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Ian, Lao und die Drachen

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Ian, Lao und die Drachen

Ian musste zugeben, dass Lao eine schwer beschreibbare Ausstrahlung besaß; er sah aus, wie man sich einen Drachen in Menschengestalt so vorstellte – groß, breitschultrig und mit hellen, stechenden Augen, die ebenso gut einem Raubtier gehören konnten. Das einzige, das nicht ins Bild passte, war sein Tattoo – diese verschwanden entweder nach der Verwandlung oder verschwammen zu einer undefinierbaren Farbmasse, weil sich die einzelnen Hautzellen neu bildeten. Mit seinem Eintreten und der Vorstellung allein hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Personen im Raum, die ihn misstrauisch bis unsicher beäugten. Helen betrachtete ihn ganz und gar feindselig; das war gar kein guter Anfang. Lao für seinen Teil schien es nicht zu bemerken – er ging an jedem Einzelnen vorbei, als wolle er sich alle Gesichter einprägen. Helen wich vor ihm zurück, aber nicht so weit, dass es auffällig war. Für seinen Rundgang ließ er sich erstaunlich viel Zeit; Laos Blick wanderte zum Schluss zwischen Hickory und Helen hin und her. Er wirkte nachdenklich, sagte aber nichts.

»Dann… sind Sie also so eine Art fahrender Arzt? Wie in Australien?«, fragte Kena neugierig.

»So könnte man es nennen. Ich habe im Laufe meines Lebens einige Drachenreservate besucht. Viele erinnern eher an Zoos, mit zugegebenermaßen großen Gehegen, die die Drachen sich selbst überlassen, ohne viel zu intervenieren. Und es gab immer wieder welche, in denen der Drachenmissbrauch offenkundig war, zumindest für den geschulten Beobachter. Drachen zeigen leider oft keine Wunden oder Narben aufgrund ihrer starken Regenerationsfähigkeit, aber man erkennt es daran, wie sie körperlich und seelisch abbauen und ihr Verhalten verändern. Wenn sie ständig misshandelt werden, verändert das manchmal sogar ihre Gestalt, die menschliche wie die dracoide, weil sie keine Kraft mehr haben, alles regelrecht auszubilden – oder sogar Abwehrmechanismen ausbilden. Ich werde gerufen, um Probleme zu lösen, die die Vorsteher mit ihrer oft mangelhaften Expertise auf dem Gebiet nicht lösen können. Mein Wissen ist auf dem Markt durchaus begehrt.«

Ian horchte auf. Er selbst kannte neben diesem nur Henrys Reservat, und sie beide hatten es sich auf die Fahne geschrieben, einen guten Ort zum Leben für Menschen und Drachen gleichermaßen zu erschaffen. Er wusste von Henry, was seinem Bruder im Voyageurs-Reservat zugestoßen war, wenn er sich richtig erinnerte; Minnesota und die ganze Gegend um die Rocky Mountains waren berüchtigt dafür, Drachen ausgesprochen schlecht zu behandeln. Der Bundesstaat wies eine hohe Drachenfeindlichkeit unter den Einwohnern auf. Von Laos Wissen und Erfahrungen konnte er für die Zukunft sehr profitieren.

»So, Freiwillige vor. Vielleicht solltest du gleich den Anfang machen, Bursche?«, sagte Lao und deutete auf John, der ziemlich auffällig versuchte, sich hinter den anderen unsichtbar zu machen.

»Ich? Fera ist doch immer die, die unbedingt den Anfang machen will«, begehrte John auf. Die Angesprochene wirbelte herum.

»Das ist gar nicht wahr!«

»Doch, ist es!«, widersprach John, und Ian musste sich ein Lächeln verkneifen.

»Dann seid ihr jetzt eben beide dran, wenn ihr euch nicht entscheiden könnt.« Lao warf Ian einen Blick zu. »Ich weiß, es ist meine Aufnahmeprüfung, aber ich habe nur zwei Hände.« Er sah ziemlich verschmitzt dabei aus, dachte sich wohl irgendetwas. Ian beschloss, darauf einzugehen.

»Nun gut. Wer nimmt wen?«

»Das wiederum ist völlig egal. Komm her.« Er griff plötzlich nach Fera und zog sie ruckartig zu sich heran, was sie erschrocken nach Luft schnappen ließ. Ian war zu verblüfft, um sofort zu reagieren. Helen dagegen saß augenblicklich kerzengerade da.

»Lao, das ist keine gute Idee!«, fuhr Ian dazwischen.

»So? Ich finde die Reaktionen um mich herum gerade sehr aufschlussreich.« Er begegnete Helens Blick ohne jede Furcht, was sie nur noch wütender machte. »Du bist also der Alpha. Ich war mir bis eben nicht sicher.«

»Lao, es gibt da Dinge, die Sie über Helen wissen müssen«, fing Ian in lautem Ton an.

»Unnötig«, winkte dieser ab. »Sie wird mir selbst sagen, was ich erfahren soll, und was nicht, geht mich nichts an. Aktuell zählt nur die Situation, in der wir uns befinden.«

»Nimm deine Hände von ihr!«, schrie Helen drohend. Ian spannte sich an wie eine Sprungfeder. Wenn sie hier drin Drachengestalt annahm… »Lao, Schluss jetzt!« Nein, das war falsch, er durfte nicht laut werden in so einer Situation, das ließ es nur schneller eskalieren…

Die anderen Jugendlichen wichen unweigerlich näher an Hickory heran, doch auch dieser wagte nicht, dazwischenzutreten. Ian wusste nicht, was er tun sollte – jeder falsche Schritt konnte jetzt die Katastrophe in Gang setzen.

»Dass du der Alpha bist, erkennt man sofort. Weniger anhand deiner als viel mehr anhand der Reaktionen aller um dich herum. Niemand will sich mit dir anlegen. Ich brauche also nicht Ians, sondern deine Zustimmung. Willst du die Behandlung als erste bekommen, um einschätzen zu können, ob du sie an deinen Schützlingen zulassen kannst?«

»Ich lasse keinen Mann an mich heran! Und ich lasse dich niemanden hier bedrohen!«, fauchte sie.

Laos Stimme war nach wie vor völlig ruhig. »Das Problem sind also Männer. Das kann ich nachvollziehen. Männer haben meine Frau und Tochter umgebracht, um sich an ihnen zu bereichern.« Er massierte Feras Schulter, die erste Geste, bei der es Ian so schien, als müsse er seine eigene Nervosität abbauen. »Ich kann über den Schmerz, den Männer dir zugefügt haben, nur spekulieren, aber ich kenne mich aus mit Schmerz. Mein eigener besteht darin, Frau und Kind verloren zu haben – die beiden Wesen, die am meisten Bedeutung für mich hatten. Mehr als ich selbst. Ich hätte mein Leben gegeben, um ihre zu erhalten, aber es gibt niemanden, dem ich einen solchen Handel vorschlagen könnte. Begegne ich einem ihrer Mörder, hänge ich ihre ausgestopften Schädel in mein Wohnzimmer und koche meine nächsten Mahlzeiten aus dem Rest. Das ist es, was man mit ihnen tun sollte, oder siehst du das anders?« Sein Blick war eiskalt. »Der Tod meiner Liebsten hat etwas in mir verändert. So sehr, dass ich mich frage, ob sie mich noch lieben könnten, wenn sie zurückkämen. Aber diese Frage ist absurd, denn sie kommen nicht zurück von da, wo sie jetzt sind. Und ich kann nie wieder eine Person werden, die nicht von Rachedurst zerfressen ist. Ich will Blut und Tod sehen. Bei dir ist es vermutlich nicht anders.«

Helen schluckte, ihr Gesicht glättete sich. Ian glaubte, dass das kein Bluff war. Lao meinte es todernst. Und er schaffte es tatsächlich, diesen unglaublich gefährlichen Drachen einzuschüchtern. Nicht mit Gewalt, sondern aufgrund einer gemeinsamen Basis.

»Warum willst du mich beschützen?«, fragte Fera verständnislos an Helen gerichtet, und das löste sie endlich aus ihrer Starre. »Ich hab dich… ich meine… ich wollte… ich hab mit den anderen…« Sie hielt kurz inne und sammelte sich. »Dort draußen im Reservat hast du mich angesehen, als ich mich dir in den Weg gestellt habe. Du kamst direkt auf mich zugerannt, aber… du ranntest vorbei. Obwohl ich nicht mehr fliehen konnte und du mich ohne Anstrengung hättest töten können. Ich erinnere mich genau an diesen Moment, es war der schrecklichste in meinem bisherigen Leben, weil ich mir sicher war zu sterben. Warum hast du es nicht getan?«

Lao warf erst ihr, dann Helen einen aufmerksamen Blick zu. Er harrte ihrer Antwort.

Sie zögerte und sagte dann widerstrebend: »Es gab keinen Grund, dich zu töten. Er war mein Ziel.«

»Du wolltest selbst in deiner Drachengestalt nur Jared?«, fragte Fera. »Obwohl ich…?«

»Du bist ein Kind, ein Mädchen. Ich hätte dich nie getötet, nur verjagt, um die anderen vor dir zu schützen. Jared aber…« Sie sprach nicht weiter und wandte den Blick ab.

»Ich ging also recht in meiner Annahme, dass ihr beide eine Verbindung zueinander habt«, sagte Lao. »Meine Intuition lässt mich nur selten im Stich. Wie sieht’s aus? Hilfst du mir dabei, Fera vor den Dingen zu schützen, die du nicht abwehren kannst?«

Sie zog ein unnahbares Gesicht.

»Wenn es Furcht ist, die dich von deiner Zustimmung abhält: Glaubst du, in deiner Drachengestalt könnte ich, unbewaffnet und klein wie ich bin, etwas gegen dich ausrichten? Es wird außerdem Zeit, dass du zu deiner Gruppe zurückkehrst.«

Noch immer zögerte sie, aber Überraschung zeigte sich auf ihrem Gesicht.

»Lao, das ist keine gute Idee. Sie… ist ein äußerst aggressiver, großer Drache mit Giftzähnen. Und nicht gut zu sprechen auf jede Art Mann.«

»Klingt nach meiner Mutter, die hab ich auch überlebt. War sogar immer lieb zu mir, als einzigem Mann, der ihr jemals untergekommen ist«, sagte er schulterzuckend.

Ian rieb sich die Schläfe. »Ich kann Ihnen nur davon abraten. Zum Wohle Ihres Kindes. Sajian braucht Sie. Er hat nur noch Sie.«

»Er kam ganz lange ohne mich klar«, erwiderte Lao kategorisch. »Aber mir wird nichts passieren. Drachen ermorden keine Menschen. Menschen ermorden Menschen. Wenn Drachen töten, dann haben sie einen guten Grund dazu. Ich bin kein guter Grund. Vorallem dann nicht, wenn Fera mir hilft.« Er warf ihr einen Blick unter hochgezogenen Augenbrauen zu.

»Auf keinen Fall!«, fuhr Ian dazwischen. »Ich lasse nicht zu, dass sie in Gefahr gerät!«

»Zwischen ihr und Helen werden Gitter sein. Es besteht überhaupt kein Grund zur Sorge«, versicherte Lao.

»Trotzdem nicht!« Ians Stimme duldete keinerlei Widerspruch – von Lao kam auch keiner, dafür aber von Fera.

»Lass mich mit ihm gehen, bitte! Ich weiß, dass du uns hasst, oder vielleicht auch nur mich, und es ist mir völlig egal!«, brach es aus ihr heraus, etwas zu heftig, um wirklich wahr zu sein. »Aber ich will wiedergutmachen, was ich getan habe. Ich weiß, es ist nicht wiedergutzumachen, aber deshalb will ich trotzdem helfen! Verstehst du das nicht?! Ich will nicht bis ins Erwachsenenalter hier festsitzen und währenddessen ständig zu spüren kriegen, dass ich unnötiger Ballast bin, der aus Pflichtgefühl heraus durchgefüttert wird! Ich will beweisen, dass ich es wert bin, hier zu sein!«

Ian starrte sie an. »Ich hasse weder dich noch die anderen, Fera. Aber ich bin verantwortlich für das Wohlergehen aller Personen in diesem Reservat – auch für deines. Und ich habe schon einmal Patienten, die unter meiner Fürsorge standen, in tödliche Gefahr gebracht, ohne mir dessen überhaupt bewusst zu sein. Solche Dinge zu erleben, macht etwas mit einem. Du… bist aktuell mein Hauptsorgengrund neben Helen. Immer willst du mit dem Kopf durch die Wand, immer bist du überall die erste. Ich erkenne deinen Enthusiasmus an, das tue ich wirklich, aber es ist derselbe unüberlegte Aktionismus, aus dem deine Bereitschaft erwachsen ist, Helen anzugreifen und Jared an den Lippen zu hängen. Du musst lernen nachzudenken, bevor du handelst. Die Konsequenzen deiner Taten müssen dir vorher bewusst werden, nicht hinterher, wenn es zu spät ist. Ich kann die Drachen hier beschützen, solange ich Vorsteher dieses Reservats bin. Aber du wirst möglicherweise nie zum Drachen werden und in absehbarer Zeit in die Welt dort draußen zurückkehren. Um sich zu beweisen, muss man sich zudem nicht immer in Gefahr bringen oder auf eine spektakuläre Gelegenheit warten. Das Leben ist kein Fantasyroman. Manchmal bedarf es eintöniger, harter Arbeit, um sich verdient zu machen.«

Fera wich seinem Blick aus, dann wurde ihr Gesicht hart. »Ich habe diese Entscheidung nicht Hals über Kopf getroffen, sondern weil ich es wirklich will. Ich will helfen! Allen Drachen, aber vorallem dem einen, dem ich schaden wollte und der mich trotzdem verschont hat. Und wenn Gitter zwischen uns sind, was soll dann noch passieren?«

Ian zögerte, bis Lao sagte: »Erlauben Sie uns beiden, uns zu beweisen?«

Er schloss die Augen und zählte innerlich bis zehn. »Nur, wenn Fera die ganze Zeit über in Sicherheit bleibt. Ihnen kann ich nichts vorschreiben, möchte aber noch einmal tunlichst davon abraten…«

»Habe ich zur Kenntnis genommen. Und nun schreiten wir zur Tat.«