Erneut ergriff sie Wut. Andere in ihrer Klasse wurden mit Liebe überhäuft, obwohl sie nicht das Geringste dafür taten, und sie hatte sich stets abgerackert, um ihren Eltern zu gefallen, ohne dass es dafür je mehr gegeben hatte als das diffuse Gefühl, sie immer wieder enttäuscht zu haben. Beinahe hätte sie das Bild gegriffen und zerknittert, doch im letzten Moment schreckte sie davor zurück. Sie sah Hickory an und schluckte. Er konnte nicht ihr Vater werden, richtig? Aber vielleicht ja so ein… Alpha, wie für Grace.
»Komm mal her, Liebes«, sagte Hickory plötzlich und stand auf, um sich zu ihr zu setzen. Fera zögerte nicht länger und drückte sich an ihn, was er mit einer Umarmung quittierte. »Ich passe auf dich auf.«
Nun kamen endlich die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte.