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Helen

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Helen

Helen war nach draußen in die Siedlung getreten, um Abstand und Raum für ihre eigenen Gedanken zu gewinnen. Sie ging bis zum Grenzzaun und blickte hinunter auf die Paddocks, vor denen sich ihre Drachen zu verschieden großen bunten Haufen zusammengerollt hatten. Es war viel zu gefährlich, jetzt Drachengestalt anzunehmen und zu ihnen zu gehen – nicht, weil dieser Arzt das behauptet hatte, sondern weil sie es fühlte. Der Drache war weiter weg von ihr als jemals zuvor, schier unerreichbar, und sie selbst konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt bewusst ihre Menschengestalt angenommen hatte. Der Drache wirkte jetzt wie ein ferner, schrecklicher Traum, obwohl die Realität noch deutlich schrecklicher war. Sie fühlte sich wieder so schwach und hilflos wie damals, und das machte ihr Angst.

Helen wischte den Gedanken eilig beiseite, bevor er in einem Flashback über sie hinwegfegen und sie ihres Verstandes berauben konnte. Sie wünschte, wieder zum Drachen zu werden, hier und jetzt, denn sie brauchte seine Stärke, Größe und natürlichen Waffen, um sich zu schützen. Das hatte sie sich immer wieder selbst bewiesen, indem sie alles angriff, was ihr zu nahe kam. Und doch war er jüngst übermannt worden, von jenen kleinen, unscheinbaren Menschen, die es gewagt hatten, eine ganze Gruppe Drachen mitten in der Nacht zu überfallen. Ihr Albtraum, von dem sie sich Glauben gemacht hatte, er würde nie Realität werden, denn sie war der stärkste aller Drachen, stärker sogar als Alpha, der den Schwarm anführte und dem sich alle anderen unterordneten. Aber gegen diesen Menschen waren sie selbst in der Gruppe machtlos gewesen. Wie sollte sie sich je wieder sicher fühlen?

Jemand trat zu ihr an den Zaun – es war dieser Arzt, Ian. Sie schreckte unweigerlich zurück, aber er tat, als hätte er es nicht bemerkt. »Vermisst du die anderen? Du kannst bald wieder zu ihnen zurück, und ich werde bei euch nicht intervenieren, solange es nicht nötig ist.«

Er sah sie nicht an, während er sprach, und wahrte den Abstand.

»Ich kann nicht ermessen, welches Trauma du die ganze Zeit über mit dir herumtragen musstest, ohne dass ich es auch nur geahnt habe«, fuhr Ian fort. »Es erleichtert mich, endlich zu wissen, was hinter deinem Verhalten steckte – das hat mich beinahe verzweifeln lassen. Ich glaube, ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich im Reservat dein einziger Fürsprecher war.«

Sie verzog das Gesicht. »Erwartest du dafür jetzt einen Kniefall von mir?«

»Nein. Ich möchte dir damit versichern, dass ich alles tun werde, um dir zu helfen. Ich werde nicht erlauben, dass sich ein Mann dir nähert, auch kein männlicher Drache. Hickory wird sein Territorium abseits von deinem gründen. Es soll keinen Grund mehr für dich geben, Angst zu haben. Sehr gern würde ich dir eine Traumatherapie zukommen lassen, aber… damit kenne ich mich nicht aus. Alles, was ich dir anbieten kann, ist ein sicheres Umfeld.«

Sie zögerte. »Dafür sollte ich dankbar sein, nachdem ich dich und deine Begleiter wiederholt angegriffen habe«, räumte sie ein. »Es erscheint mir selbst absurd, dass ich Kinder attackiert habe, aber in dem Moment…«

»Waren sie eine Bedrohung für dich. Das verstehe ich«, versicherte Ian. »Drachen empfinden oftmals anders als Menschen, und dein Empfinden war vorbelastet durch deine furchtbaren Erfahrungen. Ich mache dir keinen ernstlichen Vorwurf. Ich wäre dir nur sehr verbunden, wenn du uns im Gegenzug zu unserem Fernhalten nicht mehr attackieren würdest. Und es gibt da noch ein Sache: Ab und an muss ich nach euch schauen und euch gegebenenfalls behandeln. Dabei geht es um Impfungen und dergleichen. Ich werde immer allein kommen, aber ich muss mich darauf verlassen, dass ich lebend wieder zurückkehre.«

»Ist gestattet«, sagte sie, erinnerte sich in der Tat nicht daran, wann sie zuletzt geimpft wurde. Das schien in einem anderen Leben gewesen zu sein, einem Leben, das noch in Ordnung gewesen war.

»Ich danke dir.« Er ging zurück ins Haus, und Helen warf einen letzten Blick hinunter, ehe sie ihm nach drinnen folgte.

Es fiel ihr nicht leicht, bei einem männlichen Arzt und einem männlichen Patienten zu sein, auch wenn dieser Patient der Alpha war, den sie im Revierkampf besiegt hatte. Sie war stärker als er, sagte sie sich. Sie selbst wollte kein Leid zufügen, keinen Schaden, aber der Drache empfand anders.

Es beruhigte sie, ihn schlafend vorzufinden, gemeinsam mit Grace – und noch einem weiteren Mädchen. Es war die Jugendliche, die Ian hergebracht hatte. Obwohl sie Teil der Gruppe war, die sie angegriffen hatte, konnte sie sie nicht ernstlich fürchten; ein schmales, junges Ding, für das sie eher einen Beschützerinstinkt empfand, genau wie für Grace. Aber Grace hatte ihn zu ihrem Alpha gewählt, nicht sie. Keiner ihrer Drachen hatte ein negatives Empfinden gegenüber ihrem alten Alpha gehabt, und er hatte über ihr gestanden, um sie zu schützen – trotz seiner eigenen Schwäche und trotz dessen, dass sie ihn so schwer verletzt hatte. Er hatte sie auch nie von sich aus angegriffen. Sie gewann trotz ihrer Vorbehalte den Eindruck, dass er vertrauenswürdig war.

Neben ihnen auf der Matratze lag ein Foto. Es zeigte einen bärtigen Mann, der Hickory ähnlich sah. War das sein Vater? Er wirkte freundlich, wie ihr eigener Vater, der sich mit Händen und Füßen erfolglos gegen ihre Unterbringung in einem Reservat gewehrt hatte. Augenblicklich begann sie, ihn zu vermissen. Ob Hickory seinen Vater auch vermisste?

Er öffnete plötzlich die Augen und blinzelte sie an. Helen erschrak und war sich sicher, dass sie dabei blass wurde. Das Foto fiel ihr aus den Händen. »Du bist wieder da«, flüsterte er. »Das beruhigt mich. Leg dich auch ein wenig schlafen, die Liege ist wieder frei.«

Sie schluckte, wartete, bis ihr Puls sich wieder beruhigte und nicht länger in ihren Ohren dröhnte. »Wer ist das auf dem Foto?«

»Mein Vater. Ich bin bei ihm aufgewachsen.« Sein Gesicht erhellte sich bei der Erinnerung. »Er war ein waldverbundener Mensch. Wir gingen oft zusammen jagen, angeln und Pilze suchen. Ich wurde von ihm jedes Mal in eine Decke gewickelt, wenn wir zurückkamen, und bekam einen heißen Tee. Das waren so schöne Zeiten. Er war der beste Vater, den man sich wünschen konnte. Aber eines Tages, auf einem Jagdausflug, entkam uns das Reh, nachdem wir es angeschossen hatten. Es schrie vor Qual. Ich habe mich verwandelt, es eingeholt und erlöst. An diesem Tag wurde ich aus meinem Leben gerissen. Das ist jetzt so lange her, doch ich vermisse ihn immer noch. Ich hätte so viel dafür gegeben, bei ihm bleiben zu können. Drachen können Menschen helfen. Ich hätte gejagt, und er hätte das Feuer gemacht, um das Essen zuzubereiten. Eine Welt, in der wir zusammen sein können, wäre mein größter Wunsch. Aber mittlerweile dürfte er ohnehin verstorben sein – man sieht es mir wohl nicht an, aber ich lebe hier seit sechzig Jahren. Drachen altern anders als gewöhnliche Menschen. Dieser Traum ist für immer verloren.«

»Das tut mir so Leid zu hören«, sagte sie und schluckte. »Ian hat mit mir gesprochen. Er sagte, dass wir mit unseren Schwärmen in unterschiedlichen Territorien des Reservats leben werden. Bist du damit einverstanden?«

»Du… kannst mich nicht in deiner Nähe ertragen, richtig?«, fragte er und klang todtraurig dabei. »Das verstehe ich, aber… ich werde euch alle schrecklich vermissen. Abschiede sind nichts, womit ich leicht umgehen kann. Die anderen kaum mehr zu sehen wird mich sehr mitnehmen.«

»Ich… es kann nicht zwei Alphas geben«, erwiderte sie mit einem Stein im Magen. »Und ich kann mich dir nicht unterwerfen. Ich will auch kein zweites Mal gegen dich kämpfen und dich verletzen. Ich hätte dich fast umgebracht, und du… bist vermutlich einer der Männer, die keinen Hass verdienen.«

»Ich will gar nicht Alpha des Schwarms sein«, sagte er. »Ich habe gedacht… ich meine, in großen Schwärmen wie diesem… gibt es den Beta-Rang. Der sich um die Neuankömmlinge kümmert und ihnen alles beibringt. Das wäre glaube ich genau das Richtige für mich. Aber ich verstehe, wenn du… das nicht willst. Vorallem, weil Fera jetzt bei mir leben wird. Ich weiß, was sie getan hat. Aber ich kann sie nicht allein lassen. Sie braucht jemanden, der sie beschützt. Der für sie da ist. Der einfach ein… Alpha oder Beta ist. Und die anderen Jugendlichen ebenso. Ich muss mich um sie kümmern.«

»Es geht nicht nur um Fera. Ich empfinde genauso für die anderen. Ich will sie beschützen, alle.«

»Könnten wir es dann nicht zumindest versuchen?«, fragte Hickory hoffnungsvoll.

Helen zögerte, und dann, nach endlos erscheinenden Sekunden, wandte sie sich wortlos ab.