Laetitia
Laetitia
Sie fuhren weiter über geschlängelte, zunehmend weniger asphaltierte Waldwege und dabei immer tiefer in die wilde Natur des Reservats. Laetitia hatte schon befürchtet, die Straßen würden ewig so weitergehen, als der Baumbestand um sie herum plötzlich aufbrach. Sie fuhren auf einen ausgetretenen Pfad und über einen Hügelkamm, welcher zu beiden Seiten in ein steiles Tal abfiel. Laetitia konnte erst nicht sehen, worauf sie zu hielten, doch dann umrundeten sie einen kleinen Hain, an dessen Ende sich wie aus dem Nichts eine hohe Wand aus dicken Gitterstäben auftat. Laetitia fühlte sich an gewisse Filme erinnert, in denen Drachen als Attraktionen in irgendwelchen Freizeitparks ausgestellt wurden, nur um gegen Mitte des Filmes hin völlig erwarteterweise Amok zu laufen – mit dem Unterschied, dass das hier kein dummer Film war, sondern die Realität. Ein elektrisches Tor wurde zur Seite gezogen, um die Durchfahrt freizumachen. Der Zaun zog sich bis weit ins Tal hinunter, in dessen Ferne Laetitia Flüsse und Wälder erkennen konnte, die die Mauer schließlich verschluckten.
Sie richtete den Blick wieder nach vorn, wo sich ein großes, felsiges Plateau ausbreitete. Ein Netz aus metallenen Maschen spannte sich hoch über ihren Köpfen, aufrechtgehalten von einem Konstrukt aus dicken Stangen, die am Rand des Plateaus fest in Pollern aus Beton verankert waren. Sie fühlte sich unweigerlich erinnert an die Bauweise eines wirklich großen Tropenhauses, in dem sie als Kind einmal gewesen war und das künstliche Flüsse, Berge und Urwälder samt Tieren beinhaltete. Sie war dort sogar Boot gefahren, erinnerte sie sich, und hatte Fische sowie viele bunte Papageien beobachtet. Unter diesem Dach aber befand sich nichts dergleichen; stattdessen reihten sich schlichte Holzhäuser aneinander, die sie an die Pionierzeit erinnerten und durch irdene Trampelpfade miteinander verbunden waren. Zwischen den Häusern und überall am Rand des Netzes aufgestellt waren angespitzte Holzpfähle von der Dicke eines Arms, wie um angreifende Drachen abzuhalten. Laetitia wurde ausgesprochen mulmig zumute. Was war hier bitte los? Davon war in Gilfordts Buch nicht die Rede gewesen.
»Komm mit, ich zeige dir deine zeitweilige Unterkunft«, sagte Ian und riss sie damit aus ihren Gedanken. »Du findest sie etwas abseits der anderen. Ich dachte mir, du willst bestimmt lieber Ruhe zum Schreiben haben. Wenn dir der Platz nicht zusagt, hast du freie Wahl – die meisten Häuser stehen nach der Entlassungswelle leer.« Er deutete auf ein kleines Haus mit schmaler, überdachter Tenne und einem Fenster direkt an der Front. Zweifellos waren die Wohnhäuser eher pragmatisch und zweckmäßig errichtet worden – hier wohnten die Blütigen nur so lange, bis sie entweder Drachengestalt annahmen und in die Wildnis entlassen wurden oder aber in die Zivilisation zurückkehren konnten, weil sie das als sicher festgelegte Alter erreicht hatten. Auch die Gestaltung des großen Innenraums war schlicht und auf das Wesentliche reduziert: Ein hölzerner Tisch mit Stuhl und Schreibblöcken sowie einer gar nicht dazu passenden Steckdose an der Wand; ein Hocker in Holzoptik, der sich als Aufbewahrungsbehälter herausstellte; ein hölzernes Bett, frisch bezogen mit einfacher weißer Bettwäsche; eine kleine Kochnische mit Spüle sowie eine Tür, die ins Bad führte. Der Dachboden war über eine schmale, einklappbare Treppe zu erreichen und diente als Stauraum. In einer Ecke stand ein kleiner Beistelltisch und eine Ablage für Bücher war über dem Bett angebracht. Bieder , dachte sie, aber nicht unangenehm.
Sie gingen gemeinsam zum Wagen zurück. Ian bat Laetitia, seine Tasche zu nehmen, hob Sajian heraus und trug ihn bis zu einem weiteren Metallzaun am Rand des Plateaus. Beim Näherkommen stellte sie fest, dass eine metallene Treppe hinter dem Zaun nach unten zu einem ebenfalls eingezäunten Streifen führte. Innerhalb dieses Areals waren Sektionen abgeteilt und mittels Gittern auch von oben geschlossen, wie Gehege in einem Zoo: Ganz links außen gab es ein sumpfiges Terrain mit Insektivoren auf tiefschwarzer Erde, deren Wuchsgebiet mit Stein eingegrenzt war und zwischen denen sich natürlich wirkende, in trockenen Mulch eingebettete Steinwege und sogar ein paar größere, eingetopfte Palmen befanden. Ein echt aussehender Felsen sprudelte Wasser über seine Oberfläche in ein kleines Becken. Die Sektion daneben war ein Gehege mit einem großen, von Steinen umgebenen Teich, auf dem sich Seerosen ausgebreitet hatten. Die nächste beinhaltete eine reich bepflanzte Grünanlage mit bunten Blumen und hohem Gras, die übernächste einen sandigen, von Sukkulenten bewachsenen Grund und schließlich kam ein letztes Gebiet, das direkt in den Hang eingearbeitet und steinig war.
»Das sind die Paddocks«, erklärte Ian. »Jedes einzelne ist annähernd einem Landschaftstyp nachempfunden. Aktuell ist nur eins bewohnt: Ryous ganz links. Er hält sich am Liebsten in Sumpfgebieten auf. Sajian wird nach allem, was ich bisher von ihm weiß, vermutlich das Wassergebiet bevorzugen, wir bringen ihn also erst einmal dorthin.« Laetitia folgte ihm durch eine verriegelte Gittertür, die in den Grenzzaun eingelassen war, und sie gingen die metallenen Stufen nach unten zur nächsten Tür, die direkt in den künstlichen Fels führte. Erst, als Ian drinnen einen Riegel zur Seite zog, öffnete sich ein rundes, gläsernes Oberlicht und Laetitia erkannte einen Wohnraum ganz ähnlich ihrem – rundlich angelegt, mit einer Schlaf- und Kochnische sowie einem versteckten Badezimmer. Eine Schiebetür ließ sich nach draußen öffnen, und Laetitia trat hindurch, fand sich in jenem Gehege wieder, das sie von draußen gesehen hatte und welches das Gelände vor der Wohneinheit einschloss. Jenseits der Gitter lag das Reservat; eine weite, offene Ebene mit Wäldern und Flüssen, der Lebensraum der Drachen. Nirgendwo waren welche zu sehen.
»Das ist ein Käfig«, äußerte sie, und obwohl es eine bloße Feststellung war merkte sie selbst, wie vorwurfsvoll es aus ihrem Mund klang. Sie griff ihren eigenen Faden auf: »Du sperrst sie hier ein wie wilde Tiere! Genau das ist es doch, was Mr. Gilfordt mit seiner Bewegung kritisiert und abzuschaffen versucht!« Sie redete sich in eine plötzliche Wut.
Ian blieb aufreizend ruhig. »Laetitia, mach nicht den Fehler so vieler Menschen dort draußen, die Drachen nur aus dem Fernsehen kennen. Sie sind keine Monster, aber deshalb nicht gleich ungefährlich oder genauso wie andere Menschen. Die Drachen, die die Welt durch Henrys Reservat kennengelernt hat, sind überaus gut sozialisiert und synchronisiert. Individuen, die all das nicht sind, können leicht und unbeabsichtigt gefährlich für sich und alle Beteiligten werden – nicht aus Bösartigkeit, sondern aufgrund der Instinkte, die sie haben, und der mangelnden Impulskontrolle. Was für einen Drachen ein kleiner Schubs ist, ist für einen Menschen bereits tödlich. Wir dürfen daher kein Risiko eingehen. Halte dich bitte von allen Drachen fern, die du siehst, und bleib immer hinter den Gittern. Versuch nicht, den Drachenversteher zu spielen, nur weil dir das bei Sajian gelungen ist. Vergiss niemals: Bedingungsloses Vertrauen kann genauso schlecht sein wie bedingungslose Vorbehalte. Die Menschheit neigt dazu, in Schwarz und Weiß einzuteilen. Drachen werden in der aktuellen Debatte entweder als aggressiv und gefährlich wahrgenommen oder als harmlos und gutartig, aber sie sind eine Grauzone aus beidem, wie alle Menschen.«
Laetitia fühlte sich von seiner Belehrung unerwartet hart getroffen, kam sich plötzlich wie ein dummes Kind vor, das die Welt nur aus Trickfilmen kannte und glaubte, es besser als die Erwachsenen zu wissen. Das Bedürfnis sich zu entschuldigen stieg in ihr auf. »Ich… habe damit nicht sagen wollen, dass Drachen ungefährlich sind. Aber sie einzusperren... erscheint mir falsch. Sie sind immerhin Menschen.«
»Das stelle ich nicht in Abrede, aber gerade deshalb müssen wir für ihr aller Sicherheit sorgen.«
Sie sah dabei zu, wie er Sajian in eine Schlafnische legte. Dieser bekam noch immer nichts von all der Aufregung um ihn herum mit. Ian tastete ihn gründlich ab, untersuchte einzelne Körperteile und Organe auf ihre regelrechte Rückverwandlung und ließ ihn schließlich gut zugedeckt ruhen. »Es geht ihm gut, die Rückverwandlung ist vollständig abgelaufen, soweit ich es beurteilen kann, aber sie hat ihn völlig ausgelaugt. Gönnen wir ihm den Schlaf, den er braucht.« Er trat zu ihr in den Außenbereich, folgte Laetitias gebanntem Blick zur Seite – ein Drache stand im äußersten Paddock mit der Sumpfbepflanzung und starrte sie an. Es war ein kleines Exemplar, kaum so groß wie ein Pony, mit schillernden türkisgrünen Schuppen, die zum Rücken und zur Schnauze hin fast schwarz wurden. Am Hinterkopf spross ein dünnes Geweih mit zwei Spitzen, von dem das linke dunkelgrün und das rechte schwarz gefärbt war – eine Farbe, die sich auch in seinen Augen wiederfand: Links schillernd grün, rechts tiefschwarz. Seine Flügel schmiegten sich so eng an den Körper, dass sie beinahe nicht zu sehen waren.
»Ah, Ryou. Hast wohl gleich mitgekriegt, dass wir dir einen Neuzugang gebracht haben.« Ian lächelte, dann trat er ans Gitter. An Laetitia gerichtet sagte er: »Sei vorsichtig. Mich kennt er, aber du bist für ihn fremd.« Der kleine Drache trat ebenfalls näher, so nah, dass Laetitia die winzige, leicht erhabene Hornschicht in der Mitte jeder Schuppe sehen konnte, wie eine natürliche Panzerung. Ian streckte die Hand durch die Stäbe, um ihn zu streicheln, und der Drache genoss es sichtlich, warf Laetitia dabei aber skeptische Blicke zu.
»Er kann seine Verwandlung aktuell noch nicht kontrollieren, aber ich arbeite daran. Sieh mal, Ryou, das hier ist Laetitia. Sie ist nicht der Neuzugang, sondern eine schulische Aushilfe. Dein neuer Nachbar heißt Sajian, auch ein östlicher Phänotyp.« Ryou hörte aufmerksam zu. »Er versteht mich, aber als Mensch hat er keine Erinnerungen mehr an das, was er als Drache gelernt hat. Das ist äußerst frustrierend. Dahingehend scheinen manche Drachen schneller zu synchronisieren als andere und wieder anderen will es gar nicht gelingen. Auch Henry hat mit Skylar und Jackdaw zwei Exemplare, die sich entschieden haben, in ihrer Drachengestalt zu leben und nur noch rudimentäres Menschenverhalten zu zeigen. Aber selbst jene beiden sind besser synchronisiert als die hiesigen Drachen.«
»Was sagt Mr. Gilfordt dazu?«, wollte sie wissen.
»Wenn man einen Drachen synchronisiert hat, synchronisieren auch die anderen nach und nach, sofern sie eine ausreichende Bindung untereinander haben. Ich denke, sie bringen es sich gegenseitig bei durch dieselben Pheromone, die auch beim Bonding eine Rolle spielen. Meine Theorie ist, dass alle Drachen sich untereinander bonden – manche nur stärker als andere. Das, was wir als das Band bezeichnen, ist in Wahrheit die höchste Form davon.« Er sah wieder Ryou an. »Kannst du dir das merken? Sajian und Laetitia?«
Es ging plötzlich los mit einem Schimmern der Schuppen, als würde das Sonnenlicht über sie hinwegtanzen und dabei irisieren, dann schrumpfte der Körper des Drachen zusammen und hinterließ den dünnen, kleinen Leib eines männlichen Jugendlichen von vielleicht vierzehn Jahren. Er war eindeutig asiatischstämmig, wie Laetitia sofort auffiel. »Gut, dann können wir es ja gleich mal ausprobieren. Erinnerst du dich noch an die zwei Namen von gerade eben?«
Der Junge dachte angestrengt nach, schien sich seiner Nacktheit überhaupt nicht zu schämen, weil es für ihn wohl völlig selbstverständlich war – oder schlichte Notwendigkeit. »Nein«, sagte er mit kratziger Stimme und klang ausgesprochen bedauernd.
Ian ließ sich seine Enttäuschung kaum anmerken, aber Laetitia wusste, dass sie da war, immerhin hatten sie gerade jetzt perfekte Voraussetzungen für den Erfolg gehabt. »Macht nichts, wir üben das weiter. Jetzt stelle ich dich erst einmal vor: Das ist Laetitia, und dein neuer Nachbar heißt Sajian. Er ist auch ein östlicher Phänotyp.«
»Du stellst mich nochmal vor, meinst du«, erwiderte der Junge zerknirscht und rappelte sich auf, um eine Tunika aus seiner Unterbringung zu holen, die er sich überwarf.
»Ich weiß, es frustriert dich, aber uns bleibt nichts anderes übrig als es immer wieder zu versuchen. Irgendwann schaffst du es, da bin ich mir sicher.«
»Bist du auch ein Wandler?«, fragte Ryou Laetitia freiheraus.
»Nein, ich bin nur hier für ein Schulprojekt. Ich will Drachen besser verstehen und euch helfen«, antwortete sie. »Ich hab eine Unterkunft auf dem Plateau bezogen.«
»Oh, das wird Ärger geben«, sagte er nur.
»Ryou«, schalt Ian ihn.
»Warum sollte das Ärger geben?«, wollte sie verwirrt wissen.
»Weil die da oben wegen allem Ärger machen. Wo wir gerade davon sprechen, da kommt der Ärger schon.« Er deutete nach oben zum Felsrand, und Laetitia folgte der Bewegung mit den Augen.
Tatsächlich hatte sich eine kleine Menschengruppe am Zaun versammelt und starrte zu ihnen hinunter – ihre Blicke waren äußerst feindselig. Laetitia fand es plötzlich sehr beruhigend, dass Gitter sie voneinander trennten.
»Du hast einen neuen Geschuppten mitgebracht?«, fragte einer von ihnen ohne sich vorzustellen. Es war ein vierschrötiger junger Mann mit dunkelblonden Haaren und einem harten Ausdruck im Gesicht.
»Das ist so üblich in einem Drachenreservat. Sein Name ist Sajian«, erwiderte Ian kühl.
»Wer ist dann die?« Der Mann deutete auf Laetitia und benutzte dafür einen Gegenstand, den sie erst in diesem Moment als das erkannte, was er war: Ein langer hölzerner Speer. Auch die anderen aus der Gruppe hatten welche dabei. Laetitia graute es plötzlich davor, die Nacht unter diesen Leuten zu verbringen – all ihre Blicke waren so hasserfüllt, dass es sie erschreckte. Wer wusste, wozu sie fähig waren.
»Die trägt ebenfalls einen Namen.« Damit übertrug Ian Laetitia das Wort. Sein Gesicht war nun ebenfalls verhärtet, aber er nickte ihr bestimmt zu.
»Ich bin Laetitia, ein Schüler, und hier um eine außerschulische Arbeit über dieses Reservat zu verfassen. Dazu studiere ich die Drachen, aber auch Nichtwandler und ihre Sichtweisen sind mir natürlich willkommen«, sagte sie und wunderte sich über die Kraft in ihrer eigenen Stimme, ebenso die plötzliche Standhaftigkeit, die sie durchströmte. Nicht einmal der Speer, den sie problemlos durch die Gitter hätten werfen können und der wohl deshalb ihre gewählte Waffe war, beunruhigte sie länger. Sie begegnete ihr aller Blicke ohne zu blinzeln, bereit für den Kampf. Was ist los mit mir?
»Legt die Speere weg«, verlangte Ian.
»Das Ding bleibt hoffentlich mit dem anderen Ding da unten«, gab der Gruppenchef zurück und meinte offenkundig Laetitia, denn er richtete den Speer dabei erneut auf sie.
Ian verzog das Gesicht vor Verständnislosigkeit. »Sie ist nichtmal in irgendeiner Form auffällig. Ich habe sie hergebracht aufgrund ihrer Bewerbung für den Schülerjob. Natürlich wird sie bei uns in der Siedlung leben wie jeder andere Nichtwandler.«
»Wir wollen sie hier nicht. Drachenfreunde haben bei uns nichts verloren.« Das kam von einer dunkelhaarigen Frau, die rein äußerlich kaum aus der Schule raus war und sich ans Gitter klammerte, als wolle sie damit zeigen, nur durch die Barriere von einem Angriff abgehalten zu werden. Laetitias Blick fiel auf die kleine, dunkelhäutige Frau neben ihr, die daraufhin leicht zurückwich. Ihr harter Ausdruck war eindeutig aufgesetzt, Furcht stand in den weit aufgerissenen Augen.
»Verpisst euch!«, ertönte da plötzlich Ryous Stimme. »Wenn Hickory oder die Schlange hier wären würdet ihr nicht so große Töne spucken, sondern euch reihenweise in die Hose machen!«
»Wenn die herkommen jag’ ich ihnen einen Speer ins Maul, allen beiden!«, tönte die schwarzhaarige Frau wieder und erhielt dafür Zustimmung von ihren Kumpanen.
»Schluss jetzt!«, fauchte Ian. »Immer wieder behauptet ihr, Drachen seien eine Bedrohung, aber stets und ständig seid ihr es, die Drohungen aussprechen und jetzt sogar ein nichtblütiges Kind in den Paddocks lassen wollen, bei den ach so gefährlichen Drachen. Diese Inkonsequenz ist so absurd wie bezeichnend. Jeder von euch steht im Verdacht, ein Drache zu sein, sonst wärt ihr nicht hier. Jeder von euch könnte sich verwandeln oder hat es vielleicht unbemerkt von den anderen schon, das wisst ihr. Deshalb tragt ihr diese Geschirre.«
Laetitia beobachtete die einzelnen Gesichter aufmerksam und war verwundert, wie viele Details sie erkennen konnte. War das nur aufgrund ihrer Anspannung und Konzentration? Warum war ihr früher nicht aufgefallen, wie viele Falten die einzelnen Regungen des Gesichts erzeugten? Es war, als sei ihre Sehfähigkeit um einiges schärfer geworden. Nach Ians Ansprache zeigte sich Verunsicherung in einigen Gesichtern, aber nicht in dem des Chefs. »Man erkennt es, wenn jemand zum Drachen wird«, behauptete er. »Sie verlieren den Verstand, verändern unkontrolliert Teile von sich und leiden. Durch die Geschirre haben wir genug Zeit, sie aus der Siedlung zu verbannen, bevor etwas passiert. Kein Drache kann dauerhaft unerkannt unter Menschen leben.«
»Was ist mit Oda?«, fragte Ian spitz. »Er hat weder den Verstand verloren noch Teile von sich verändert. Nur sein Leiden ist offenkundig.«
»Oda lebt nicht grundlos getrennt von uns anderen. Er kann vielleicht kein Drache werden unter dem Geschirr, aber er kann mit seinen Dracheninstinkten trotzdem eine Gefahr für uns alle sein, genau wie ein Drachenfreund. Du behauptest doch immer, der Zaun wehrt sie zuverlässig ab, also, wo ist das Problem? Steck sie in ein Paddock und alle sind zufrieden, sie wird ohnehin nicht lange hierbleiben, wenn sie nur für einen Bericht gekommen ist.«
»Ich bleibe bei Sajian«, erwiderte Laetitia prompt, noch bevor Ian etwas darauf sagen konnte. »Ich kann mich um ihn kümmern und ihn zu meinem Studienobjekt machen. Er wird mir nichts tun. Und Landhäuser waren ohnehin noch nie mein Fall, ich bin ein Großstadtkind.«
Ian betrachtete sie nachdenklich, und sie glaubte schon, er würde es ihr nicht gestatten, doch dann fragte er: »Bist du sicher?«
»Absolut. Ich fühle mich wohler unter den beiden Drachen hier unten als unter denen da oben. Es sind immer noch Menschen, die die meisten Menschen ermorden.«
»In Ordnung, dann bringe ich dir deine Sachen runter. Ich werde auch das Tor zum leeren Paddock nebenan öffnen, nur für den Fall der Fälle. Du kannst dich dorthin zurückziehen.«
»Danke, aber vorerst braucht mich Sajian.« Das war die Wahrheit, wie sie im Moment des Aussprechens erkannte.
Die Gruppe über ihnen zerstreute sich grimmig diskutierend, und Laetitia wartete auf ihre Habseligkeiten, bevor sie ihr Nachtlager neben seinem aufschlug – Ian hatte ihr eine aufklappbare Matratze aus Stoff und einfache weiße Bettwäsche gebracht. »Wenn du Probleme hast, dann betätige den roten Knopf neben der Tür im Eingang«, er deutete auf den entsprechenden Schalter. »Es wird dann ein Signal an mich weitergeleitet.«
»Danke, ich werde auf mich aufmerksam machen, falls etwas passiert.«
»Ruht euch gut aus. Ich sehe später wieder nach euch.«
Ian warf Sajian noch einen letzten Blick zu, während Laetitia sich auf dem Bett niederließ. »Wenn er nicht bis spätestens morgen früh aufwacht, müssen wir ihm eine Infusion legen, um ihn mit Wasser und Nährstoffen zu versorgen. Das ist eine Komplikation, die nach Verwandlungen dann und wann vorallem bei großen Drachen auftritt. Aber warten wir erstmal ab.«
Keine Sorge, ich bleibe bei dir. Und ich lasse nicht zu, dass dir jemand zu nahe kommt . Der Gedanke, selbst abzureisen und ihn diesen hasserfüllten Menschen hier zu überlassen, behagte ihr gar nicht, und plötzlich wünschte sie, sie könnte ebenfalls bleiben – auch, wenn sie sich an diesem Ort absolut nicht wohlfühlte. Sie hatte nicht einmal auf ein Abendessen aus dem gut gefüllten Kühl- und Vorratsschrank Appetit und ging nach einer Dusche gleich ins Bett, einschlafend mit dem Gedanken, dass es vielleicht genau dieses Unwohlsein und diese Anspannung war, die verhinderte, dass die Drachen sich beherrschen konnten. Denn dass Drachen sich wohlfühlen mussten, war aus Gilfordts Berichten ganz klar herauszulesen. Aber über die Lösung dieses Problems konnte sie erst morgen früh nachdenken, wenn sie all die Aufregung und Veränderungen dieses Tages verarbeitet hatte.