Kapitel
Kapitel
Valeria hatte alles bereits geplant. Sie wollte ein kleines Haus kaufen und dort leben. Allein.
Es sei denn er würde ihnen eine Chance geben und mit ihr kommen.
Sie spazierte nachts durch die Straßen von Paris und bewunderte alles, entdeckte aber auch die Vampire, die in dieser Nacht ihr Unwesen trieben. Hier war so viel mehr los als in Straßburg.
Man traf mehr seiner Artgenossen oder zumindest Verwandelte.
Als sie gedankenversunken ihren Weg fortsetzte, stieß sie mit einem jungen Mann zusammen.
"Pardon Miss", murmelte er. Ein junger Mann mit langen Haaren, der in einen dunklen Mantel gehüllt war.
Sie sah ihn an und hatte den Geruch eines Verwandelten in der Nase.
"Schon gut. Es ist ja nichts passiert", erwiderte sie mit einem sanften Lächeln.
Der Mann hatte ein Kind bei sich, dessen Puppe auf den Boden gefallen war.
Sie hob sie auf und gab sie ihr lächelnd wieder. "Hier, deine Puppe."
Das Mädchen sah sie bewundernd an. "Vielen Dank!"
Sie sah zum Mann hoch. "Kann sie uns nicht Gesellschaft leisten, Vater?"
Er lachte verlegen. "Wir sollten die junge Frau nicht belästigen, Claudia."
Doch Valeria lächelte. "Das tun sie keineswegs. Heute ist so ein schöner Abend."
Das Mädchen namens Claudia sah ihn begeistert an. "Siehst du? Sie würde uns Gesellschaft leisten!"
"Ich bin momentan auf der Durchreise und kenne mich nicht sonderlich gut in Paris aus. Ich wäre ihnen sehr verbunden", wandte Valeria mit sanfter Stimme und Lächeln ein.
Er seufzte. "Also gut."
Sie besuchten ein kleines Lokal. Es war alles so edel, hell beleuchtet und voller wertvoller Stoffe.
Die drei saßen zusammen und unterhielten sich.
Der Mann räusperte sich. "Ich habe mich überhaupt nicht vorgestellt. Mein Name ist Louis."
Sie legte ihren Kopf schief und lächelte. "Valeria", stellte sie sich vor.
"Sie kommen also aus Frankreich?"
"Ursprünglich aus New Orleans", erwiderte der junge Mann.
"Die Neue Welt", raunte sie verwundert und beugte sich interessiert vor.
"Sagen sie: Wie ist es dort?"
"Nicht so edel wie in Paris, schätze ich", erwiderte er mit einem nervösen Lächeln.
Ihr fiel auf, dass das kleine Mädchen sie die ganze Zeit anstarrte und lächelte sie an.
"Du musst dich zutiefst langweilen, nicht wahr?"
"Du siehst aus wie eine lebende Puppe", schwärmte Claudia.
Valeria kicherte. "Ich danke dir für das Kompliment."
Nach einer Zeit mussten sie aber aufbrechen. Louis schien unruhig.
"Wir sollten aufbrechen. Es wartet jemand auf uns", beteuerte er.
"Oh, das tut mir leid. Ich wollte sie nicht aufhalten", raunte die Blondine.
"Können wir ihn nicht loswerden und stattdessen mit ihr weiterziehen?", meinte die Kleine.
"Ich bin auch nicht glücklich darüber aber wir müssen jetzt los. Es war nett, sie kennenzulernen."
Sie lächelte leicht. "Die Freude war ganz meinerseits."
Valeria verließ das Lokal erst später, konnte jedoch die Stimmen der beiden vernehmen und eine weitere, sehr bekannte Stimme.
Die Blondine lief an ihnen vorbei und bemerkte aus dem Augenwinkel einen jungen Mann, blond und blass.
Sie kannte das Gesicht und es war, als wären seine Augen für einen Moment auch auf sie gerichtet gewesen.
Unbeirrt lief sie an ihnen vorbei und schluckte. War er es wirklich? War es Lestat?
Doch es war gerade ein sehr ungünstiger Augenblick und sie wollte nicht auf der Straße auffallen.
Nicht heute Nacht.
Am letzten Tag wollte sie gerade zu Damian gehen, da kam er ihr schon entgegen.
"Valeria", hauchte er erschrocken, als sie fast in ihn reingelaufen wäre.
"Huch! Entschuldigt ..." Sie sah ihn an. "Ich reise heute ab ..."
Er sah sie an. "Das weiß ich. Und wenn ihr Angebot noch steht, werde ich mit ihnen kommen."
Ihre Augen weiteten sich überrascht. "Ist das wahr?"
Damian nickte. "Wenn wir die Chance haben, ein Leben zusammen aufzubauen, dann wäre ich töricht, das nicht in Betracht zu ziehen!"
"Und ihre Praxis?"
"Ich kann dort als Arzt arbeiten. Und ihnen weiterhin alles beibringen."
Sie konnte ihr Glück nicht fassen und stieg mit ihm in die Kutsche, nachdem der Kutscher den Koffer aufgeladen hatte.
Als sie in der Kutsche saßen, legte er beide Hände an ihre Wangen und küsste sie innig.
Valerias Herz schlug so schnell, dass sie glaubte, es springe aus ihrer Brust und sie erwiderte den Kuss.
Danach hatte sie sich die letzten drei Jahre so sehr gesehnt!
"Ich war es so leid! Ich war es so satt! In den ganzen drei Jahren konnte ich nur noch an dich denken", raunte sie.
"So ging es mir auch ..." Er sah sie an und strich ihr eine Strähne hinters Ohr.
"Was hast du deinen Eltern gesagt?"
"Ich habe gesagt, dass ich in die Welt aufbrechen und mein eigenes Leben aufbauen werde. Mit der Frau, die ich liebe."
Sie lächelte und küsste ihn erneut. Die Blondine war einfach erleichtert, dass er ihr diese Chance gegeben hatte.
Doch sie musste feststellen, dass es seine Nachteile hatte, wenn man ein Mensch war, denn sie mussten auf dem Weg oft anhalten. Und da war auch noch die Sache mit dem Essen.
"Ich habe dich noch nie essen gesehen. Selbst, als ich Tag und Nacht bei dir war", meinte Damian und sah sie an.
"Du bist kein Mensch, nicht wahr?"
Valeria presste ihre Lippen aufeinander und sah ihn unsicher an.
"Nein ... Das bin ich nicht ..."
Er sah ihr in die Augen. "Was bist du dann?"
Sie schluckte. "... Ein Vampir ..."
Es schien ihn tatsächlich zu überraschen. "Dann trinkst du Menschenblut?"
Die Blondine schüttelte den Kopf. "Ich ernähre mich von Tieren."
"Das lässt sich arrangieren ... Ich kann sie schlachten und du bekommst ihr Blut ... Aber ..."
Er fuhr sich durch die Haare. "Das ist der Wahnsinn! Und du sagtest noch, es gäbe sie nicht."
"Wir dürfen es auch nicht an die große Glocke hängen. Aber ich wollte keine Geheimnisse vor dir haben", erwiderte sie.
Als sie auf Korfu ankamen kauften sie ihr eigenes, kleines Haus mit Land und Tiere, um einander immer versorgen zu können.
Valeria war so glücklich wie am Tag ihrer Hochzeit und lächelte.
Die beiden bauten ein gemeinsames Leben auf, hatten aber keine Kinder.
Immer wieder bekam sie Briefe von Alain zugeschickt, die sie jedoch ignorierte.
Wenn wieder einer ankam, warf sie ihn ins Feuer.
Sie verbrachten die Nächte zusammen, er brachte ihr alles aus seinem Studium bei und alles schien perfekt.
Und zwei Jahre sollte es auch sein, bis eines Nachts eine Gestalt sich ihrem Haus näherte.
Die Blondine schreckte auf, als sie die ihr bekannte Silhouette sah. Es war Alain.
"Was hast du?", hörte sie Damian sagen, der kurz vorm Einschlafen war.
Doch sie konnte kaum antworten, da öffnete sich die Tür und er trat ein.
"Valeria! Du bist hier", raunte er und sah dann zu Damian, bevor er sie wieder fassungslos ansah.
"Sag mir bitte, dass das ein schlechter Scherz ist!"
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Damian hatte sich bereits aufgesetzt.
"Wer ist das?"
Sie war wie erstarrt. "Mein Mann ..."
In Alain kochte die Wut hoch. "Deswegen wolltest du weg!? Dass du mit jemand anderem ein neues Leben beginnen kannst!?"
Damian stand auf. "Sie hatte ihre Gründe, dass sie gegangen ist! Du solltest lieber wieder verschwinden!", zischte er.
Wenn Blicke töten könnten, hätte Alain ihn bereits umgebracht. "Du hältst dich da raus, Sterblicher! Das geht nur mich und meine Frau was an!"
Er sah sie wutentbrannt an. "Dafür waren das Geld und die Reise nicht gedacht! Du wirst augenblicklich mit mir zurück nach Hause kommen oder es hat schwerere Konsequenzen!"
Tränen liefen ihr übers Gesicht. "Alain, bitte!"
Doch er ging nicht auf sie ein. "Wenn du nicht mit mir kommst, hast du ihn auf dem Gewissen! Deine Entscheidung!"
Valeria sah zu Damian, der fassungslos dastand.
"Es tut mir leid, Damian ...", flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme.
Der Schwarzhaarige packte sie grob am Arm und zog sie mit sich mit.
In der Kutsche spürte sie seine Blicke, doch sie sah kein einziges Mal auf.
"Warum tust du mir das an? Ich habe dir alles gegeben! Ich habe zugestimmt, dass du dich frei bewegen kannst und so dankst du es mir!?"
Doch sie sagte nichts, sondern starrte nur zu Boden.
"Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!", zischte er.
Tränen liefen über ihr Gesicht. So liebevoll und aufmerksam, wie sie ihn sonst kannte, so unbeherrscht konnte er werden.
Als sie nicht auf ihn reagierte, zwang er sie, ihn anzusehen.
"Sag es mir!"
Doch außer Tränen und Schluchzen kam nichts aus ihr.
Sie holte Luft.
"Weil ich es nicht mehr ertragen konnte! Dieses erstickende Leben im Palast! Immer bei Nacht leben, während da draußen das blühende Leben am Tag wartet! Und du? Du wolltest etwas verändern und doch bist du wieder ins selbe, alte Muster verfallen wie etliche Male zuvor!"
Sein Blick war weiterhin eiskalt. Er hatte kein Mitleid mit ihr. Jetzt nicht mehr.
"Ab jetzt wirst du dich wie eine Kaiserin verhalten! Für dich wird es weder Reisen, noch das Tageslicht geben! Ich brauche dich an meiner Seite und nicht als Hure eines Menschen!"
Ihre Hand schnellte schneller auf seine Wange zu, als sie es kontrollieren konnte.
Er hielt sich erst verblüfft die Wange, dann sah er sie böse an.
"Ich habe es dir gesagt, was dich erwartet, wenn wir zusammenleben und für dich war das in Ordnung! Ich weiß nicht, woher der Sinneswandel plötzlich kommt! Ich begreif dich nicht!"
Valeria atmete schwer. "Du warst auch mal anders! Liebevoll, offen und hast dich an meiner Seite lebendig gefühlt! Davon merke ich schon lange nichts mehr!"
"AUF MEINEN SCHULTERN LASTEN DIE ENTSCHEIDUNGEN ÜBER DAS GANZE LAND! ÜBER UNSERE FAMILIE! ICH SORGE DAFÜR, DASS WIR NICHT UNTERGEHEN! UND DA WERDE ICH ERWARTEN KÖNNEN, DASS MEINE EIGENE FRAU MICH DABEI UNTERSTÜTZT UND MIR DEN TROST SPENDET, DEN ICH BRAUCHE!", brüllte er.
"Du bist so blind, dass es schon wehtut! Dieses Land wird untergehen, wenn wir nicht abdanken! Die Menschen haben es vorgemacht! Sie haben keine Monarchen mehr!", zischte sie zurück.
Er schüttelte heftig den Kopf.
"Nein ... vergleich uns nicht mit diesem Abschaum!"
Sie sah ihn erschrocken an. "Abschaum? Menschen haben genauso eine Daseinsberechtigung wie wir! Sie haben uns Unterschlupf in IHREM Palast gegeben, obwohl sie das nicht hätten tun müssen! Wegen ihnen leben wir doch diskret!"
Alain sah aus dem Fenster.
"Hör dir doch nur einmal selbst zu!"
Es war in der Tat keine fröhliche Rückkehr in den Palast. Ihr Vater und Jako waren ebenfalls anwesend.
Ohne ein Wort zu sagen, rannte sie an den beiden vorbei ins Schlafgemach.
Alain kam fertig hinterher.
"Was ist passiert?", wollte Jako wissen.
"Sie hatte eine Affäre und wollte mit ihm ein neues Leben beginnen", erwiderte er leise und sah zu Boden.
"Mit einem Menschen."
Arnaud sah besorgt drein. "Das könnte zu einem Skandal führen ..."
Er nickte.
"Ich weiß nicht, was ich noch alles tun soll, Arnaud ... Vielleicht kannst du zu deiner Tochter durchdringen."
Er nickte und ging in Richtung Schlafgemach.
Jetzt waren nur noch Alain und Jako da.
"Du wusstest es, oder?"
Er seufzte.
"Sie hat mir erzählt, dass sie ihn kennengelernt und sich in ihn verliebt hat. Ich dachte jedoch, dass es mit den Jahren verschwinden würde. Ich wollte eure Ehe nicht unnötig belasten."
Er sah ihn mit müden Augen an. "Danke ... wenigstens bist du ehrlich ..."
Der Kaiser blickte in Richtung des Schlafgemachs. "Ich werde in meinem Arbeitszimmer schlafen ... Das ist mir noch zu viel ..."
Jako seufzte. Er fragte sich, wie sich das mit ihnen noch entwickeln würde.
Diese Nacht hatte Valeria jegliches Glück entzogen.
Sie sprach die ersten paar Monate nicht mehr viel und Alain zog sich immer ins Arbeitszimmer zurück, anstat zu ihr ins Schlafgemach zu kommen.
Es hatte sie gestärkt. Valeria ging ihren Pflichten als Kaiserin nach, ohne zu hinterfragen, ohne Umweg.
Zumindest vor den Kindern versuchte sie, ihren Schmerz zu verstecken.
Sie wurde kalt und sie lächelte kaum noch.
Die Blondine suchte sein Arbeitszimmer auf und klopfte.
"Ja?" Alain blickte auf und sah Valeria eintreten. "Was gibt's?"
Valeria blieb im Türrahmen stehen. "Können wir reden?"
Er machte eine Geste, dass sie sprechen sollte.
Sie holte Luft. "Ich bedaure mein Verhalten dir gegenüber. Das war nicht in Ordnung und ich weiß, dass ich dein Vertrauen nicht mehr so schnell zurückgewinnen kann. Ich werde jetzt meinen Pflichten als Kaiserin gewissenhaft nachkommen und mir keine Fehltritte mehr erlauben."
Sein Blick war so ausdruckslos und voller Schmerz.
Er sah nicht gut aus.
Alain war blass und hatte Augenringe. "Das wäre dann alles", erwiderte er kühl.
Sie verbeugte sich und verließ das Zimmer.
Eines Nachts saß sie draußen unter den Kirschbäumen, die Hände im Schoß und sah nachdenklich zu Boden.
Ein halbes Jahr war bereits vergangen.
Plötzlich hörte sie ruhige Schritte in ihrer Nähe, schon fast zaghaft.
Ein kleines Licht erleuchtete die Nacht.
Neben ihr stand Alain mit einer Laterne. Er sah nicht allzu glücklich aus.
"Können wir reden?"
Valeria sah ihn kurz an und nickte, ehe sie wieder zu Boden sah.
Er setzte sich vorsichtig neben sie.
Keiner der beiden wusste so recht, was er sagen sollte.
"Du ... hast dich gemacht mit deinen Pflichten. Alle Achtung ... Ich bin stolz auf dich ..."
Valeria schwieg.
"Hör zu ... Es ist jetzt einige Zeit vergangen. Du hast recht: Mein Vertrauen wiederzugewinnen, wird nicht so schnell gehen. Aber lass uns nochmal von vorne beginnen. Bis jetzt haben wir es immer geschafft und ich bin zuversichtlich, dass wir es auch dieses Mal schaffen werden. Zusammen."
Vorsichtig nahm er ihre Hand in seine Hände und sah sie an.
Tatsächlich sah sie ihn ebenfalls an. "Denkst du, dass das hier wirklich noch zu retten ist?"
Er sah ihr in die Augen und lächelte leicht.
"Natürlich denke ich das. Du bist etwas besonderes, Valeria. Und ich könnte mir keine bessere Frau vorstellen. Aber es braucht zwei, um ein Land zu regieren."
Sie seufzte und legte ihren Kopf an seinen.
"Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass du Helena geheiratet hättest statt mich ... Dass ich überhaupt nicht mitgekommen wäre ..."
Alain sagte nichts dazu. Für ihn war es damals nie in Frage gekommen und das würde es jetzt immer noch nicht.
"Ich vermisse meinen Engel, diese wunderschönen Augen, dieses Strahlen, sobald ich den Raum betreten habe ... Ich weiß, dass du dein Bestes gibst, dass die beiden es nicht bemerken aber sie spüren es ebenfalls."
Eine Träne rollte ihre Wange herunter.
Er hauchte ihr einen Kuss auf den Kopf.
"Wir fangen nochmal neu an. Zusammen."