Kapitel
Kapitel
Auch noch Wochen nach dieser Begegnung ging ihm diese junge Frau nicht aus dem Kopf. Eigentlich hatte er noch nie einen Bezug zu Frauen, abgesehen von seiner Mutter, sie interessierten ihn einfach nicht. Doch sie hatte irgendetwas, was ihn an ihr faszinierte ... Lestat hatte beschlossen, sich ein Zimmer in der Stadt zu nehmen, um die Gegend genauer beobachten zu können. Der Wirt sah nicht schlecht drein, als er bat, einen Sarg mit auf sein Zimmer nehmen zu dürfen mit dem Vorwand, dass er diesen bald an einen Auftraggeber überreichen müsse, der die Stadt bald besuchen würde. Doch als er das nötige Kleingeld auf dem Tresen präsentierte, war dieser Wunsch nicht mehr allzu kurios. Es war eine königliche Suite, wie er es zu Hause gewohnt war. Zumindest das, was er damals sein Zuhause nannte. In einem dieser schäbigen Wirtshäuser konnte er kaum bleiben, da würde der Sarg allein schon genug Aufsehen erregen. Hier interessierte es auch nicht mehr. Lestat stand am Fenster und blickte hinaus. Die Straßen waren wie leergefegt bis auf die ein oder andere Dame, die sich etwas dazuverdiente. Aber das war nicht, wonach er suchte. Heute Nacht würde er wieder zu diesem Anwesen zurückkehren in der Hoffnung, auch auf sie zu treffen. Er sah an sich herunter. Seine königsblaue Robe sah noch gut genug für solch eine Veranstaltung aus. Der Durst konnte warten - zumindest jetzt noch.
Er machte sich auf den Weg und tatsächlich fand erneut ein Fest statt. Für die Adeligen war es nichts Neues, dass innerhalb weniger Wochen viele Feiern veranstaltet wurden, vor allem für die höheren Adeligen. Er musste gar nicht lange warten bis auch schon die schwarze Kutsche vom letzten Mal den gepflasterten Hof erreichte. Auch dieses Mal öffnete der Kutscher die Tür und hielt seine Hand hin, um der Dame herauszuhelfen. Wieder nahm sie diese Hand und stieg vorsichtig aus der Kutsche. Ihr Haar hatte sie wie beim letzten Mal belassen, allerdings war ihr Kleidungsstil typisch dem Barock angelehnt mit den halblangen Ärmeln. Obgleich das diesmal orangene Kleid mit den goldenen Ornamenten und der königsblauen Kordel an Geschmack seiner Meinung nach zu wünschen übrig ließ. 'Aus welchem Land kommt sie, dass sie sich anmaßt, sich so zu kleiden? Wäre ich Herzog, würde ich sie nicht einmal so vor die Tür lassen ...' Er hörte einen kurzen Atemzug und sah es schon kommen: Die junge Frau hatte sich in der Stufe vertan und drohte zu fallen. Ohne nachzudenken eilte er zu ihr und hielt sie am Arm fest, ehe sie zu Boden fallen konnte. Es war alles wie in Zeitlupe in diesem Moment und doch war es, als würde er ein Herz kräftig schlagen hören. Die Adelige hob langsam den Kopf und diese unglaublich hellen, grauen Augen fielen ihm sofort auf. Sie sah seiner Mutter so verdammt ähnlich, waren ihre Augen aber nicht grau. Es war vielleicht nur ein Augenblick, in dem sich ihre Blicke trafen und sie sich aufrichtete, doch es kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. Auf einmal spürte er einen festen Druck auf seinem Oberarm und wie jemand ihn von ihr wegstieß. "Was maßen sie sich eigentlich an?!" Lestats Blick fiel auf den Kutscher, der ihn grob beiseite gestoßen hatte. "Was soll dieser Radau?" Eine weitere Frau erschien in der Kutsche, jedoch schon älter und mit schwarzem, streng hochgestecktem Haar. Sie sah in ihrem weinroten Samtkleid auch nicht gerade besser aus. "Nichts, entschuldigt die Störung", erwiderte der Kutscher und half ihr hinaus. Der Blonden verpasste sie mit ihrem Fächer einen Klaps auf den Rücken. "Würdest du deine Haltung einhalten wie ich es dir gesagt habe, dann wärst du jetzt auch nicht gefallen!" Ohne Lestat eines Blickes weiter zu würdigen gingen sie an ihm vorbei. Eine weitere Blondine wurde aus der Kutsche geholfen. Sie hatte ebenfalls ein Gesicht wie eine Puppe, aber ihre Augen ... Sie strahlte etwas ungewohnt Warmes aus hinter ihrer kühnen Fassade. Sie murmelte etwas in einer ihm unbekannten Sprache und bekam vom Kutscher gleich daraufhin die Leviten gelesen. "Ihr habt es immer noch nicht gelernt, Majestät. Ihr solltet euch genauso keine Fehler mehr leisten!" Zu guter letzt, als er glaubte alle wären ausgestiegen, schien der Kutscher auf jemanden zu warten. "Alte Schreckschraube", hörte man nur dumpf aus der Kutsche. Der Kutscher verdrehte die Augen, stieg ein und man sah die Kutsche wackeln. Innen hörte man nur einen jungen Mann protestieren, der anscheinend nicht aus der Kutsche kommen wollte. Mit Ach und Krach fielen beide heraus. "Ihr solltet froh sein, dass ihr mitkommen durftet!" "In diesem Fummel aber nicht!" Lestat musterte den jungen Mann. Seine Wangen waren leicht eingefallen, das schwarze Haar nach hinten gekämmt und die Augen so dunkel und bedrohlich wie die eines Serienmörders. Sie trugen das Gleiche Outfit nur war das des Dunkelhaarigen schwarz statt königsblau. Ihre Blicke trafen sich kurz, dann folgte er den drei Damen, wobei er der letzten seinen Arm zum Einhaken anbot.
Er folgte ihnen, ohne eine Ahnung oder einen Plan, ob ihm überhaupt Einlass gewährt wurde. Doch er kam ohne Probleme hinein. Die Räumlichkeiten waren so, wie er es von damals auch schon gewohnt war. Die hellen Lichter, die Kronleuchter, die Musik, das Gelächter und sonstigen Geräuschkulissen, Vorhänge aus Samt und viel Marmor und wertvoller Stein. Es hatten sich viele Adelige versammelt, aber so weit er sah kein ihm bekanntes Gesicht. Viele hatten sich in kleinen Gruppen zusammengetan oder sprachen miteinander zu zweit. Die Damen tuschelten hinter ihren Fächern, während die Herren eher die schweigsamen Begleiter waren. Ein Bankett wie er es kannte wurde aufgestellt, aber eine Sache fand er seltsam: Es gab nur eine Pyramide aus Gläsern mit Rotwein. Verwundert musterte er diese. Eigentlich war es sehr untypisch für ein Fest, dass es nur Rotwein zu trinken gab. Mitten in der Menge fand er die junge Dame auch schon wieder, die mit den beiden Damen und dem düsteren Herren sprach. Eine kurzes Nicken ihrerseits ging sie anscheinend zu einer anderen Räumlichkeit, wobei der junge Mann ihr folgte. Seine Neugierde nahm weiter zu und so folgte er ihnen unbemerkt. Wie er später feststellte begaben sie sich in die Küche des Anwesens. "... bekommt euch das gewöhnliche Blut der Verzweifelten und das süße Blut nicht?", hörte er den Koch sagen. "Nicht sonderlich gut. Ich habe meinen eigenen Geschmack bei der Wahl meines Blutes", hörte er die zarte Stimme der Blondine. "Frisch von der Jagd des Herzogs. Die Trophäe des Hirsches könnt ihr im Salon bewundern." Er reichte ihr einen Kelch, aus dem sie behutsam trank. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln wechselten einige Goldmünzen den Besitzer. Als sie sich anschickten, die Küche zu verlassen, eilte er nach draußen. Dieser Mann musste wohl ihr Gatte sein oder zumindest ihr Verlobter so wie es schien. Doch hatte er sich verhört oder sprachen sie von Hirschblut? Von manchen Leuten wurde er bereits argwöhnisch gemustert. Anscheinend normal, wenn man neu hier war. Allerdings wollte er es nicht unversucht lassen, sich mit der jungen Dame zu unterhalten, sobald sie die Küche verlassen würde.
Die Bediensteten brachten Nachschub an Getränken, doch in jedem das rote Gold. War es wirklich Zufall? Doch da war sie auch schon, wieder in Begleitung des jungen Mannes. Lestat bahnte sich seinen Weg durch die Menge und wagte es, sie anzusprechen. "Wie ich sehe habt ihr einen sehr eigenen Geschmack", fing er an. Die Blondine drehte ihren Kopf zu ihm, doch sie wirkte nicht herabschätzend, eher kühn. Immerhin konnte sie nicht genau sagen, ob er das jetzt auf ihr Kleid oder auf den Inhalt im Kelch bezogen hatte. "Das kann man so sagen." "Aber es ist seltsam, dass hier nur Rotwein ausgeschenkt wird ... und dass ihr auf sowas zurückgreifen müsst, um dem Alkohol zu umgehen." Jetzt hatte er es doch angesprochen. Der Dunkelhaarige tauschte mit ihr Blicke und nickte anscheinend raus. Sie sah ihn an, als hätte er irgendetwas vor. "Es ist stickig hier drinnen. Wir sollten ein wenig an die frische Luft." Er gab Lestat nicht einmal eine Chance, dass er etwas erwidern konnte, da fühlte er seine Hand im Rücken und wie er ihn bestimmt zum Balkon schob. "Das war nicht gerade nach den Etiketten. Immerhin hatte ich keine Gelegenheit, mich von der Dame zu verabschieden." "Keine Sorge, sie wird deswegen nicht schlecht von euch denken." Er traute ihm nicht wirklich und spätestens wenn sie draußen waren, würde er fahren, was er wollte.
Ehe er bis drei zählen konnte sah er, wie der Dunkelhaarige versuchte ihn anzugreifen, ihm an den Hals zu gehen wie eine Bestie. Lestat, der wusste, wie Vampire angriffen, wehrte ihn ab und riss ihn zu Boden. Wie zwei Schuljungen rangelten sie am Boden, bis der Blonde die Oberhand ergriff und mit seinen Händen den Dunkelhaarigen zu Boden drückte. "Bist du noch ganz bei Trost, dass du von einem Vampir das Blut trinken willst?!", fauchte er ihn an. Der Dunkelhaarige weitete die Augen. "Was!? Ich dachte ihr seid ein Mensch!" "Also meinen eigenen Herzschlag höre ich schon seit Wochen nicht mehr!" "Das würde einiges erklären ..." Er ließ ihn los und ging von ihm herunter, während der Dunkelhaarige nach Luft rang. "Kein gescheiter Vampir würde so dumm sein und behaupten in den Gläsern gäbe es nur Rotwein." "Ist dir vielleicht mal in den Sinn gekommen, dass wir uns tarnen müssen? Es hätten Menschen sein können." "Das hättest du spätestens gemerkt, wenn du den süßen Geruch des Blutes und die Wärme gespürt hättest. Was beides nicht der Fall war. Und wozu verstecken? Um diese Zeit sind wir an der Macht." Lestat drehte sich um. "An der Macht? Was meinst du damit?" Er stand auf und klopfte sich den Staub von den Kleidern. "Denkst du wir sind alle Anarchisten, die tun und lassen, was sie wollen? Wir haben uns ebenfalls jemandem zu unterwerfen wie die Menschen auch." Er hob die Braue. "Und das wäre?" "Wir haben verschiedene Könige und Königinnen, die für bestimmte Bereiche des Landes zuständig sind. Du musst wirklich ein Frischling unter den Vampiren sein." Er schüttelte den Kopf und hatte die Hände in den Taschen, während er Lestat ansah. "Dann bist du also geschaffen worden nehme ich an?" Er nickte. "Normalerweise lässt ein Meister seine Geschöpfe nicht freiwillig gehen, wenn du verstehst was ich meine. Du solltest aufpassen, vor allem was du tust oder sagst." Er zog die kalte Nachtluft ein, die kondensierte. "Die Nacht ist bald vorbei und ich schätze mal du hast noch einen weiten Weg vor dir. Geh am besten und vergiss den Vorfall hier. Ich bin nicht nachtragend." Dieser Satz löste bei dem Blonden Empörung aus. Das klang so, als hätte ER ihn angegriffen. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, schickte sich der Fremde an, zu gehen. "Warte! Verrate mir wenigstens deinen Namen." Er blieb stehen und drehte leicht den Kopf zu ihm. "Namen sind hübsch, aber wertlos. Doch wenn es dich so brennend interessiert: Ich bin Jako Coin." Lestat hielt ihm seine Hand hin. "Lestat de Lincourt." Auch wenn er es nicht sah spürte er wie er eine Braue hob. "Ah, also noch einer von dieser Sorte. Und noch etwas: Halte dich von unserem Clan fern, wenn du keine Probleme haben möchtest." Mit diesen Worten ging er wieder zur Feier.