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Sajian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Sajian

Sajian träumte, aber es war kein angenehmer Traum. Er war wieder sechs oder sieben Jahre alt und in seiner alten Schule. Schon damals hatte er sich als Außenseiter gefühlt – nicht etwa, weil er als einziger asiatischstämmiger Junge anders aussah als alle seine Klassenkameraden. Das war für ihn in seinem kindlichen Glauben wie mit den Tieren im Zoo. Auch die sahen nicht alle gleich aus, obwohl sie ein und derselben Art angehörten. Sie konnten sogar eine ganz andere Farbe haben, wie Albinos oder auch ganz schwarze Exemplare. Er hatte diese besonderen Tiere immer gemocht, wie so viele Besucher. Unter Menschen war es aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht so, dass die besonders aussehenden Exemplare auch besonders beliebt waren. Er war der Nicht-Sohn, der Adoptierte aus einem fremden Land, den nur unverschämtes Glück in so ein privilegiertes Leben geführt hatte. Der mit dem Geldsack als Vater, den niemand leiden konnte und der auch mit keinem der anderen Eltern befreundet war. Er war derjenige, der wider Erwarten nicht auf eine Privatschule geschickt oder Zuhause unterrichtet wurde, sondern zu ihnen kam. Zu den gewöhnlichen Kindern.

Sajian war damit automatisch der, den sie alle aus Prinzip hassten. Sogar die Lehrer. Wenn er eine Frage stellte, war das grundsätzlich etwas Dummes, egal, wie dumm die Fragen der anderen waren. Er bekam schnippische Antworten von seinen Lehrern, ob er das denn nicht wissen müsste als jemand, der schon als Kleinkind so viel Bildung bezahlt bekommen hatte, von dem die normalen Kinder nur träumten. Bald fürchtete er sich vor der Schule, traute sich kaum noch, irgendetwas zu sagen. Er zeigte sich dennoch fröhlich, weil er merkte, dass es seine Unsicherheit erträglicher machte, eine schützende Fassade zwischen ihm und den anderen schuf und manchmal sogar seine Streitpartner um Worte verlegen werden ließ. Es war seine Verteidigung, die einzige, die er besaß. Er hatte sich seine Herkunft und seine Eltern nicht ausgesucht, und seine Eltern waren nicht so perfekt, wie alle zu glauben schienen. Das erkannte er schon früh. Sein Vater ging ständig auf irgendwelche Geschäftsreisen und war kaum für ihn da. Seine Mutter war  mit sich selbst beschäftigt, küsste ihn nie, obwohl er das so oft bei seinen Klassenkameraden und deren Müttern sah. Sie nahmen ihn irgendwann auch nicht mehr mit auf Urlaube, ließen ihn in den Ferien stattdessen Zuhause bei seinem Privatunterricht oder in Feriencamps, die eher wie Verwahrungsanstalten auf ihn wirkten. Aber das wollte niemand sehen. Das Recht, unglücklich zu sein oder sich einsam zu fühlen, hatten nur Kinder armer Eltern.

Sein Traum führte ihn zurück zu jener Badeanstalt, in der sie schwimmen lernen sollten. Sajian konnte schwimmen – glaubte er zumindest. Er hielt sich im Wasser oben, seit er sich erinnern konnte, und in einem Hotelpool, von dem er nicht mehr wusste, wo er gewesen war, hatte er viel Spaß damit gehabt, sich auszuprobieren. Wasser fühlte sich auf eine Art und Weise richtig für ihn an, die sich nur schwer beschreiben ließ. Er hatte zwar anfängliche Probleme mit der Fortbewegung gehabt, die ihn aber nicht davon abhielten, es weiter zu versuchen. Sajian stützte sich im flachen Wasser mit den Armen am Boden ab und paddelte mit den Beinen, versuchte immer wieder den Grund loszulassen, bis er schließlich ein ganzes Stück ohne Stütze geschwommen war. Das war ihm auch ohne elterliches Lob ein riesiger Ansporn. Er schwamm, nun auch längere Strecken mit Bewegungen, die denen von richtigen Schwimmern ähnelten. Es konnte also nicht so falsch sein, was er da tat. Es wurde zu seiner Lieblingsbeschäftigung, seine Fähigkeiten zu verbessern und Dinge zu lernen.

Aus diesem Grund hatte er sich auch im offiziellen Schwimmunterricht seiner Schule auf die Frage hin gemeldet, wer schon ein wenig Schwimmen konnte und sich verbessern wollte. Bei den Nichtschwimmern sah er sich definitiv nicht mehr, aber er wollte lieber etwas mehr angeleitet werden. In seiner Gruppe waren nur wenige aus seiner Klasse. Vielleicht hatte er so gleich die Chance, Freunde zu finden, oder zumindest Gleichaltrige, mit denen er gut auskam. Vielleicht würde er sich den anderen gegenüber sogar beweisen können und bewundert werden.

Doch es kam wie immer anders, als ob die Welt sich dazu entschieden hätte, alle seine Hoffnungen zunichte zu machen. Es gab keine richtigen Schwimmübungen, sondern seltsame Unterrichtseinheiten, bei denen getanzt wurde, sie sich auf Schwimmbrettern von A nach B treiben lassen sollten oder einfach nur frei im knietiefen Wasser herumhüpften, ohne dass ihnen jemand irgendetwas zeigte. Sajian begriff den Sinn des Ganzen nicht, erst recht, warum er von ihrem Lehrer im Anschluss an diese Einheiten als Nichtschwimmer eingestuft wurde, obwohl er gar nicht die Möglichkeit bekommen hatte, seine Fähigkeiten zu zeigen. Daraufhin musste er die Gruppe wechseln, und mit den dortigen Kindern kam er überhaupt nicht zurecht. Es gab sogar noch weniger Anleitung durch eine Lehrkraft als vorher, und alle spielten im Grunde nur im Wasser. Jegliche Schwimmübungen, die er dort selbst zu machen versuchte, wurden durch das ungerichtete Herumzappeln und Spielen der anderen im Wasser zunichte gemacht. Anfangs hatte es noch geheißen, es gäbe keine Noten, am Ende erhielten sie dann aber doch welche. Sajian hatte ein F, das er sich genauso wenig erklären konnte wie die Note von Mauro, die um eins besser war, obwohl er wie die anderen die ganze Zeit nur herumgeplanscht hatte. Für Sajian brach eine Welt zusammen. Er war strebsam und hatte sich gefreut auf ein Fach, in dem er sich gut glaubte. Wie konnte er sich so verschätzen? Die Lehrer waren ihm keine Hilfe, behaupteten alle, sie seien eine schlechte Klasse gewesen – die schlechteste, die sie bis dato hatten –, ohne zu erklären, was nun genau das Problem war. Sajian hatte die Motivation am Schwimmen völlig verloren und war für die nächste Zeit am Beckenrand geblieben, wenn die Schule einen Ausflug ins Bad machte. Das war schwer. Wasser übte weiterhin eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Er wusste nicht, warum er sich an einem Spätfrühlingstag zum See außerhalb der Stadt gewagt hatte. Vielleicht war es die Abgeschiedenheit, vielleicht sein tiefes Verlangen. Da war er elf oder zwölf gewesen. Glückshormone hatten seinen Körper geflutet, und er schwamm wieder wie zuvor, besser sogar, obwohl er so lange nicht geübt hatte. Wie konnte das sein?

Nun war er wieder der kleine Sajian, dem zum Heulen zumute war aufgrund der schlechten Benotung bei etwas, das ihm bis zu dem Zeitpunkt großen Spaß gemacht hatte. Der völlig verunsichert war. Er zitterte, und dabei schien sich sein Körper zu verändern. Schuppen sprossen überall aus ihm heraus und veränderten ihn auf eine Weise, die ihn noch mehr von den anderen abhob. Warum musste ihm das passieren? Warum konnte er nicht so sein wie alle anderen? Warum verstand er den gesellschaftlichen Code nicht, den offenbar alle anderen kannten und der sie so gut miteinander auskommen ließ? Er hatte doch nichts Falsches getan!

Sajian schrie vor Verzweiflung, wälzte sich herum, spürte eine Wand im Rücken und setzte sich ruckartig auf.

Schwer atmend blickte er sich um – es war stockfinster, nur wenige Sterne schienen durch ein Oberlicht im gewölbten Dach. Wo um alles in der Welt war er? Definitiv nicht Zuhause. Waren schon wieder Ferien und er in einem Lager, damit seine Eltern ungestört arbeiten oder Geschäftsreisen machen konnten?

Er erschrak heftig, als er bemerkte, dass noch jemand bei ihm war. »Sajian?«

Sajian kannte diese Stimme, wusste sie aber im ersten Moment nicht einzuordnen. »Laet…?«, fragte er mit überraschend kratziger Stimme, die gar nicht nach ihm selbst klang.

»Laetitia«, verbesserte sie ihn, dann schaltete sie ein gedimmtes Licht ein, das ihn blinzeln ließ. »Kannst du dich an irgendetwas von dem erinnern, das heute passiert ist?«

Erinnern? Sie waren im Spaßbad gewesen, mit der Schule, und dann… dann fehlte ihm ein Stück, wie er verblüfft feststellte. »Was, äh, ist passiert? Wo sind wir hier?«

»Wir waren bei einem Schulausflug im Spaßbad«, begann sie zu erklären und wirkte dabei, als sei ihr äußerst unbehaglich zumute. »Sajian, du musst mir jetzt glauben, was ich dir sage, denn es ist die Wahrheit, auch wenn es schwer zu verdauen sein wird: Du hast dort Drachengestalt angenommen. Es wurde jemand aus dem Shenandoah-Drachenreservat geschickt, um dich zu holen. Dort befinden wir uns gerade, und ich bin mitgekommen, um mein Schulprojekt zu beginnen.«

Sajian hörte ihre Worte, aber sie ergaben erst nach und nach Sinn in seinem schlaftrunkenen Hirn. »Ein… ein Drache? Ich?« War das etwa der Grund für die merkwürdigen Schuppen an seinem Körper? Hatten die Ärzte sich geirrt mit ihrer Diagnose? Er rieb sich übers Gesicht. »Mein Kopf ist gerade ganz konfus… tut mir Leid.«

»Gut, du kannst also doch noch in ganzen Sätzen sprechen«, erwiderte sie trocken.

Sajian starrte sie an. Eine so zynische Bemerkung hätte er von ihr nicht erwartet. Sie war immer so reserviert, sagte nie etwas Schlechtes über andere, was ihm gefiel. »Was?«, fragte sie, als er sie weiterhin anstarrte.

»Ach nichts. Du hast mir nur gerade gesagt, dass ich ein Drache bin, in einem Reservat sitze und mein ganzes Leben auf dem Kopf steht. Entschuldige, dass ich da etwas um Worte verlegen bin.«

Ihr Gesicht glättete sich verschämt. »Entschuldige. Die Wahrheit ist, ich… fühle mich aktuell auch kaum noch wie ich selbst. Immerhin stand ich dir in deiner Drachengestalt gegenüber, ganz allein. Ich dachte aus irgendeinem irrationalen Grund, dass ich die einzige Person bin, die verhindern kann, dass alles eskaliert. Du hättest die panischen Gesichter von allen sehen sollen. Ich war die einzige, die keine Panik hatte – warum auch immer.«

»Du hast dich mir allein entgegengestellt, als ich ein Drache war? Wie mutig von dir«, sagte er anerkennend. Die Gesichter der anderen hätte er zu gern gesehen.

»Ich wollte dich schützen, nicht als Held dastehen«, gab sie zurück.

»Das hab ich auch nicht behauptet. Ich hätte mich ganz sicher keinem Drachen in den Weg gestellt, wenn ich du gewesen wäre. Ich hätte meine Beine in die Hand genommen und wäre gerannt, bis sie mir abfallen.«

Sie verzog das Gesicht zu einem Grinsen. »Beine oder Hände?«

»Eins von beidem, such dir was aus.« Er sah sich um, fühlte sich mit ihrem Lächeln wieder in seiner vertrauten Rolle, die ihm Sicherheit gab. »Was ist das für ein Raum?«

»Eine künstliche Höhle, deine zeitweilige Unterkunft. Hier bringen sie die Wandler hin, bevor sie mit den anderen Drachen vergesellschaftet werden. Ian McCord ist der Reservatsvorsteher, ein Unterstützer von Henry Gilfordts Arbeit. Ich denke, du bist hier in Sicherheit.« Sie klang nicht vollends überzeugt davon, und das fachte seine Angst erneut an.

»War Ian McCord nicht der, der gemeinsame Sache mit diesem korrupten Klinikvorstand gemacht hat? Ging um Drachenblut und -organe, die schwarz verkauft wurden«, erwiderte Sajian.

»Das war Teil der Diskreditierungskampagne, mit der der Vorstand Spuren verwischen wollte. Ian hat nur in der betreffenden Klinik gearbeitet und wusste wie andere Ärzte nichts davon. Er hat gekündigt, als es herauskam, und das Reservat übernommen.«

»Du bist dir da ja anscheinend sehr sicher«, murrte Sajian.

Sie wirkte kurz wie um Worte verlegen. »Ich habe viel über den Vorfall recherchiert und Gilfordts Buch gelesen. Er wäre keine Kollaboration mit Ian eingegangen, wenn er an ihm gezweifelt hätte.«

»Du kennst diesen Ian nicht, und diesen Gilfordt auch nicht, obwohl alle Welt in ihm plötzlich einen Helden sieht, der für die Unterdrückten einsteht. Lass uns bitte vorsichtig sein, bis wir hier wieder draußen sind.«

»Du, ähm, kommst hier nicht wieder raus«, erinnerte sie ihn.

Er seufzte. »Mein Vater kann mich überall rausholen. Er hat sogar Kontakte zur Regierung und fliegt in internationalen Flugverbotszonen. Ist so ein bisschen sein Ding – Sachen tun, die andere aus guten Gründen nicht dürfen. Ich mache mir keinerlei Illusion, dass er mich auch hier wieder rausboxt. Irgendwie.«

»Du bist dir da ja anscheinend sehr sicher«, wiederholte nun sie seine Worte. Er klang in ihren Ohren vermutlich gerade wie der selbstgefällige Sohn reicher Eltern, der keinerlei Konsequenzen für irgendwas zu fürchten hatte, weil er sich überall freikaufen konnte. Dabei wünschte Sajian sich tatsächlich, dass sein Vater irgendwann mal an eine Grenze stieß, die er nicht überwinden konnte. Mit Geld konnte man laut seiner Aussage alles kaufen, auch Rechte. Sajian streifte unweigerlich der Gedanke, wie er dort draußen nach dem Vorfall überhaupt weiterleben sollte. All seine Klassenkameraden hatten ihn anscheinend gesehen, wenn er sich mitten im Bad verwandelt hatte, und die Lehrer, die dabei waren, samt dem Badepersonal. Die Geschichte musste längst die Runde in der ganzen Stadt gemacht haben. Konnten seine Eltern alle Zeugen wirklich zum Schweigen bringen und dazu so zu tun, als sei nie etwas passiert? Oder würden sie wegziehen, an einen anderen Ort, wo sie niemand kannte? Vielleicht sogar nach Kanada, ins Land der deutlich lascheren Drachengesetze?

Er sah Laetitia an, beschloss, das Thema nicht weiter zu vertiefen, denn es deprimierte ihn zu sehr. So direkt und redselig hatte er sie in ihrer gesamten gemeinsamen Schulzeit noch nicht erlebt. Das machte ihm fast noch mehr Angst als der Umstand, ein Drache zu sein. »Lass uns schlafen, es ist noch mitten in der Nacht. Ich glaube nicht, dass ich mich gleich wieder verwandeln kann. Ich fühle mich so, als bräuchte ich eine Woche Schlaf, um wieder richtig wach zu werden.«

»Einverstanden«, sagte sie und legte sich wieder hin, doch keiner von ihnen fand in dieser Nacht erholsamen Schlaf, sondern nur eine Zwischenstufe aus Schlafen und Wachen bis zum Morgengrauen.