LNCrawler

Kapitel

Forbidden Blood — www.fanfiktion.de · All chapters

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Ein Rauschen war zu vernehmen. Lestat zitterte am ganzen Körper. Wie bereits seit Wochen zuckte er zusammen, wenn er aus der Tagesstarre erwachte. Es schoss durch seinen ganzen Körper. Er lebte und doch war er tot. Langsam aber sicher füllte sich jede seiner Gliedmaßen mit Leben. Die knochigen Finger knackten bedrohlich, als er diese bewegte. Was um ihn herum einst alles verschwommen war, wurde wieder klarer. Er konnte den kalten, feuchten Boden unter sich spüren, das von der Witterung zerstörte Laub ließ ihn erschaudern. Es war dunkel. Die Ruinen des Friedhofs erhoben sich aus der tiefen Dunkelheit und wurden nur vom Mondlicht mit seinen Makeln und Brüchen abgezeichnet. Dazu dieser modrige Gestank, bei dem er nicht definieren konnte, ob er es selbst oder ob es die frischen Toten waren. Wie in jeder Nacht konnte er trotz Dunkelheit alles klar und deutlich sehen. Es dauerte einen Moment, bis er sich erhob und den Schmutz von seinen Klamotten klopfte. Seit seiner Verwandlung war er ganz auf sich allein gestellt, zumindest konnte er diesem Vampir entwischen, der ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Im Moment interessierte ihn allerdings nur eines: Sein Durst. Sein Nacken knackte, als er seinen Kopf drehte und sich aus der Totenstarre löste. Einer der vielen Nachteile als Geschöpf der Nacht. Als all seine Knochen sortiert waren, machte er sich auf den Weg in die Zivilisation. Mit seinem feinen Zwirn sollte er nicht allzu sehr auffallen. Die Schritte, die er mit seinen Stiefeln machte, schmatzten nur so im Matsch, durch den er sich fortbewegte. Am Ende des Friedhofs kamen ihm zwei Herren entgegen, die entweder spazieren gingen oder sich um die Toten gekümmert hatten. Lestat versteckte sich gekonnt hinter einer der Säulen eines kleinen Mausoleums bis sie vorbeigezogen waren. Er wollte sich noch nicht zu oft den Menschen nähern, ehe er seinen Durst und seine Instinkte nicht unter Kontrolle hatte.

Seine Schritte führten ihn in das nächste Dorf. In den Schenken brannte noch Licht und waren von Gelächter und Musik durchflutet. Der Pöbel, wie seine Eltern es früher zu nennen pflegten. Doch unter ihnen war die ein oder andere Person, betrunken genug, um an ihnen seinen Durst zu stillen. In seinem Kopf schien er für einen Moment eine Stimme zu hören, die ihm gewaltig davon abriet, einen Gast mit Brandwein im Blut seines Lebenselixiers zu berauben. Leicht verbittert über dieses Ereignis ging er vom Fenster weg und lief weiter. Doch sollte er doch bald fündig werden, als er vereinzelte Frauen am Straßenrand stehen sah, die ihn zu betören versuchten. 'Betrunken wirken sie nicht gerade auf mich. Ich glaube ich bin fündig geworden.' Da war auch schon eine Dame, vollbusig mit dicht gelocktem rotem Haar. Ihre geröteten Wangen ließen ihm einfach keine andere Wahl. Langsam näherte er sich der besagten Frau, die ihn bereits liebäugelte. "Es ist ziemlich spät für eine Schönheit wie dich", raunte er, als er sich ihr näherte. "So schmuck und ohne Begleitung? Ihr müsst einsam sein", erwiderte sie mit einem verführerischen Grinsen. "Dem könnte ich Abhilfe schaffen." Der Jüngling lächelte leicht, sodass man seine Zähne nicht sah. "Wie könnte ich solch ein Angebot ausschlagen?" Die junge Frau wollte sich schon bei ihm einhaken, doch war er es, der sie am Arm mit sich in die nächstgelegene Seitengasse zwischen zwei Häusern zog. Angekommen drückte er sie leicht gegen eine der Hauswände, die knochigen Hände an ihre Wangen gelegt. Seine Augen glitzerten begierig. Sie, die noch nichts von ihrem Schicksal ahnte, gab sich ihm hin, doch war er es, der ihr plötzlich den Mund zuhielt und seine Zähne in ihren Hals vergrub. Ihre erstickten Schreie waren nicht zu hören und es schien, dass er mit jedem Zug stärker wurde. Er konnte ihr Herz schlagen hören wie eine schnelle Pauke, die immer langsamer wurde. Bevor sie zu schwach wurde ließ er von ihr ab und wischte sich das Blut vom Mund, während sie zusammensackte. Ihre Augen waren halb geschlossen und schwach sah sie ihn an. Er legte einen Finger an ihre Lippen. "Du bist betrunken", säuselte er. Mit diesen Worten ließ er endgültig von ihr ab und verschwand in der Nacht.

Der Durst war vorübergehend gestillt, jetzt musste er wohl oder übel weiterziehen. Dieses Dorf würde ihm nicht jede Nacht eine Chance bieten, seine Gier zu stillen. Er ging einige Schritte als ihm eine Kutsche auffiel, die an ihm vorbeizog. Wo eine Kutsche war, gab es Adelige und wo die waren, da gab es oftmals ein Fest. Er beschloss, ihr zu folgen in der Hoffnung auf die nächstgelegene Stadt. Tatsächlich sollte er nach zwei Stunden fündig werden, das auffällige Kopfsteinpflaster war nicht zu übersehen. Immer mehr Kutschen kamen aus verschiedenen Richtungen hinzu, dunkel, edel, manche auch nur einfach gemacht. Lestat hielt es für das beste, sich weiterhin im Dunkeln aufzuhalten, unbemerkt das Geschehen zu beobachten. Es stiegen viele Adelige aus und viele stiegen in Kutschen mit fragwürdigen Damen. Auch wenn er es früher gehasst hatte, wenn er mit seinen Eltern zu solchen Festen musste, war es doch noch das Einzige, was er von seinem früheren Dasein kannte. Und wenn er Frischfleisch brauchte, fand er es nur hier. Sein Herz machte einen riesigen Satz, als plötzlich dicht an ihm eine Kutsche vorbeieilte, rabenschwarzes Holz und dunkelvioletter Samt im Innenbereich. Hinten befand sich ein Wappen der Adelsfamilie, das ihm aber nichts sagte. Vielleicht war es eine Gastfamilie aus einem anderen Land. Ebenso Eindruck schindeten die vier Rappen, die das Gefährt zogen. Der Kutscher stieg ab und öffnete die Tür der Kutsche, die Hand nach innen haltend. Erwidert wurde sie von einer zierlichen Hand. Aus der Kutsche selbst stieg eine junge Frau mit bleicher Haut, fast schon wie aus Porzellan. Sie trug keine Perücke wie die anderen Adeligen, die er kannte, sondern hatte ihr hellblondes Haar zurückgesteckt. Nur wenige neckische Strähnen hatten sich herausgewagt und umspielten ihr schmales, puppenhaftes Gesicht. Für einen Ball war sie sehr hell gekleidet, trug sie ein hellblaues Kleid mit passendem Umhang. Die Ärmel waren nicht im typischen Barock gehalten, sondern wurden blattförmig enger. Fast wäre er aus seinem Versteck gefallen, lehnte er sich doch zu weit nach vorne, um besser zu sehen. 'Seltsam. Sie muss wirklich aus einem anderen Land stammen. Niemand würde sich anmaßen, sich zu so einem Ball so hell zu kleiden.' Weiter sollte er allerdings nicht kommen, entdeckten ihn die ersten Männer. Ehe er auffiel und eine Blamage riskierte, zog er sich zurück und machte sich auf den Rückweg. In diesem Moment war es besser, nicht aufzufallen.

Allmählich verfluchte er seinen Erzeuger, dass er ihn zu dem Monster gemacht hatte, das er nun war. Aber was blieb ihn schon von seinem Leben? Seine Eltern hatten ihn verabscheut, er war immer das schwarze Schaf der Familie. Er hätte ihn lieber töten sollen als ihn diesem Leidensweg, der Unendlichkeit auszusetzen.  Und dank seiner verschärften Sehkraft hatte er sich zu allem Überfluss jedes Detail, das er aus der Ferne beobachtet hatte, eingeprägt. So fiel ihm jetzt auch auf, dass sie nicht wie die anderen gepudert war oder ein Mal trug. Ihre Haut war so wie sie war und doch anders. Keine Frau, die er bis jetzt kannte, war mit solch einer zarten, empfindlichen Haut gesegnet. Was hätten nicht viele Damen dafür gegeben? Auch die Damen und Herren, die aus den anderen Kutschen stiegen, wirkten so seltsam. Als ob sie etwas an sich hatten, was ihm an der Gesellschaft noch nie aufgefallen war. Die Welt war wirklich nicht mehr so, wie er sie in Erinnerung hatte. Er gab seinen verbesserten Sinnen die Schuld, dass er alles anders wahrnahm. Er war froh, als er endlich den Friedhof erreicht hatte. Es würde nichts bringen, wenn er ständig die zwei Stunden Fußmarsch auf sich nahm nur um in die Stadt zu kommen. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen, aber jetzt war er sicher, wo er sich aufhielt. Hier würde ihn niemand stören, auch wenn die Gesellschaft der Toten nicht gerade sein Umgang war. Es ekelte ihn an, sich zu ihnen in die Gräber legen zu müssen, um der Sonne zu entkommen. "Bah! Widerlich!" Mit einer groben Bewegung warf er eine Tote aus ihrem Sarg und legte sich hin. Der Tag würde bald anbrechen. Er seufzte noch einmal, dann schloss er den schweren Steindeckel. Womit hatte er das verdient?