Kapitel
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Die Kaiserin empfing ihn im Besprechungszimmer, wo Louis schon fast nervös auf sie wartete.
Er stand auf, als sie eintrat.
"Bitte, setzen sie sich", erwiderte sie ruhig.
Lous kam ihrer Bitte nach und setzte sich.
Sie beugte sich zu ihm vor und sah ihn konzentriert an.
"Erzählen sie mir alles. Wie kamen sie zu ihm?"
Er holte Luft.
"Lestat hat mich verwandelt ... Erst hatte er mich angefallen und als ich Angst vor dem Tod hatte, hat er die Situation ausgenutzt und mich verwandelt."
Louis fuhr sich gestresst übers Gesicht.
"Ich hatte damals Frau und Kind verloren und bin als einziger zurückgeblieben. Also tat ich alles, um meinem Leben ein Ende zu bereiten. Doch als ich von Lestat angefallen wurde, war mein Überlebensinstinkt noch stark genug. Ich fürchtete den Tod und er bot mir an, mich zu verwandeln, was er dann auch tat."
Valeria hörte ihm zu und nickte.
"Und das kleine Mädchen?"
"Sie wurde verwandelt, in der Hoffnung, dass er mich mit ihr an sich binden kann. Ich war noch nicht im Besitz meiner Beherrschung und hatte sie gebissen ... Sie hätte keine Chance gehabt, wenn ich sie zurückgelassen hätte."
Die Blondine nickte. "Verstehe."
"Er hat mich benutzt, wollte ein Leben in Saus und Braus und als sie uns getroffen haben, waren wir schon über 30 Jahre an seiner Seite. Claudia wollte ihn loswerden. Sie hat über sie in den höchsten Tönen gesprochen."
Sie lächelte bei seinen Worten. "Und weiter?"
"Also haben wir auf verschiedenste Arten versucht, ihn loszuwerden, jedoch jedes Mal erfolglos. Er hat uns immer wieder aufgespürt und ich fürchte, er wird es wieder tun."
"Ist das Mädchen bei ihm?"
Er schüttelte den Kopf. "Sie ist tot. Aber nicht durch seine Hand. Das ist eine andere Geschichte."
Valeria presste ihre Fingerkuppen aneinander.
"Nun, bedauerlicherweise hatte ich ebenfalls mit ihm zu tun. Was uns beiden aber in die Karten spielt ist, dass er wegen Hochverrat gesucht wird. Das heißt, dass er dem Tod nicht entkommen wird. Ich kann ihnen helfen, dass wir dieses Problem ein für alle Male aus der Welt schaffen, doch dazu werde ich ihre Hilfe brauchen."
Louis nickte. "Alles, damit das ein Ende nimmt."
Die beiden arbeiteten einen Plan aus.
Louis sollte als Lockvogel dafür sorgen, dass Lestat aus seinem Versteck kam, während Soldaten - und auch sie - sich versteckten.
So konnten sie ihn endlich festnehmen und Gerechtigkeit zu jedem bringen, der unter ihm Unrecht erfahren hatte.
Sie gewährte ihm für diese Nacht Schutz und Obdach, zumal sie noch genügend Gästezimmer hatte.
Eva streckte neugierig ihren Kopf zum Türrahmen rein und entdeckte den gutaussehenden, jungen Mann.
"Mama, wer ist das?", wollte sie wissen.
Valeria lächelte leicht. "Das ist Louis. Ein alter Bekannter aus Paris. Er braucht unsere Hilfe."
Ihre Augen funkelten, als sie das hörte.
"Paris? Da wollte ich schon immer hin!"
Sie lächelte müde.
"Wenn wir alles so umsetzen können, wie wir es uns vorstellen, kannst du gerne nach Paris gehen. Aber bis dahin müssen wir uns noch um die Angelegenheiten hier kümmern."
"Darf ich ihm den Palast zeigen?"
"Von mir aus."
Eva war begeistert und führte Louis herum.
"Sie riechen ganz anders als die anderen. Sind sie ein Verwandelter?"
Er sah sie verwundert an. "Das können sie riechen?"
"Jeder reinrassige Vampir kann das. Ich habe aber noch nie einen richtigen Menschen gesehen."
"Verstehe ..."
Sie strahlte ihn an. "Kommen sie! Ich zeige ihnen meinen Lieblingsplatz!"
Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie seine Hand und zog ihn hinter sich her in den Garten.
Louis hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten.
"Wenn die Kirschblüten blühen, ist er am schönsten", gestand sie lächelnd und ließ seine Hand los.
Er sah sich um. "Das kann ich mir tatsächlich vorstellen."
Sie gingen im Garten spazieren und Louis wunderte sich über die dunkelblauen Rosen, die dort blühten.
"Dunkelblaue Rosen?"
Eva grinste. "Ja, sind sie nicht schön? Sie sind die Lieblingsrosen unserer Familie!"
Er musterte sie.
Sie kam nach ihrer Mutter, wenn auch die lavendelfarbenen Locken doch sehr gewöhnungsbedürftig waren.
Erst jetzt fiel auch sein Blick auf ihre nackten Füße.
"Sie tragen ja keine Schuhe", stellte er leise fest.
"Ich mag Schuhe nicht besonders. Als Kind war ich blind und da musste ich mich auf meine anderen Sinne konzentrieren. Da war es ganz nützlich. So konnte ich die Erde besser spüren und was sich um mich herum abgespielt hat."
Louis hatte das Gefühl, dass sie beobachtet wurden.
"Wir sollten reingehen", murmelte er beunruhigt und so gingen sie zurück in den Palast.
In der nächsten Nacht hielten sie sich an den Plan und so verließ Louis den Palast. Alleine.
Sie wollten nichts dem Zufall überlassen.
Der Braunhaarige war nervös, wusste jedoch, dass sie ihn am Treffpunkt unterstützen würden.
Louis hatte das Gefühl, als würde er beobachtet werden und es schien, dass sein Plan aufging.
Erst auf einem abgelegenen Waldweg hörte er die vertraute Stimme hinter sich.
"Sie werden dir nicht helfen. Verwandelte haben sie noch nie interessiert. Im Gegenteil: Sie haben sie ausgerottet wie die Ratten."
Er drehte sich um und sah tatsächlich Lestat vor sich.
Er sah schrecklich aus. Nach all den Anschlägen war nichts mehr von seiner Schönheit zu sehen.
Mager, von den Maden angefressen, ein eingefallenes Gesicht.
"Ich habe euch alles gegeben und das ist der Dank. Ich habe dir das wahre Leben geschenkt und gezeigt und du und diese kleine, missratene Göre wolltet mich loswerden!"
Langsam trat er näher.
Valeria und die Soldaten waren in Büschen und Baumkronen versteckt und beobachteten das Ganze angespannt.
Nur noch ein paar Schritte ... Ein paar wenige Schritte ...
Die Blondine hatte in ihrer Amtszeit schon viele Schlachten geschlagen. Sie wusste, wann der Zeitpunkt gekommen war.
"JETZT!"
Ein Netz fiel auf Lestat herunter und begrub ihn darunter.
Wie eine wild gewordene Bestie versuchte er, sich zu befreien.
Sie und die Soldaten kamen aus ihren Verstecken und näherten sich den beiden.
"Lestat de Lioncourt, sie werden des Hochverrats sowie anderen Gräueltaten bezichtigt und zum Tode verurteilt", sprach die Kaiserin und sah ihn streng an.
Die Wachen holten ihn aus dem Netz und hielten ihn fest.
Dieser grinste jedoch süffisant.
"Ach, darum ging es die ganze Zeit? Das Vögelchen im goldenen Käfig möchte die Spuren verwischen!"
Valerias Blick war eiskalt wie der Tod selbst.
"Deine Gräueltaten enden hier und jetzt! Du hättest mich damals nicht entführen und beeinflussen sollen!"
Sie sah zu den Soldaten und nickte.
Diese enthaupteten ihn.
Mit eisiger Kälte sah sie seinen Leichnahm an.
"Sorgt dafür, dass er ein für alle Male Geschichte ist."
Sie nickten, zerstückelten seine Leiche und verbrannten sie.
Die Asche verstreuten sie in alle Winde.
Valeria sah Louis an. "Es ist vollbracht. Sie sind frei."
Doch als sie gehen wollte, fiel er vor ihr auf die Knie.
"Darf ich sie um einen weiteren Gefallen bitten?"
Verwundert sah sie ihn an. "Welchen?"
Er breitete die Arme aus. "Töten sie mich."
"Sie können ein neues Leben anfangen, Louis. Und wie es aussieht, hat meine Tochter Gefallen an ihnen gefunden und das will was heißen, bei meinem Wirbelwind."
Doch er schüttelte heftig den Kopf.
"Ich habe meine Frau verloren, unser Kind ... Mein Anwesen, meine Arbeiter und alles, was mir lieb und teuer war. Ich bin nicht gemacht für ein verfluchtes, ewiges Leben. Bringen sie es zu Ende."
Sie blieb vor ihm stehen.
"Sind sie sich sicher?"
Louis nickte. "Ich war mir noch nie so sicher! Bitte! Beenden sie meine Qualen!"
"Möge ihre Seele Frieden finden", hauchte die Blondine, sah zu ihren Soldaten und nickte.
"Danke", brachte er mit einem erleichterten Blick heraus, ehe die Soldaten ihm dasselbe antaten wie Lestat.
Valeria kehrte in den Palast zurück. Jetzt, da sie ihren Frieden zumindest in dieser Angelegenheit gefunden hatte, war es an der Zeit, sich um eine Sache zu kümmern, die schon viel zu lange vernachlässigt wurde. Das Volk.
Gemeinsam mit ihren Beratern stellte sie ihren Plan vor, die Monarchie ein für alle mal zu beenden und mit einem Parlament die Vampire selbst bestimmen zu lassen.
Doch bevor es verabschiedet wurde, setzte sie eine Sache noch durch: Nicht einvernehmliche Verwandlungen von Menschen zu Vampiren brachten schwere Konsequenzen mit sich, schlimmstenfalls sogar den Tod.
Das sollte verhindern, dass die Verwandelten außer Kontrolle gerieten.
Außerdem wurde die Regel verschärft, dass Verwandelte erst dann frei herumlaufen konnten, wenn sie ihre Kräfte und ihren Blutdurst unter Kontrolle hatten.
Als alles geregelt war, setzte Valeria ihre Krone ab.
Sie hatte abgedankt und würde mit ihrer Tochter den Palast verlassen.
Doch sie ließ es sich nicht nehmen, ein letztes Mal durch den Palast zu laufen und ihre Vergangenheit Revue passieren zu lassen.
In diesem Moment sah sie alles: Wut, Trauer, Schmerz aber auch die schönen Augenblicke. Als sie Alain wiedergesehen hatte, als sie spazieren waren, als sie geheiratet hatten und die kleinen Momente im Alltag, die ihn so schön gemacht hatten.
Die Blondine nahm ihre Koffer, wie Eva auch.
"Kommst du mit nach Paris? Dann können wir zusammen die Stadt erkunden", schlug sie mit einem Lächeln vor.
Ihre Tochter war begeistert. "Aber vorher schauen wir bei Onkel Jako und Großvater Arnaud vorbei!"
Sie lächelte und nickte. "Das machen wir."
Valeria sollte Eva aber nicht für immer bei sich behalten. Zehn Jahre später entschied sie sich, ihren eigenen Weg zu gehen, was sie auch begrüßte.
Zu ihrer Familie hielt sie weiterhin Briefkontakt und wenn sie in der Gegend war, besuchte sie sie auch.
Die Blondine setzte sich für Frauenrechte ein und lebte meistens am Tag wie ein normaler Mensch.
Als die Universitäten auch für Frauen die Tore öffneten, studierte sie Medizin und entwickelte eines Tages eine Pille, die den Blutdurst von Vampiren stillen sollte, da sie alle Nährstoffe enthielt, die sie brauchten.
Sie lernte verschiedene Sprachen und hielt sich dort auf, wo es ihr gefiel. Frei und ungebunden.
Sie überlebte die zwei Weltkriege, fiel aber im Alter von 259 Jahren einem Attentat zum Opfer, dem sie erlag.
Alain fiel in ein tiefes Loch und entschied sich, zu seinem Bruder auf die Insel Corsica zu ziehen.
Auf einem abgeschiedenen Teil der Insel lebte er sein Leben, bis er dieses eines Tages beendete, als er in die Sonne trat.
Arnaud, Valerias Vater, wurde von Jako zu Grabe getragen, als er 1500 Jahre alt war und er selbst überlebte sogar Valeria.
Er fügte sich in die Gesellschaft ein, wie er es immer getan hatte und besuchte Giselle und Eva und ihre Nachkommen, bis er sich in eine Sterbliche verliebte, die bei einem Autounfall ums Leben kam. Mit dem Wissen, dass niemand mehr übrig war, den er liebte, stellte er sich der Sonne, wo sein Leben ein Ende fand.
Ihre Mutter Marielle hatte sich nie von Arnaud scheiden lassen, da ihre Hochzeit an ein politisches Bündnis verknüpft war.
Doch sie fand ihr Glück und in den 60er Jahren machte sie sich auf in die USA, wo sie als Schauspielerin eine bemerkenswerte Karriere hinlegte.
Hin und wieder kreuzten sich ihre Wege mit Valeria, doch es blieb bei einer oberflächlichen Beziehung.
Und doch sollte der Name Coin sich in den Jahrhunderten bewähren. Eva war eine der ersten Frauen, die im Clan frei und ungebunden leben konnte.
Ihre Nachkommen gründeten ein Unternehmen, das über all die Zeit im Familienbesitz blieb und zu einem der erfolgreichsten und mächtigsten in den USA werden sollte.
Eva sah zum Fenster des Wolkenkratzers heraus auf die Straßen von New York.
Sie hatte immer an sich selbst geglaubt, hatte sich genauso für die Rechte der Frauen eingesetzt wie ihre Mutter.
Man konnte sagen, dass sie das Beste von ihr vererbt bekommen hatte.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie hätte alles genauso wieder getan.