Ian
Ian
Ian ärgerte sich furchtbar, als er in seiner Unterkunft saß und auf den Laptopbildschirm starrte, ohne wirklich etwas darauf zu sehen. Sein Blick war nach innen gerichtet. Er war frustriert darüber, dass diese kleine Gruppe von Menschen seinen Gast aus der Siedlung gedrängt hatte, die für sie alle bestimmt war. Aber am Meisten ärgerte er sich darüber, dass er selbst nichts dagegen tun konnte. Er war kein echter Alpha. Sie tanzten ihm auf der Nase herum, die Nicht-Wandler noch weitaus mehr als die Wandler. Während letztere meist friedlich miteinander auskamen, herrschte zwischen ersteren dauerhaft eine toxische, angespannte, von Misstrauen geprägte Atmosphäre. Was mache ich falsch? Oder ist die wichtigere Frage vielleicht: Was macht Henry anders? Was machen die Drachen richtig im Umgang miteinander?
Ian war davon überzeugt, dass das Band eine besondere Rolle im Sozialverhalten der Drachen spielte. Womöglich diente es dazu, ihren Zusammenhalt zu festigen und unnötigen Streit zu verhindern – eine Lebensnotwendigkeit bei derart gefährlichen Geschöpfen. Wenn Laetitia und Sajian das Band zueinander hatten, würde ihm das möglicherweise tiefere Einblicke in dieses Konstrukt gewähren. Aber noch war völlig unklar, ob es sich bei den beiden nicht einfach um verliebte Jugendliche handelte, die mit diesen neuen Gefühlen völlig überfordert waren und sie nicht einmal sich selbst gegenüber eingestehen wollten. Er hoffte, dass er keinen Fehler damit begangen hatte, sie zusammen im Paddock zu lassen. Aber Drachen waren nach ihrer ersten Verwandlung stark geschwächt – Sajian würde wohl kaum gleich wieder Gestalt annehmen können, und die Drachen außerhalb der Paddocks konnten nicht zu ihnen gelangen. Zumindest dahingehend hatten die Siedler Recht gehabt.
Ian glaubte, dass er noch keine Ruhe finden würde, und so trat er hinaus in die warme Abendluft. Hier, inmitten der Natur, fühlte er sich tatsächlich ausgesprochen wohl und geerdet, sodass er einen Spaziergang unternahm, um seine Gedanken zu ordnen. Der Weg führte ihn bis an den Zaun, der die Siedlung vom Reservat trennte – der Drachengrube , wie sie von den Nicht-Wandlern mit unzweifelhafter Verachtung genannt wurde. Er war nicht überrascht, keine Drachen zu sehen – sie hatten sich um diese Zeit vermutlich schon zum Schlafen niedergelegt.
Ian sah noch einmal nach Laetitia und Sajian, fand sie aber beide schlafend vor. Beim Hinaustreten bemerkte er, dass Ryou in seinem Paddock saß und in die Ferne schaute. Er beschloss, zu ihm zu gehen, betrat das Wohnareal und schließlich den Außenbereich – ohne Gitter zwischen ihnen. Der Frust des vergangenen Tages verlieh ihm den Mut der Verzweiflung, und er glaubte nicht, dass Ryou ihn angreifen würde.
Der Junge drehte sich nicht um, als er fragte: »So spät noch unterwegs, Alpha?«
Das Wort triggerte ihn unerwartet heftig. »Du weißt, dass du mich nicht so nennen sollst. Ich bin einfach Ian.« Und nicht im Entferntesten ein Alpha.
Ryou zuckte mit den Schultern. »Ein gewöhnlicher Mensch würde sich wohl kaum zu einem Drachen ins Paddock trauen.«
»Ich vertraue dir, weil ich dich von allen hier am Besten kenne.« Er ließ sich neben ihm nieder. Ryou warf einen Stein, den er vom Boden aufgehoben hatte, so von sich, dass er von den Gitterstäben abprallte. »Glaubst du, ich werde den Drachen in mir jemals kontrollieren können? Die anderen schaffen es ja auch nicht.«
»Und weil andere es nicht schaffen kannst du es auch nicht?«
»Du weißt genau, was ich meine!« Er klang nun ausgesprochen genervt. »Ich will endlich nicht mehr fremdbestimmt werden von diesem… Ding in mir! Du glaubst nicht, wie furchtbar es ist. Wie verwirrend. Wie konfus. Im einen Moment bin ich noch ich, so, wie ich immer war. Und dann, plötzlich, bin ich der Drache. Ohne zu wissen, wie mir geschieht und wann es aufhört. Ohne zu wissen, dass ich eigentlich ein Mensch bin. Ohne zu wissen, warum das passiert. Manchmal erinnere ich mich nicht einmal mehr daran, dass ich mich verwandelt habe. Und manchmal erinnere ich mich und finde es furchtbar. Es ist wie ein böser Traum. Man weiß nicht, dass man träumt, sondern existiert einfach für die Dauer des Traums und ist seinen Emotionen und seinem Instinkt hilflos ausgeliefert. Dinge, die vorher Sinn ergeben haben, ergeben keinen mehr. Irgendwann wache ich auf und bin völlig fertig, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Ich habe jede Minute Angst, dass es wieder passiert. Ich will einfach nur, dass… dass es aufhört.«
Ian fand es immer wieder interessant, Dinge aus der Sicht eines Drachen geschildert zu bekommen, aber gleichzeitig erkannte er, wie sehr Ryou litt. »Weißt du, ich glaube, genau das ist Teil des Problems. Uns allen wird von Kindesbeinen an eine gewisse Abneigung gegen Drachen anerzogen. Deshalb empfinden wir negative Gefühle uns selbst gegenüber, wenn in uns ein Drache erwacht. Das ist alles andere als gesund. Du musst lernen, den Drachen als Teil von dir zu akzeptieren und nicht als etwas zu sehen, das dich einschränkt. Vielleicht kannst du ihn dann kontrollieren. Es ist möglich, wie Henrys Drachen uns vorleben.«
»Ich habe es schon tausend Mal versucht«, fuhr er auf; die Verzweiflung war seiner Stimme deutlich anzuhören.
»Dann versuchst du es noch weitere tausend Mal. Ich werde nicht aufgeben, ein würdiger Alpha zu werden. Die Drachen hier brauchen mich. Wer soll sich sonst um sie kümmern? Wer würde nach mir kommen? Es gibt keine Alternative. Wir beide können es uns nicht leisten aufzugeben, dafür steht zu viel auf dem Spiel.«
»Was steht bei mir schon auf dem Spiel?«, fragte er missmutig und pflückte einen Grashalm, um ihn zu zerreißen.
»Das Wichtigste das du hast: Dein Leben.«
Ryou sah ihn an, wollte augenscheinlich etwas sagen, beließ es dann aber dabei und wandte den Kopf plötzlich zur Seite. »Da oben ist Oda.«
Ian folgte seinem Blick, und tatsächlich stand der großgewachsene Japaner dort vor dem Gitter, allein, wie immer. Er blickte stumm in die Ferne, wie von Sehnsucht getrieben. Zog es sie vielleicht beide hinaus, zu ihren Artgenossen? Sehnten sie sich nach Gesellschaft, einem Leben ohne Gitterstäbe?
»Er sieht immer so unglücklich aus. Wie wir alle«, äußerte Ryou. »Ich frage mich oft, was meine Eltern ohne mich machen. Sie waren immer so besorgt um mich, wollten das Allerbeste, aber hier her können nichtmal Helikoptereltern kommen. Es ist so… surreal. Ich glaube, ich habe es noch gar nicht richtig realisiert, dass mein ganzes Leben jetzt an diesem Ort stattfinden wird. Dieser ganz eigenen Welt innerhalb unserer Welt. Ich denke, das ist in Ordnung, aus mir wäre ohnehin nichts Vernünftiges geworden. Aber der Gedanke, meine Eltern nicht mehr wiederzusehen…«
»Ich werde alles dafür tun, dass du sie wiedersehen kannst. Vielleicht sollte ich sie einfach heimlich einladen«, sagte Ian bestimmt.
»Wenn es herauskommt werden sie dich ersetzen. Das will ich nicht.«
»Das ist dann wohl ein Kompliment aus deinem Mund.« Er lächelte.
Ryou zögerte plötzlich. »Ian? Wenn du ein Drache wärst, könntest du dich selbst leiden?«
Er atmete tief durch. »Ich schätze, ich würde es als naturgegeben ansehen und meinen Weg finden, damit umzugehen. Das müssen alle Menschen, nicht nur die, die zu Drachen werden. In der Pubertät ändert sich vieles, und bei weitem nicht alles finden die Betroffenen gut. Ich fand es damals erschreckend, wie sich meine Stimme plötzlich verändert hat. Und dass mir dieser Bartflaum gewachsen ist, an dem ich unwillkürlich immer gezupft habe. Es geschah einfach, ohne meine Zustimmung, und ließ sich nicht rückgängig machen. Das hat mich sehr verunsichert und dafür gesorgt, dass ich mich komplett infrage gestellt habe. Das, was du durchmachst, unterscheidet sich im Grunde nicht übermäßig von dem, was jeder in der Pubertät durchmacht – zugegebenermaßen wird nicht jeder eine große, furchteinflößende Echse mit Flügeln, aber man kann sich so ähnlich fühlen.« Er wartete geduldig auf eine Reaktion, aber es kam keine mehr. Stattdessen fragte Ryou irgendwann: »Glaubst du, Sajian wird sich kontrollieren? Mit Laetitias Hilfe?«
»Ich hoffe es. Sie schien zumindest dort draußen einen positiven Einfluss auf ihn zu haben, und er hat sie verteidigt. Sie haben ganz ohne Zweifel eine Verbindung, und ich werde versuchen, sie auszubauen. Das ist immerhin das, was Henry tut.«
»Du solltest vielleicht nicht das tun, was Henry tut. Es war sein Weg, zum Alpha zu werden. Deshalb ist es aber nicht gleich der richtige Weg für dich. Versuch etwas eigenes.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel… ach, keine Ahnung, einfach was anderes. Statt immer wieder diese Fragerei nach der Verwandlung, die mich frustriert, weil ich mich nicht erinnern kann, könnten wir mal zusammen nach draußen gehen. Ich hasse es hier drin, der Drache hasst es. Ich glaube, das ist mir heute klar geworden, als diese Gitter zwischen uns waren und die anderen mit den Speeren dort oben standen. Ich will weg aus dem Paddock. Ich will fliegen, ich will jagen, ich will mit anderen Drachen zusammenkommen – und ich weiß, das sollte ich nicht. Das ist etwas, das Tiere tun.«
»Nein. Es ist etwas, das Drachen tun. Ich… hatte nur bislang Angst um dich. Du bist so viel kleiner als die anderen. Wenn sie dich verletzen, und sei es nur aus Versehen, dann kann die Rückverwandlung das geschädigte Material vielleicht nicht vollständig ersetzen. Vielleicht ist genau das ja das Kernproblem: Der Drache in dir wird unterdrückt, innerlich durch deine Vorbehalte und äußerlich durch die Gitter. Stress lässt Drachen unkontrollierbar werden. Möglicherweise wird es tatsächlich besser, wenn du endlich frei bist.«
»Aber die anderen sind auch frei und können sich nicht kontrollieren«, warf er ein.
»Ihr Stressfaktor ist vielleicht ein anderer als bei dir. Morgen werde ich dich erst einmal mit Sajian vergesellschaften. Ich hoffe, er ist bis dahin wieder wach.« Ian erhob sich, als es dunkel wurde und die ersten Sterne am Himmel erschienen. »Ich gehe jetzt besser ins Bett, und das solltest du auch tun. Gute Nacht.«
»Gute Nacht, Al… ich meine, Ian.«