Kapitel
Kapitel
Als der Morgen anbrach, schlich sich die Blondine aus dem Bett und traf sich mit Damian, wie fast jeden Tag.
Doch sie waren öfter in der Stadt oder am Meer unterwegs.
Sie konzentrierten sich aufs Lernen, sofern das noch momentan möglich war, denn immer wieder trafen sich ihre Blicke und sie rissen sich zusammen, dass sich das von jener Nacht nicht wiederholte.
Valeria sah ihn an. "Ich werde bald nach Frankreich zurückkehren ... Ich bin geheilt ...", raunte sie.
Es traf ihn wie einen Pfeil in die Brust und dieser Schmerz spiegelte sich in seinen Augen wider.
"Wie lange sind sie noch hier?"
"Für die nächsten vier Wochen. Mein Mann ist hier und er wird mich mit nach Hause nehmen."
Damian schluckte. Wie konnte er auch erwarten, dass sie bei ihm bleiben würde?
Sein Mund war trocken.
"Das heißt ... Wir werden uns nicht mehr wiedersehen ...", schlussfolgerte er.
Valeria gestand sich ein, dass sie im Moment durcheinander war. Einerseits hatte sie Alain, doch wie lange hatte sie schon darum gekämpft, dass er etwas änderte, nur um bald darauf wieder in seine alten Muster zu verfallen?
Und das, was sie tagsüber erlebte, würde sie nie mit ihm teilen können.
Mit Damian fühlte sie sich lebendig und lernte eine andere Seite des Lebens kennen.
Über jene Nacht hatten sie nie ein Wort verloren, doch es war offensichtlich, dass keiner von beiden es vergessen konnte.
"Ich weiß es nicht ... Ich hoffe natürlich, dass wir uns wiedersehen werden ..."
Sie sah ihn an.
Damian war für den Moment etwas abwesend und starrte gedankenversunken ins Nirgendwo.
"Ich hätte das nicht tun sollen ... Ich wusste, dass sie verheiratet sind, dass sie eine Familie haben und trotzdem habe ich mich darauf eingelassen", meinte er leise.
Sie nahm seine Hand und sah ihn unsicher an. "Ich möchte nicht, dass sie gehen. Nur kann ich momentan nicht sagen, ob und was da ist ..."
Er sah sie an. "Ich kann ihnen sagen, was da war: Eine Frau, die viel Zeit mit einem fremden Mann verbracht hat und anscheinend ähnlich gefühlt hat wie er. Aber es ist kompliziert, vor allem jetzt ..."
Der Braunhaarige rang selbst mit sich. Er wusste, dass es nicht okay war, doch er wollte sie auch nicht gehen lassen. Aber er musste, wenn sie es so wollte.
"Wenn sie gehen, dann werde ich ebenfalls nach Frankreich zurückkehren. Es wird Zeit, dass ich meine eigene Praxis eröffne."
Es tat ihr weh, ihn so zu sehen. Wie gerne wäre sie bei ihm geblieben.
In den kommenden Wochen sahen sie sich immer weniger, doch es lag an ihm, nicht an ihr.
Er war abwesend zu ihr, um sich selbst zu schützen. Und genau das verletzte sie.
Am Tag der Abreise besuchte sie ihn und sah ihn traurig an.
"Ich weiß, dass es kompliziert ist und ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich bitte sie, dass wir uns wenigstens verabschieden", raunte sie.
Der Schmerz saß tief. Bei ihnen beiden. Doch Damian legte seine Arme um sie und hatte eine Hand in ihrem goldenen Haar.
Die Blondine konnte sein Herz schlagen hören. Es war schnell.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn liebevoll. Wenigstens ein letztes Mal.
Er erwiderte den Kuss, als wäre es das letzte Mal. Am liebsten hätte er sie nie losgelassen.
Es war besser so. Für beide.
Nachts machte sie sich mit Alain auf den Weg zum Hafen und sah zum Anwesen zurück.
Sie erinnerte sich an die langen Tage und die endlosen Nächte. Sowohl mit Alain, als aber auch vor allem mit Damian.
Ihrem Mann war es nicht entgangen, dass sie traurig war.
"Dir hat es hier gefallen, nicht wahr?"
Valeria nickte. "Du weißt gar nicht, wie sehr ..."
Er beobachtete sie genau. "Deine Haut hat sich auch verändert. Du warst viel in der Sonne, wie ich sehe."
"Oh, Alain, es war so schön! Die Sonne auf der Haut zu spüren, in ihrem Licht zu baden und die Welt wirkte viel fröhlicher und bunter!", schwärmte sie, doch das traf sie genauso hart, wie sie sich freute.
"Deswegen ist es manchmal besser, dass man nicht weiß, ob man ein Tagwandler oder ein Nachtvogel ist ... Ich denke, dass das deiner Mutter auch sehr zu schaffen gemacht hat. Sie war es gewohnt, tagsüber herumzulaufen und musste sich von einem Tag auf den anderen an das Nachtleben gewöhnen. Ich kann es ihr nicht verdenken."
"Ich wünschte, du könntest das erleben, was ich erlebt habe", raunte sie.
Er lächelte gequält. "Das werde ich wohl nie. Aber es hört sich traumhaft an."
Der Schwarzhaarige drehte sanft ihren Kopf zu sich und lächelte sie an.
"Du kannst hin und wieder reisen. Vielleicht hilft es dir, diese Sehnsucht zu stillen", schlug er vor.
Valeria lächelte und nickte. "Das wäre schön. Aber erst muss ich zurück in den Palast. Zurück zu unseren Kindern und zu uns."
Sie hatte die vier Wochen zum einen genossen, doch es war nicht dasselbe wie damals.
Die See war unruhig, doch das Schiff brachte sie zur Küste.
Der Wind peitschte kalt und erbarmungslos auf ihrer Haut und die Wellen wurden stärker.
In diesem Moment war das Meer so, wie sich Valeria fühlte.
Zu Hause angekommen nahm sie ihre Kinder in den Arm, genauso wie Jako und ihren Vater.
"Ruh dich für heute aus, mein Engel. Ich bin sicher, du hast viel zu erzählen", meinte Alain lächelnd und zog sich mit den beiden Männern zurück, um die Lage zu besprechen.
Doch Jako nahm sich danach Zeit für Valeria und setzte sich zu ihr.
Sie hatte die ganze Zeit über mit den Kindern gespielt und ihnen Geschichten erzählt.
"So, jetzt hätte Onkel Jako eure Mama aber auch gerne für sich, okay? Großvater Arnaud wird mit euch weiterspielen."
Die beiden Kinder stürmten nach unten und der Schwarzhaarige grinste, als er die Tür schloss.
"Deine Haut ist fast so rosig wie die eines Menschen. Die Luft dort muss dir wirklich gut getan haben. Warst du in der Sonne?"
Valeria nickte und lächelte. "Es war sehr schön dort. Die Welt sieht ganz anders aus bei Tag ... Bunter, lebensfroher ..."
Er kannte seine Schwester zu gut, als dass er dieses Detail nicht bemerken würde.
"Da ist noch mehr, nicht wahr?"
Zunächst druckste sie rum, doch sie wusste, dass sie ihrem Bruder alles erzählen konnte.
"Ich habe jemanden kennengelernt ..."
Der Schwarzhaarige schlug sich triumphierend auf den Oberschenkel.
"Ha! Ich wusste es!"
Sie sah ihn verwirrt an, bis er sich räusperte.
"Entschuldige ... Aber ich kenne dich viel zu gut, als dass du mir was verheimlichen könntest. Erzähl doch mal."
Die Blondine erzählte von den gemeinsamen Tagen, wie sie bis spät in die Nacht die Gegend erkundet hatten und lernten.
Jako beobachtete sie dabei. Ihm war das Funkeln in ihren Augen nicht entgangen.
"Hast du mit ihm geschlafen?", fragte er ruhig.
Valeria war verwundert, dass er das so offen ansprach und sah zu Boden.
"Ja ...", gab sie leise zu.
Er schwieg und sah sie nur an. Nicht verurteilend, sondern neutral.
Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen.
"Oh, Jako, ich weiß nicht, was ich tun soll! Es fiel mir schon schwer, wieder hierher zurück zu kommen!", gab sie zu.
"Diese Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen, Schwesterherz. Du hast die Möglichkeit gehabt, die Welt anders zu sehen, als wir sie sehen. Und du hast einen Menschen getroffen, mit dem du dich gut verstehst. Die Frage ist, bei wem du bleiben wirst."
Sie atmete durch und schloss die Augen. "Ich weiß es nicht ... Ich bin einfach nur durcheinander ... Er wusste, dass ich verheiratet bin. Er wusste, dass ich Kinder habe und trotzdem hat er mich geküsst ..."
"Für ihn wird es auch nicht gerade leicht sein, jetzt, da du nicht mehr im Paradies bist", wandte er ein.
"Dessen bin ich mir bewusst ... Damian sagte auch, dass er es nicht kompliziert machen wollte aber ... Er kam nachts zurück, weil er was bei mir vergessen hatte und da überkam es mich einfach. Das schlimmste war: Es hat mir gefallen. Ich wollte ihn spüren, ich wollte ihn nah bei mir haben. Und ich hätte ihn am liebsten nicht gehen gelassen."
Jako legte eine Hand auf ihre Schulter.
"Gib dir Zeit, wieder hier anzukommen. Schau, wie es sich zwischen dir und Alain nach allem entwickelt und sei für deine Kinder da. Die Antwort wird von selbst kommen."
Mit diesen Worten stand er auf. "Vater und ich sind noch zwei Wochen hier, bis sich wieder alles eingependelt hat, dann sind wir auch weg."
Sie sah ihn verwundert an. "Du bist Alains Berater!"
Er schüttelte den Kopf. "Nicht mehr. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht kann. Ich wollte nur noch so lange bleiben, bis alles wieder im Lot ist."
Valeria blieb alleine im Zimmer zurück und starrte nachdenklich ins Leere. Sie würde jetzt noch keine Antwort auf ihre Frage haben, doch Jako hatte recht: Alain hatte eine Chance verdient. Eine letzte.
Doch als ihr Vater den Besprechungsraum verlassen hatte, ging sie zu seinem Gästezimmer, wo er bereits eintreten wollte.
"Können wir reden?"
Er nickte und begleitete sie nach draußen.
Sie spazierten durch die Straßen und durch die Gärten, wo sie ihm alles erzählte.
Ihr Vater hörte ihr geduldig zu und auch er verurteilte sie nicht.
"Alain hat vielleicht recht. Deiner Mutter hat das Sonnenlicht gefehlt, weil sie damit aufgewachsen ist. Wir hingegen leben in der Nacht und kennen nichts anderes, weil wir Nachtvögel sind. Und genauso wird es dir auch gehen. Du hast eine andere Seite vom Leben kennen gelernt und die gefällt dir besser und noch dazu hast du jemanden kennengelernt, mit dem du dich gut verstehst."
Valeria fummelte nervös an ihrem Handschuh herum.
"Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll ..."
"Nun, in erster Linie ist Alain dein Ehemann und du hast Russeau und Giselle. Gib ihm eine letzte Chance, Valeria. Ihr habt es doch auch immer wieder geschafft, zueinander zu finden und das wird jetzt auch nicht anders sein."
Die Blondine legte ihren Kopf mit einem Seufzen in den Nacken.
"Aber was, wenn dieser Kampf wieder umsonst ist wie die letzten zuvor?"
Ihr Vater sah sie an. "Versuch es einfach."
Er lächelte. "Alain ist kein Unmensch und das weißt du auch. Natürlich ist er nicht fehlerfrei aber ich habe ihn noch nie so glücklich und so aufblühen sehen wie mit dir an seiner Seite."
Für sie begann in der nächsten Nacht wieder der Alltag wie gehabt, mit dem Unterschied, dass sie sich um Giselle und Russeau kümmern konnte.
Doch manchmal, wenn sie alleine in ihrem Zimmer war oder die Hofdame ihre Haare kämmte, dachte sie zurück an Damian, das Meer und seine Lippen.
Aus diesen Gedanken wurde sie meistens wieder wachgerüttelt, wenn ihr Korsett geschnürt wurde.
Heute war aber eher ein trauriger Anlass.
Der ehemalige Hausvorstand, Alains Mutter und ihre Großmutter, war gestorben.
Die ganze Familie war in Schwarz gekleidet und lief langsam der Trauerkutsche hinterher.
Valeria war gedankenverloren, wusste aber auch, dass sie stark sein musste. Für ihren Mann.
Sie hakte sich bei ihm ein und sah ihn mitfühlend an, als er fast schon mit steinerner Miene zu ihr sah, doch er konnte diesen Blick nicht lange aufrecht erhalten.
Auch ihr Vater und Jako wohnten dem Trauerzug bei.
In der Gruft der Familie wurde der Leichnam beigesetzt und ein paar abschließende Worte gesprochen.
Die Blondine sah zu ihrem Vater und ihrem Mann, die gefasst davor standen und andächtig zuhörten.
Sie konnte jetzt nicht gehen. Sie musste stark sein, ihrem Mann und ihrer Familie eine Stütze sein.
Alain und sie blieben noch lange an ihrem Sarg stehen. Lange, nachdem die anderen bereits aufgebrochen waren.
"Sie war keine einfache Frau. Sie hat viel durchgemacht in ihrem Leben ...", brach Valeria das Schweigen.
"Sie wollte immer die Familie um jeden Preis beschützen. Aber sie hat immer nur den einen Weg gesehen, den wir schon seit Jahrhunderten eingeschlagen haben", erwiderte Alain.
"Auch du neigst dazu, in deine alten Muster zurückzufallen", bemerkte sie.
"Ich weiß. Und deswegen bin ich froh, dass ich mich auf dich und deinen Vater verlassen kann. Und auch auf Jako."
Es herrschte eine lange Stille. Die Blondine legte eine Hand auf ihre Schulter.
Die Jahre vergingen und Russeau war mittlerweile 10 Jahre alt.
Sie sahen den Kindern beim Spielen im Garten zu.
"Wie schnell die letzten Jahre vergangen sind", raunte Alain, als er die beiden so beobachtete.
"Eines Tages werde ich ihn einweihen und dann wird er der neue Kaiser sein ..."
Die Blondine lächelte leicht, als sie ihnen zusah.
"Ich würde gerne für eine Zeit lang den Palast verlassen und auf Reisen gehen", meinte sie.
Er sah sie an. "An welchen Ort hast du denn gedacht?"
"Ich hörte Korfu soll sehr schön sein", erwiderte sie.
Alain verstand, worauf sie hinaus wollte und lächelte leicht.
"Also schön. Ich werde für nächste Woche alles organisieren."
Valeria verabschiedete sich von allen und trat dann ihre Reise an.
Den Kutscher bat sie jedoch, einen kleinen Umweg einzuschlagen und zunächst in Paris Halt zu machen, wo Damian lebte.
Sie hatte ihm immer wieder Briefe geschrieben und doch nie abgeschickt. Dieses Bündel hielt sie an ihre Brust gedrückt, als sie in der Kutsche saß.
Es war so gekommen, wie sie es sich gedacht hatte: Alain war dabei, wieder in seine alten Muster zu verfallen und sie war es Leid, ihn jedes Mal erneut daran zu erinnern.
Sie schloss die Augen und dachte an die Momente mit Damian, der ihr seit dem Tag nie wieder aus dem Kopf gehen sollte.
Doch in letzter Zeit holte ihre komplette Vergangenheit sie ein.
Sie dachte auch an Lestat, wie er mit ihr fortgelaufen war, wie ihr Vater und Jako sie unterstützt hatten und auch, wie sich das zwischen Alain und ihr entwickelt hatte.
Ja, sie war glücklich, doch nur für einen Moment. Vielleicht wäre es besser gewesen, dass er Helena geheiratet hätte und sie zu Hause geblieben wäre.
Doch sie wusste, dass sie es nicht besser gewusst hatte. Alain und sie hatten schon immer eine innige Beziehung zueinander, auch wenn er genauso stur und unbeherrscht sein konnte wie sie selbst.
Vielleicht passten sie deswegen nicht zueinander. Sie waren zu ähnlich.
Nein, das waren sie nicht. Valeria wollte die Freiheit, sie wollte die Dinge auf ihre Art tun und fühlte sich immer mehr vor den Kopf gestoßen.
Die Erinnerungen schwirrten durch ihren Kopf wie lästige Fliegen.
Keine einzige konnte sie greifen, doch sie tauchten immer wieder vor ihrem geistigen Auge auf.
Der Tanz mit Alain, ihre Begegnung im Garten, die Hochzeit, ihre erste, gemeinsame Nacht ...
Was war wohl aus Lestat geworden? Hatte er überlebt? War er tot? Würde er sie in Frieden lassen?
Immerhin hatte sie jahrelang nichts mehr von ihm mitbekommen.
In Paris fragte sie nach Damian herum und wurde auch bald fündig.
Mit einem Kloß im Hals und Herzklopfen fasste sie sich ein Herz und klopfte dreimal.
Ein Dienstmädchen öffnete.
Valeria verbeugte sich und fragte nach Damian.
Wie es der Zufall wollte, drehte sie sich gerade zu ihm um.
"Monsieur, vor der Tür steht eine junge Dame, die nach ihnen fragt. Eine Madame Coin."
Er wurde hellhörig bei dem Namen. "Lassen sie sie rein."
Sie öffnete die Tür und verbeugte sich leicht.
"Er wird sie empfangen."
"Danke", raunte sie mit einem milden Lächeln und trat ein.
Ein sagenhaftes Reihenhaus aus rotem Sandstein, ein Boden aus feinstem Mahagoni, edle Möbel aus dunklem Nussbaum und elegante Tapeten.
Seine Familie musste einen guten Ruf haben.
Damian stand immer noch auf der Treppe und sah Valeria an.
"Madame Coin. Ich hätte nicht erwartet, dass sie mich besuchen würden."
Die Blondine sah ihn genauer an. Seine Haare waren länger als damals, seine Kleidung eleganter.
Sie lächelte ihn leicht an.
"Es freut mich auch, sie wiederzusehen, alter Freund."
Die beiden gingen in den Salon, wo auch seine Eltern saßen.
"Mutter, Vater ... Ich hatte euch von meiner Bekanntschaft in Madeira erzählt. Das ist Madame Coin von Straßburg."
Valeria verbeugte sich elegant. "Es freut mich, ihre Bekanntschaft zu machen", raunte sie.
Seine Eltern sahen erst einander, dann die junge Frau an.
"Es freut uns, sie bei uns begrüßen zu dürfen, Madame. Obgleich wir doch verwundert sind, dass sie ohne ihren Gatten erschienen sind", meinte die Mutter.
Sie lächelte mild. "Ich war auf der Durchreise und wollte Damian besuchen."
Damian sah seine Eltern an. "Dürfte ich mit ihr unter vier Augen reden?"
Die beiden sahen ihn verwundert an und zögerten für einen Moment.
"Natürlich."
Er ging mit Valeria ins Wohnzimmer.
"Alter Freund also ..."
Valeria sah ihm in die Augen.
"Ich wollte sehen, wie es ihnen geht ... Jetzt, da sie wieder in Paris sind ..."
Der Braunhaarige sah sie enttäuscht an. "Ist das alles?"
Sie spielte leicht nervös mit ihrem Handschuh.
"Was hätten ihre Eltern von ihnen gedacht, wenn ich etwas anderes gesagt hätte? Jetzt, wo sie mich als Madame Coin vorgestellt haben?"
Er sah sie eindringlich an. "Sie haben meine Frage nicht beantwortet."
Sie holte Luft und sah ihn an. "All die Jahre ist mir unsere Begegnung nicht mehr aus dem Kopf gegangen ... Aber ich fürchte, dass es bereits eine Frau in ihrem Leben gibt ..."
"Da irren sie sich. Ich konnte sie genauso wenig vergessen ..."
Er sah ihr in die Augen. "Also ... was wollen sie hier?"
Valeria kam näher. "Ich kann nicht ohne sie ...", raunte sie.
Damian schluckte. "Wissen sie, was sie da sagen?"
Die Blondine nickte. "Ich werde gehen. Weit weg von meinem Mann und meiner Familie. Und ich hoffte, dass sie mich begleiten werden."
Der Braunhaarige traute seinen Ohren nicht. Hatte sie gerade gesagt, dass sie mit ihm durchbrennen wollte?
"Sie müssen sich nicht heute entscheiden. Ich werde für ein paar Tage in Paris bleiben, ehe ich weiterfahre. Ich kann verstehen, dass das für sie genauso eine Überraschung ist wie für mich. Aber ich habe mich all die Jahre zurückgehalten ..."
Valeria überreichte ihm das Bündel an Briefen.
"Diese Briefe habe ich die letzten Jahre alle geschrieben, seit ich wieder zu Hause bin, aus Angst, dass sie jemand abfangen könnte aber nie abgeschickt. Das soll ihnen zeigen, wie ernst es mir ist."
Er musterte den Stapel in seinen Händen. Es waren viele.
"Geben sie mir Bedenkzeit. Das ist alles zu viel momentan."
Sie nickte. "Das verstehe ich. Ich komme in einer Unterkunft in der Nähe unter und werde sie vor meiner Abreise nochmal besuchen."
Mit diesen Worten ging sie. Es fiel ihr schwer.
All die Jahre hatte sie diese Gefühle unterdrückt und nun war sie sich sicher: Sie wollte bei ihm sein.