LNCrawler

Lao

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Lao

Lao folgte der Straße, die Jake ihm gewiesen hatte, schon seit einer knappen Stunde. Er zweifelte bereits daran, dass er noch auf dem richtigen Weg war; sicherlich hatten Castleton und er einander verpasst – das Gebiet war immerhin groß und mal mehr, mal weniger dicht bewaldet. Der Geländewagen konnte sich jederzeit zwischen die Bäume geschlagen haben. Irgendwann beschrieb die Straße eine Kurve, und als er sie hinter sich gelassen hatte stand er dem Wagen plötzlich direkt gegenüber. Lao hielt an. Er war es, daran bestand kein Zweifel. Die Fahrertür stand offen, und er erkannte den Mann, der darin saß, beide Beine nach draußen gestellt und vertieft in sein Smartphone. Seine Hände verkrampften sich erst um den Lenker, dann zog er mit der rechten das Schwert. Castleton hob das Gesicht, schaute aus der offenen Wagentür und bemerkte ihn. Für einen Moment starrte er ihn unschlüssig an. Lao spürte, wie ihm die Kontrolle entglitt.

Das Motorrad raste das leichte Gefälle hinunter, viel zu schnell, als dass Castleton hätte reagieren können. Er versuchte noch, sich ins Innere des Wagens zurückzuziehen, als das Gefährt auch schon die offene Autotür lautstark aus den Angeln riss. »Scheiße!«

Lao wendete, sah die kleine Blutlache, die sich vor der Fahrerseite ausbreitete, und hörte sein lautes Stöhnen und Fluchen – er hatte ihn also tatsächlich getroffen. Der Wagen sank leicht zur Seite; die Reifen, sein eigentliches Ziel, verloren lautstark Luft.

Lao raste auf der anderen Seite entlang, um auch dort beide Reifen zu zerstechen und seine Flucht per Fahrzeug zu verhindern. Anschließend fuhr er zurück und stellte den Motor ab, um seelenruhig auf ihn zuzugehen.

»Verdammt, wer sind Sie? Gehören Sie zu den Leuten, die ich beauftragt habe? Sie bekommen Ihr Geld, auch wenn es unerwartete Komplikationen gab…« Er sprach angestrengt, verzerrt vom Schmerz.

Lao nahm den Helm ab und warf ihn hinter sich, noch immer ohne ein Wort zu sagen. Stattdessen hob er das lange Schwert mit der weißen Klinge, sodass er es sehen konnte. »Scharf genug, um selbst Stein zu zerschneiden, heißt es. Nur ein einziger Mann auf dieser Welt vermag es herzustellen, und er bildet in seinem Leben nur einen einzigen Schüler aus, der in monatelanger Präzision ein einziges Schwert für eine einzige Person schmiedet. Jedes Stück ein Unikat. Nicht für Menschenhände gemacht, sondern für die von Drachen. Dass ich es besitze ist ein Frevel, den das Schwert mir wohl nicht verzeihen wird – es sei denn, ich tränke es mit Blut. Deinem Blut.« Er war mit einem Sprung bei ihm, riss Castleton aus dem Wagen und drückte ihn gegen die Karosserie, die Klinge an seinem Unterkiefer, sodass Blut aus dem Schnitt floss, den er ihm dabei zufügte. Erst jetzt sah er, dass sich der helle Hosenstoff an einem Bein tiefrot färbte. »Doch zuerst«, griff er seinen eigenen Faden wieder auf, »beantwortest du meine Fragen. Sicher erinnerst du dich an Akiko Xhiang, geboren Miyamoto. Ich bin ihr Ehemann, Lao Xhiang.«

Er starrte ihn an, als wäre er ein gefährlicher Irrer – eine gar nicht unzutreffende Annahme in diesem Moment, dachte Lao erheitert und schnitt mit dem Schwert tiefer in seinen Unterkiefer, so tief, dass er den Knochen berührte. Castleton schrie laut auf. »Ihre Einrichtung, Safe parenthood for better people , hatte zum Ziel, Drachen zu züchten. Asiatische F1-Long. Nur gab es in den gesamten Vereinigten Staaten keinen einzigen reinblütigen Long, um sie zu zeugen. Abgesehen von Akiko. Wie weit reichen deine Kontakte, dass du davon Wind bekommen hast? Du hast sie entführt, mit Hilfe unserer Tochter als Köder. In deiner Einrichtung wurde sie bei lebendigem Leib zerlegt, um die Einzelteile ins Ausland zu verkaufen. Auch meine Frau starb, wohl im Versuch, unser zweites gemeinsames Kind zu retten, von dem nicht einmal ich zum damaligen Zeitpunkt wusste.«

»Was reden Sie da? Ich habe nie einen Drachen angerührt!«, stammelte Castleton.

»Dann waren es deine Leute! Du hast sie beauftragt! Du mieses Schwein! Und jetzt werde ich dich dafür genauso schlachten wie du sie!«

»Meine Leute?«, fragte er mit nahezu ruhiger Stimme. »Sind es meine Leute? Oder waren es nicht viel mehr eigenständige Leute, die sich aus freien Stücken dazu entschieden haben, für mich zu arbeiten? Wohl wissend darum, was sie taten? So wie euer geschätzter Watanabe. Ich bin kein Arzt. Was glauben Sie also, wer Ihre Tochter ausgeschlachtet hat?«

Laos Gesicht entgleiste, und er spürte, wie alle Farbe daraus entwich. »Lüge!«

»Nein«, zischte Castleton mit einem Tritt gegen Laos Knie, der ihn kurz zusammensacken ließ – genug Ablenkung, dass Castleton sich losreißen und mit seinen geschundenen Beinen auf das Motorrad zu rennen konnte, derweil das Blut von seinem Unterkiefer nicht mehr sickerte, sondern floss. Aber Adrenalin und Schmerz verliehen ihm eine erstaunliche Schnelligkeit. Lao kam erst mit einiger Verspätung nach, niedergedrückt durch das Gewicht der Offenbarung, von der er nicht wusste, ob sie Lüge oder Wahrheit war. Castleton sprang auf das Motorrad und raste in die Richtung davon, in der er sich wohl am Sichersten glaubte. »Fuck!«, schrie Lao. »Fuck, fuck!«