Kapitel
Kapitel
Jako hatte mitbekommen, dass Valeria wieder zu Hause war und wollte sie aufmuntern.
Gleichzeitig war es für ihn aber auch die Chance, dass er wieder Zeit mit ihr verbringen konnte.
"Genau davor wollte ich dich schützen, Valeria. Aber du bist so stur wie Mutter", meinte er.
Valeria lächelte leicht. "Du weißt, dass ich mich nie für den einfachen Weg entscheide."
Die beiden gingen spazieren, ritten aus oder rannten wieder durch das komplette Anwesen wie damals, als sie noch klein war.
Es tat ihr gut, sich wieder austoben zu können. Doch ihre Tochter fehlte ihr.
"Wie es Sophie jetzt wohl geht ...", murmelte sie irgendwann und wirkte nachdenklich.
Jako bemerkte das und sah sie an.
"Ich bin sicher, dass du bald zum Palast zurückkehren kannst. Dann siehst du sie wieder."
"Ich wünschte, ich könnte ihr zeigen, wie schön die Zeit war ... Wo wir uns immer versteckt hatten, wenn Jaque nach uns gesucht hat oder als wir dachten, dass Mutter mit uns Verstecken spielen will."
"Das kannst du doch immer noch. Wer sagt, dass du mit ihr nur im Palast versauern musst?"
Sie lächelte gequält. "Vorerst werde ich nirgendwo hingehen können ..."
"Das muss ja nicht immer so bleiben!", erwiderte er und boxte ihr leicht gegen den Arm.
"Außerdem hast du noch einen Thronfolger auf die Welt zu bringen und dann lernt er von einem richtigen Experten, wie man sich amüsiert", grinste der Schwarzhaarige.
Valeria lachte. "Von Kronprinz zu Kronprinz."
Man merkte, dass es beiden gut tat, endlich wieder Zeit miteinander zu verbringen.
"Gibt es keine Möglichkeit, dich in den Palast zu schmuggeln? Und wenn ich dich als Hofnarr einstelle!"
Er bließ gespielt die Backen auf. "Als Hofnarr!? Ich? Das soll ja wohl ein schlechter Scherz sein!"
Sie lachte. "Du hast mich früher schon immer zum Lachen gebracht."
Jako lächelte gequält. "Ja, aber die alte Schreckschraube hat mir alles abgesagt, was es gibt. Da wird sie auch nicht sonderlich begeistert sein, wenn du ihr den Vorschlag machst. Hast du dich eigentlich schon wieder mit Helena versöhnt?"
Valeria schüttelte den Kopf und sah traurig zu Boden.
"Nein. Ich habe ihr oft geschrieben aber nie eine Antwort bekommen."
"Sie war wirklich nachtragend und hat fast selbst so gesponnen wie Mutter ... Sie war wohl wirklich in Onkel Alain verliebt."
In ihr verkrampfte sich alles. "Ich weiß ... Ich wollte das alles gar nicht ... Aber ... wir haben uns gesehen, es war etwas da und ..."
Er nahm seine Schwester in den Arm. "Mach dir keine Sorgen. Das legt sich wieder. Hauptsache ist doch, dass du glücklich bist."
Es tat ihr gut in seinen Armen. Er war immer für sie da und jetzt, wo es ihr schlecht ging, war er es ebenfalls.
Er traf sich mit seinem Onkel am Anlegehaus, der bereits lässig an der Wand lehnte.
"Da bist du ja. Hast du es dabei?", wollte Alexander wissen.
Jako nickte und hielt ihm den Zettel mit dem Symbol hin. Sein Onkel triumphierte.
"Braver Junge! Es wird Zeit, dass wir das Steuer übernehmen! Langsam nimmt alles Gestalt an für unsere Revolution."
Doch der Schwarzhaarige wirkte das erste Mal seit langem geknickt und sah zu Boden.
"Hey, was ist denn los? Du bist doch wohl jetzt nicht geknickt, weil deine Schwester nach Hause geschickt wurde? Immerhin wolltest du doch Zeit mit ihr verbringen."
"Ja, aber nicht so! Sie war glücklich, Onkel!"
Der Braunhaarige verzog das Gesicht. "Und eingesperrt in einen goldenen Käfig, der sie noch das Leben kosten wird! Hast du schon gesehen, wie viele sich bereits vor den Toren versammeln? Jede Nacht wird ihr Aufstand niedergeschlagen aber es werden immer mehr!"
Er packte ihn an den Schultern und sah ihn eindringlich an.
"Denk jetzt nicht daran, einen Rückzieher zu machen, zumal du schon zu viel davon weißt! Wir werden einen Plan ausarbeiten und alles nach und nach in die Wege leiten, sodass Alain und sie in der Falle sitzen werden."
Jako schien nicht glücklich darüber zu sein.
"Und wenn wir nur sie retten?"
Alexander holte aus und schlug ihm ins Gesicht, sodass er zu Boden fiel.
"Du wirst das mit mir durchziehen oder du wirst zum ersten und gleichzeitig letzten Mal das Sonnenlicht zu spüren bekommen! Hast du mich verstanden?"
Er spuckte Blut und sah zu ihm hoch. "Ja ..."
Als Jako gegangen war, ging er zum Hausvorstand und klopfte an.
"Hausvorstand? Wir sollten reden."
Sie saß vor ihrem Spiegel und die Zofe kämmte ihre Haare.
"Worüber möchtest du sprechen? Dass du Ländereien möchtest? Einen neuen Titel? Eine Frau, die du wieder fallen lässt, sobald du sie satt hast?"
"Es geht um den Thron."
Der Hausvorstand schloss genervt die Augen und deutete der Zofe an, dass sie aufhören sollte, ehe sie sich zu ihm umdrehte.
"Darüber hatten wir es schon seit Ewigkeiten, Alexander. Es wird an der Zeit, das mal gut sein zu lassen und endlich zu vergessen!"
In seinen Augen loderte die Wut.
"Ich hatte nicht einmal die Chance, mich zu beweisen! Und dabei ist es mein Geburtsrecht! Stattdessen haben sie meinen jüngeren Bruder auf den Thron gesetzt und danach Alain!"
"Und ich habe einen Fehler gemacht, indem ich Alain erlaubt habe, die falsche Frau zu heiraten. Wir bekommen alle nicht immer das, was wir wollen. Denkst du, ich bin gerne Hausvorstand geworden? Nein. Aber jemand musste es ja tun."
Alexander funkelte sie böse an.
"Lassen sie mich raten: Wenn sie nicht mehr sind, wird Arnaud ihr Nachfolger."
"Bis dahin wird es noch lange dauern."
Seine Knöchel wurden bereits weiß, so fest hatte er seine Hände zur Faust geballt.
"Ich bitte sie nochmal eindringlich, es sich gut zu überlegen und mir ihre Entscheidung mitzuteilen."
"Drohst du mir etwa?"
"Das war lediglich eine Forderung", erwiderte er und funkelte sie böse an.
Er merkte, dass sie ihre Kraft demonstrieren wollte und parierte ihren Angriff gekonnt mit einem Konter.
Die Zofe brachte sich in Sicherheit, während die Auren der beiden Vampire aufeinanderprallten und es immer wieder zu einem lauten Knall kommen ließen.
Doch irgendwann machte er einen Fehler und an diesem Punkt bewegte der Hausvorstand ihre Hand, als würde sie ihn an der Kehle packen und in die Luft heben.
Alexander keuchte und hielt seine Kehle, während sein Körper in der Luft zappelte.
"Wag es niemals wieder, mich herauszufordern!", stellte sie kalt klar.
"Denn wenn es um den Schutz dieser Familie, dieser Monarchie geht, mache ich nicht einmal vor meinem eigenen Fleisch und Blut Halt!"
Mit diesen Worten ließ sie ab und er fiel unsanft auf den Boden, wo er sich weiterhin die Kehle hielt und hustete.
Das würde sie noch bereuen! Er stolperte wutentbrannt aus dem Zimmer.
Zwei Wochen waren bereits vergangen und Valeria hatte Alain einen Brief zukommen lassen.
Sie entschuldigte sich darin für ihr Benehmen und bat darum, zum einen in den Palast zurückkehren zu dürfen und zum anderen sich mit ihm auszusprechen.
Tatsächlich erhielt sie auch eine Antwort. Momentan gab es vor den Toren immer wieder Aufstände, die eine Rückkehr zu gefährlich machten.
Sie müsse sich zwei weitere Wochen gedulden, damit sie sicher zum Palast zurückkehren konnte.
Die Blondine las den Brief durch und drückte ihn mit Tränen in den Augen an ihre Brust.
Sie vermisste ihn, sie vermisste ihre Tochter und vor allem, wie es vorher war.
Nach den zwei weiteren, langen Wochen der Sehnsucht begleiteten ihr Vater und Jako sie zur Kutsche und nahmen sie in den Arm.
"Sieh die Kette an, wenn dich die Zweifel plagen und erinnere dich an meine Worte", gab ihr Vater ihr noch mit auf dem Weg.
"Du kannst mir jederzeit schreiben, wenn du jemanden zum Reden brauchst."
Valeria nickte lächelnd und war einfach nur froh, dass sie endlich wieder zurück konnte.
Die beiden Männer sahen der Kutsche hinterher, bis sie verschwunden war.
"Denkst du, dass sie es schaffen wird?", wollte der Schwarzhaarige von seinem Vater wissen.
"Das kann nur sie selbst beeinflussen", erwiderte er. "Es kommt jetzt ganz allein auf sie an."
Es herrschte eine fast schon unheimliche Stille, als das Tor zum Palast sich öffnete und die Kutsche vorfuhr.
Lichter flackerten schwach im Fenster, als wären sie in Trauer.
Sie erinnerte sich zurück, wie sehr sie sich damals gefreut hatte, als sie endlich in den Palast einziehen konnte. Zu ihm, ihrem liebsten Onkel und jetzt Ehemann.
Ihr war klar, dass es nicht mehr so werden würde wie früher, aber sie wollte versuchen, das Beste daraus zu machen.
Als sie das Schlafgemach betrat, war es dunkel und still. Das Kinderbettchen war weg. Sie war beim Hausvorstand.
Es bedrückte sie, bis sie hörte, wie sich die Tür öffnete. Doch sie musste nicht nachsehen, um zu wissen, wer es war.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
"Alain, es tut mir leid, ich-"
Doch ehe sie noch etwas sagen konnte, hatte er sie zu sich umgedreht und küsste sie leidenschaftlich.
Unter Tränen erwiderte sie den Kuss und schmiegte sich eng an ihn.
Nur das Mondlicht, das durch das Fenster ins Zimmer schien, wusste, wie es ausging.
Valeria lag in seinen Armen, sie beide mit der Decke bedeckt und sah ihn an.
"Ich hätte mich nicht so reinsteigern dürfen ..."
Alain starrte an die Decke und hielt sie sanft im Arm.
"Nein, ich war endlos eifersüchtig und unbeherrscht ... Aber letztendes hättest du mich nicht gewählt, wenn du nicht über ihn hinweg gewesen wärst ... Wenn du mich nicht lieben würdest ..."
Er drehte den Kopf zu ihr und sah sie verletzt an. "Lass uns nicht mehr darüber sprechen, in Ordnung?"
Die Blondine nickte einfach nur und küsste ihn.
Die zweite Schwangerschaft ließ nicht lange auf sich warten und der Hausvorstand und auch der restliche Hof waren voller Hoffnung, dass es diesmal einen Thronfolger geben würde.
Doch auch das war vergebens. Sie bekam eine zweite Tochter, die sie Giselle tauften.
Valeria hatte nicht viel Zeit mit ihrer zweiten Tochter, ehe der Hausvorstand sie mitnahm.
Sie fühlte sich so machtlos.
Die Kaiserin lenkte sich mit ihren Pflichten ab, die sie zuverlässig erledigte.
Und dennoch wollte sie es nicht unversucht lassen, um ihre Kinder zu kämpfen.
Als sie eines Abends zusammen saßen bei ihrem Glas, sah er sie an.
"Ich lese von so vielen Männern des Landes, wie sie dich begehren und deine Schönheit loben. Das könnten wir uns politisch zu Nutze machen."
Sie, die ihren Kopf mit der Hand gestützt und gedankenversunken zu Boden geschaut hatte, sah zu ihm auf.
"Denk nur daran, was wir bewirken könnten, wenn du mit mir nach Portugal kommst und deinen Zauber für mich einsetzt."
Natürlich. Jetzt war sie in seinen Augen die Trophäe schlechthin.
Doch dann sah sie ihn an. "Wenn die Kinder mitkommen."
Alain sah sie verwundert an. "Was?"
"Sophie und Giselle werden uns begleiten. Ich will sie bei mir haben."
Er schluckte. "Valeria, die beiden sind noch zu klein für so eine große Reise."
"Das ist meine Bedingung." Sie legte die Serviette beiseite und stand auf.
"Solange sie nicht bei mir sind, heißt meine Antwort nein", erwiderte sie in einem ruhigen, provokanten Ton.
Alain sprang vom Stuhl auf.
"Gott! Ich begreif dich nicht! Aber bitte! Du sollst deinen Willen haben!", zischte er.
Und so kam es, dass die beiden mit den beiden Kronprinzessinnen Wochen später nach Portugal aufbrachen.
Der Hausvorstand war nicht sonderlich begeistert davon, doch Alain gab ihr zu verstehen, dass es dem politischen Zweck diente.
Für Valeria war es ein Sieg, wenn auch nur ein kleiner. Sie lächelte, als sie die beiden bei sich in der Kutsche hatte.
Alain beobachtete sie dabei, wie liebevoll sie sich um Giselle in ihrem Arm kümmerte und auch mit Sophie kuschelte.
Auch wenn er es für keine gute Idee hielt, erfüllte es ihn doch, sie so glücklich zu sehen.
Die Reise war lang und beschwerlich, doch sie schafften es bis nach Portugal.
Allerdings ging es den beiden Kindern nicht gut.
Sie kamen im portugiesischen Palast unter und Valeria bestand darauf, dass sie bei ihr blieben.
"Die Hitze muss ihnen zugesetzt haben", gestand Alain und sah sie an.
Der Leibarzt untersuchte die beiden. "Kein Grund zur Beunruhigung, Majestät. Sophie zahnt nur und Giselle wird auch bald wieder wohlauf sein", versicherte er.
Valeria sah ihn an. "Ich habe schon mitbekommen, dass Sophie beim Zahnen Fieber bekommt, jedoch nicht so extrem", erwiderte sie.
"Wenn die Eckzähne sich durchschlagen, bekommen sie gerne höheres Fieber. Es ist kein Grund zur Sorge", entgegnete der Arzt.
Die Kaiserin sah ihren Gatten an, als wolle sie ihm sagen, dass er auch etwas dazu sagen sollte.
Beide gingen vor die Tür.
"Ich weiß, dass du und der Arzt nie auf einen Nenner kommen werdet, aber du musst ihm vertrauen", meinte Alain nur und strich mit seinen Händen über ihre Oberarme.
"Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache, Alain! Sie zahnt nicht nur! Da steckt mehr dahinter!", äußerte die Blondine ihre Bedenken.
"Sie bekommt etwas gegen das Fieber und dann wird es ihr besser gehen. Du wirst schon sehen."
Er sollte Recht behalten: Schon in der nächsten Nacht war sie wieder wohlauf und tobte herum.
Valeria war erleichtert und lächelte. "Siehst du? Ich habe es dir ja gesagt", erwiderte der Kaiser zufrieden.
Mit dem Wissen, dass es ihren beiden Kindern besser ging, konnte sie guten Gewissens mit Alain an den politischen Angelegenheiten teilnehmen.
Sie wurden so herzlich in Portugal begrüßt und brachten Geschenke.
Valeria unterhielt sich mit der Königin und sie verstanden sich prächtig trotz Sprachbarriere.
Alain freute sich, sie so glücklich zu sehen und auch, dass alles so gut funktionierte.
Er war zuversichtlich, dass er den Streit mit Portugal beilegen konnte und dieser Teil zu ihren Verbündeten zählen würde.
Doch als sie nach der Veranstaltung zurückkehrten, begann bei Sophie erneut das hohe Fieber.
Valeria kontrollierte besorgt ihre Zähne und merkte, dass keiner durchgedrungen war.
Sie suchten erneut den Leibarzt auf, der ihnen versicherte, dass das nicht so schnell gehen würde.
"Das ist nicht mehr normal, Alain! In keinster Weise! Ihr Fieber war weg und plötzlich ist es wieder da!"
Nervös ging die Blondine auf und ab, während er ihr nur hinterher sah.
"Jetzt beruhige dich doch. Vielleicht liegt es daran, dass wir beide zwei verschiedene Rassen sind. Das war bestimmt bei deinen Geschwistern das gleiche."
"Ich habe keine Ahnung, ob Helena oder Maria Tagwandler sind oder es überhaupt ausprobiert haben ... Ich kann mich ja selbst kaum daran erinnern!"
Sie schlief nicht mehr, sondern hatte Sophie auf ihre Brust gelegt im Bett und war besorgt, während die Kleine leise röchelte und wimmerte.
Ihr liefen die Tränen über die Wangen. Sie wollte ihr Kind nicht so leiden sehen.
Als sie für einen Moment am Fenster stand und den kleinen Lichtstrahl bemerkte, der durch eine Lücke zum Fenster reinkam, hielt sie vorsichtig Sophies Hand hin, die sich jedoch verbrannte.
Sofort ging sie von dem Spalt weg und zog den Vorhang richtig zu.
Ihr blieb also nichts anderes übrig, als sich doch mit ihr hinzulegen.
Die Blondine hatte sie immer noch auf der Brust und schloss die Augen.
Alain war die ganze Zeit an ihrer Seite geblieben und irgendwann im Sessel beim Bett eingeschlafen.
Valeria wachte als erste auf, als die Nacht hereinbrach und strich ihr über den Kopf.
"Hey, mein kleiner Sonnenschein. Die Sonne ist fort. Zeit, aufzustehen", raunte sie ihr zu.
Sophie jedoch regte sich nicht.
Die Blondine sah sie genauer an. "Sophie, Zeit, aufzustehen", raunte sie erneut.
Als sie merkte, dass sie nicht atmete, geriet sie in Panik.
"Sophie?!" Sie schüttelte sie leicht. "Sophie!"
Doch sie gab kein Lebenszeichen von sich.
"Sophie, wach auf! Bitte!", flehte sie und Tränen tropften auf den kleinen Körper, den sie so sehr an sich gepresst hatte.
Alain wachte an ihrem Flehen auf und sah zu den beiden.
Valeria saß im Bett und hatte den kleinen Körper an sich gepresst. Sie weinte und wehklagte bitterlich.
Er ließ sofort nach dem Leibarzt rufen, der jedoch nur den Tod feststellen konnte.
Als sie in den Mund ihrer Tochter sah, zog sie vorsichtig ihre Zunge raus. Sie war blau und mit kleinen Bläschen übersät. Nachtpocken. Es gab nicht viel, das manche Vampire umbrachte, doch diese Krankheit endete meist tödlich.
Sie sah mit tränenüberströmten Gesicht den Leibarzt voller Wut an.
"Sie zahnt nur, haben sie gesagt! Das ist normal, haben sie gesagt! Sie hatte die Nachtpocken und sie waren nicht im Stande, das rechtzeitig festzustellen!", brüllte sie ihn an.
Alain stand unter Schock. Also wäre es möglich, dass auch er oder sie oder sogar Giselle infiziert waren.
Sie brachen die Reise ab und kehrten nach Frankreich zurück.
Valeria trug seit dem Tag nur noch schwarz und verweigerte Blut.
Alain war selbst fertig, als sie ihr eigenes Kind zu Grabe tragen mussten.
Giselle und sie beide waren jedoch nicht von den Nachtpocken infiziert worden und ihre Tochter war guter Dinge.
Ihr Vater sprach in einem seiner Briefe sein Beileid aus und schenkte ihr Trost, so gut es ging.
Jako kam eines Nachts sogar zu ihr ins Schlafgemach und setzte sich neben sie aufs Bett.
Valeria sah nicht auf, sondern starrte nur noch ins Leere auf dem Boden.
"Ich weiß, dass nichts, was ich sage, den Schmerz nehmen kann", fing er lesie an.
"Es war meine Schuld", raunte sie. "Ich wollte meine Kinder zurück haben ... Und jetzt mussten wir Sophie zu Grabe tragen ..."
"Du konntest nicht wissen, dass es so kommt ..."
"Alain und der Hausvorstand haben mich gewarnt, dass sie noch zu klein wären ..."
Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
Er nahm sie vorsichtig in den Arm und sie ließ alles raus.
Es waren keine Worte nötig, nur Taten.
Plötzlich riss die Blondine die Augen auf und übergab sich direkt auf den Boden.
Jako sah sie verwundert an. "Hast du etwa ..."
Sie drehte ihren Kopf zu ihm und war alles andere als begeistert.
"Warum jetzt?"
"Die Wege des Herrn sind unergründlich", gluckste er.
"Dass du diese Worte mal in den Mund nimmst ..."
"Mich überrascht überhaupt nichts mehr ..."
Er sah sie an. "Wirst du es ihm sagen?"
"Jetzt, wo wir unsere älteste Tochter verloren haben? Ich warte lieber noch damit. Nicht, dass ich das Kind noch verliere ..."
Sie hielt sich ihren Bauch.
Draußen war lauter Lärm zu vernehmen. Eine Meute, die vor den Toren des Palastes stand und ihrem Unmut freien Lauf ließen.
Die beiden sahen aus dem Fenster.
"Sagte Alain nicht, dass es momentan zu Aufständen käme?", meinte Jako.
"Er meinte, sie würden sie auflösen und das Problem endgültig lösen ..."
Sie beobachteten, wie die Wachen zum Tor eilten und die Menge daran hinderten, durch das Tor zu gelangen.
Beide eilten sofort nach draußen, gefolgt von Alain und dem Hausvorstand, die ebenfalls aufgeschreckt waren.
"Was machst du denn hier!?", zischte der Hausvorstand.
"Wir haben gerade andere Probleme, oder nicht?", fuhr Jako sie ernst an und sah zu Alain.
"Ich dachte die Aufstände sind niedergeschlagen worden!"
"Es gab viele Festnahmen, Hinrichtungen und wir hatten auch lange Ruhe", gestand der Kaiser keuchend.
"Diesmal gibt es keine Überlebenden! Ich lasse das Feuer eröffnen!", meinte der Hausvorstand und wollte gerade zur Tür heraus, da hielt Valeria sie am Handgelenk fest.
"Lasst mich es versuchen."
Die drei sahen sie entgeistert an. "Bist du von allen guten Geistern verlassen!?", keuchte sie.
"Valeria, es ist gefährlich! Du weißt nicht, was sie mit dir anstellen, wenn du dich ihnen auslieferst!", bemerkte Alain besorgt.
"Vertraut mir einfach! Nur dieses eine Mal!" Sie sah sie so zuversichtlich an, als wäre sie sich absolut sicher.
Jako sah zu den beiden. "Lasst sie es versuchen."
Der Hausvorstand und Alain sahen einander an, ehe er sagte: "Lassen sie sie es versuchen."
Valeria schritt durch die Tür mit einer Ruhe, die sie selbst von sich nicht kannte.
Sie sah die Fackeln, sie hörte die lauten Stimmen und auch das Tor, das mit Gewalt von beiden Seiten auf- und zugeschlagen wurde.
Doch sie ließ sich nicht beirren und ging langsam immer weiter, bis sie das Tor und auch die Wachen erreichte.
"Majestät! Es ist zu gefährlich hier draußen!", beteuerte einer der Wächter.
"Lasst mich zu ihnen", sprach sie ruhig und sah die Wache an.
"Sie werden euch töten!"
Doch Valeria blieb ruhig. "Das war ein Befehl."
Zunächst zögerte er, doch dann gab er den anderen Männern den Befehl, das Tor zu öffnen.
Unbeirrt schritt die Blondine langsam weiter in ihre Mitte, sodass sie von der Meute umzingelt war.
Alain, der Hausvorstand und Jako standen am Fenster und beobachteten das Ganze.
"Was macht sie da!?", keuchte der Hausvorstand. "Sie werden sie lynchen!"
Die Kaiserin vernahm die Stimmen um sich herum, die Hitze der Fackeln, das grelle Licht, die wütenden Gesichter und den Gestank. Nichts, aber auch gar nichts konnte sie in diesem Moment aus der Ruhe bringen.
Langsam beugte sie ihr Knie und verneigte sich tief vor der Meute, die nach und nach still wurde.
Endlich war jedes Geräusch verstummt, jeder Schrei, jedes böse Wort.
Die drei und auch die Wachen beobachteten wie erstarrt das Geschehen.
Dann sah Valeria zu ihnen auf.
"Ich habe etwas Großartiges zu verkünden. Ich erwarte ein weiteres Kind. Doch dieses Mal wird es der erhoffte Thronerbe sein", sprach sie ruhig.
Die Meute hörte ihr zu und war selbst wie erstarrt bei ihren Worten.
Sowohl die Wachen als auch die drei standen mit offenen Mündern da.
"Was hat sie gesagt?", raunte der Hausvorstand.
"Ich weiß es nicht, Mutter, aber es scheint zu funktionieren", erwiderte Alain.
Ein Vampir würde immer nur ein Vampir ohne Kräfte bleiben.
Bis sie erwachten. Und das konnte Jahre oder gar Jahrhunderte dauern.
Doch in diesem Moment, in dem diese Seelenruhe in sie eingekehrt war, wusste sie, dass ihre Kräfte erwacht waren.
Ihre Statur hatte sich verändert, ihr Gesicht und auch ihre Augen.
Sie strahlten nicht mehr so hellgrau wie das Mondlicht, sondern hellblau.
Valeria war kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau und im vollen Besitz ihrer Kräfte.