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Sajian und Daisuke

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Sajian und Daisuke

Sajian stieß mit angelegten Flügeln vom Himmel herab wie ein Raubvogel. Die Menschen, die auf ihn zielten, wurden nervös und wackelten mit den Läufen, dann sprangen sie kopflos zur Seite. Sajian pflügte über den Boden, unfähig, sich rechtzeitig wieder nach oben zu schrauben. Zumindest fegten seine langen Schwingen und der Schweif noch mehr von ihnen um. Er rappelte sich eilig wieder auf, fauchte und schnappte nach allen, die sich ihm näherten. Er spürte vor lauter Wut und Furcht nicht einmal, wie er von Pfeilen getroffen wurde, bis das in ihnen enthaltene Medikament ihn plötzlich erschlaffen ließ. Sajian sackte ohne Vorwarnung zusammen, unfähig, sich noch zu rühren. Panik stieg in ihm auf. Er erkannte den Mann, der auf ihn zutrat, wenn er ihn auch nur flüchtig kennengelernt hatte: »Duuuuu«, keuchte er.

»Ich«, bestätigte Jared tonlos. »Ich habe nach meiner Entlassung aus dem Reservat wider Erwarten gleich einen Job gefunden – so viel Glück hat nicht jeder. Dafür muss ich dankbar sein, nach all den Jahren im Exil, ohne Berufsabschluss. Die meisten, die aus einem Drachenreservat entlassen werden, enden als Obdachlose. Ungelernt, keinerlei soziale Absicherung, oft nicht einmal eine Familie, die noch hinter ihnen steht. Alles Dinge, die einem in diesem Land das Genick brechen, und das nur aufgrund der haltlosen Anschuldigungen Dritter, denen mehr Glauben geschenkt wird als einem selbst. Der Drache, der ich nicht bin, hat mein Leben zerstört, bevor es beginnen konnte. Er hat mich aus meinem sozialen Gefüge gerissen und mir meine Zukunft geraubt. Das ist der Grund, warum ich Drachen hasse. Sie schaden auch jenen, die gar nichts mit ihnen zu tun haben. Mit dem Gefängnis hätte ich kein Problem gehabt, dort wäre ich versorgt worden, und schlimmer als ein Gefangener im Drachenreservat zu sein ist es garantiert nicht. Aber Drachentöter verdienen nicht einmal schlecht an Aufträgen, hörte ich. Jeder muss sehen, wo er bleibt. Die Welt ist ungerecht.« Das Bedauern in seiner Stimme galt wohl vorallem ihm selbst, dachte Sajian.

»Siiiie haaaaaben… Feraaaa… und Keeenaaa….«, stammelte er wütend.

Jared zuckte unbeteiligt mit den Schultern. »Wenn sie gestorben sind, können sie sich glücklich schätzen. Falls nicht, werden auch sie noch erfahren, welche unglaubliche Misere ihr Leben ist und dass sie tot besser dran wären. Sie haben keine Zukunft, ob sie nun zu Drachen werden oder nicht.« Er trat näher an ihn heran. »Ihr beide kommt jetzt mit uns. Jeder Drache, den wir ausliefern, wird Teil unserer Belohnung.«

Der Geländewagen mit dem geöffneten Laderaum, in dem Sajian bereits transportiert worden war, fuhr heran, und beide wurden unsanft hineingehievt. Bevor sie die Türen wieder schlossen hörte er erneut das Motorrad, aber diesmal kam es näher. Die Männer und Frauen wurden unruhig, und zu seiner Überraschung hörte er unter den aufgeregten Stimmen plötzlich die seines Adoptivvaters.

»Was um alles in der Welt ist denn mit Ihnen passiert?«, wollte ein Mann wissen. »Sie sehen aus, als hätte Sie jemand überfahren.«

»Ich wurde angegriffen, von einem Mitarbeiter aus Watanabes Einrichtung.«

»Mit was wurden Sie angegriffen, einem Hackebeil?«, höhnte eine der Frauen und rief damit lautes Gelächter hervor. »Sie bluten wie ein Schwein!«

»Sah aus wie ein Katana«, antwortete er nüchtern, was kurzes Schweigen zur Folge hatte.

»Im Ernst jetzt? Die sind doch echt alle übergeschnappt. Sie gehören in ein Krankenhaus.«

»Keine Zeit. In einem öffentlichen Krankenhaus wären meine Verletzungen zudem schwer zu erklären.«

»Das stimmt wohl«, räumte die Frau ein. »Alle Mann abziehen! Wir haben den gesuchten und zumindest einen zusätzlichen Drachen, der bringt auch schon ein stattliches Sümmchen ein.« Die Türen wurden geschlossen, was sie beide in völliger Dunkelheit zurückließ.

Sein Adoptivvater hatte wieder einmal bekommen, was er wollte – mehr sogar als das.

Sie fuhren langsam, wie ihm auffiel, denn der Weg war uneben und die Räder rumpelten über Stock und Stein, was ihm zusammen mit der eingeschränkten Sicht eine unbeschreibliche Übelkeit verursachte. Auch Jake murrte lautstark neben ihm. »Iiiich bin seeekraank.«

»Duuuu spriiichst wiiie iich…« Er versuchte zu lächeln, wie immer in belastenden Situationen, doch diesmal gelang es ihm nicht. Er war gelähmt, körperlich wie psychisch. Und zerfressen von Schuldgefühlen. »Tuut miiir Leid, daass ich dir niiicht vertr… tr…«

»Schoooon… guuut. Aaaalles eeegal«, seufzte Jake und klang elendig.

Nein. Sie beide würden sterben, seinetwegen. Er knurrte verzweifelt, versuchte zwanghaft, sich zu bewegen, doch es ging nicht. Wenn er nur dieses Zeug, das sie ihm gespritzt hatten, unwirksam machen würde, könnte er einfach die Tür aufbrechen und zusammen mit Jake entkommen. Er stellte es sich vor, versuchte, die Wirkung durch bloße Willenskraft zu überwinden, doch natürlich tat sich nichts.

Plötzlich stoppte der Wagen. Jake seufzte vor Erleichterung. Autotüren öffneten sich, ohne sich wieder zu schließen. Gedämpfte Stimmen waren zu hören. »Ich sag’s dir, ich hab einen gesehen! Er war direkt über uns! Und er war riesig!«, sagte eine Frauenstimme aufgeregt.

»Und wie soll ein so riesiger Drache vom einen Moment auf den anderen verschwinden?«, fragte eine andere. »Ich hab nicht das Geringste gesehen.«

»Du guckst ja auch auf die Straße, wenn du fährst! Ich hab den Himmel beobachtet. Der ist bestimmt beim Überfall aus dieser Einrichtung geflüchtet. Jetzt komm schon, denk an das viele Geld! Oh! Oh mein Gott, da! Da ist er!«

»Fuck! Rein ins Auto, schnell!«, schrie die erste Frau, dann vernahm er ein lautes Rauschen, gefolgt von einem tiefen, bösartigen Grollen. Der umgebende Laderaum war vollständig in sich geschlossen, sodass Sajian nichts von dem sah, was um sie herum vorging. Der Wagen fuhr rasant mit durchdrehenden Reifen an und raste los – bis er nach wenigen Metern unter Vollbremsung wieder zum Stehen kam. Sajian und Jake prallten schmerzhaft gegen die Wand des Laderaums und stöhnten auf.

»Waaaa…?«, fragte Jake – und in dem Moment erhellte ein Lichtblitz die Umgebung, der selbst die Umschalung des Laderaums durchdrang, gefolgt von Schreien und dem Gestank nach verschmortem Gummi.

Daisukes Jahrzehnte an hartem körperlichen und psychischen Training, die vielen Stunden der Meditation, um den Geist zu stählen und unter Kontrolle zu halten, schmolzen dahin, als er diese kümmerlichen Menschen in ihren Wagen und außerhalb davon vor sich sah. Er war Daisuke Miyamoto, ein Long, ein Nachkomme von Amaterasu selbst, die dem Himmel entstieg, um ihr Geschlecht in die Welt zu tragen. Und ausgerechnet sie wagten es, den Himmel herauszufordern? Eine Frucht seiner Zweige zu stehlen? Menschen sollten niederknien vor den Wesen des Himmels! Seine Nackenschuppen sträubten sich, da, wo man gemeinhin die Gekirin verortete, die umgekehrte Schuppe, die niemals berührt werden durfte. Für ihn fühlte es sich ganz danach an, als ob in diesem Moment genau das geschah, und er spürte, wie sich seine Wut ins Unermessliche staute.

Laetitia hinter ihm schrie auf und flatterte davon, als die ersten blauen Entladungen um ihn herum zuckten. Er landete nicht, spürte die blauen Lichtbögen, die ihn umrahmten wie ein gefährlicher Reigen. Wassertropfen traten aus den Poren der Schuppen und Haut, die sich in der Hitze öffneten, und seine Flügel entfachten einen Sturm, wodurch er mit seiner Tarnfarbe aussah wie ein Stück Himmel, das zur Erde herniedergekommen war, um der Welt die wahre Herrschaft zu demonstrieren. Dann brachen blaue und violette Blitze aus ihm hervor, erhitzten die Luft zu einem Flimmern, spalteten Bäume und entfachten Feuer auf ihrem Weg zur Erde. Die menschlichen Körper auf der Straße, die die Waffen auf ihn gerichtet hatten und nun Hals über Kopf vor ihm flohen, hatten keine Chance, dem tödlichen Angriff zu entgehen: Die Blitze drangen in ihre Köpfe, den höchsten Punkt, ein und aus den Füßen wieder heraus, nur Asche, Feuer und zerkochtes Gewebe hinterlassend. Das Toben der Elemente riss den Asphalt der Straße auf, während sämtliche Tiere in großem Umkreis die Flucht ergriffen.

Dann war das Inferno an seinem Ende angelangt; es war kurz, heftig und auf einen kleinen Radius beschränkt, wie zu erwarten nach den Jahren der Untätigkeit. Daisuke landete inmitten der verkohlten Überreste.

»Wissen Sie, andere würden jetzt sagen, dass Sie bitte nicht albern sein sollen. Drachen töten keine Menschen, sie sind zutiefst friedliebende Geschöpfe. Das ist wohl wahr. Nur leider sind asiatische Long mehr Mensch als Drache, und man sagt ihnen nach, eine umgekehrte Schuppe am Körper zu haben, die zu berühren sie in solche Raserei versetzt, dass sie nicht eher ruhen, bis derjenige, der sie berührt hat, tot ist.« Sajian kannte die Stimme nicht, die da sprach, aber sie war männlich und volltönend. »Sie, werte Damen und Herren, haben meine umgekehrte Schuppe berührt.« Es gab lautes Schreien, das ekelhafte Quietschen von Metall und das hohe Klirren von Glas, dann ersticktes Gurgeln und nach endlosen Minuten schließlich gespenstische Stille. Jake und er bewegten die Augen, sahen einander an. Was ging hier vor sich?

»Geh nach hinten«, sagte die Stimme, und dann vernahm er zum ersten Mal etwas Vertrautes: Das Grollen und Knurren kannte er. Es war tatsächlich Laetitias Drachengestalt, die die Türen öffnete und Licht in den Laderaum strömen ließ. Sie drängte sich hinein und schmiegte sich aufgeregt an ihn.

»Laet…!«, seufzte er.

»Geht es euch gut?« Der unglaublich große Schädel eines Drachen schob sich in sein Blickfeld. Er war golden mit schwarzgeränderten Schuppen und sah aus wie aus einem Geschichtenbuch für Kinder – genauso, wie man sich asiatische Drachen vorstellte. »Weeeer?«, fragte Sajian.

»Das ist nicht wichtig. Wichtig ist es, euch in Sicherheit zu bringen, alles andere kann warten.«

Laetitia zog sie beide heraus und legte sie behutsam auf dem Waldboden ab. »Mein Name ist Daisuke. Vielleicht kennst du mich unter dem Namen Oda. Ich lebe im Shenandoah-Reservat wie du, aber ich habe mich nicht oft gezeigt. Insbesondere nicht in dieser Gestalt.« Er hob ihre erschreckend kleinen Körper auf und legte sie auf seinem mächtigen Rücken ab. Laetitia nahm ihre Menschengestalt an und begann damit, sie mittels Riemen zu sichern. »Wir sollten Pause machen. Ich… fürchte, ich kann nicht mehr…«, sagte sie und klang deutlich verschämt.

»Ich trage euch alle drei«, sagte Daisuke.

Nachdem sie aufgestiegen war und sich ebenfalls gesichert hatte, erhob er sich unter mächtigen Schlägen seiner langen Schwingen wieder in die Luft, und nun bekam Sajian einen ersten Eindruck davon, was eigentlich passiert war: Ein großer Baum am Rand der Straße war schwarz verkohlt und längs gespalten, seine Krone abgebrannt und alle Autos mit dem Untergrund verschmolzen. Mehrere Haufen blutigen Fleisches und zerfetzte Uniformen lagen auf der Straße neben zersplitterten Autoscheiben, Karosserieteilen und einer dicken Ascheschicht überall; es war keiner ihrer Entführer mehr zu sehen.