LNCrawler

Kapitel

Forbidden Blood — www.fanfiktion.de · All chapters

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Es war nicht leicht, einen Schneider zu finden, der mitten in der Nacht ein paar neue Sachen verkaufte. Doch diesmal sollte Lestat Glück haben: Er blickte in das Fenster eines Schneiders herein, der wohl bis spät in die Nacht arbeitete. Der Blondschopf klopfte vorsichtig gegen das Fenster und riss ihn förmlich aus seinem Halbschlaf. Zumindest konnte er ihn überreden, ihm ein neues Hemd und eine neue Hose zu schneidern; natürlich zum entsprechenden Preis. Auf seinem Weg sah er eine Frau am Straßenrand, die Blumen verkaufte. Wenn das kein Zeichen war, dass es ihm heute gelingen sollte, dann wusste er auch nicht. Er kaufte ihr einen Blumenstrauß ab und schlug den Weg zum Anwesen ein. Das Fenster der älteren Frau im ersten Stock war offen und nur mit schwachem Kerzenlicht beleuchtet. Er konnte sie schluchzen hören. Doch Lestat wollte nicht weiter darüber nachdenken, sondern kletterte auf den Baum und stieg auf den Balkon. Von dort aus konnte er durch das Fenster in ihr Zimmer sehen. Kleine Blumenarrangements, viel Krimskrams und doch alte, heruntergekommene Möbel. Es musste wirklich finanziell schlecht um diese Familie stehen. Da wunderte er sich, dass sie sich die vielen Kleider von den letzten Bällen noch leisten konnten. Und dort sah er die Blondine sitzen, an ihrem Schreibtisch und in ihre Schreibarbeiten vertieft. Was sie wohl schrieb? Auch wenn das Licht nicht das beste war, konnte er ihre schmale Silhouette erkennen, wie sie in einem lindgrünen Kleid mit einem floralen Muster und zarter, weißer Spitze dasaß, das lange,  blonde Haar offen und ihr Blick nachdenklich auf das Papier gerichtet. Nicht einmal die Dunkelheit konnte ihre Schönheit verbergen. Gerade als er klopfen wollte, sah er den Mann vom letzten Mal reinkommen.

"Valeria, hast du kurz Zeit?" Sie blickte auf und sah ihn an.

"Natürlich. Was gibt's?" Der junge Mann hatte eine Hand in seiner Hosentasche und lehnte sich an den Schreibtisch, als er mit ihr sprach. "Die Chancen stehen schlecht, dass du in diesem Land einen Mann findest. Und wenn du doch jemanden finden solltest, bin ich mir nicht sicher, ob er dich auch gut behandeln wird. Ich mache mir Sorgen um dich ..." Er kniete neben ihr und sah sie an. "Wir könnten mit dem Hausvorstand reden, dass ich dich heiraten darf. Und wenn nicht, können wir immer noch weglaufen. Wenn ich unseren Vater frage, wird er bestimmt zustimmen."

Sie sah ihn entgeistert an. "Bist du wahnsinnig? Das würden sie doch nie erlauben! Außerdem ... nur heiraten, damit ich frei bin, ist nicht die Lösung und das weißt du. Von uns würden sie das gleiche erwarten, als wenn ich einen eigenen Mann hätte."

"Das ist mir egal! Was ich will, ist, dass du frei bist und das hier endlich ein Ende hat! Ich hab nicht viel aber ich kann dir alles geben, was du brauchst. Ein Wort von dir und ich frage Vater um Erlaubnis."

Valeria stand auf. "Raus!", zischte sie bestimmt.

Jako sah sie verletzt an, stand dann aber auf und verließ das Zimmer. Danach schüttelte sie den Kopf und ging Richtung Balkon und noch ehe Lestat reagieren konnte, hatte sie ihn entdeckt und sah ihn erschrocken an. Sie öffnete die Tür.

"Was macht ihr hier?!", flüsterte sie ängstlich und schloss die Tür hinter sich.

"Ich wollte euch sehen." Er hielt ihr den Blumenstrauß entgegen.

Die Blondine beäugte den Strauß und nahm ihn vorsichtig an sich. "Für mich?", fragte sie verwundert. Er nickte.

"Danke", hauchte sie verwundert und sog ihren betörenden Duft ein. "Ihr wolltet mich sehen? Warum?"

"Ich habe schon viele Frauen in meinem Leben gesehen und sie haben mir nicht im Geringsten das bedeutet, was ihr mir bedeutet. Ihr seid anders. Seit wir uns das erste Mal begegnet sind, kann ich nicht mehr klar denken."

Er ging langsam um sie herum wie ein Raubtier, das seine Beute im Auge behielt bei seinen Worten, während die Blondine immer wieder ihren Kopf in seine Richtung drehte, sobald er aus ihrem Blickfeld verschwand.

"Das ... ich ... ich fühle mich geschmeichelt aber ..." Sie schluckte nervös.

"Das geht nicht."

Er blieb nahe neben ihr stehen. "Und warum nicht?"

"Ihr seid kein Reinblut. Ihr seid verwandelt und daher ein geringerer Rang. In unserer Familie gibt es nur Reinblüter."

"Ist das alles?" Lestat ertappte sich dabei, wie er sie immer wieder musterte, als wollte er sich jedes Detail einprägen, das er an ihr sah.

Ihr Mund wurde trocken.

"Ihr sagt das so, als wäre es nichts", gestand sie.

Der Blondschopf sah am Anwesen hinauf.

"Wie ich sehe, muss euer Clan in einem Schuldenberg versinken. Was, wenn ich genügend Gold als Aussteuer anbieten würde? Oder ist das Geld von Menschen nichts wert?"

"Natürlich ist es was wert. Aber der Stolz geht über Geld hinaus, selbst wenn ihr uns die Schulden doppelt zurückzahlen würdet."

Valeria musterte ihn. "Warum wollt ihr das tun?"

"Wie gesagt: Ihr geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und es wäre nicht zu eurem Schaden. Dann müsstet ihr euch nicht mit weiteren Freiern herumschlagen."

Sie schüttelte den Kopf. "Das ist verrückt!"

Er kam ihr ziemlich nah, sodass sie sich an die alte Holzfassade drückte, um ihren Freiraum zu erlangen, was aber nicht sonderlich gut funktionierte. Eine seiner Hände lehnte neben ihrem Kopf an der Wand. "Lasst es mich versuchen."

Mit zusammengepressten Lippen schüttelte sie heftig den Kopf.

"Die werden euch umbringen, sobald ihr das Anwesen betretet."

Lestat sah nach unten. "Dann nehme ich einfach die Tür."

Bevor sie etwas sagen konnte, kletterte er den Baum nach unten und klopfte sich den Staub und die Blätter von der Kleidung und sah zu ihr hoch. "Also: Was hindert mich daran, es zu tun?"

"Das wäre dann wohl ich", hörte er eine Stimme und erkannte sie sofort wieder. Es war der Kutscher, der ihn böse anfunkelte.

Er hob abwehrend die Hände. "Ich bin hier, um mit den Eltern dieser Dame zu sprechen", fing er an.

"Das kannst du vergessen! Solch einen Abschaum lassen wir nicht einmal über die Türschwelle des Hauses!", zischte dieser und spuckte auf den Boden. Etwas war an dem Kutscher merkwürdig. Er sah menschlich aus, seine Haut war aber leicht gräulich, als wäre er untot. "Also: Mach dich vom Acker!"

Doch der Hausvorstand kam bereits mit einem Kerzenleuchter nach draußen, gefolgt von einem Mann, der dem jungen Mann sehr ähnlich sah, nur älter. Allem Anschein nach durfte er der Vater sein.

"Was ist das hier für ein Tumult?", zischte die Frau und sah zum Kutscher. "Dieser Abschaum wollte Valeria belästigen, Hausvorstand", berichtete der Kutscher.

Sie funkelte Lestat böse an. "Verschwinde!"

Doch er wolte nicht locker lassen. "Ich bin hier, um um die Hand von Valeria zu bitten", fing er an.

Sie lachte schauderhaft. "Weißt du eigentlich, wo dein Platz ist? Wie kommt jemand wie du darauf, dass du einfach nach einem Mitglied der Coins fragen kannst?"

"Sehr namenhaft scheint ihr ja nicht mehr zu sein, wenn euer Anwesen in solch einem Zustand ist. Ich bin bereit, für die Reparaturen zu bezahlen und darüber hinaus auch eure Schulden zu begleichen. Zusätzlich zur Aussteuer."

In den Augen des Hausvorstandes loderte förmlich das Feuer.

"Verschwinde, bevor ich dich bei der Rabenbrücke ertränke! Wie kannst du es wagen, so mit uns zu reden!?"

Lestat sah hoch zu Valeria und entschied sich, dass es klüger war, zu gehen. Der Mann neben dem Hausvorstand sah ihm nach, dann hoch zu Valeria, die sich peinlich berührt in ihr Zimmer zurückzog. Das gab Ärger. "Frau Maman", fing er an, doch der Hausvorstand stürmte bereits die Treppen nach oben zu Valeria und platzte in ihr Zimmer.

"Wie lange läuft das schon!?", fragte sie, während die Blondine sich ängstlich hinter ihrem Stuhl platzierte.

"Ich habe ihn erst heute entdeckt! Ich schwöre es!", winselte sie. Sie riss ihr die Blumen aus der Hand und warf sie zu Boden. Danach folgte eine saftige Ohrfeige.

"In einem Monat trifft sich der Kaiser mit deiner Schwester und dann wirst du unter die Haube kommen! Ob du willst oder nicht! Ist das klar?!"

Valeria nickte heftig mit zusammengepressten Lippen.

"Gut." Der Hausvorstand wollte zur Tür rausgehen, als er zum Bediensteten sah.

"Räum diesen Schund auf! Sie verlässt ihr Zimmer nur noch, wenn wir es ihr erlauben. Ich will keine weiteren Zwischenfälle wie diesen vor der Zeremonie erleben!" Er verbeugte sich und nahm den Blumenstrauß mit. Valeria blieb vor Schreck starr am Fenster stehen. Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Lestat hatte sich nach der Aktion nochmals heimlich zum Grundstück geschlichen und alles mitbekommen. So würde er wohl nicht ihr Vertrauen gewinnen. Doch er hörte wenig später eine weitere Stimme, jedoch tief und ruhig.

"Schon gut, Valeria. Ich weiß, du hast es nicht leicht. Aber ich werde ein gutes Wort einlegen und dann ist der Hausarrest aufgehoben. Aber jetzt müssen wir uns auf deine Schwester Helena konzentrieren. Sie wird die neue Kaiserin."

Die Blondine schniefte und ihr Vater nahm sie in den Arm. Der Blondschopf verstand es nicht: Er schien als einziger der normale in der Familie zu sein. Ein liebender Vater, wohlwollend.

"Ich lass unsere Pferde satteln und wir reiten aus, in Ordnung?" Sie wischte sich die Tränen weg.

"Und der Hausvorstand?"

"Sie ist meine Mutter. Ich muss ihr gar nichts erzählen", erwiderte er lächelnd.

"Und unser guter Jaque wird es nicht wagen, uns zu verraten. Nicht, wenn er nicht bei den Pferdeställen übernachten möchte."

Der Blondschopf beobachtete wenig später hinter dem Baum, wie zwei Pferde mitsamt Valeria und ihrem Vater über das Pflaster davongalloppierten. Es schien, als hätten sie ein inniges Verhältnis zueinander. Doch war das auch mit diesem anderen Mann so? Er sagte zumindest, dass er sich um sie sorgte. Vielleicht war ihr Vater doch so offen, dass er sich auf ein Gespräch mit ihm einlassen würde? Er nahm sich vor, vorerst noch die Familie zu beobachten, um mehr über sie zu erfahren. Jedoch hatte er für heute seine Arbeit getan. Sie hatte sich über die Blumen gefreut, auch wenn sie sich sehr geziert hatte, als er ihr näher kam. Doch sie war seine einzige Möglichkeit, Antworten zu erhalten und sich irgendwie in die Gesellschaft zu integrieren. Er lief eine Brücke entlang und dachte, es wäre eine gute Idee, im Fluss zu baden, doch als er die Käfige mit den Wasserleichen sah, war diese Idee auch gleich wieder vergessen. Anscheinend war der Fluss eine Richtstätte. Zurück im Gasthaus nahm er ein Bad und hatte sich für diesen Anlass eine Dirne von der Straße geholt, unter dem Vorwand, von ihr gewaschen zu werden. Als sie sich verführerisch zu ihm runterbeugte, legte er seine Hand an ihren Hals, zog sie näher an sich heran und bohrte seine Zähne in sie. Sie wehrte sich, war aber so geschockt, dass sie nicht schreien konnte. Das Blut spritzte an die Wände. Als er merkte, dass ihr Herzschlag kurz vor dem Stillstand war, ließ er von ihr ab. Er stieg aus der Wanne und ertränkte sie darin. Nachdem er sich angezogen hatte, warf er die Leiche in die Stallungen. Er fragte sich, wie die anderen Vampire es machten, immerhin musste es bei der Vielzahl auffallen, dass immer mehr Bewohner verschwanden. Die Sonne drohte, aufzugehen, also ließ er sich in seinem Sarg nieder und schloss den Deckel.