I'm not ready to chance
I'm not ready to chance
Bel, der meist wie ein Schatten durchs Haus schlich und immer irgendwo in meiner Nähe aufzufinden war, war anfangs ein bisschen skeptisch Amy gegenüber gewesen. Vielleicht fragte er sich, was das kleine Ding in seinem Revier zu suchen hatte. Doch er schien sie dennoch zu akzeptieren, oder zu tolerieren. Aktuell lag der Kater auf meinem Schoß und döste vor sich hin, während ich Nait beobachtete der mir gegenüber auf dem Sofa saß und Amy fütterte. Ein Bild, dass süßer als mein eigener Kaffee war. Im Grunde waren alle im Haus ihr beim ersten Blick verfallen. Sogar Hardin, der mit Bel ein wenig auf Kriegsfuß stand, weil der Kater ihn öfter erschreckte wenn dieser aus dem Schatten auftauchte. Aber Amy? Der konnte niemand widerstehen.
„Sieh sie dir an, Bel. Naity und sein Baby“, raunte ich meinem Kater zu, der als Kommentar dazu gerade mal ein Auge öffnete. Fast als würde er mir damit sein Desinteresse ausdrücken wollen. Grinsend nahm ich mein Handy von der Sessellehne und filmte Nait dabei, wie er Amy fütterte. Was dieser nicht mal bemerkte. Es war einfach zu niedlich. So niedlich das ich das Video zum einen in unsere alte Harlekin Bandgruppe schickte, zum anderen an Dave und Johnny weiterleitete und nach kurzen Überlegen auch an Ronnie. Ich hatte schon viel zu lange nichts mehr von ihm gehört. Was nie ein gutes Zeichen war, da er sich meist von sich aus mit irgendeinem Scheiß meldete.
„Weißt du, mir war irgendwie schon klar das du der bessere Vaterpart bist als ich. Du bist hm, der Regelteil und ich bin für Spaß zuständig“ Ein freches Grinsen huschte über meine Lippen während ich meine Worte an Nait richtete und durch Bels schwarzes Fell strich. Was der Kater mit einem dunklen Schnurren kommentierte.
„Warum bin ich bitte der langweilige Regelteil?“, beschwerte sich Nait, ohne wirklichen Ärger in der Stimme. Er sah von Amy hoch, die sich auf seinem Schoß zusammengerollt hatte. Hob schmunzelnd eine Augenbraue, als er mich ansah.
„Weil dir so eine Rolle bekannt ist. Ich musste ganz ohne männliche Väter Vorbilder aufwachsen. Und du hattest deinen Dad Mitch“, erinnerte ich meinen Freund frech grinsend. Er hatte das Kapitel mit meiner ersten Begegnung mit meinem Dad bereits gelesen, weswegen seine Reaktion aus einem ergebene Seufzten bestand.
„Wo du recht hast“, stimmte er mir tatsächlich zu, legte dann allerdings neugierig seinen Kopf zur Seite.
„Als du mit Gale unterwegs warst hab ich dein neustes Kapitel gelesen“, fing er an zu erzählen.
„Und meine Grammatischen Fehler verbessert?“, unterbrach ich ihn neckend weil es Nait ein wenig unangenehm war, dass er da so ein Auge für hatte und nicht anders konnte als meine Fehler auszubügeln.
„Ja das auch, aber darauf wollte ich nicht hinaus“, gab er stöhnend zu und fuhr sich mit den Fingern durch die blonden Haare.
„Ich weiß, aber ich finds niedlich das du es tust“ Es war wirklichen niedlich und es beruhigte mich ihn als Backup zu haben. Zu wissen das er las was ich schrieb und meine manchmal wirren Gedanken und Sätze in Form brachte. Der Blick den er mir aus seinen blauen Augen zuwarf, brachte mich erneut zum Grinsen. Ach fuck, ich war Nait wirklich verfallen. Auf eine ganz eigene Art und Weise, ohne Rosarote Brille und bösem Erwachen danach.
„Worauf wolltest du hinaus?“, fragte ich nach, als er immer noch nicht weiter sprach. Er schien für einen Moment seinen ganz eignen Gedanken nach gehangen zu haben.
Nait blinzelte kurz, ehe er sich daran zu erinnern schien, was er sagen wollte.
„Wie ging dein erster Schultag weiter? Also beim besten Willen ich kann mich dich so gar nicht auf so einer Schule vorstellen. Du verarscht uns oder?“, meinte er dann doch.
„Warum sollte ich mir das ausdenken? Fuck, ich hab immer noch Traumas von beigen Hosen. Willst du meine Zeugnisse oder Schulverweise von damals sehen?“, fragte ich ihn spöttisch, auch wenn ich verstehen konnte das ihn meine schulische Laufbahn überraschte. Wenn ich mich von außen betrachten würde, wäre Elite Schule auch mit das letzte an das ich denken würde.
„Deine Schulverweise? Warum wundert mich das kein bisschen?“, lachte mein Freund leise auf, um Amy nicht zu wecken.
„Weil du mich kennst? Und weil es vorhersehbar war?“, zuckte ich mit den Schultern.
„War es wohl wirklich“, stimmte er mir zu ehe sein Blick etwas ernster wurde. Nachdenklicher.
„Worauf ich eigentlich hinaus wollte, war Bryce. Ich hätte nie gedacht das er... das ihr euch wirklich so gut verstanden habt“, meinte er dann. Bei seinen Worten verzog ich leicht mein Gesicht. Eigentlich wollte ich noch nicht über den Bruch zwischen mir und meinem Bruder nachdenken. Auch wenn wir uns wieder zusammengerauft hatten und tatsächlich wieder guter Kontakt zwischen uns vorhanden war.
„Haben wir wirklich. Der Bruch kam erst etwas später. Angetrieben von Romain und Chrishell. Und vielleicht unterstützt durch mein Verhalten“, gab ich zum Ende hin zu, allerdings ohne Naits Blick auszuweichen.
Dieser nickte verstehend und nahm ebenfalls den unauffälligen Wink mit dem Zaunpfahl war, dass ich gerade noch nicht darüber sprechen wollte. Griff stattdessen wieder das Thema Schule auf.
„Deine Schulzeit war also recht hm, konfliktbehaftet?“, fragte er dann fast schon amüsiert nach. Er schien verdammt neugierig auf meine weitere Schulzeit zu sein. Allein bei dem Wort Konfliktbehaftet hob ich eine Augenbraue.
„Dein Ernst? Konfliktbehaftet? Wer bist du? Meine alte Mathelehrerin? Fuck, meine Schulzeit war das unterhaltsamste was diese Schule seit Hundert Jahren oder so gesehen hat“
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Ich denke jeder von uns kennt diesen Moment wenn man Morgens aufsteht, die Glieder noch schwer sind und der Geist so träge als hätte man Steine in Muskeln und Hirn. Seit ich bei meinem Dad wohnte nahm diese morgendliche Trägheit bei mir zu. Ich schlief schlechter und weniger als bei meiner Mom, was wenn man es näher betrachtete schon ein wenig ironisch war. Man sollte meinen es wäre anders herum, aber Pustekuchen, in den weichen Kissen verfolgte mich mehr Alpträume als je zuvor. Ein morgendlicher Zustand, der sich nicht gerade positiv auf meine schulische Motivation ausübte. Meine ersten Schultage waren recht okay gewesen. Immerhin war ich unter dem schützenden Flügel von Bryce Whitley, an diesem mir fremden Ort, gelandet. Und wie sich herausstellte, war mein Bruder verdammt beliebt an der Schule und gehörte selbst dort mit dem Namen Whitley zu der Oberschicht.
(Damals kam mir zum ersten Mal so richtig die Frage auf WIE verdammt mächtig und reich mein Vater wirklich war. Ich meine wenn allein ein Name dir jegliche Türen öffnete? Aber hey, keine Sorge für mich verschloss er eher Türen, als sie zu öffnen. Ein Grund mehr warum ich bis heute beim Nachnamen meiner Mom geblieben bin.)
Bryce gab sich die erste Woche über wirklich Mühe mich in seine Welt zu integrieren. Wir aßen zusammen Mittag in der Cafeteria, in der das Essen tatsächlich genießbar und lecker war. Und er gab sich wirklichen Mühe, dass ich mit seinen „Freunden“ warm wurde. Was seien wir mal ehrlich, von Anfang an vergebliche Liebesmüh gewesen war. Die waren alle 16 und 17 Jahre alt und konnten sich was cooleres vorstellen als mit einem 13 jährigen abzuhängen, der keinerlei Respekt für sie übrig hatte und schon im ersten Gespräch gerafft hatte, dass er mehr aktive Gehirnzellen hatte als beide zusammen. Aber wer waren Bryce Freunde?
Die beiden trugen die Namen Lionel Golding und George Bevard. Kamen wie Bryce aus einer Familie mit „altem“ Geld. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht mal, dass man unter altem und neuem Geld unterschied. Ich war einfach davon ausgegangen, dass es Geld war. Und man ganz klassisch zwischen Arm und Reich unterschied. Aber nein, selbst beim Reich sein gab es gravierende Unterschiede. Und wenn man zur Fraktion altes Geld gehörte, stand man automatisch über der Fraktion neues Geld. (Ich selbst würde mich sogar aktuell aus diesem Game raus ziehen und einfach sagen ich komm gut über die Runden und bin einfach so was wie Glücklich. Reicht doch oder?)
Lionel war genau so, wie man sich einen Jungen mit diesem Namen vorstellt. Blonde kurze Haare, ein arrogantes Lächeln auf den Lippen und weniger gut im Lesen und Schreiben, doch dafür richtig gut im Sport. Ergo, intellektuell haute ich ihn mit Sprüchen in die Pfanne die er nicht mal verstand, doch sein Schlag tat verdammt weh. Lionel war in der Football Mannschaft der Schule und der ganze Stolz des Trainers. George viel ebenfalls ein wenig in diese Spalte. Hatte allerdings ein paar mehr aktive Hirnzellen als Lionel. Er spielte lieber Tennis und Golf und ähnelte eher einem englischen Lord, als einem Amerikanischen Schüler. Ich kam auch nur auf diese Assoziation, weil er tatsächlich einen englischen Akzent hatte und beide Elternteile aus dem Land von Queen und Black Sabbath kamen. (Keiner der beiden kannte übrigens Black Sabbath... verständlich das wir nicht mit einander auskamen oder? Fuck, wie kann man Ozzy nicht kennen?!)
Ihr versteht also eventuell, warum ich mich nicht langfristig in dieser dreier Gang wiederfand. Rückblickend blieb ich glaube ich nur so lange bei ihnen, weil ihre Gesellschaft weniger schlimm war als ganz allein neu auf dieser Schule zu sein. Und auch wenn Bryce so fair war, nicht ständig die von unserem Dad erzwungene Geschichte zu erzählen... naja die Lehrer waren nicht so rücksichtsvoll. Sie hatten zu Anfang einen Narren daran gefressen den armen von den Whitley aufgenommen Waisen Jungen (ironisch das ich offiziell nicht mal eine Waise war, weil naja mein Dad persönlich ihnen diese Lüge erzählte) besonders herzlich aufzunehmen. Es machte mich wahnsinnig wenn sie mich zwischendurch mit diesem „du armer Junge“ Blick ansahen. Eine komplette Woche lang hielt ich das aus. Alles. Die schreckliche Kleidung, die Blicke der Lehrer, das Tuscheln meiner Mitschüler und die Gesellschaft von Lionel und Georg. Schulisch hing ich zwar wirklich etwas nach, aber das würde ich schon irgendwie mit Bryce Hilfe schaffen.
Jeden Morgen fuhr uns James zur Schule, richtete zuvor meine Krawatte die ich innerhalb einer Woche ganz allein binde konnte und wünschte uns einen schönen Tag. Und heute würde es endlich ein guter Morgen werden. Den ich hatte einen Plan mich endlich aus dieser „arme Junge“ Schiene zu holen. Und wie tut man dies am ehesten auf einer solchen Schule? Ganz recht, man tauscht auf dem Schulklo die hässliche beige Hose durch eine schwarze Jeans voller Löcher, öffnet die elitäre Krawatte und lässt sie ungebunden um den Hals hängen, öffnet das weiße Hemd und präsentiert den Lehrern darunter sein ikonisches Korn Shirt. (Damals war ihr neues Album „See You On The Other Side“ ein großes Ding. Fuck, ich liebe diese Zeit des aufstrebenden Nu-Metals. Musikalisch war das der ideale Soundtrack zu meiner Jugend und Rebellion. DAS war die Musik die mich und Cob damals zusammen brachte. Aber... da sind wir noch lange nicht.)
Jedenfalls hatte Korn zu dem Album damals ziemlich coolen Merch. Kennt ihr das Album Cover? Mit dem weißen Jungen, dem weißen Hasen der dem Jungen eine Krone aufsetzen will und diesem Pferd mit Handschuhen? Genau das Motiv war auf meinem Shirt, als ich an diesem Morgen aus der Schul-Toilette kam und mich etwas verspätet auf den Weg zur ersten Stunde machte. Das war eine Kampfansage gegen meinen Ruf als armer Waisenjunge und mein erster Schritt der Rebellion gegen das hier herrschende System des „alten“ und „neuen“ Geldes. Ich kratzte all mein Selbstbewusstsein und Mut zusammen, als ich die Tür zu meinem Klassenraum öffnete und hinein ging. Augenblicklich verstummten die leisen Gespräche meiner Mitschüler, mein Lehrer Dr. Davis hielt in seinem Vortrag über was auch immer inne und starrte mich an. Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte komplette Stille und alle beobachteten wie ich zu meinem Platz ging und mich setzte. (Große Auftritte lagen mir übrigens schon immer) Jedenfalls weiß ich noch wie ich meinen Rucksack abstellte und zu Dr. Davis sah. Abwartend und Herausfordernd, was er sagen und tun würde.
„Mr. Napier, was soll dieser Unsinn?“, die Stimme meines Lehrers klang beherrscht, doch sein Blick zeigte sein pures Entsetzen.
„Welcher Unsinn? Ich habe lediglich etwas Individualität in meine Kleidung gebracht. Oder ist es nicht das, was man uns hier versucht bei zu bringen? Weltoffenheit und Toleranz?“ Fuck, lehnte ich mich damals mit meinen 13 Jahren weit aus dem Fenster. Aber hey, zum einen fühlt man sich mit 13 schon echt cool und groß (was eine Lüge ist, die man erst checkt wenn man älter wird. Mit Mitte Zwanzig lacht man nur noch über all die coolen 13 Jährigen.) Die Mundwinkel von Dr. Davis zuckten bedrohlich bei meinen Worten.
„Nun, das lehren wir hier durchaus. Allerdings gehört auch das Ehren und Respektieren von Traditionen zu unseren Werten. Ebenso wie Respekt. Und den haben sie im Moment nicht. Ihr Äußeres ist eine Beleidigung für unsere Traditionen“, belehrte mich der Mann Mitte Fünfzig mit seinem dunkel Blauen Anzug.
„Vielleicht sollten sie dann doch noch mal ihren Horizont erweitern und auch andere Dinge Respektieren, die nicht ganz in ihre Welt passen“, war meine freche Erwiderung darauf. Ich denke ich muss nicht extra erwähnen, dass mich diese ganze Aktion und meine frechen Worte zum Direktor brachten oder? Yeah, ich denke auch das sich das von selbst versteht. Also holte ich mir meine Rüge vom Direktor ab, der mein Verhalten auf meine „besonderen Umstände“ schob und mich mit einer Verwarnung davon kommen ließ. James musste mich danach abholen, weil ich zum einen mit dem Outfit nicht wieder in die Klasse konnte und zum anderen „Damit ich mich sammeln“ konnte. Als James mich an diesem Tag von den Stufen der Schule abholte schmunzelte der englische Butler kaum merklich. Er würde es wohl nie offen zugeben, doch es schien ihm zu gefallen wie ich mich gegen dieses starre System stellte. Meinem Dad würde dies übrigens nicht gefallen. Aber hey, wenn wunders?