Kapitel
Kapitel
Die nächsten Nächte verbrachte Lestat damit, sie und die Familie zu beschatten. Er wollte mehr über sie wissen und vielleicht lernte er auch etwas über ihre Gesellschaft. Es fiel ihm schwer, sich nicht erneut zu zeigen, doch nach der letzten Katastrophe wollte er kein Risiko eingehen. Manchmal beobachtete er sie auch einfach durch das Fenster, wie sie eifrig ins Schreiben vertieft war.
Wem sie wohl schrieb und was sie schrieb? Ihre zierlichen Finger hielten die Feder so leicht, als würde sie zaubern. Außerdem hatte er bemerkt, wie sie ihren Kopf zur Seite neigte und ihre langen, blonden Haare dann über ihre Schulter fielen. Sie war wahrhaftig eine zum Leben erwachte Porzellanpuppe. Manchmal lief sie auch in ihrem Zimmer auf und ab wie ein Vögelchen im Käfig. So wie es aussah, hatte sie wohl immer noch Hausarrest.
Diese Nacht hatte sie das Fenster jedoch offen gelassen und so bekam der Blondschopf mit, dass ihr Vater das Zimmer betrat.
"Oh, Vater. Was soll ich machen? Bald wird Helena fortgehen und dann werde ich auch fortgeschickt! Was, wenn ich das Land verlassen muss und dich, Mama, Jako und Helena nie wieder sehe?", raunte sie besorgt mit ihrer sanften Stimme. Lestat kletterte auf den Baum, um besser sehen zu können.
"Beruhige dich, Engelchen. Ich kenne dich: Du warst schon immer eine Kämpferin. Du darfst jetzt nur nicht aufgeben, hörst du?" Ihr Vater hatte seine Hände auf ihre Schultern gelegt und lächelte sie ermutigend an. Er sah zwar aus wie ein Vampir, sein Blick war jedoch so barmherzig und warm. "Auch für dich wird der richtige Mann kommen und dann wirst du glücklich." Sie sah zur Seite.
"Jako hat schon angeboten, dass er mit dir spricht, dass wir heiraten ..." Er nickte. "Ich weiß. Er ist genauso um dich besorgt wie ich. Es ist zwar nicht verboten, wird jedoch auch nicht gerne gesehen. Und du nimmst als Frau automatisch den Rang deines Mannes an." Die Blondine sah ihn an. "Das würde doch dafür sprechen." Er lächelte. "Und was, wenn du dann doch den Mann triffst, den du liebst?" Valeria seufzte und ging langsam auf und ab. "Bei Maria war das so einfach ..."
"Du bist eine starke Kämpferin und damit kommen nicht viele Männer klar." Er trat einen Schritt zurück und lächelte. "Lass uns noch etwas üben. Vielleicht kann ich den Hausvorstand überreden, dass du an meiner Stelle mit zum Rohanpalast kommst. Dein Onkel wird sich bestimmt auch freuen, zu sehen, was aus seiner Lieblingsnichte geworden ist." Sie sah ihn verwundert an. "Ich bin Onkel Alains Lieblingsnichte?" Ihr Vater lachte. "Oh ja, das bist du."
Die beiden verließen das Zimmer und Lestat kletterte wieder vom Baum runter und folgte ihnen heimlich. Es war für ihn merkwürdig, eine Frau kämpfen zu sehen. Wenig später hatte sie sich umgezogen und trug einen nachtblauen Gehrock mit weißer Hose und schwarzen Stiefeln. Ihr langes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie erinnerte ihn schlicht und einfach an seine Mutter, wenn sie in ihren Klamotten herumlief wie eine Mannequin. Aber er musste gestehen, dass Valeria eine gute Figur hatte. Dürr aber schön anzusehen.
Sie und ihr Vater übten den Schwertkampf, bis irgendwann eine Frage unter Valerias Nägeln brannte. "Was hältst du von Verwandelten?" Er legte eine Pause ein.
"Sprichst du von diesem jungen Mann, der neulich bei dir war?"
Die Blondine überlegte kurz. "Nicht nur ... Der Hausvorstand meinte, dass sie so schlimm wären ... Abschaum ..."
Er lächelte kurz.
"Sie sind nicht wie wir und sie verstehen unsere Welt nicht. Und sie stellen eine Gefahr dar, wenn sie ohne Meister unterwegs sind. Aber ich kann den jungen Mann gut verstehen: Welcher Mann würde sich bei meiner schönen Tochter nicht Hals über Kopf verlieben?"
Sie sah ihn an.
"Wenn er seine Bitte hätte aussprechen dürfen, hättest du ja gesagt?"
"Du weißt, dass das letzte Wort immer noch der Hausvorstand hat. Wenn er die Person gewesen wäre, die du liebst, hättest du meinen Segen bekommen."
Lestat hörte das ganze Gespräch mit an. Verwandelte Vampire waren also nicht angesehen, er hätte aber kein Problem damit gehabt, wenn sie wirklich Gefühle für ihn gehabt hätte. Den alten Besen, den sie Hausvorstand nannten, konnte er auf jeden Fall nicht überzeugen.
Doch auf einmal hörte er auf, als ihr Vater sprach: "Wie lange wollt ihr euch noch verstecken?"
Als er hinsah, merkte er, dass der Blick ihres Vaters direkt auf ihn gerichtet war.
Langsam kam er aus den Büschen heraus und sah die beiden an. "Es tut mir leid. Ich wollte euch nicht beunruhigen", gestand er und verbeugte sich leicht.
"Ich habe gesehen, wie ihr uns seit einigen Nächten beobachtet. Weshalb?"
Dem Vampir blieb ein Kloß im Hals stecken. Es dauerte lange, bis er sprechen konnte. Er räusperte sich.
"Ich habe eure Tochter gesehen, als sie bei einem der Bälle war und seitdem bekomme ich sie nicht mehr aus meinem Kopf."
Er konnte förmlich spüren, wie er ihn musterte.
"Wo ist euer Meister?"
"Er ist tot ... Er hat mich verwandelt und beauftragt, ihn zu töten."
Ihr Vater nickte. "Ich verstehe."
Seine dunklen Augen sahen ihn eindringlich an.
"Und jetzt habt ihr Probleme, euch zurechtzufinden in unserer Welt."
Er war gut, das musste man ihm lassen. Er sah seine Tochter an, dann wieder zum Blondschopf.
"Ich gebe euch eine Chance. Kommt morgen Nacht wieder und ich werde euch ein Alibi liefern."
Lestat traute seinen Ohren nicht, was er da hörte. Hatte er gerade Mitgefühl gezeigt?
Er schluckte. "Ihr meint ..."
Er nickte. "Ihr habt die Erlaubnis, eine Nacht bei meiner Tochter zu sein, ohne gestört zu werden. Aber bedenkt: Tut ihr ihr etwas an, werde ich nicht mehr so gnädig sein."
Der Blondschopf nickte. "Ich danke euch ..."
"Ihr solltet aufbrechen, ehe die Sonne aufgeht. Wir treffen uns beim Baum, wo ihr meistens seid. Und passt auf, dass euch niemand sieht."
Er nickte und machte sich auf den Weg zum Gasthaus. Lestat konnte schlecht einschätzen, ob er nun Glück oder ein Problem hatte. Doch er war froh, dass er vielleicht nun Antworten auf seine Fragen bekam.
Valeria sah ihren Vater an. "Warum hast du das getan, Vater?"
"Er ist allein und wenn er keine bösen Absichten hat ... Gib ihm die Antworten, die er sucht. Zeige ihm, wie er sich in unsere Gesellschaft integrieren kann und dann werden wir weitersehen."
Er fuhr mit seinen langen Fingern durch ihr Haar.
"Denkst du er wird verschwinden, wenn er sie hat?"
"Das wird sich zeigen. Entweder das oder wir zwei haben ein kleines Geheimnis." Er lächelte sie an. "Nun geh aber auch schlafen, Valeria. Die Morgenröte setzt bald ein."
In der nächsten Nacht wartete Lestat, wie abgemacht, beim Baum vor Valerias Fenster. Er hatte ein Bad genommen und frische Kleidung angezogen. Der Blondschopf ertappte sich schon fast selbst dabei, wie er wieder an sie dachte. Doch warum war ihr Vater so großzügig? Als er sah, dass jemand aus der Tür kam, versteckte er sich hinter dem Baum.
Doch es war ihr Vater und bei ihm Valeria. Sie hatte ein dunkelblaues Kleid mit schwarzer Spitze an und eine weiße Bluse ragte aus ihrer Jacke. Das Haar hatte sie hochgesteckt und sie sah Lestat mit einem unschuldigen Blick an.
Anscheinend konnte sie nicht einschätzen, was sie erwarten würde.
"Seid vor Sonnenaufgang zurück. Für den Fall, dass ihr es nicht mehr zurück schafft, kann ich euch in unserem Weinkeller einen herrenlosen Sarg anbieten. Aber gebt gut auf meine Tochter Acht."
Lestat nickte und sah dann Valeria an und hielt ihr seinen Arm hin. Diese ging aber nicht auf sein Angebot ein. "Gehen wir."
Die beiden spazierten durch die Straßen von Straßburg und sie war bereit, ihm alle Fragen zu beantworten, die ihm unter den Nägeln brannten.
"... Verwandelte sind also Pöbel für euch?"
"Schlimmer als das. Eine Randgruppe sozusagen", erwiderte die Blondine.
"Und warum hat euer Vater dann zugestimmt, dass wir uns sehen?"
Sie sah in den Himmel. "Obgleich es verpönt ist, sich mit einem Verwandelten sehen zu lassen, ist er immer noch der Meinung, dass jeder Hilfe erhalten sollte, der sie benötigt."
Der Blondschopf schluckte.
"Diese Einstellung hatte er sicher nur heimlich."
"Er hat einst über Frankreich regiert, aus politischen Gründen jedoch abgedankt. Jetzt ist mein Onkel Kaiser und regiert im Rohanpalast."
"Euer Vater machte mir nicht den Eindruck, dass er ein schlechter Herrscher sei."
"Unsere Familie war schon immer verschuldet. Jede Heirat brachte uns Geld ein, das wir sofort wieder ausgaben, um die wohlhabende Fassade zu wahren. Das Volk musste unter hohen Steuern leiden. Mit meinem Onkel hatten sie aber wieder Hoffnung auf ein besseres Leben und seitdem ist es friedlich geblieben."
"Aber sind nicht Menschen im Palast? Wie kommt es, dass ihr euch alle so einfach in der Stadt fortbewegen könnt?"
Sie sah ihn an. "Wir haben Beziehungen zum Klerus und dem hohen Adel. Es ist ein Geheimnis und wir haben auch mit ihnen eine Vereinbarung, was unsere Jagd angeht. Verwandelte wie ihr kennen diese aber nicht und sind daher ein Risiko für unsere Existenz. Darum auch dieser niedrige Rang."
Lestat hörte ihr aufmerksam zu und dachte nach. "Das heißt, es wird auch nie ein Verwandelter schaffen, im Rang aufzusteigen, nicht wahr? Da, wo ich herkomme, bin ich nämlich auch hoch angesehen."
Valeria hob eine Braue. "Und da wurdet ihr verwandelt?"
"Ich glaube nicht, dass ich irgendeine Wahl hatte. Ich war zufällig in seinem Blickfeld und da war ich der Erste, der verwandelt wurde. Er wollte sein ewiges Leben beenden und brauchte jemanden, der es zu Ende bringt."
Sie sah nachdenklich zu Boden. "Man ist nur so lange unsterblich, bis man sich der Sonne aussetzt. Die meisten zumindest. Es gibt aber auch Vampire, die eine gewisse Lebenserwartung haben. Unsereins wird mitunter tausend Jahre alt. Wer besonders gut war, sogar 1500 Jahre."
Er sah sie verwundert an. "Und was passiert dann genau?"
"Wir altern optisch, wenn unsere Zeit gekommen ist und dann ist es eines Tages zu Ende."
Der Blondschopf schluckte.
"Habt ihr das schon einmal erlebt?"
Sie schüttelte den Kopf. "Es gibt auch Tagwandler wie meine Mutter und mich. Uns kann man nicht so leicht töten. Bei euch reicht das Sonnenlicht aus."
"Wie habt ihr herausgefunden, dass ihr ein Tagwandler seid?"
"Meine Mutter war draußen, als ich klein war und hat mich ermutigt, meine Hand der Sonne entgegenzustrecken. Manch anderer wäre verbrannt, ich jedoch hatte nur die Wärme gespürt."
Er schnaubte. "Ich beneide euch darum! Ihr könnt das Sonnenlicht sehen!"
Sie blickte nachdenklich zu Boden. "Und doch muss ich mich meiner Familie anpassen."
"Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, davonzulaufen?"
Ihre hellgrauen Augen sahen ihn verwundert an. "Fort? Von meiner Familie? Ich würde sie vermissen."
"Aber was ihr hier erlebt, ist doch grausam!"
"Ich bin es gewohnt. Das wird enden, sobald ich einen Mann gefunden habe."
Der Blondschopf nahm ihre Hand und sah sie an.
"Und wenn wir davonlaufen?"
Ihr Blick fiel auf seine Hand, dann sah sie ihn wieder an.
"Sie würden uns jagen. Und mit meinem Vater will man es sich nicht verspielen."
"Aber wir wären frei! Ihr wärt frei! Überlegt doch mal, was wir alles erreichen könnten! Hattet ihr denn nie darüber nachgedacht, wie euer Leben aussehen würde, wenn ihr frei wärt?"
Er hätte in ihren silbergrauen Augen ertrinken können, als sie ihn mit geneigtem Kopf ansah.
"Ich suche nach dem Mann, der meine Seele satt macht", raunte sie.
Hatten Vampire überhaupt eine Seele? Er wollte nicht unbedingt darauf eingehen.
Lestat trat näher, hob zögernd seine Hand, um ihre Porzellanhaut zu berühren und hielt doch inne.
Sie war schön. Es gab noch nie eine Frau, die ihn so fasziniert hatte wie sie.
"Was, wenn euer Vater einverstanden wäre? Wenn er uns zur Flucht verhelfen würde?"
"Er kann unseren Clan nur so lange aufhalten, wie er lebt. Es wird hart bestraft."
Der Blondschopf schnaubte.
"Was soll schon passieren? Töten können sie einen nicht so einfach."
"Wäre es euch das wert?"
Da hatte sie einen guten Punkt angesprochen. Doch etwas in ihm sagte ihm, dass er diesen Schritt gehen sollte.
Er trat langsam näher, bis ihre Gesichter nur noch Zentimeter entfernt waren. Sein Blick fiel auf ihre Lippen und genauso spürte er, wie sie ihn genauestens beobachtete.
"Das wäre es mir wert", raunte er und löste die restlichen Zentimeter zwischen ihnen mit einem sanften Kuss.
Seit er ein Vampir war, glaubte er, tot zu sein. Doch sie bewies ihm das Gegenteil: Er war am Leben.
Sie war warm, ihre Lippen ganz weich. Es war fast so, als könnte er ihren Herzschlag spüren.
Valeria war in diesem Moment wie erstarrt und doch schlug ihr Herz schnell wie eine Trommel. Sie wusste nicht, was sie fühlte. Der Gedanke, frei zu sein, reizte sie, doch etwas in ihr sagte ihr auch, dass sie es schaffen konnte. Er löste den Kuss und sah sie an. Keine Reaktion ihrerseits, jedoch auch keine Ohrfeige.
"Wenn ihr bereit seid, euer Leben zu riskieren, tun wir es hier und jetzt", meinte sie.
Doch als Lestat in die Ferne sah, färbte sich der Himmel bereits orange.
"Uns fehlt die Zeit", erwiderte er.
Die Blondine nahm seine Hand und zog ihn hastig hinter sich her. Sie kehrten zum Anwesen zurück und sie schleuste ihn in den Weinkeller ein, wo ihr Vater bereits auf sie wartete.
"Beeilt euch", meinte dieser und öffnete den Sarg. "Valeria, du gehst nach oben!"
Die Blondine nickte ernst, sah Lestat ein letztes Mal an und verschwand dann in ihr Zimmer.
Ihr Vater wartete, bis er im Sarg lag und sah ihn dann an.
"Ich werde euch holen, wenn die Luft rein. Rührt euch bis dahin nicht aus dem Sarg."
Lestat nickte und sah nur noch, wie sich der Sargdeckel schloss.