Kapitel
Kapitel
Valeria konnte es kaum erwarten, bis die nächste Nacht hereinbrach. Sie und ihre Schwester machten sich fertig für das Fest. "Ich kann es kaum erwarten", hauchte die Blondine und lächelte ihre Schwester an. Diese wirkte tatsächlich nervös.
"Und ich erst ... Ich hoffe nur, dass ich es nicht vermassel ..."
Sie ging zu ihr rüber. "Hey, du bist so eine tolle Frau! Ganz Frankreich würde Schlange stehen, nur dass du ihre Frau wirst!", munterte sie sie auf. Helena lächelte nervös. "Ja, nur dass jetzt wirklich ganz Frankreich von mir abhängen wird."
Das Korsett zugeschnürt bis nichts mehr ging, Lage um Lage angezogen und die Haare kunstvoll hochgesteckt, waren sie bereit, der Feier beizuwohnen. Ihre Mutter klopfte an die Tür und trat ein. "Seid ihr soweit?"
Wieder dieses fast schon desinteressierte Gesicht. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt mit ihnen sprach.
Helena lächelte und nickte. "Ja, wir sind soweit, Mutter."
Der Hausvorstand erschien hinter ihr. "Es wird Zeit."
Der Saal war hell erleuchtet und gefüllt mit vielen Adeligen, darunter auch Alexander, der ein Auge auf Valeria geworfen hatte.
Gekleidet in ein hellblaues Kleid, leicht wie eine Feder. Sie schwebte förmlich die Treppe hinunter.
Die Haare waren hochgesteckt, jedoch hatten sich ein paar widerspenstige Strähnen in Locken runtergeschmuggelt. Es stand ihr. Ihr Gesicht war so zart wie eine Porzellanpuppe.
Sie hatte so viel von ihrer Mutter geerbt. Helena hingegen trug einen Traum in einem zarten Rosé, was ihr aber nicht sonderlich schmeichelte. Sicherlich würde der Hausvorstand meckern, wenn sie sie musterte. Aber sie konnte einem Leid tun. Sie musste seinen kleinen Bruder heiraten und brav Schoßhündchen spielen.
Marielle hatte ihre puppenhafte Gestalt in ein fliederfarbenes Kleid gehüllt, dessen Ärmel und Dekolleté mit weißer Spitze verziert waren. Das Haar trug sie offen, was für solche Veranstaltungen eher unüblich war, doch es schien, als würde sie das nicht kümmern.
Sobald er sah, dass die beiden Schwestern alleine gelassen wurden, stieß sich der Braunhaarige von der Wand ab und ging edlen Schrittes auf die beiden zu. "Guten Abend, die Damen", raunte er mit einem charmanten Lächeln. Doch Helena war viel zu nervös, als dass sie es verstecken konnte.
"Uff, entschuldigt mich", raunte sie und eilte an die frische Luft.
Valeria war nun allein mit ihm.
"Oh, ich hoffe das Blut war nicht Schuld daran. Manchen bekommt der Geschmack von lieblicher Jungfrau nicht", meinte er gespielt besorgt und sah ihr nach, dann wieder zu der Blondine.
"Aber das gibt mir die Gelegenheit, mich mal wieder alleine mit dir zu unterhalten."
Er lächelte sie an. "Du bist groß geworden."
Sie kicherte. "Ich kann ja auch nicht ewig so klein bleiben."
"Und ich kann nicht so gut mit Kindern. Mit jungen Frauen kenne ich mich eher aus."
Seine Finger strichen ihr sanft eine widerspenstige Strähne hinters Ohr.
"Du hast mir gestern von Reisen erzählt. Was hast du all die Jahre gemacht?", wollte Valeria wissen.
"Ich war im Auftrag des Kaisers unterwegs zu anderen Ländern. Unserem Verbündeten Spanien, Portugal, Deutschland, Österreich ... Aber am liebsten war ich tatsächlich auf Corsica. Eine Insel mitten im Meer, umgeben von einer unsagbaren Schönheit."
Ihre Augen leuchteten förmlich, als sie ihm zuhörte. "Das muss traumhaft sein."
Alexander lächelte müde. "Das ist es, aber schöner wäre es mit einer Begleitung."
"Ich wünschte, ich könnte sie alle besuchen", seufzte die Blondine. "Auch Mutters Geburtsort bei Tag ..."
"Weißt du ... Das lässt sich einrichten ..."
Er nahm ihre Hand und sah sie charmant an.
"Ich habe keine Frau gefunden, die meinen Ansprüchen gerecht wird. Zumindest bis jetzt ... Und du bist nicht verheiratet. Noch nicht."
Sie zog langsam ihre Hand aus seinem Griff.
"Ich denke darüber nach", erwiderte sie, doch da kam auch schon ihre Mutter an.
"Valeria, such deine Schwester! Alain wird bald die Gäste begrüßen", wandte sie ein und sah dann Alexander böse an.
Sie widersprach nicht und machte sich auf die Suche nach ihr, konnte aber ihre Worte an ihren Onkel nicht überhören.
"Du hattest beim letzten Mal wohl Sellerie in den Ohren, also werde ich mich nochmals wiederholen: Du lässt gefälligst die Finger von meiner Tochter!", zischte sie und funkelte ihn böse an.
Doch er schmunzelte nur provokant. "Und was, wenn sie freiwillig mit mir gehen würde?"
"Sie ist nicht dumm und lässt sich auch nicht so leicht um den Finger wickeln! Aber ich will dich nicht noch einmal mit ihr sprechen sehen!"
"Und was, wenn sie zu mir kommt und mit mir sprechen möchte?"
Eine Ohrfeige hallte durch den Saal. Alexander hielt sich die Wange.
"Hab ich mich klar genug ausgedrückt?", zischte sie.
"Das wirst du noch bereuen, du Schlampe", knurrte er leise.
Doch sie drehte sich um und ging davon.
Valeria eilte nach draußen, um nicht von ihrer Mutter entdeckt zu werden.
Helena kämpfte mit ihrer Übelkeit. Letztendlich beugte sie sich über das Geländer und übergab sich.
"Hier bist du. Mama möchte, dass du reinkommst", meinte die Blondine.
Ihre Schwester wischte sich den Mund mit ihrem Taschentuch ab. "Oh Gott, wie peinlich ... Ich hoffe, dass er das nicht riecht ..."
Die Blondine wurde auf einen Duft aufmerksam und ging die Treppe runter. Ein Pfefferminzbusch wuchs am Fuße der Treppe.
Sie zupfte zwei Blätter ab und hielt sie ihrer Schwester hin. "Damit sollte es ihm nicht mehr auffallen."
Widerwillig nahm Helena die Blätter und zerkaute sie. Sie hasste den Geruch, doch in diesem Fall rettete es die Situation.
"So, lass uns reingehen. Es wird Zeit, dass du mit deinem zukünftigen Mann tanzt", meinte sie aufmunternd und hakte sich bei ihr ein.
So viele Leute waren da und eine Mischung aus Stimmengewirr, Streichmusik und klirrenden Gläsern erfüllte den Raum. Und da war Alain, am oberen Fuße der Treppe und räusperte sich. Langsam wurden die Musik und das Stimmengewirr leiser.
"Meine Damen und Herren, werte Ladies, werte Lords. Ich danke euch allen für euer zahlreiches Erscheinen zu diesem Fest. Die letzten Monate haben uns vor Herausforderungen gestellt, doch nun können wir wieder aufatmen. Frankreich ist stark und sicher und wird es auch lange bleiben."
Er erhob sein Glas. "Auf die Nacht! Auf Frankreich!" "Auf Frankreich!", erwiderten die Gäste und tranken von ihrem Glas. "Nun denn: Genießt die Nacht!" Mit diesen Worten gab er der Band ein Zeichen, dass sie spielen sollten und beim Runtergehen entdeckte er Helena und Valeria und ging lächelnd auf sie zu.
"Guten Abend, meine Damen. Es ist schön, dass ihr hier seid", raunte er mit einem warmen Lächeln, während Helena zur Begrüßung einen Knicks machte. "Guten Abend, Majestät. Und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag."
"Ich danke dir, Helena", erwiderte er lächelnd und sah dann zu Valeria.
"Auch von mir herzlichen Glückwunsch", raunte sie mit einem sanften Lächeln.
"Nun, es ist mein Geburtstag aber ich würde euch beiden gerne eine Freude machen. Welche Farbe liebt ihr an Rosen?"
"Oh, ich liebe weiße Rosen", hauchte ihre Schwester mit einem nervösen Lächeln.
Sein Blick fiel erwartungsvoll auf Valeria, die grinste.
"Ich fühle mich geehrt, Hoheit, jedoch glaube ich kaum, dass in eurem Garten die Rosen wachsen, die mir gefallen. Ich liebe blaue Rosen."
Sie spürte, wie Helena ihr gegen das Bein trat, doch das war ihr egal.
Es war ihr Onkel und für sie würde er es immer bleiben.
Alain grinste verschwörerisch. "Was bekomme ich, wenn dem doch so ist?"
"Meinen ersten Tanz", erwiderte sie grinsend.
Er lachte. "Du bist hartnäckig, aber das bin ich auch. Ich bin gleich wieder da, die Damen."
Der Kaiser lächelte den beiden zu, ehe er in der Menge verschwand.
"Bist du von allen guten Geistern verlassen?!", zischte Helena.
"Du sprichst mit dem Kaiser!"
"Ich wollte doch nur die Stimmung auflockern", erwiderte die Blondine unschuldig grinsend.
"Echt! Mit dir kann man sich nirgends sehen lassen!", stöhnte ihre Schwester kopfschüttelnd.
Tatsächlich tauchte der Kaiser mit zwei Rosensträußen zurück.
In der einen Hand weiße Rosen, in der andere blaue.
Valeria grinste, als sie sein breites Grinsen bemerkte.
"Ich habe nach den schönsten Rosen in meinem Garten Ausschau gehalten", meinte er und überreichte Helena die weißen Rosen.
Diese wurde verlegen. "Danke, eure Majestät", hauchte sie und wurde rosa.
Dann wandte er sich grinsend an Valeria.
"Und du schuldest mir einen Tanz", feixte er und überreichte ihr den Strauß blaue Rosen.
Sie sog ihren Duft ein und lächelte. "Danke, eure Hoheit. Das kann ich euch wohl kaum abschlagen."
Er verbeugte sich vor ihr und hielt ihr seine Hand hin. "Darf ich bitten?"
Valeria sah zu Helena, als wollte sie sie um Erlaubnis fragen, doch sie nickte mit dem Kopf nur in seine Richtung, als wolle sie sagen, dass sie ihr Versprechen einhalten sollte.
Also nahm sie seine Hand und ließ sich von ihm auf die Tanzfläche ziehen.
Sie steckte die Rosen in eine leere Vase in der Nähe, bevor sie nah vor Alain stand und ihn anlächelte.
Sein Griff um ihre Hüfte war sanft und doch bestimmt.
Das Lied begann und sie ließ sich von ihm führen. Es war schier unmöglich, aus der Reihe zu tanzen, denn sein Griff war fest genug, um sie zu lenken und doch sanft genug, um sie nicht zu verletzen.
Sie sahen einander lächelnd in die Augen und sie genoss es richtig, mit ihm zu tanzen.
Vergessen war Lestat und alles, was in den letzten Monaten passiert war. Mit ihm war alles so leicht, bei ihm fühlte sie sich geborgen.
"Du trittst mir ja gar nicht mehr auf die Füße", raunte er ihr mit einem Grinsen zu.
"Du hast die Situation ja auch unter Kontrolle", scherzte sie leise.
Es war, als würden sie durch den Saal gleiten, schweben, als wäre nichts mehr da außer der Musik und ihnen beiden.
Doch als das Lied vorbei war, verbeugten sie sich voreinander.
Man sah es Alain an, dass es ihm schwerfiel, sie gehen zu lassen.
Er kehrte mit ihr zu Helena zurück und bat sie um den nächsten Tanz.
Valeria nahm ihr die Rosen ab und sah ihnen lächelnd hinterher.
Doch sie spürte etwas in sich, das sich wie Unbehagen anfühlte. Wie eine Sehnsucht.
Hinter sich konnte sie Alexander spüren, der ihr ins Ohr raunte: "Hast du Lust auf eine richtige Feier? Dagegen ist das hier der reinste Schnarchverein." Verwundert drehte sie sich zu ihm um und sah ihn an.
Er grinste. "Wusste ich es doch. Komm mit."
Sie stellte die Rosen in eine weitere, leere Vase, bevor sie sich an der Hand von ihm mitziehen ließ.
Es war ein Anlegerhaus am Rhein, das zum Palast gehörte. Dort waren ebenfalls Menschen, jedoch ging es weitaus fröhlicher und weniger formell zu.
Er hielt ihr eine Spitzenmaske hin. "Setz die auf."
Valeria setzte sie auf wie geheißen, während er ebenfalls eine Maske aufsetzte und sich mit ihr unter die Gäste mischte.
Sie lachten, tanzten und tranken und tatsächlich hatte sie Spaß.
Doch ihre Anwesenheit sollte nicht unbemerkt bleiben, jedenfalls nicht von einem jungen Mann mit Maske, der sie anstarrte.
Langsam ging er auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
Er nahm ihre Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken.
"Welch entzückendes Kind", raunte der Schwarzhaarige und lächelte sie charmant an.
Doch Valeria erkannte die Stimme und sah ihn verwundert an. "Jako?"
Er sah sie verdutzt an. "Valeria? Du bist hier?"
"Die Frage ist: Wie bist DU hierher gekommen?"
"Onkel Alexander hat mich eingeladen. Wir feiern immer hier, wenn uns danach ist", erwiderte er.
Angetrunken und lauthals lachend stieß er zu ihnen und legte einen Arm um Jako.
"Du hättest deine eigene Schwester um ein Haar mit ins Bett genommen! Du bist einfach unaufhaltbar!"
Er klopfte ihm so heftig auf den Rücken, dass Jako fast gestolpert wäre.
Die Blondine hatte die Zeit vergessen und hörte, wie draußen ein Feuerwerk entzündet wurde.
Eigentlich wollte sie das mit Helena ansehen. "Ich muss zurück", raunte sie und stand hastig auf.
"Hey, wo willst du denn hin, Valeria? Bleib doch noch!", johlte Alexander und schwankte.
"Ich wollte mir das Feuerwerk mit Helena ansehen", erwiderte sie, "Danke für die Einladung!"
Mit diesen Worten ließ sie die Maske fallen, eilte die Treppen nach oben und zurück zum Palast.
Drinnen angekommen suchte sie den Saal nach ihrer Schwester ab, die wohl mit ihrer Mutter bereits nach ihr suchte.
"Da bist du ja! Wo warst du?", wollte Helena wissen.
"Tut mir leid, ich hab mich noch etwas herumgetrieben und ganz die Zeit vergessen", gestand sie außer Atem und lächelte.
"Komm, wir wollten uns doch das Feuerwerk gemeinsam ansehen!"
Sie nahm Helenas Hand und zog sie mit nach draußen.
Ihrer Mutter war der Atem ihrer Tochter nicht entgangen. Sie wusste, wo der Alkohol herkam.
"Ich bring ihn um", murmelte sie.
"Aber nicht heute Nacht", erwiderte Alain, der hinter ihr stand und sah sie an.
Die beiden Schwestern bestaunten vom Balkon aus das Feuerwerk in all seinen bunten Farben.
"Ich bin froh, dass du wieder zu Hause bist", raunte Helena. "Das wollte ich dir schon die ganze Zeit sagen."
Valeria sah sie an. "Du hast dir wirklich Sorgen um mich gemacht?"
"Natürlich. Du bist doch meine kleine Schwester!"
Es rührte die Blondine, das von ihr zu hören.
"Wie ist es eigentlich mit Alain gelaufen?"
Auch wenn es dunkel war, konnte sie förmlich ihre roten Wangen sehen.
"Oh, wir haben getanzt und uns unterhalten und etwas getrunken ... Er ist so ein interessanter Mann ..."
"Ja, das ist er", beteuerte die Blondine. "Und er bekommt eine tolle Ehefrau und Kaiserin."
Helena sah sie an und lächelte. "Danke, Valeria. Vielleicht lernst du hier ja auch jemanden kennen."
Ihr Blick war so auf den leuchtenden Himmel fixiert, dass sie nicht bemerkten, dass Alain sich hinter ihnen befand.
Sobald das Feuerwerk zu Ende war, tippte er sanft Valerias Schulter an.
Diese drehte sich verwundert zu ihm um. "Huch! Wie lange steht ihr schon da?"
Er grinste. "Lange genug." Dann fiel sein Blick auf Helena.
"Würdest du uns bitte entschuldigen? Ich würde deine kleine Schwester entführen."
Sie sah verwundert zwischen ihnen hin und her, nickte dann aber und kehrte in den Saal mit den anderen Gästen zurück.
Valeria sah ihn an. "Was hast du vor?"
"Einen kleinen Spaziergang, mehr nicht", erwiderte er.
Die beiden schlenderten gemütlich am Rhein entlang und bemerkten, wie die Feier beim Anlegehaus feuchtfröhlich wurde.
Gestalten johlten und lachten draußen.
"Du warst dort, nicht wahr?"
Die Blondine war etwas verlegen, als er das fragte. "Ja, war ich", gab sie dann aber zu.
"Ich rieche es."
Er sah runter zum Haus.
"Deine Mutter wollte er damals genauso überreden. Er war eifersüchtig, dass dein Vater sie bekommen hat. Aber wenn es nach ihm geht, ist die Welt ohnehin ungerecht."
Sie sah ihn verwundert an. "Alain?"
"Ich weiß. Jeder sagt dir, dass du die Finger von ihm lassen sollst und dass er nichts Gutes im Schilde führt aber er ist auch mein Bruder und sehr einsam. Er hat sehr darunter gelitten, dass erst dein Vater und dann ich regiert haben und er schlichtweg übergangen wurde."
"Warum hast du dann das Amt als Kaiser angenommen?"
Er sah sie immer noch nicht an.
"Weil in seinem Herzen zu viel Dunkelheit ist. Er würde eine Tyrannei erschaffen und somit den Zorn vom Volk auf uns noch mehr schüren als bisher."
"Das Volk hegt Zorn gegen uns?", wiederholte Valeria besorgt.
Alain nickte.
"Deswegen soll ich heiraten, damit sich das Volk wieder auf etwas freuen kann. Eine Kaiserin, die frischen Wind in die Monarchie bringt und die Blutlinie sichert. Der Hausvorstand denkt, dass es Stabilität braucht."
Dann sah er sie lächelnd an.
"Tut mir leid. Ich wollte nicht ausschweifen. Aber in deiner Nähe ist es, als könnte ich dir alles sagen."
Valeria sah zum ersten Mal eine andere Seite von ihrem Onkel.
Er war sonst immer der wohlwollende, nette Mann, doch er war weitaus mehr als das.
Alain hatte eine gute Beobachtungsgabe, strahlte Empathie aus und selbst wenn er in seiner Rolle gefangen war, machte er das Beste draus. Es war, als hätte sie noch mehr Respekt vor ihm als bisher schon.
Die beiden schlenderten weiter und er führte sie zu dem Rosenbusch, an dem tatsächlich blaue Rosen wuchsen.
"Wie bist du überhaupt an die blauen Rosen gekommen?", fragte sie neugierig.
"Ganz einfach: Das ist ebenfalls meine Lieblingsfarbe." Er pflückte eine weitere von ihnen und sog ihren Duft ein.
Dann drehte er sich zu ihr und fragte: "Darf ich?"
Valeria nickte und er steckte ihr die Rose ins Haar. Er lächelte sie an.
"Sie steht dir sehr gut."
Für einen Moment verharrten sie so und sahen einander an.
Er zog sie förmlich an wie ein Magnet, doch sie hatte auch ein schlechtes Gewissen und sah dann weg.
"Das ist verrückt", raunte sie und machte einen Schritt zur Seite.
"Du heiratest Helena!"
Alain sah sie mit neutraler Miene an. "Und wenn ich dir sage, dass ich sie nicht will?"
Sie weitete die Augen.
"Alain! Du bist ..."
"Dein Onkel? Der Kaiser? Beides bin ich auch für deine Schwester. Nur mit einem Unterschied: Sie ist belesen, gebildet, berechenbar. Und du? Du bist wild, ungezähmt, ein ungeschliffener Diamant. Du weckst in mir eine Seite, die ich mein ganzes Leben lang zu verdrängen versuche."
Ihr Atem beschleunigte sich. Das war nicht gut. Sie wollte keinen Ärger verursachen und das war Ärger.
Die Blondine ging auf ihn zu. "Alain ..."
Er sah sie voller Verlangen mit seinen liebevollen Augen an.
"Sag mir, dass du das nicht auch empfindest und ich gehe zurück. Aber das wird nichts an der Situation hier ändern."
Ihr Blick fiel auf seine Lippen. "Wir machen einen riesigen Fehler ...", raunte sie.
"Das ist es mir wert", erwiderte er, ehe er sie sanft aber bestimmt zu sich zog, sich zu ihr runterbeugte und sie küsste.
Valerias Herz schien in ihrer Brust zu zerspringen, so schnell schlug es.
Sie konnte das Gefühl nicht ignorieren, doch sie musste es. Helena zuliebe.
Als er den Kuss löste, sah er sie an.
Die Blondine schluckte und versuchte, sich zu beherrschen.
"Wir sollten zu den Feierlichkeiten zurückkehren ..."
Alain nickte. "Ich werde einen anderen Weg nehmen."
Sie lief nochmals am Anlegehaus vorbei und sah zu den Gästen.
Jako zog ein Mädchen mit sich, drückte sie gegen die Wand und küsste sie.
Kopfschüttelnd betrat sie wieder den Saal und suchte nach ihrer Mutter und ihrer Schwester.
"Wo warst du denn?!", fragte ihre Mutter leise und nahm ihr die Rose aus dem Haar.
"Es geht jeden Moment los."
Die Gäste versammelten sich, als Alain wieder auf dem oberen Treppenabsatz stand mit den Worten:
"Darf ich um eure Aufmerksamkeit bitten?"
Valeria hielt Helenas Hand fest. Jetzt würde er verkünden, dass er um Helenas Hand anhalten würde.
Alexander hatte sich ebenfalls wieder in den Saal geschlichen und lehnte an einer Säule an. Er war betrunken, wollte sich das Schauspiel jedoch nicht entgehen lassen.
"Ich habe ein neues Lebensjahr begonnen. Ein Jahr voller Veränderungen, die sich auch auf ganz Frankreich auswirken werden. Heute Nacht haben wir besondere Gäste in unseren Reihen."
Er sah zu den drei Damen.
Die beiden Schwestern waren schon aufgeregt, doch innerlich lag es ihr wie ein Stein im Magen.
"Liebste Schwägerin, Marielle. Ich bitte um die Hand deiner Tochter ... Valeria."
Helena quietschte erst aufgeregt, bis sie verstanden hatte, welchen Namen er ausgesprochen hatte.
Valeria wurde kreidebleich. Die Menge raunte, nur von Alexander hörte man ein spöttisches, lautes "Ha!"
Alle Köpfe drehten sich zu ihr, einschließlich ihrer Schwester, ihrer Mutter und des Hausvorstands.
Sofort schnappte der Hausvorstand sich die drei Damen und gab Alain mit einem Blick zu verstehen, dass er ins Besprechungszimmer gehen sollte. Sie drehte sich auf dem Treppenaufgang um und meinte zu den Gästen: "Der Kaiser lässt sich entschuldigen und wird gleich wieder bei ihnen sein. Musik!"
Die Musik spielte wieder und der Hausvorstand schlug hinter ihnen allen die Tür zu.
"Was sollte das eben bitteschön!?", fuhr sie ihren Sohn an.
Alain sah sie entschlossen an. "Sie haben mich gehört, Frau Maman."
Marielle und Helena sahen Valeria an.
"Was hast du angestellt!?", wollte ihre Mutter wissen.
Die Blondine druckste herum, während Helena das Gesicht verzog.
"Deswegen warst du weg, nicht wahr? Hast du dich in sein Bett geschlichen!?"
"Was?! Nein!" Ein Klatschen hallte durch den Raum. Helena hatte ihr eine saftige Ohrfeige verpasst.
"Jetzt beruhigen wir uns alle mal wieder!", fing der Hausvorstand an und hob die Hände.
"Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen!?"
"Ich wollte das nicht!", keuchte Valeria unter Schock. "Ich wollte den Abend nicht verderben!"
"Mutter, es hat nichts mit ihr zu tun", stellte Alain klar und sah den Hausvorstand an.
"Was ich verkündet habe, war ernst gemeint."
Doch sie nahm es nicht ernst und winkte ab. "Ok, du hattest deinen Spaß. Du gehst jetzt da raus und sagst, dass das ein Missverständnis war und dass du um Helenas Hand anhalten wirst."
"Nein", entgegnete er entschlossen.
Helena war den Tränen nahe und suchte Schutz bei ihrer Mutter.
"Es hat nichts mit dir zu tun, Helena. Ich bin mir sicher, dass du eine sehr gute Herrscherin wärst. Aber was wir brauchen, ist frischen Wind in der Monarchie. Jemanden, der nicht die Bücher studiert, sondern seinem Herzen folgt. Das Volk braucht etwas, worüber es reden kann und es war nicht geplant, dass Gefühle ins Spiel kommen."
Er sah Valeria an, die wieder in ihre ängstliche Haltung zurückgekehrt war.
"Das heißt, wenn sie das denn auch möchte."
Marielle sah ihre Tochter an.
"Du wirst diesen Antrag ablehnen, hörst du!? Nach der Entführung hast du für genug Aufsehen gesorgt!"
"Das wird auch nichts bringen! Er wird mich nicht heiraten", schluchzte Helena.
Der Hausvorstand sah Alain an. "Ist das dein letztes Wort?"
Alain nickte mit entschlossenem Blick. "Sie oder keine."
Sie ging ungewohnt langsam und ruhig auf Valeria zu und blieb direkt vor ihr stehen.
"Was sie anderen sagen, ist mir einerlei. Ich möchte wissen, was du dazu zu sagen hast."
Die Blondine senkte den Blick.
"Sieh mich an, Kind", sprach sie ruhig und hob ihr Kinn sanft an. So eine Reaktion war sie nicht von ihr gewohnt, doch sie sah sie an.
"Möchtest du die Kaiserin Frankreichs sein?"
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und auch ihr Atem beschleunigte sich leicht, als sie Alain ansah, der geduldig eine Antwort abwartete.
Dann sah sie dem Hausvorstand direkt in die Augen. "Ja."
Sie drehte sich zu den dreien um. "Dann ist es also beschlossene Sache."
Marielle und Helena sahen den Hausvorstand fassungslos an. Sie war anders als sonst.
Dann fiel ihr Blick wieder auf Valeria.
"Es wird ein Haufen Arbeit werden aber ihr beide habt euch dafür entschieden."
Helena stürmte unter Tränen aus dem Raum und Marielle hinterher, jedoch nicht, ohne Valeria nochmals einen vielsagenden Blick zuzuwerfen.
Valeria sah den Hausvorstand an. "Wie wird es weitergehen?"
"Das besprechen wir morgen Nacht. Genieß bis dahin die Zeit."
Mit diesen Worten verließ sie ebenfalls den Raum, sodass nur noch Alain und sie da waren.
"Ich fühle mich schlecht", gestand die Blondine. "Aber auch glücklich ..."
Er ging langsam auf sie zu und nahm ihre Hand.
"Ich freue mich, dass du zugestimmt hast. Ich kann mir keine bessere Frau an meiner Seite vorstellen."
"Und was ist mit Helena und meiner Mutter?"
"Sie werden Zeit brauchen aber auch für sie wird sich alles zum Guten wenden. Dafür werde ich schon sorgen."
Mit diesen Worten zog er sie an der Hüfte näher zu sich und sie lehnte ihren Kopf an seiner Schulter an.
Diese Nacht hatte für sie eine unerwartete Wendung genommen.