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Kapitel

Forbidden Blood — www.fanfiktion.de · All chapters

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Lestat begutachtete das Anwesen. Es glich eher einer baufälligen Spelunke als eines prunkvollen Anwesens, das Königen würdig war. Er vergewisserte sich, dass ihn niemand sah, ehe er um das Haus herumschlich. 'Und sowas ist adelig? Sie scheinen bankrott zu sein', dachte er bei sich, während er seine Runde drehte. Dunkle, schwere Vorhänge verdeckten die meisten der Fenster. Zumindest wusste er nun, wo sie wohnte. Er sah sich um. Die Sonne würde bald aufgehen und bis zur nächsten Nacht brauchte er unbedingt eine Bleibe. Widerwillig machte er sich auf die Suche nach dem nächsten Friedhof. Bei ihnen musste kein Adeliger in so einem baufälligen Gebäude leben. Er vermutete, dass sie nach einem reichen Gönner suchten, den die junge Prinzessin heiraten konnte. Doch warum hatte sie so erschrocken auf ihn reagiert und war ihm auf dem Fest aus dem Weg gegangen? Immer wieder hatte er das Bild vor Augen, als würde sie vor ihm stehen und ihn anlächeln. Diese hellen, grauen Augen, diese zarten Hände, ihre unbeschreiblich schöne Porzellanhaut und noch dazu ihre zarte Taille. Wie ihr Haar wohl aussah, wenn sie es offen trug? Seine Mutter hatte sich damals dazu entschieden, wie ein Mannequin herumzulaufen, das Haar geschnitten und nicht mehr ganz damenhaft. Vielleicht verglich er sie wirklich mit seiner Mutter? "Valeria", entglitt immer wieder leise seinen Lippen auf dem Weg, als wäre es eine Feststellung, dass das ihr Name war. Der Weg zum Friedhof war ruhig und dunkel. Die Bäume ragten wie schwarze Dornen empor und das Pflaster unter seinen Stiefeln wich bald darauf einem Feldweg. Der Wind umschmeichelte sanft sein Gesicht, so sanft, wie bestimmt auch ihre Berührungen waren. Auf dem Weg  zu den Gräbern kamen ihm zwei Männer mit einer Laterne und Schaufeln entgegen, die sich ausgelassen unterhielten. Als sie den Vampir entdeckten, nickten sie ihm nur zu. Lestat erwiderte dieses Nicken und ging weiter lässigen Schrittes zu den Gräbern. Er entdeckte ein Mausoleum, das die Männer wohl vergessen hatten, abzuschließen. Er schlich sich hinein und öffnete den Steindeckel eines Sarges. Für einen Moment glaubte er, die wunderschöne, junge Frau darin gesehen zu haben. Als er allerdings erneut hinsah, war es nur eine gewisse Ähnlichkeit. Vorsichtig legte er sich zu ihr und schloss den Deckel. Die Dunkelheit und die Stille waren sonst immer für ihn so erdrückend aber so nah am Körper dieser jungen Frau, machte es ihm heute alles nichts aus. Es war, als würde er sie beim Schlafen beobachten. Die junge Frau musste noch nicht allzu lange verstorben sein, lag sie noch frisch da. Hier unten drang kein einziger Sonnenstrahl durch die kalten Mauern, sodass er in Ruhe in die Totenstarre verfallen konnte.

In der nächsten Nacht schlich er sich aus dem Sarg und entdeckte frische Blumen in einer Vase. Für einen Moment dachte er darüber nach, sie zu stehlen, jedoch änderte er schnell wieder seine Meinung. Als er zur Tür des Mausoleums kam, hörte er draußen Stimmen, weshalb er nur einen kleinen Spalt öffnete und hindurch sah. Die beiden Männer unterhielten sich bei einem der Gräber. Sobald sich die beiden entfernt hatten, kam er raus und verließ unentdeckt den Friedhof. Lestat entschied sich, das Anwesen erst einmal genauer anzusehen, ehe er erneut mit Valeria sprach aber zuvor wollte er sich die Beine vertreten. Am Rand wuchsen wunderschöne Wildblumen. Ohne nachzudenken, pflückte er sie einfach, bis er einen wunderschönen Strauß zusammen hatte. Zumindest konnte er die als Vorwand nehmen, um sie zu besuchen. Er sog ihren Duft langsam ein. Es hatte sich so viel verändert, auch der Geruch der Blumen. Und wer weiß: Vielleicht konnte er Valeria benutzen, um mehr über die Welt der Vampire zu erfahren oder mehr. So viele Gedanken rasten durch seinen Kopf und immer wieder sah er vor sich das Bild der jungen Frau, wie sie ihn mit ihren hellgrauen Augen ansah, mit dem unschuldigen Gesicht. Er erinnerte sich an ihre zarten Finger und den Tanz, bei dem sie sich nah waren. In Gedanken legte er sich bereits einen Plan zu, sollte er doch unverhofft erwischt werden. Vielleicht waren noch andere zu später Stunde draußen und er konnte sich mit ihnen austauschen. Wieso war ihm das wiederfahren? Warum hatte dieser dreckige Vampir ihm das angetan, nur um ihn dann ohne Informationen oder ähnliches auf diese andere Welt loszulassen? Sein Blick fiel zu den Blumen in seiner Hand. Vielleicht war das doch keine gute Idee. Lestat war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht merkte, dass seine Füße ihn schon fast wie von selbst zum Anwesen getragen hatten. Und so stand er nun da, mit dem Blumenstrauß vor der Tür und war wie erstarrt. Innerlich kämpfte er mit sich selbst, ob er es nun tun sollte oder nicht. 'Wem mache ich hier was vor? Sie wird mich zurückweisen.' Mit diesem Gedanken legte er die Blumen vor der Tür ab und steuerte ein Gasthaus an. Es war wirklich keine edle Gegend, in der er sich befand. Für ihn war das hier alles eher ein sehr baufälliges Drecksloch. Das schlimmste war aber immer noch, dass er hier keinen Alkohol zu sich nehmen konnte und wollte, da es sowieso nicht helfen würde. Oder doch? Als er eine Goldmünze auf den Tresen knallte, bekam er eine Flasche Wein. Zumindest das würde seinen Kopf ruhiger werden lassen. Und tatsächlich: Er leerte die Flasche und spürte den Rausch. Lestat streckte die Arme aus und lachte. Lachte, wie er es schon lange nicht mehr tat. Dabei kamen seine Eckzähne zum Vorschein und im Gasthaus wurde es ganz still. Alle sahen ihn mit Entsetzen an. Im nächsten Moment stürzte er sich auf sie wie ein Wolf auf eine Schafsherde. Die Leute schrien und flüchteten vor dem Blutdurst des Vampirs, der sich ein Schankweib schnappte und von ihrem Hals trank. Das dunkelbraune Haar, fast schon wie Ebenholz, war zusammengebunden und wurde größtenteils von ihrer Haube verdeckt. Er hielt sie weiter in seinem Arm, während er ihr zuhörte, wie ihr Herz immer langsamer schlug, bis es verstummte und ihr Arm erschlaffte. Eine schöne Frau. Zu schön für den Tod und dennoch bekam er sie.

"Was für eine Verschwendung", murmelte er und verließ das Gasthaus. Sein weißes Hemd war blutüberströmt, ebenso wie seine Mundwinkel. Es war ein Rausch, der ihm wieder Leben einhauchte. Als er zur Tür des Anwesens blickte, sah er, dass die Blumen verschwunden waren. Ob sie jemand wohl mitgenommen hatte? Oder hatten Bedienstete sie bemerkt und nach drinnen gebracht? Er musste es wissen! Der Blondschopf schwankte zum Gebäude und suchte nach einer Möglichkeit, in die Fenster zu schauen. Tatsächlich war eins im oberen Stockwerk offen. Es hatte sogar einen Balkon. Wie es der Zufall wollte, stand ein Baum in der Nähe und wenn er auf diesen kletterte, würde er einen Blick erhaschen können. Dennoch machte es ihm der Alkohol schwer, sich ordentlich zu bewegen. Seine Reaktionszeit hatte sich verlängert, sodass er immer wieder vom Baum fiel. "Scheiße!", fluchte er und klopfte sich den Staub von den Kleidern. Plötzlich hörte er jemanden in der Ferne johlen und versteckte sich hinter den Büschen des Anwesens. Im Licht der Laterne erkannte er, dass es der junge Mann war, der ihn angegriffen hatte. Schwankend und mit einer Flasche in der Hand begab er sich zum Anwesen und stand direkt unter dem Balkon. "Valeria! Lass mich rein!", brüllte er aus voller Kehle. Lestat hielt sich die Nase zu. Dieser Vampir stank wie eine ganze Brauerei. Tatsächlich kam die junge Frau auf den Balkon und ließ ein Seil mit einem größeren Korb daran nach unten. Er staunte nicht schlecht. Sie war so zierlich, da traute er ihr nicht zu, dass sie ihn hochziehen konnte. Doch als der junge Mann in den Korb stieg, ächzte die Blondine schwer, schaffte es aber, ihn hochzuziehen. "Sag mal bist du schon wieder betrunken!?", zischte sie leise. "Nur ein bisschen", lallte er und schwankte. Sie schien den Alkohol ebenfalls aus dem Rachen ihrer Begleitung zu riechen, denn sie rümpfte die Nase. "Rein mit dir! Mutter wartet bereits!" Mit diesen Worten prügelte sie ihn regelrecht ins Innere des Hauses. Lestat blieb in seinem Versteck, bis es ruhiger wurde. Jetzt wusste er auch, wo ihr Zimmer war. Aber ob sie die Blumen bekommen hatte? Er entschied sich, um das Anwesen herumzulaufen. Betrunken war er ohnehin, da würde niemand Verdacht schöpfen. Das Holz war so dunkel und spröde, dass es an manchen Stellen bereits abgebrochen war. Manche Fenster waren sogar eingeschlagen und deren Glas wurde nicht ersetzt. Es wäre ein leichtes für einen Widersacher gewesen, die Scheibe einzuschlagen und in das Anwesen zu gelangen. Tatsächlich gab es noch eine Hintertür mit einem kleinen Fenster, durch das er blicken konnte. Dort wuselten die Bediensteten herum und kümmerten sich um die Laken. Schliefen diese Vampire etwa in Betten?

Lestat schob an manchen Stellen, an denen es möglich war, den Vorhang beiseite, um hineninsehen zu können. Er kam zu einem Raum, in dem die zweite Blonde saß, die sie begleitet hatte. Andächtig saß sie an ihrem Schminktisch bei Kerzenschein und beobachtete Gedankenverloren ihren Spiegel, bis der junge Mann ins Zimmer stolperte. Auf ihrem Tisch konnte er auch die Blumen erkennen, die er vor die Tür gelegt hatte. Ob sie sie wohl reingeholt hatte? "Wie ist das werte Befinden, Mutter?", fragte er und versuchte, so normal wie möglich auszusehen. Auch wenn der Blondschopf ihr Gesicht nicht erkennen konnte, spürte er dennoch, dass sie verärgert war. "Du hast schon wieder getrunken, nicht wahr!?", zischte sie. "Was bleibt mir denn noch anderes übrig? Wie ich es mache, ist es nichts. Ich hab dir auch was mitgebracht", meinte er und hielt ihr eine Weinflasche hin. Sie musterte diese nur, nahm sie ihm aus der Hand und schleuderte sie mit voller Kraft gegen die Wand, wo Lestat am Fenster stand. Er duckte sich sofort, um zum einen nicht von der Flasche getroffen, und zum anderen von ihnen nicht entdeckt zu werden. Für einen Moment hatte er schon Angst, dass sie ihn gesehen hätte. Er hörte nur die Schritte des Mannes und wie er die Scherben aufsammelte. "Du kommst ganz nach diesem Bastard!" Er drehte sich um. "Jetzt tust du Vater aber Unrecht. Er hat alles in seiner Macht stehende getan, damit du dich wohlfühlst. Und das Trinken hab ich ja nicht von ihm." Die Blondine starrte stur in ihren Spiegel. Tatsächlich konnte man sie nicht sehen. Ob sie wohl wusste, wie schön sie war? "Ich mache mir Sorgen um Valeria. Sie wird langsam zu alt für die anderen. Und ich bin mir nicht sicher, ob derjenige sie auch gut behandeln wird. Wenn du und Vater euren Segen gebt, könnte ich beim Hausvorstand vorsprechen und um die Hand meiner Schwester anhalten." Ein grauenhaftes, spöttisches Lachen kam von der Frau. "Es wundert mich, dass du nicht im Pferdestall schlafen musst! Du hast genauso einen geringen Stellenwert wie dein werter Onkel Alexander!" Der Schwarzhaarige schluckte und verließ den Raum, ehe er etwas tat, das er bereuen würde. In seiner Hand waren die eingesammelten Scherben, doch während des Gesprächs hatte er seine Hände bereits zu Fäusten geballt, sodass die Scherben sich in seine Hand gebohrt hatten. Lestat verschwand sofort vom Fenster und schaute sich weiter um. Doch eigentlich wollte er nur zu ihr.

Und wieder stand er unter ihrem Balkon und sah hinauf. Er erkannte das schwache Licht der Kerze und hoffte, dass sie vielleicht ein weiteres Mal rauskommen würde. Doch so lange er auch wartete: Es war vergebens. Was hätte sie wohl gesagt, wenn er mit den schönen Blumen auf ihrem Balkon gestanden hätte? Sein Blick fiel auf die Kirchturmuhr. Bald musste er zurückkehren. Er seufzte und beschloss, es für heute dabei zu belassen. Der Weg fühlte sich schwerer an denn je. Doch diese Nacht hatte er neue Erkenntnisse erlangt, was die Welt der Vampire anging: Auch sie hatten ihre Probleme wie die Menschen - und sie tranken genauso gern. Für Lestat hieß es im Umkehrschluss, dass er trinken konnte, bei Betrunkenen aber aufpassen musste. Es blieb ihm aber weiterhin ein Rätsel, wie sie sich frei bewegen konnten, wenn doch nachts auch noch Menschen in den Straßen umherliefen. Vor allem: Wem gehörten die Anwesen und Schlösser, in denen die Feiern stattfanden und wussten sie von ihren Gästen? Fragen, die ihm wohl nur Valeria beantworten würde. Obgleich er der Meinung war, kein Herz mehr zu haben, spürte er eine gewisse Enge in seiner Brust. Er schwor sich, in der nächsten Nacht auf ihren Balkon zu klettern und sie zu besuchen. Dann fiel sein Blick auf das blutüberströmte Hemd. So konnte er natürlich nicht auftauchen. Doch darum musste er sich morgen kümmern. Er legte sich im Mausoleum wieder in den Steinsarg und schloss den Deckel. Morgen Nacht würde er es wagen.