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Lao

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Lao

Lao ging in sein Quartier und packte. Er konnte keine weitere Minute an diesem Ort ertragen. Die meisten Drachen waren noch immer unten in den weitläufigen Gängen der Anlage versteckt, sodass ihn niemand aufhalten würde – sollte Watanabe ihnen sein Verschwinden erklären. Das gönnte er ihm voll und ganz. Während er alles wütend in seine Tasche warf, stiegen ihm unweigerlich Tränen in die Augen, und er fing an zu zittern – so stark, dass er schließlich auf dem Bett Platz nehmen musste. Syanna. Seine kleine Syanna. Die er als Baby auf dem Arm gehalten hatte, so glücklich wie nie zuvor in seinem Leben. Der er diesen niedlichen, samtweichen Plüsch-Wal mit den großen Kulleraugen geschenkt hatte, den er zufällig in einem Geschäft sah, als er eigentlich nur das vergessene Klopapier holen wollte und mit dem sie jede Nacht im Arm eingeschlafen war. Wie sie weinte, nachdem sie sich zum ersten Mal beim Spielen richtig die Knie aufgeschlagen hatte, und wie er bei ihr war, um sie zu beruhigen. Die Angst, die sie selbst noch als Jugendliche vor Spritzen hatte, sodass Akiko sie halten musste, während er sie ihr gab. Der Gedanke, dass sie lebend auf einem Metalltisch in ihre Einzelteile zerlegt wurde…

Er brach hemmungslos in Tränen aus und versuchte nicht länger, es zu unterdrücken. Als er nach mehreren Minuten wieder aufsah, bemerkte er Esra im Türrahmen. »Ist vermutlich das erste Mal, dass du einen Mann meines Schlags weinen siehst«, äußerte er trocken.

»Tatsächlich nicht«, erwiderte sie. »Er war es, oder? Watanabe. Er hat… deine Familie…« Sie brach ab, plötzlich unsicher.

»Ja. Und ich hab es nicht mal geahnt. Vielleicht unterbewusst und erfolgreich verdrängt, keine Ahnung. Es war eigentlich ziemlich offensichtlich, wenn man so darüber nachdenkt.«

»Ich hab es wohl auch irgendwie geahnt, aber gehofft, es wäre nicht so«, flüsterte Esra. »Ich wollte daran glauben, dass… dass er jemand von den ganz wenigen ist, die aus vollster Überzeugung heraus Gutes für Drachen tun.«

»Ist doch scheißegal«, knurrte Lao. »All die Drachen, die er umgebracht hat, waren Menschen. Viele von ihnen, wenn nicht alle, noch Kinder. Sie hätten solche Lücken in Familien reißen müssen wie Syanna und Akiko in meine. Aber der Unterschied zwischen ihnen und den vielen gesichtslosen anderen ist der, dass sie einen liebenden Vater und Ehemann hatten. Vielleicht als einzige. Der Rest verschwand unvermisst und ungeliebt im Jenseits. Ich hasse Watanabe aus tiefster Seele für das, was er getan hat, aber noch viel mehr hasse ich die ganze übrige Welt, in der etwas so Schreckliches so beiläufig und alltäglich passiert, ohne dass es jemanden interessiert. Und leider gibt es auf dieser Welt wirklich zu wenige, die etwas dagegen tun – Watanabe ist einer von ihnen. Wenn ich seinen Schädel mit Akikos Schwert vom Hals geschnitten hätte, als ich die Chance dazu hatte, hätte es mir für einen Moment Genugtuung verschafft – und im nächsten hätte ich alle Drachen hier wohl zum Tode verurteilt, oder zu einem Leben, das diese Bezeichnung nicht mehr verdient. Das konnte ich nicht tun. Ich ertrage nicht noch mehr Leid Unschuldiger.«

»Was ist jetzt dein Plan?«, fragte sie.

»Ich habe gekündigt. Als Drachenarzt finde ich wieder Anstellung, so wie früher auch. Ich hörte, dieser McCord hat ein paar Probleme mit seinen Drachen. Doch zuerst muss ich eine Gruppe Waghalsiger ausfindig machen, die es in der Konstellation unmöglich zurück da hin schafft, wo sie hergekommen ist.«

»Gruppe Waghalsiger? Haben die etwas zu tun mit dem großen goldenen Long, den ich in Sektor 72 gesehen habe?«

Lao lächelte angestrengt, aber aufrichtig. »Komm gern mit mir, vielleicht brauche ich deine Hilfe.«

Wenige Minuten später hatten sie seine paar Habseligkeiten auf ein Motorrad aus dem Fuhrpark geladen und waren auf dem Weg in jenen Sektor, der sich ganz am Rand des überwachten Gebiets befand.

»Du kennst einen Long?«, fragte Esra fassungslos gegen den Fahrtwind.

»Ja, aber das erfährt bitte niemand außerhalb eurer Einrichtung. Er ist vermutlich der einzige existierende in den Staaten. Dass er sich in seiner wahren Gestalt zeigt, ist eine maßlose Dummheit. Aber das ist eine Eigenschaft, die sich durch seine ganze Familie zieht.« Sie rasten durch den Wald, bis Lao plötzlich langsamer wurde – die Straße vor ihnen hatte eine Biegung gemacht, und hinter der Kurve standen sie plötzlich an einem Ort, der wirkte, als habe man ein Stück Kriegsgebiet irgendwo ausgeschnitten und inmitten dieses Waldes völlig unpassenderweise wieder eingesetzt. Sämtliche Vegetation rundherum war verkohlt, ein stechender Brandgeruch lag in der Luft. Mitten auf der Straße vor ihnen standen und lagen die Überreste mehrerer Geländewagen. Erst dachte Lao, sie hätten irgendwie all ihre Räder verloren, denn die Karosserie lag direkt auf dem Asphalt, doch dann erkannte er, dass dieser sie wie Schlamm in sich aufgenommen hatte. Trümmerteile und Glasscherben umrahmten die Szene, und dazwischen fanden sich immer wieder große Haufen Asche, die der Wind bereits zu einer dicken Schicht auf dem Boden verteilt hatte.

»Was in aller Welt ist denn hier passiert? War das der Blitzeinschlag, den wir auf mehreren Monitoren gesehen haben?«, fragte Esra fassungslos.

»Das war kein Blitz«, äußerte Lao knapp. »Das war der Sturm der Ahnen eines Long. Wir können nur hoffen, dass Castleton unter ihnen war – soetwas überlebt man nicht.« Sie fuhren weiter, Dinge dabei aufwirbelnd, die irgendwo beerdigt werden sollten, bis sie an der Stelle ankamen, von der sie glaubten, dass es der Blickwinkel der Kameras war. Von dort fuhren sie langsam weiter, horchten, bis der Wind unterschwellig leise Stimmen zu ihnen herübertrug – zumindest machte er sich das Glauben. »Hey!«, schrie Lao. »Sajian, Laetitia, Daisuke! Ich bin es, Lao! Seid ihr hier irgendwo?«

Es folgte nur Stille als Antwort.

»Sie sind bestimmt längst weitergeflogen«, mutmaßte Esra, als plötzlich laute Schwingenschläge über ihnen ertönten und eine aufgeregte Laetitia durch das Blätterdach brach. Sie flog wild flügelschlagend und knurrend um sie herum. Lao bremste, stieg vom Motorrad und trat auf sie zu, beide Handflächen erhoben, als sie endlich gelandet war. »Hey, mach doch nicht immer so einen Aufriss! Wenn du das bei Ian so machst ist er noch überforderter als jetzt.«

Sie beruhigte sich kaum, war ganz offenkundig äußerst aufgeregt. »Wo sind die anderen? Wo ist Sajian?«

Sie rannte unvermittelt los, und er stieg zurück auf das Gefährt, um ihr zu folgen.

Laetitia führte sie über einen kleinen baumbestandenen Hügel. In einem geschützten Tal dahinter lagen die zwei leblosen Drachenkörper von Sajian und Jake. Um sie herum ragten wie Mauern die makellosen goldenen und schwarzen Windungen von Daisuke auf. Er war selbst im Liegen gewaltig, und Esra schnappte hinter ihm hörbar nach Luft.

Beide stiegen ab und kletterten mit Laos Arzttasche hinunter. Der große Drache hob den Schädel, welcher allein für sich gesehen größer als ein Kleinbus war. »Daisuke… so sieht man sich also wieder.«

»Was tust du hier? Wie hast du…?«, fragte er verwirrt.

»Der ganze Wald ist mit Kameras übersät. Ich wusste, dass du hier irgendwo notlanden würdest – hast du nach all den Jahren wirklich geglaubt, du könntest einfach mal eben zum Drachen werden und diese Strecke fliegen, noch dazu mit zwei Drachen auf deinem Rücken und nach deiner Ahnenrache ? Du kannst froh sein, dass du die Verwandlung nicht ganz verlernt hast. Oder deine Fähigkeiten.«

»Mein Sturm der Ahnen ist so stark wie eh und je, und seine wahre Gestalt kann man nicht verlernen«, erwiderte Daisuke. »Bist du gekommen, um mich zu verhöhnen? Gefällt dir sicher gut, dass ich mal Schwäche zeige.«

»Ich bin gekommen, um euch zu helfen. Du brauchst jetzt Ruhe. In ein paar Stunden könnt ihr weiterfliegen. Deine beiden Passagiere allerdings… was ist mit ihnen passiert?« Sajian und Jake hatten sich beide keinen Millimeter bewegt, seit sie angekommen waren.

»Sie wurden von Castletons Leuten medikamentös gelähmt, vermutlich mit demselben Stoff, den sie im Shenandoah-Reservat benutzt haben. Kannst… du ihnen ein Gegenmittel verabreichen?«

»Dazu müsste ich wissen, womit sie gelähmt wurden. Gegen die meisten Muskelrelaxantien, die bei Drachen angewandt werden, hilft Sugammadex.«

»Versuch es, bitte. Ich… vertraue dir.« Dieses Eingeständnis kam zögerlich und unerwartet über seine schuppigen Lippen.

»Auf einmal?«, fragte er aufreizend, während er bereits in seiner abgestellten Arzttasche kramte.

Er schnaubte, woraufhin einige lose Blätter und Erde aufgewirbelt wurden. »Akiko hat dich aus gutem Grund zu ihrem Ehemann erwählt, zwei Kinder mit dir gezeugt und alles zurückgelassen, wozu sie von den Göttern bestimmt war. Ich hab es nie verstanden und werde es vermutlich auch nie, aber… ich bin mit ihr aufgewachsen und sehe keinen Grund, ihre Urteilskraft infrage zu stellen. Sie hat mich stets im Rhetorikunterricht in die Ecke argumentiert. Oder willst du mir damit gerade sagen, dass ich ihre Urteilsfähigkeit infrage stellen sollte?« Seine Augen waren erschreckend herausfordernd – dieses Wesen konnte in einem eine gehörige Megalophobie auslösen.

»Nein«, sagte Lao nur süffisant lächelnd. »Schön, das nach all den Jahren mal von dir zu hören. Aber nicht so schön wie zu erfahren, dass du immer noch lebst. Ich dachte, ich hätte jedes Familienmitglied verloren. Der einzige Überlebende zu sein ist belastend. Und nun merke ich, dass ich nicht nur dich habe, sondern auch einen Sohn. Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Esra, komm her, kümmere du dich bitte um Jake. Keine Sorge, sie ist ein talentierter Drachenarzt und wird die Stellung hier mit Jake gut ohne mich halten.« Er selbst ging mit der vorbereiteten Spritze zu Sajian hinüber, der trotz der Lähmung zuckte, die Augen auf die Nadel gerichtet.

»Hey, jetzt sag nicht, dass du dich vor einer kleinen Spritze fürchtest nach allem, was du mitgemacht hast. Du wirst noch deutlich mehr in deinem Leben kriegen als nur die eine. So schlimm ist das nun auch nicht.«

»L...laaao«, sagte Jake angestrengt. »Es…sss…«

»Schon gut, bald könnt ihr wieder vernünftig sprechen und euch bewegen.« Er desinfizierte die Haut an Sajians Vorderbein, dann stach er rasch zu, aspirierte Blut und injizierte das Medikament. Sajian jammerte leise, dann hatte er die Nadel auch schon wieder herausgezogen und streichelte ihm den Hals. »Schon passiert, du kannst aufatmen.«

»Haaaaast duuuu… meineeeen… Adopttt…«, fragte Sajian.

»Ich habe ihn gefunden, aber er ist mir entkommen«, sagte Lao wahrheitsgemäß. »McCord und Watanabe müssen fortan auf der Hut sein, wir wissen nicht sicher, ob er bei der Ahnenrache umgekommen ist.« Er ließ sich neben ihm nieder, lehnte sich mit dem Rücken gegen seine Flanke und beobachtete Esra, wie sie Jake versorgte. Sie machte ihre Sache wirklich gut.

Es dauerte seine Zeit, bis sie sich wieder bewegten. »Ich dachte schon, das hört nie auf. Schrecklich, so hilflos zu sein«, sagte Jake.

»Tut mir Leid. Das war alles meine Schuld«, äußerte Sajian betroffen.

»Es war die Schuld deines Adoptivvaters«, gab Jake zurück. »Wenn er kein Meister der Manipulation wäre, wäre er nie so weit gekommen. Natürlich hat er dich erfolgreich mit seinen Lügen eingelullt.«

Sajian warf Lao einen verstohlenen Blick zu und schnüffelte unauffällig – oder versuchte es zumindest. »Was hat er zu dir gesagt?«, fragte Lao. »Dass ich nicht dein Vater bin, sondern ein Betrüger? Ich bin es, glaub mir. Und das da ist dein Onkel Daisuke, der Bruder deiner Mutter. Du bist wie sie ein seltener Kitsune-Long, hältst du das für einen Zufall? Und dass dieser Long, der wohl einzige seiner Art, sein Leben aufs Spiel setzt, um dich zu retten, ist auch nur Teil des Lügengerüsts? Wir beide verstehen uns nicht mal besonders gut, ehrlich gesagt.«

Daisuke knurrte missbilligend. »Das ist nicht wahr. Versuch du mal, deine ganze Erziehung und Sozialisierung abzuschütteln, die dir dein Leben lang eingeredet hat, Drachenmischlinge seien ein Frevel gegen die himmlische Ordnung und Menschen deine von den Göttern geschaffenen Anhänger. Wenn ich meine Schwester nicht so geliebt hätte, wie ich es tat und noch immer tue, wäre ich ihr nicht in ein fremdes Land mit seltsamen Sitten gefolgt und hätte mein gesamtes Leben aufgegeben. Sie war alles, was ich immer hatte, trotz meiner restlichen Familie. Es zählte immer nur der Erfolg, nicht wir als Individuen. Nicht unsere Wünsche und Vorlieben. Ich habe es gehasst. Und ich habe erst dann realisiert, wie einengend diese Pflichterfüllung war, als Akiko aus dem Käfig ausgebrochen ist. Wie schön die Farben der Welt sind, und wie… gut das Leben sein kann. Wie sehr ich euch alle vermisst habe, als ihr plötzlich nicht mehr da wart. Ich war das einsamste Wesen auf dem Planeten, als einziger meiner Art in einem barbarischen Land. Ich bin der weitaus schlimmere Bodensatz, als ein Shé jemals sein könnte. Aber ich würde mein Leben für deines geben, Sajian. Du… bist alles, was mir von Akiko und Syanna geblieben ist.«

Sajian sah erst Daisuke, dann Lao an und zog ein finsteres Gesicht, so weit das einem Drachen möglich war. »Wenn das alles auch nur Lügen sind, dann…«

Lao griff nach seinem Gepäck und holte plötzlich das Katana heraus. »Hier. Damit kannst du mich töten, wenn du jemals glauben solltest, dass ich ein Lügner bin. Ich zeige dir gern, wie man damit umgeht. Eltern und Kinder sollten ein gemeinsames Hobby haben.« Er zeigte ihm die Scheide mit der Aufschrift. »Kirschblüten im Kampf – das war der Name deiner Mutter. Ihr Drachenname. Es gehört rechtmäßig dir. Nur Drachen ist es erlaubt, ein solches Schwert zu besitzen. Es wird nur einmal für eine einzige Person geschmiedet.«

Dann umarmte er plötzlich seinen Hals, was Sajian verunsichert zucken ließ. Er schmiegte sich zögerlich und verzweifelt in die Geste. »Ich weiß, dass du völlig verunsichert bist und Angst hast, aber ich werde dich beschützen. Vielleicht kann ich ein paar deiner Wunden heilen und zu weniger schmerzenden Narben umwandeln. Ich will nichts mehr auf der Welt als dein Vater sein – dein richtiger, nicht nur dein biologischer. Ich werde dir von deiner Mutter und Schwester erzählen und immer da sein, wenn du mich brauchst. Wir haben so viel nachzuholen.«

»Ähm, ich will ja nicht die Stimmung ruinieren«, sagte Jake da, »aber wie willst du das von unserer Einrichtung aus tun? Reservate sind Sperrgebiete, und Watanabe lässt dich nicht mal telefonieren.«

»Ich arbeite nicht länger für Watanabe«, sagte Lao und löste sich von Sajian. »Ich überzeuge McCord davon, mich als Zweitarzt einzustellen. Jetzt, da ihr wieder fliegen könnt, ist es nur ein relativ kurzer Weg für ein Vorstellungsgespräch. Doch zuvor möchte Esra sicherlich die einmalige Chance nutzen, einen echten Long zu beschreiben. Es dürfte immerhin die erste und einzige Beschreibung anhand lebenden Materials in den Staaten sein. Eine Ehre für einen Drachenmediziner. Ich werde derweil ein Telefonat führen.«