Watanabe und Eltern
Watanabe und Eltern
Watanabe beobachtete grimmig über die Monitore, wie die Menschen, die in seine Einrichtung eingedrungen waren, einer nach dem anderen starben – manche schnell, manche erst nach langem, schwer mit anzusehenden Todeskampf. Er wandte seinen Blick nicht ab, fühlte keinerlei Reue, keinerlei Mitleid. Sie alle halfen dabei, die Maschinerie der Drachentötung am Laufen zu halten, verdienten am Leid ihrer Mitmenschen, am Leid von Kindern. Sie auszulöschen war etwas, das ihm eine archaische Form der Genugtuung verschaffte. Ihre Zahl war geringer, als er erwartet hatte, und doch höher als erhofft. Kein einziger hatte überlebt, soweit er die Situation überblicken konnte. Hiroki war zusammen mit ein paar anderen bereits wieder auf einem der Bildschirme zu sehen, damit beschäftigt, die Leichen wegzuräumen. Alle Toten würden eingeäschert werden, um den letzten Rest ihrer Existenz zu tilgen und ihr Verschwinden zu einem ungelösten Rätsel der Kriminalgeschichte zu machen. Dann konnte er nur hoffen, dass der Schlange der Kopf fehlte, ansonsten würden die nächsten kommen. Doch selbst, wenn der Kopf unter ihnen war, kamen vielleicht bald andere. Es war ein Kampf gegen Windmühlen – entmutigend und auszehrend.
Hinter ihm öffnete sich plötzlich die Tür. Er erwartete Esra, die ihn fragte, wann sie die übrigen Drachen wieder freilassen konnte, doch es war nicht Esra. Er drehte den Kopf, nur um im selben Moment eine scharfe Klinge an der Kehle und das zugehörige Heft im Augenwinkel wahrzunehmen. Es war Laos Katana. »So schnell zurück von deiner Mission? Das Schwert hat wenig Blut an sich dafür, dass du damit jemanden in Streifen schneiden wolltest«, sagte er völlig ruhig.
»Vielleicht habe ich meinen Plan geändert und vor, jemand anderen in Scheiben zu schneiden«, erwiderte Lao mit eisiger Stimme. »Du wirkst nicht nervös. Fast so, als hättest du das hier erwartet.«
»Ich gehe davon aus, dass du schlussendlich doch herausgefunden hast, welche Rolle ich damals gespielt habe.«
»Dann ist es wahr? Du hast meine Tochter umgebracht?« Er spürte, wie das Schwert an seiner Kehle zitterte und ihm in die Haut schnitt. Watanabe rührte sich nicht.
»Das habe ich.« Jetzt würde sein Kopf entweder rollen oder Lao nach einer Erklärung verlangen – sehr viel wahrscheinlicher war Letzteres, ansonsten hätte er nicht so lange gezögert.
»Nenn mir einen einzigen Grund, warum ich nicht hier und jetzt kurzen Prozess mit dir machen sollte«, fauchte er mit wutverzerrter Stimme, die genauso zitterte wie die Klinge. Keine gute Voraussetzung für ein Attentat.
»Weil ich den Tod nicht verdiene«, antwortete Watanabe knapp.
»Die Begründung interessiert mich nun wirklich brennend.«
»Der Tod ist Erlösung. Ich bedaure nicht, dass ich diese Drachentöter umgebracht habe, aber ich bedaure, dass ich ihnen den letzten Rest ihres Lebens nicht noch weitaus schrecklicher machen konnte. Das Leben selbst ist es, das uns straft. Die Albträume, die Erinnerungen, das Wissen um all das Grauen, das wir ständig mit uns herumtragen. Die nie verblassenden Bilder der Taten, die wir begangen haben und die an uns begangen wurden, die Gesichter, die Schuldgefühle. Ich habe viele Kinder getötet, ohne Bedenken dabei zu haben. Das ist eines der abscheulichsten Verbrechen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Und ich habe es aus freien Stücken begangen, nicht, weil ich unter Druck gesetzt wurde. Ich wuchs auf in einer gutbürgerlichen Akademiker-Familie nahe Tokio, mit der Erziehung, dass es unsere Pflicht sei, den Long als Nachfahren Amaterasus zu dienen und sie zu ehren wie unsere eigenen Ahnen. Drachen aber, die keine Long sind, seien nicht mehr als Tiere. Verrohte, instinktgesteuerte, degenerierte Geschöpfe ohne einen Hauch Intelligenz. Ein Schandfleck auf jeder Ahnentafel, der Beweis für einen Frevel der Menschen gegen die Götter, gegen ihre höchste Pflicht. Long-Drachen waren in meiner kindlichen Vorstellung stets etwas Göttliches, das Sturm und Wetter beherrschte und dem die Menschen zu Füßen liegen mussten. Ich fand nichts Verwerfliches daran, die Schulden aus meinem Studium damit zu tilgen, Shé zu töten und so meinen Teil dazu beizutragen, ihre Schande aus der Welt zu schaffen. Ich habe im Lauf der Jahre für einige Auftraggeber gearbeitet. Syanna war… ein Opfer unter vielen, und ich kann mich kaum an sie erinnern. Von ihrer Mutter dagegen wusste ich nichts – vermutlich fürchtete man, dass ich den Dienst quittiert hätte, hätte ich gewusst, dass sie einen heiligen Long auf meiner Arbeitsstelle festhalten – oder schlimmer. Das wäre tatsächlich ein Grund für mich gewesen, die Anlage zu sabotieren.« Er hielt kurz inne. »Jemand, der solche Dinge getan hat wie ich, verdient keine Erlösung. Er verdient es, bis an sein Lebensende jeden Tag mit seinen Taten konfrontiert zu werden, jeden Tag und jede Nacht dieselben Gesichter zu sehen und mit diesem Leid weiterzuexistieren, ohne Möglichkeit der Linderung. Ich hoffe, mein Leben ist lang, und damit auch mein Leid.«
»Obskurerweise glaube ich dir sogar, dass du das ernst meinst«, knurrte Lao abfällig. »Bevor du stirbst will ich wissen, was damals geschehen ist. Mit meiner Frau und meinem Kind. Alles, was du weißt.«
»Du hast den Großteil bereits selbst herausgefunden«, erwiderte er. »Deine Tochter hat nichts davon mitbekommen, wie sie aus der Welt geschieden ist. Sie kam in Drachengestalt und vollständig betäubt zu mir. Deine Frau dagegen… sie hielten sie scheinbar in den tiefsten Bereichen der Einrichtung verborgen, konnten sie wohl damit in Schach halten, ihre Tochter zu töten, wenn sie nicht gehorchte. Zu dem Zeitpunkt muss sie schwanger gewesen sein – mit Sajian, nicht wahr? Er ist dein leiblicher Sohn. Die Vermutung liegt zumindest nahe: Sie war deinem Bild nach zu urteilen ein seltener Kitsune-Long, die Gestalt, die Amaterasu selbst gehabt haben soll. Es wäre wohl des Zufalls zu viel, dass es hier in den Staaten, in dieser Gegend, einfach so noch einen zweiten gibt, ohne dass sie miteinander verwandt sind. Sie mussten warten, bis sie ihn geboren hat. Als sie ihn ihr dann wegnehmen wollten, ist die Katastrophe wohl eingetreten. In meiner Kultur gibt es das Sprichwort gekirin ni fureru, die umgekehrte Schuppe berühren . Oder: Den Long erzürnen. Ich erinnere mich noch genau an meinen letzten Tag in der Einrichtung. Es gab eine gewaltige Erschütterung im Innern, wie ein Erdbeben, und die ganze Elektronik fiel auf einmal aus. Dann kam das Nachbeben – eine gewaltige elektrische Entladung, die sämtliche Kabel in den Wänden verschmort und sämtliche Geräte zerstört hat. Der dabei entstandene Qualm allein war tödlich in einem geschlossenen Raum. Es war wie ein Gewitter, aber mitten im Gebäude, mit Blitzen, die aus den Steckdosen und Lampen von der Decke kamen. Es wurde so heiß, dass die Stahlträger schmolzen. Kaum jemand hat überlebt – ich war unter ihnen, weil ich zu dem Zeitpunkt in der Tiefgarage im Auto saß, einem faradayschen Käfig, in dem selbst die heftigsten Gewitterstürme ungefährlich sind. Sajian war wohl sicher im Innern ihres Mauls. Allerdings war die Entladung nach ihrer langen Ruhezeit wohl so kraftzehrend, dass sie sie selbst getötet hat. Diese Fähigkeit der gewaltigen Elektrizitätserzeugung, auch Ahnenrache genannt, besitzen ausschließlich reinblütige Long durch Elektroplax, ein Organ, das immense Spannungen erzeugen kann. Wir finden es in sehr viel kleinerer, schwächerer Form bei Zitteraalen und -rochen. Daraus entstand früher der Glaube, sie könnten Stürme erzeugen. Es ist die deutlich beeindruckendere Fähigkeit neben der, Wasser aus ihren Zellen austreten zu lassen und so scheinbar Regen zu erzeugen, was sich dann und wann auch bei ihren Mischformen findet, und der Fähigkeit, starker Luftdrücke durch schnelle Schwingenschläge zu erzeugen, die selbst Passagierflugzeuge abstürzen lassen und Frachtschiffe zum Kentern bringen, wenn die Drachenform eine gewisse Größe erreicht. Und du weißt natürlich, dass sie ihr Leben lang wachsen. Es ist völliger Irrsinn, so ein Wesen einzusperren und kontrollieren zu wollen. Ein Irrsinn, den sämtliche Beteiligten mit dem Leben bezahlt und leider nicht so schwer gelitten haben, wie ich es begrüßt hätte.«
»Sagt der, der es selbst verdient hätte, unter Qualen zu sterben«, erwiderte Lao. »Es wäre besser gewesen, du wärst mit ihnen verbrannt, anstatt noch weiterzuleben.«
»Tatsächlich hatte ich bereits zuvor mein Tun hinterfragt, und nur wenig später kam Hiroki in mein Leben. Das ist nun fast zwanzig Jahre her. Zwanzig Jahre, in denen ich mich für die Rettung von Drachen einsetze, und ich will noch mindestens weitere zwanzig Jahre damit zubringen, besser vierzig. Es gibt so viele Drachen da draußen, die Hilfe brauchen.«
Lao nahm das Schwert herunter, wobei er eine Wunde hinterließ, die sofort zu bluten anfing. »Du verdienst es nach wie vor zu sterben, aber bedauerlicherweise gibt es zu wenige, die diesen Wahnsinn aufhalten wollen und auch noch ausreichende finanzielle Mittel dafür besitzen. Mein Sohn ist dort draußen, und Castleton lebt noch.«
»Unsere Kameras haben einen Lichtblitz aufgezeichnet. Als wir eine Drohne dorthin schickten, filmte sie einen gewaltigen Long. Ich bin mir sehr sicher, dass es einer war – er hatte die fünf Klauen an den Füßen und die exakten Proportionen, das typische Schuppenkleid; die Farbe ist ausgewogen wie bei gutem Porzellan, während sie bei Mischformen sofort unruhig wird und ineinander verschwimmt. Man erkennt einen Long, wenn man ihn sieht. Auf dem Rücken trug er zwei weitere Drachen, die verdächtig nach Jake und Sajian aussahen. Er flog in Richtung des Shenandoah-Reservats, wobei seine Schuppen die Farbe der Regenwolken um ihn herum annahmen und ihn für Blicke nach oben tarnten – auch diese Form der Mimikry ist für Long typisch und funktioniert ähnlich wie die von Kraken. Dieser Ian hat also auch ein Geheimnis.«
»Daisuke«, entfuhr es Lao.
»Daisuke?«, fragte Watanabe. »Du wusstest von diesem Long?«
Lao reagierte nicht darauf. »Betrachte mich hiermit offiziell als gekündigt.«
»Das kommt nicht unerwartet für mich. Ich werde deine Hilfe schmerzlich vermissen.«
»Treib es nicht zu weit. Noch bin ich nicht gut genug auf dich zu sprechen, um dich von deinem Elend zu erlösen. Verrotte im Selbstmitleid.«
»Es ist die Wahrheit. Kein Drachenarzt ist annähernd so fähig wie du, das muss man neidlos zugeben. Und einen meiner angehenden Ärzte hat dieser Daisuke anscheinend gerade entführt, wohl in jenes Reservat, in dem sich auch meine Sakura befindet. Ich weiß, ich bin in keiner Position, dich um irgendeinen Gefallen zu bitten, doch… bring mir meine Kinder zurück, sofern es in deiner Macht steht.«
»Warum sollte ich das tun nach allem, was ich über dich erfahren habe? Ich halte sie beide für sicherer, wenn sie weit weg von dir sind – zumal neue Leute kommen könnten, um dich ein weiteres Mal zu überfallen. Und vielleicht kommen sie das nächste Mal mit einem offiziellen Durchsuchungsbefehl.«
»Daher ist es nur ein Gefallen. Wenn du ihn ausschlägst, werde ich es selbst versuchen. Du weißt, ich traue sonst niemandem. Und wenn neue Leute kommen, kämpfe ich erneut für meine Drachen.«
Einer der Bildschirme piepte, als eine Nachricht hereinkam. Watanabe berührte einen Knopf auf dem Paneel neben ihm. »Ich bin gerade beschäftigt, gehe aber davon aus, dass es wichtig ist.«
Hiroki war am anderen Ende der Leitung zu hören: »Hier stehen zwei Eheleute vor unseren Toren. Sie behaupten, sie seien Katsuyas Eltern. Anscheinend haben sie irgendeinen Anruf hierher zurückverfolgt.«
Watanabes Gesichtszüge entgleisten mit einem letzten Blick auf Lao, bevor er sich erhob. »Ich komme.«
Watanabe betrat den überdachten Gang über dem Tor und schaute durch die verspiegelten Scheiben hinunter zu dem SUV, der dort parkte. Ein Mann und eine Frau standen dort, denen keinerlei asiatischer Einschlag anzusehen war. Er betätigte die Sprechanlage. »Ich hoffe Sie wissen, dass Sie Hausfriedensbruch begangen haben, indem Sie die Hinweisschilder ignorierten, die ihnen bereits vor mehr als einem Kilometer begegnet sein dürften. Das hier ist ein Pharmaunternehmen, Betreten für Unbefugte verboten. Wer sind Sie?«, fragte er barsch.
»Unsere Namen sind Elizabeth und Jack Fitzpatrick. Wir sind die Eltern von Katsuya Fitzpatrick. Er… wir haben herausgefunden, dass er hier ist. Wir wollen nur wissen, ob… es ihm gut geht«, sagte der Mann mühsam beherrscht.
»Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Wir verarbeiten hier nur Zellbestandteile von Drachen«, erwiderte Watanabe ausdruckslos. »Hier gibt es keine Kinder. Wie kommen Sie bitte darauf?«
Beide sahen aus, als würden sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. »Wir glauben, dass er ein Drache ist und hier hergebracht wurde, um zu… irgendwelchen Wunderpillen verarbeitet zu werden… bitte, geben Sie ihn uns zurück! Wir zahlen Ihnen was Sie wollen, aber geben Sie uns unser Kind zurück! Wir wollten nie, dass das mit ihm geschieht!« Es war Elizabeth, die nun tatsächlich hemmungslos weinte. Jack hielt sie, damit sie nicht zusammenbrach. »Sie dürfen das nicht tun! Er ist doch noch ein Kind!«
»Wir hätten nie zulassen dürfen, dass er wegläuft«, griff Jack den Faden auf. »Er ist schwerkrank, hat eine Form von Leukämie, die nur sehr schlecht behandelbar ist. Die besten Heilungschancen bietet eine Therapie mit Cerebrosinx, einem Medikament aus dem zentralen Nervensystem von bestimmten Drachen. Wir haben alles versucht, um jemanden zu finden, der ihn damit behandelt, aber niemand wollte uns helfen, egal, wie viel Geld wir geboten haben. Wenn er selbst ein Drache ist, dann ist er doch geheilt, oder? Bitte, sagen sie uns, ob er hier ist, und tun Sie das nicht mit ihm!«
Watanabe warf einen Blick hinter sich, wo Hiroki stand, der zur Sicherheit bereits Drachengestalt angenommen hatte. Er schnüffelte und schüttelte dann den Kopf. »Ich wittere keine Lüge. Die sind ernsthaft verzweifelt.«
»Wir werden ihn natürlich nicht mit Nachhause nehmen können, aber wir haben etwas anderes für ihn vorbereitet!«, führte Jack weiter aus. »Auf den Virgin Islands herrschen ideale Bedingungen für Drachen und es gibt eigene Gesetze, was Reservate angeht. Wir haben dort ein Stück Land gekauft, um ein privates Refugium zu gründen. Es soll eine Zuflucht für Drachen werden und auch so heißen: Die Zuflucht. Nichtmal die amerikanische Regierung hat dort irgendeine Handhabe. An diesem Ort wäre unser Kind vor aller Welt sicher! Wir werden alles aufgeben und dorthin ziehen, um bei ihm zu sein! Es müssten schon Leute per Boot oder Flugzeug kommen, um ihn uns wegzunehmen!«
Das erregte nun seine Aufmerksamkeit. »Sie haben ein ganzes Reservat gekauft, in Übersee? Wie viel Geld haben Sie, um alles in der Welt?«
»Nun nicht mehr viel«, gestand Jack. »Aber was nützt uns unser Geld, wenn wir unser Kind verlieren?« Er kramte etwas aus einer Aktentasche hervor, die auf dem Rücksitz des Wagens lag, und hielt es hoch. »Hier, lesen Sie! Das ist die Besitzurkunde. Uns gehört nun das Virgin-Islands-Drachenreservat. Es besteht aus zwei Inseln, Hassel und St. John, wobei St. John touristisch genutzt wird, ähnlich wie das Erholungsgebiet in den Great Smoky Mountains. Wir haben uns belesen und könnten dort Aufklärungsarbeit leisten, wie dieser Dr. Gilfordt, um die Zuflucht zu finanzieren und unabhängig von staatlicher Hilfe zu werden. Geben Sie uns nur unser Kind zurück, dann sehen und hören Sie nie wieder etwas von uns!«
Watanabe öffnete das Tor, um hinunterzusteigen und sie beide persönlich in Augenschein zu nehmen. »Sie haben das alles auf sich genommen ohne zu wissen, ob Ihr Kind nicht längst tot ist?« Er studierte die Papiere – sie sahen echt aus.
»Wenn er tot ist werden wir das Reservat dennoch in ein Drachenschutzgebiet umwandeln, zu seinen Ehren«, sagte Jack mit belegter Stimme. »Wir haben bereits die nötigen Formulare eingereicht, um Reservatsvorsteher zu werden und offiziell Drachen aufnehmen zu dürfen. Wir wissen noch nicht viel über Drachen, ehrlich gesagt, aber wir nehmen seither an Online-Schulungen teil«, erklärte Elizabeth. »Wir holen alles nach, aber zumindest die Anträge müssen frühzeitig gestellt werden.«
Watanabe atmete tief durch und schloss die Augen. »Hiroki?«
»Nach wie vor keine Lüge«, erwiderte er aus dem Schatten hinter dem Tor.
»Komm her, zeig dich unseren Besuchern.«
Er gehorchte, und sein Auftauchen ließ das Ehepaar fassungslos zusammenfahren. »Oh mein Gott, es… er spricht!«, entfuhr es Elizabeth, und Watanabe rieb sich die Stirn.
»Da haben Sie hinsichtlich Schulung noch so einiges vor sich«, erwiderte er trocken. »Asiatische Drachen können üblicherweise sprechen, solange ihre Genetik nicht zu stark verwässert wurde. Ich bedaure, aber Ihr Sohn ist bislang nicht zum Drachen geworden. Wir wissen von seiner Leukämie und behandeln sie, aber er wird weiterhin, vielleicht ein Leben lang Cerebrosinx brauchen. Aktuell geht es ihm den Umständen entsprechend.«
»Dann ist er also hier!« schrie Elizabeth und umarmte ihren Mann, beide wirkten überglücklich und zitterten vor Erleichterung.
Watanabe zögerte. »Ihr Reservat wird scheitern. Drachen unterzubringen ist äußerst kompliziert – und gefährlich, selbst für Experten. Sie wissen nicht, was Sie sich da aufgehalst haben. Es gibt auf diesen Inseln nur Fledermauspopulationen, Sie könnten sie nicht einmal füttern.«
»Die Drachen, die Sie hier haben, sind illegal, richtig?«, begann Jack plötzlich ganz ruhig. Er sah dabei aus, als fühle er sich äußerst unwohl in seiner Haut, es so unverblümt auszusprechen, und Watanabe straffte sich für die Erpressung, die nun ohne jeden Zweifel kommen würde. »Vermutlich weiß ich tatsächlich noch längst nicht genug über Drachen, aber dieses Betongebäude ist noch sehr viel ungeeigneter für ihre dauerhafte Unterbringung als unsere Inseln, oder? Sie sollten sich daher hinter der Linie halten, was Vorwürfe angeht.«
»Jack«, sagte Elizabeth angespannt und warf Watanabe einen nervösen Blick zu. »Sie glauben nicht, was wir als Eltern durchgemacht haben, als unser Kind verschwand. Der Albtraum, dass in die Hände von Menschen gelangen könnte, die es töten und verkaufen wollen aufgrund seiner vermeintlichen Abstammung. Wir dachten, wir sehen ihn nie wieder, bis… dieser Anruf kam. Von hier. Von unserem Kind selbst. Wir waren wie neugeboren und haben einen Entschluss gefasst. Unser Leben für die Drachen. Auch, wenn unser Kind keiner von ihnen ist. Wir haben uns immer davor gefürchtet, dass er zum Drachen und somit zur Zielscheibe werden könnte. Wir konnten ihn nicht dort im Waisenhaus lassen, er war das einzige asiatisch aussehende Kind, und selbst die Leute dort sagten, dass er höchstwahrscheinlich Drachengene hat. So viele Asiaten flüchten in die Staaten, weil sie Mischformen aus Drachen und Menschen sind. Er war unser Kind, auf den ersten Blick, und uns war egal, ob er zum Drachen wird. Wir würden eine Lösung finden, dachten wir, und haben schon damals angefangen, über Drachen zu recherchieren. Denn wir mussten uns die Frage stellen, wie er hier einmal leben soll, in einem so drachenfeindlichen Land. Wir sind bereit für ihn, und wir sind bereit, etwas gegen diese Zustände zu tun.«
Watanabe schwieg für einen Moment. »Kommen Sie herein. Ich denke, wir sollten uns etwas privater besprechen.«