Ian
Ian
»Sie wollen sich initiativ bewerben?«, fragte Ian ungläubig, als Lao sich telefonisch bei ihm meldete. Das Anliegen traf ihn völlig unvorbereitet.
»Ich weiß, dass ich sie gerade ziemlich überfalle, und Sie haben auch keine Stelle ausgeschrieben, aber wie viele Arztstellen werden denn ausgeschrieben? Ärzte bewerben sich in der Welt dort draußen ständig auf diese Weise. Und ich hörte, Sie haben da ein paar Probleme, bei denen ich Ihnen sicher weiterhelfen kann. Ich habe den Großteil meiner Erfahrungen mit Drachen im freien Feld gesammelt, nicht in einem Krankenhaus. Bei so vielen Drachen sind zwei ärztliche Mitarbeiter vonseiten der Behörde auf jeden Fall zulässig und es dürfte keine großen Bedenken geben.«
»Ich bezweifle bei allem Respekt für Ihre Arbeit, dass Sie Wunder wirken können«, erwiderte Ian zerknirscht. »Die Drachen hier… sind zum Teil schwer traumatisiert. Es ist ausgesprochen gefährlich, mit ihnen zu arbeiten. Ich bin zum Schluss gekommen, dass es das Beste ist, so wenig wie möglich in den Lauf der Dinge einzugreifen.«
»Solche Fälle sind genau meine Kragenweite. Aber ich überzeuge Sie gern selbst von meinen Fähigkeiten. Vielleicht denken Sie auch an eine Familienzusammenführung; ich will nah bei meinem Kind sein nach allem, was geschehen ist. Sajian ist mein leiblicher Sohn. Ich wusste bislang nichts von seiner Existenz.«
»Das… verstehe ich, natürlich. Ich… werde bei der Behörde anfragen. Kommen Sie mit ihnen zusammen her.«
»Ich danke Ihnen.«
Ian setzte sich sofort an die Anfrage für die Behörde, bezweifelte aber tatsächlich keine Sekunde lang, dass seiner Bitte stattgegeben werden würde. Es gab eher zu wenige Bewerber auf Reservatstellen egal welcher Art; diese gehörten zu den meistgehassten Posten auf dem ganzen amerikanischen Arbeitsmarkt. Es gab vorallem in den Südstaaten sogar das Sprichwort Nicht wie ein Vorsteher im Drachenreservat leben zu wollen als Bezeichnung für besonders prekäre berufliche Umstände. Ian konnte zudem nicht leugnen, dass er mit Helen als neuem Alpha der Drachen bald überfordert sein würde. Wenn es ihr erst wieder gut genug ging, würde sie sich verwandeln, und dann konnte ihr nichts und niemand mehr beikommen. Sie war jedem im Reservat überlegen und eine dauerhafte Gefahr für die Bewohner, trotz allen Verständnisses, das er für ihre Situation aufbrachte. Und dann gab es da ja auch immer noch seine vier Heißsporne, die sich als Drachentöter verdingen wollten. Helen tolerierte erstaunlicherweise alle vier in ihrer Nähe, vielleicht, weil sie sich ständig bei Hickory aufhielten und Helen ihn als ihr unterlegen wahrnahm.
Ian saß an diesem Nachmittag wieder einmal über ihr aller Papierakten, um mehr über sie herauszufinden – etwas, für das er bisher zu wenig Zeit gefunden hatte. Sie waren samt und sonders lückenhaft, vorallem, was die Anamnesen anging. Er merkte sofort, dass diese Daten nicht von Ärzten erhoben worden waren. Ab jetzt musste hier ein anderer Wind wehen; er war der Vorsteher dieses Reservats. Nicht länger der geduldete Neuankömmling als Zwischenglied neben Jared, dem Oberhaupt der Siedler, und Hickory als Oberhaupt der Drachen, zwischen denen keinerlei Informationsaustausch stattfand und deren lange etablierten Regeln er sich beugen musste, wenn er nicht untergehen wollte. Nun aber hatten sich die Gegebenheiten geändert. Es war seine Aufgabe, die neuen Regeln aufzustellen und seine Position klarzumachen, bevor es andere taten.
An diesem Tag ging er auch sämtliche Impfdokumente noch einmal durch, denn obwohl sie alle vorbildlich gegen Drachenwut geimpft waren, fehlte es an den typischen Immunisierungen der Menschen: Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Hepatitis. Einige waren nur seit langem nicht mehr aufgefrischt worden, andere besaßen nicht einmal die Grundimmunisierung. Er bezweifelte, dass Helen ihn ohne Weiteres an sich oder die anderen im Schwarm heranlassen würde; Ian hasste es, wenn er Patienten nicht adäquat versorgen konnte, weil sie wehrhaft waren und den Sinn der Maßnahme nicht verstanden – genau aus dem Grund wäre er niemals Tierarzt geworden. An diesem Ort aber fühlte sich sein Beruf mehr danach an als nach einem Humanmediziner.
Seit sie so nah bei den Paddocks lagerten, wagte er sich ab und an hinunter, um auch die anderen Drachen aus nächster Nähe zu begutachten. Wenn sie ihn bemerkten, knurrten und wichen sie misstrauisch zurück. Bald schon würde er sie wieder nur noch aus der Ferne zu Gesicht bekommen; vielleicht konnte er ihnen vorher noch ein paar Impfungen im Schlaf geben und die restlichen später per Gewehr. Das würde ihr Misstrauen ihm gegenüber ohne jeden Zweifel verstärken, aber es war ihm recht, wenn er sie dadurch schützen konnte.
Ian sah auf, als er plötzlich Drachenfauchen und -zischen von draußen hörte und ein gewaltiger Schatten über das Reservat hinwegzog. Er ließ alles stehen und liegen, um hinaus zu eilen.
Natürlich ging Daisuke mitten im Reservat nieder – in der Siedlung gab es für ihn zu wenig Platz. Die anderen Drachen hoben die Köpfe und begegneten dem riesigen Neuankömmling mit deutlicher Alarmbereitschaft. Daisuke für seinen Teil sah nicht gut aus. Seine Flügel waren bis auf den Boden hinabgesunken, die Beine zitterten und er keuchte besorgniserregend.
Ian rannte hinunter in Ryous Paddock. Auch er beobachtete das Geschehen aus dem Schutz der Gitter heraus gespannt. Neben Daisuke gingen die deutlich kleineren Körper von Laetitia und tatsächlich auch Sajian nieder wie Spatzen neben einem riesigen Raubvogel. Ian entfuhr ein Seufzen der Erleichterung, mit dem seine ganze Anspannung aus ihm wich. Er hatte ihn tatsächlich zurückgeholt.
Sajian und Laetitia kamen zu ihm gerannt, und er streckte den Arm durch das Gitter, um sie zu streicheln. Daisuke kam mit einiger Verspätung dazu, wobei er den Kopf hängen ließ.
»Ich bin schlechter in Form als ich dachte – das ganze Drachentraining in meiner Jugend war wohl für umsonst«, keuchte er.
»Du hast genug Zeit, um wieder aufzuholen«, versicherte Ian. »Kein Verstecken mehr, keine Trennung in zwei Lager. Du kannst zum Drachen werden, wann immer du willst, und bist nicht mehr daran gebunden, im Reservat zu leben, wenn du lieber weiter in der Siedlung wohnen willst.«
»Ich bevorzuge es, als Mensch in einem Haus zu leben. Meine wahre Gestalt muss zurück in die Verbannung – Long sind in diesem Teil der Erde nicht sicher.« Er gähnte und entblößte dabei zwei Reihen von Zähnen im Ober- und Unterkiefer, von denen die innersten klein und rasiermesserscharf waren. »Lao kommt mit etwas Verspätung nach. Motorräder sind nicht das schnellste Fortbewegungsmittel im Wald.«
»Ich erwarte ihn. Ruh dich jetzt erst einmal aus, ihr beiden auch, kommt mit. Ich bin so erleichtert, dass ihr wohlbehalten zurück seid. Erzählt mir später, was passiert ist.« Er führte Sajian und Laetitia in Menschengestalt wieder in ihr Paddock zurück, wo sie sofort in die Betten fielen, dann begleitete er Daisuke zu seinem Haus. »Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um für deine Sicherheit zu sorgen«, erwiderte er mit großem Nachdruck.
»Das weiß ich zu schätzen, doch an dem Tag, an dem sie für mich kommen, werde ich mich selbst schützen oder untergehen, wie es sich für einen Long gehört. Und nun entschuldige mich – ich muss dringend schlafen. Am Liebsten für ein paar Tage.«
Wenig später trat Ian mit seiner Arzttasche in den Behandlungsraum und stellte sie ab. Alle Aufmerksamkeit fiel dabei auf ihn – Kena, John und Leland sahen eher unsicher aus, Fera war die einzige, die sofort nervös wurde. »Hergehört, ich habe eine Ansage zu machen, und ich mache sie nur einmal. Wie ihr unlängst wisst, bin ich ab jetzt euer Vorsteher; Jared als inoffizieller Siedlungschef ist nicht mehr hier. Für die Siedlung gelten daher ab sofort nur noch die Regeln, die ich aufstelle. Drachen und Menschen haben in Frieden miteinander zu leben und diesen nicht zu gefährden. Es gibt keine Teilung mehr in zwei Lager – sowohl die Siedlung als auch das Reservat stehen jedem frei zu betreten. Ein Haus steht jedem frei zur Benutzung, wenn er dies wünscht, solange er seine Drachengestalt ausreichend kontrollieren kann. Des Weiteren bin ich nicht nur euer Vorsteher, sondern auch euer Arzt. Eine körperliche Untersuchung und Auffrischungsimpfungen stehen schon länger auf meinem Plan, doch bislang fehlte mir dazu die Zeit. Ich habe vor, eure Karteien gemäß meinen beruflichen Standards auszufüllen und würde es begrüßen, wenn ihr mir dabei helft.«
»Auffrischimpfungen?«, fragte Leland. »So richtig mit… Spritze und Nadel und so?«
John sah genauso begeistert aus wie er.
»I-ich geh als erstes!«, meldete sich Fera, und Ian konnte sich ein insgeheimes Seufzen nicht verkneifen. War ja klar, immer vorne dran, egal um was es geht.
Bei seinem Gesichtsausdruck nahm sie plötzlich eine geduckte Haltung an. Hickory bemerkte es und rückte näher zu ihr. »Ich bin der Alpha dieser vier, ich sollte mit gutem Beispiel vorangehen, oder, Doc?«
»So wäre es tatsächlich ideal«, bestätigte er. Hickory hatte sie also tatsächlich in seinen Schwarm integriert. Wie gedachte er wohl, mit ihnen zusammenzuleben?
»Warum muss das gemacht werden? Ich dachte, gegen Drachenwut wären wir geimpft?«, fragte Kena.
»Das seid ihr, aber nicht gegen typisch menschliche Krankheiten. Oder nicht mehr. Da waren eure Eltern wohl ein bisschen nachlässig, aber keine Sorge, bei den Drachen sieht es noch weit schlimmer aus.« Er warf Helen einen Blick zu, dem sie mit einem widerstrebenden Gesichtsausdruck begegnete.
»Du glaubst doch wohl hoffentlich nicht, dass ich dich an meine Drachen heranlasse?«, brauste sie auf. »Denk ja nicht, dass ich mich nicht jederzeit wieder verwandeln könnte.«
Ian hob die Augenbrauen, obwohl er nicht sonderlich verwundert über die Reaktion war. »Ich dachte, mit meiner guten Pflege hätte ich zumindest ein bisschen dein Vertrauen gewonnen?«
»In deinen Träumen«, zischte sie. »Du rührst keinen meiner Drachen oder mich an, ohne dass ich es erlaube. Und jetzt erlaube ich es nicht.«
»Ich hatte auf die Erlaubnis gehofft«, sagte er und gab sich keine Mühe, seine Enttäuschung darüber zu verbergen. Es war ernüchternd, wenn Patienten kein Vertrauen fassten, egal, wie sehr man sich um sie bemühte. »Vielleicht siehst du erst einmal zu, was passiert, und entscheidest dann?« Er sah hoffnungsvoll durch die Runde; John, Leland und Kena wirkten nicht übermäßig widerstrebend, in Feras Augen sah er allerdings tiefe Unsicherheit, ehe sie seinem Blick auswich. Er wandte sich an Hickory. »Fühlst du dich gesund genug?«
»Mir geht’s bestens.« Er öffnete bereitwillig die Tunika, die er trug, an den Druckknöpfen. Ian untersuchte ihn so, wie er es üblicherweise bei seinen menschlichen Patienten im Krankenhaus getan hatte: Herz und Lunge abhören, Bauch abtasten, in den Rachen und Augen leuchten und Wirbelsäule beklopfen. Hickory war in seinen beiden Gestalten ein ausgesprochen ruhiger Patient, perfekt, um Dinge zu demonstrieren. »Bei dir fehlt aufgrund der letzten Auffrischung nur Hepatitis. Zur Impfung gegen Gürtelrose, Pneumokokken und RSV gibt es für Drachen aktuell keine Empfehlungen, bei Menschen sind sie ab einem bestimmten Alter üblich, das du zumindest chronologisch erreicht hast, auch, wenn du biologisch weit jünger sein dürftest.« Es war kaum zu glauben, dass der Mann, der da vor ihm saß, bereits auf die 80 zuging; er hatte den Körper eines Menschen, der vielleicht dreißig, vierzig war. Das lag an der Verwandlung, die stets neues Zellmaterial bereitstellte, das das alte ersetzte.
Er zuckte die Schultern. »Du bist der Experte für diesen Kram. Ich füge mich deinem Urteil darüber, was das Beste ist.«
»Ich will es nicht gegen deinen Willen tun. Du hast als mein Patient immer ein Mitspracherecht, solange du sprechen kannst.«
»Ich bin einverstanden, denke ich.« Er rieb sich verschämt den Nacken.
»Warum müssen Drachen überhaupt geimpft werden?«, wollte John wissen. »Ich dachte, sie heilen sich selbst?«
»Außer von Gift«, ergänzte Kena.
»Tetanus und Diphtherie sind ebenfalls Krankheiten, in denen Gifte eine Rolle spielen. Die anderen sind Virus- und bakterielle Infektionen, gegen die auch Drachen regulär machtlos sind – Viren befallen viele Zellen in kurzer Zeit, sodass die Verwandlung sie nicht schnell genug in ausreichender Zahl abstoßen kann. Bakterien können gar nicht abgestoßen werden. Da müssen Drachen also genauso durch wie Menschen. Und wenn sie in ihrer Drachengestalt sind, haben die Erreger zudem viel mehr Platz zum Ausbreiten, sodass sie im schlimmsten Fall nicht mehr in ihre menschliche Gestalt zurückwechseln können, weil die Menge an Krankheitserregern den menschlichen Körper binnen kürzester Zeit töten würde.«
»Klingt unangenehm«, sagte Hickory. »Ich bin noch einverstandener als vorher.«
Ian lächelte. »Freut mich zu hören. Nach der Impfung solltest du ruhen, aber damit kennst du dich ja mittlerweile aus.«
Er bereitete die Spritze vor, und die Jugendlichen rückten näher, als er sie Hickory in die Schulter gab. Dieser rührte sich nicht, gab auch keinen Laut von sich. Stellvertretend für ihn verzogen alle anderen das Gesicht. »Toll hast du das gemacht«, sagte Ian und klopfte ihm aufs Schulterblatt. »Wer ist der nächste?« Er erwartete Fera, doch anscheinend hatte sie kalte Füße gekriegt. Stattdessen rückte nach kurzem Zögern und Blickaustausch Leland vor. Bevor er jedoch zur Tat schreiten konnte, läutete es am Tor. »Entschuldigt mich kurz, da ist jemand, den ich empfangen muss.«
Wie erwartet stand Lao vor dem Reservatseingang, als Ian hinaustrat. Er öffnete und ließ ihn sein Motorrad hereinschieben.
»Tut mir aufrichtig Leid, Sie so unvermittelt mit meiner Anwesenheit zu beehren«, äußerte er. »Aber ich konnte keine Sekunde länger an meinem alten Arbeitsplatz bleiben.«
»Oh, das kann ich sehr gut nachvollziehen, glauben Sie mir«, sagte Ian und erinnerte sich lebhaft an seine letzten Minuten im Living Heart Hospital. Er hatte gern dort gearbeitet, es war sein erster Arbeitsplatz nach dem Studium gewesen. Aber nach dem Drachenblut-Vorfall hätte er sich lieber die Zunge abgebissen, als weiterhin dort zu sein. »Was war Ihr Grund?«
»Persönliche Differenzen.«
»Verstehe«, sagte er, obwohl er nichts verstand. Sollte das bedeuten, dass Watanabe weniger vertrauenswürdig war, als er sich bislang dargestellt hatte? »Aber wenn ich Sie hier anstellen soll, dann erwarte ich eine genauere Erklärung.«
»Nun gut. Sie können und sollen alles erfahren, was es über mich zu erfahren gibt, wenn ich hier schon wie ein Bettler vor Ihrer Tür aufkreuze: Dr. Watanabe ist der Mörder meiner Tochter. Er hat für Castleton gearbeitet, in dessen Einrichtung Safe Parenthood for better people auch meine Frau – ein japanischer Long – einen mysteriösen Tod starb, nachdem sie verschwand. Sie muss zu dem Zeitpunkt schwanger gewesen sein, denn sie bekam Sajian, der nachweislich mein leibliches Kind ist, und er geriet auf diese Weise wohl in Castletons Hände. Aktuell gehe ich davon aus, dass meine Frau für die Zerstörung der Einrichtung verantwortlich ist.«
»Und dieses Drachenarzneimittel herstellende Monster weiß jetzt, wo sich Sajian und Sakura befinden?!«, fuhr er auf.
Die Antwort kostete Lao sichtlich Mühe. »Er… hat sich wirklich gut um alle Drachen unter seinen Fittichen gekümmert, dahingehend kann man nichts gegen ihn sagen. Er ist zumindest… keiner von denen. Den Weg von damals hat er schon lange verlassen, doch ich kann und werde ihm niemals verzeihen.«
»Und wer bestätigt mir, dass Sie kein Spion sind, der von Reservat zu Reservat fährt, um an neue Nutztiere für seine pharmazeutische Einrichtung zu kommen?«
»Daisuke«, war die nüchterne Antwort. »Ich habe in der Gewissheit gelebt, meine ganze Familie verloren zu haben. Jetzt habe ich nicht nur erfahren, dass ich ein weiteres Kind habe, sondern auch, dass Daisuke noch lebt – der Bruder meiner Schwester. Wir kamen nie sonderlich gut miteinander klar, weshalb ich es ihm hoch anrechne, dass er sich für mich einsetzt. Aber Sie können mir glauben, dass ich für nichts auf dieser Welt mehr brenne, als meine verbliebene Familie zu beschützen.« Er sagte es mit großem Nachdruck und voller Überzeugung.
»Ich traue Ihnen kein Stück und glaube kein Wort«, stieß Ian hervor und bereute es sogleich – das da war immerhin Sajians Vater. Der Junge, der so viel in so kurzer Zeit durchgemacht hatte, dass es für drei Leben reichte. Und der ihm zu Beginn ebenfalls misstraute, weil er immerhin selbst für jemanden gearbeitet hatte, der Drachen zu seinen Zwecken missbrauchen wollte. Lao hatte rein objektiv betrachtet auch keinen Grund, ihm zu vertrauen – vielleicht war das sein eigentliches Anliegen. Um Sajian vor ihm zu schützen.
»Ich erwarte nicht, dass man mir Vertrauen schenkt. Lassen Sie es mich beweisen. Für meinen Sohn. Für das Wohl von Drachen wie meiner Tochter und meiner Frau, die so ein grausames Ende finden mussten, einfach nur, weil sie geboren wurden. Sicherlich haben sie eine Möglichkeit der Prüfung für mich.«
»Ich bezweifle weiterhin, dass Sie bei diesem… Problemfall von mir irgendetwas ausrichten können.« Ein Mann blieb für Helen ein Mann, egal, welche Qualifikationen er besaß, und er war ihr immerhin noch fremder als Ian.
»Herausforderung angenommen«, sagte Lao und lächelte. »Wo ist der fragliche Drache?«
»In Menschengestalt auf der Krankenstation. Aber vielleicht helfen Sie mir vorher lieber erst bei etwas anderem und lernen sie alle kennen – ich war gerade mit Impfungen beschäftigt.«
»Na dann. Man führe mich zu den Patienten.«