I can't control everything
I can't control everything
Als Nait an diesem Morgen aufwachte nahm er direkt den Geruch von Kaffee wahr. An sich nichts ungewöhnliches, den er erwachte häufiger mit dem Geruch von Kaffee in der Nase. Meist weil Jack bereits wach war und seine erste Tasse Kaffee neben ihm im Bett trank. Dabei wirkte der chaotische Musiker mit den grünen Haaren immer so, als würde er sich in seiner Nähe und der Ruhe des Morgens sammeln. Seine Gedanken ordnen, was meist ein Akt der Unmöglichkeit war. Eigentlich schlief Jack gern länger als Nait selbst, doch seit einiger Zeit hatte sich die Schlafzeit des anderen reduziert. Fast so als hätte er zu viel im Kopf, um länger zu schlafen. Doch heute war es nicht Jacks vanilliger Kaffee der ihn weckte, sondern ein dunkleres Aroma. Nait setzte sich im Bett auf und sah erstaunt zu der dampfenden Tasse auf seinem Nachttisch. Serviert in einer abgenutzten Tasse mit Linkin Park Logo. Die Jack, sofern Nait ihm das glaube konnte, bei einem Treffen von der Band selbst gemopst hatte. Nur um eine Wette mit Coby zu gewinnen.
Er gähnte leise und griff nach der warmen Tasse, erst dann fiel sein Blick auf den schlafenden Körper neben sich. Jack lag, noch in seinen Sachen von gestern, auf der Bettdecke und schlief tief und fest. Die Haare fielen ihm wirr in die Stirn, sein aufgeklappter Laptop stand neben ihm und die kleine Katze Amy hatte sich eng an den schlafenden Körper gekuschelt. Lag zusammengerollt an Jacks Kopf. Ein Bild, dass Nait direkt Lächeln ließ. Er konnte sich gut vorstellen, wie der andere Nachts wieder nicht schlafen konnte und sich deswegen leise aus dem Zimmer geschlichen hatte, um ihn nicht zu wecken. Dann hatte er wahrscheinlich in Cobys altem Zimmer geschrieben und war vor nicht all zu langer Zeit zu ihm zurück ins Schlafzimmer gekommen. Allerdings nicht ohne vorher noch einen Abstecher in der Küche zu machen und Nait einen Kaffee zu machen. Den es war kurz nach 8 Uhr morgens. Meist stand Nait tatsächlich um diese Uhrzeit auf und startete in den Tag. Und so wie Jack dort lag, hatte er eigentlich vorgehabt noch so lange wach zu bleiben, bis Nait wach wurde. Was offensichtlich nicht geklappt hatte.
„Dieser Verrückte“, murmelte Nait leise und liebevoll, ehe seine Hand wie von selbst in die weichen Haare seines Freundes fanden. Er liebte es einfach durch die weichen Strähnen zu streichen, besonders wenn Jack schlief. In diesen Momenten besonders friedlich aussah. Er hatte es kaum bemerkt, doch in solchen Momenten fiel ihm oft auf, wie sehr Jack ihn und sein Leben eigentlich verändert hatte. Wie er ihn prägte.
„Danke, dass du Farbe und Chaos in mein Leben bringst“, seine Stimme war nur ein leises Flüstern. Seit sie sich zum ersten Mal getroffen hatten war verdammt viel passiert. Eine Veränderung die vor allem bei Jack direkt sichtbar war. Niemand musste Nait sagen, dass er dem anderen gut tat. Das bemerkte er von sich aus. Auch war ihm bewusst, dass Jack ohne ihn weder zurück zur Musik gefunden hätte, noch clean wäre. Doch was auf den ersten Blick nicht direkt sichtbar war, war die positive Veränderung die Nait selbst durchgemacht hatte. Das Selbstbewusstsein, dass Jack ihn allein mit seiner ganz eigenen Art verlieh. Wie der Musiker ihn ermutigte über seinen Teller zu schauen und ihn inspirierte.
„Du hast mir zeigt, dass Chaos und los lassen nicht direkt ein Kontrollverlust sind. Und selbst wenn, davon geht keine Welt unter“, sprach er leise weiter. Er wusste nicht mal genau warum er seine Gedanken gerade laut aussprach, aber er tat es.
„Und das Kreativität überall herkommen kann. Das Familie jeder sein kann, den man in sein Leben lässt“, jetzt musste Nait leise auflachen. Ohne es wirklich zu merken, hatte Jack seine Welt von 0 auf 100 vergrößert.
„Hm?“, kam es da plötzlich von Jack, der Nait aus müden Augen ansah. Wieder so ein Bild, dass Nait warm Lächeln ließ. Er liebte einfach diese verschlafenen Blicke von Jack.
„Ach nichts. Ich hab mich für den Kaffee bedankt“, meinte er sanft und strich erneut durch die grünen Strähnen. Jack seufzte genießend auf und schloss wieder seine Augen.
„Dachte ich bring dir auch mal Kaffee ans Bett“, nuschelte er in sein Kissen, tastete allerdings mit seiner Hand nach Nait und gab sich erst damit zufrieden als seine Fingerspitzen seine Haut berührten.
„Du warst noch lange wach. Konntest du nicht schlafen? Oder wolltest du nicht?“, fragte Nait nach, stellte seine Tasse zurück auf den Nachttisch um sich an seinen Freund zu kuscheln. Selbst etwas Kraft für den Tag zu sammeln.
„Zu viele Gedanken im Kopf. Hab noch viel geschrieben und dann mit Ronnie telefoniert. Er brauchte mich“, antwortete Jack ihm müde, schloss Nait direkt in seine Arme und vergrub seine Nase in seiner Halsbeuge.
„Er brauchte dich? Kommt in letzter Zeit öfter vor“, stellte Nait amüsiert fest.
„Hmh“, Jacks Stimme war fast nur noch ein leises nuscheln.
„Schlaf“, raunte Nait deswegen leise, breitete seine Decke über seinem Freund aus. Früher hätte er es wohl seltsam gefunden, jemanden nach 8 Uhr schlafen zu schicken. Doch Jack hatte seinen Horizont ins unendliche erweitert. Ihm gezeigt das Alltag nicht bedeutete, dass jeder Tag den selben Rhythmus folgte. Und auch was Liebe anging hatte Jack ihn verändert. Den Liebe bedeutete für ihn nicht mehr das man immer alles zusammen machen musste. Oder den gleichen Rhythmus besitzen musste. Es war absurd nach all den Gedanken die er sich in der Vergangenheit gemacht hatte, doch er würde nicht mehr in Frage stellen ob Jack ihn wirklich liebte. Nait spürte es in allem was der Musiker tat. Eben, auf seine ganz eigene Art und Weise.
Sein Blick huschte vom schlafenden Jack zu dessen Laptop. Neugierig richtete er sich etwas auf, so das er gemütlich den Laptop auf seinen Schoß heben konnte und Jack trotzdem noch gemütlich an ihn gekuschelt schlafen konnte. Den dieser war längst wieder im Land der Träume. Nait wusste, dass Jack nichts dagegen hatte wenn er seine rohen Texte las. Neugierig startete er den Laptop und öffnete das letzte Text Dokument an dem Jack gearbeitete hatte.
„Ich kanns immer noch nicht glauben, dass du wirklich auf so einer Schule warst. Du passt da so gar nicht rein“, murmelte Nait leise zu sich selbst, ehe er anfing zu lesen.
♫
Seit Maddox auf dieser freundschaftlichen Ebene in mein Leben getreten war, war die Schule um einiges erträglicher geworden. Immerhin konnte ich jetzt mit jemanden über Musik sprechen. Die Lehrer verfluchten unsere neue Freundschaft wahrscheinlich vom ersten Moment an. Trouble and Mess war etwas auf das sie gut und gern hätten verzichten können. Oder wie Dr. Davis gern und vor allem oft erwähnte, ich war ein wirklich schlechter Einfluss für Maddox, der sich ohne mich nicht so richtig getraut hatte er selbst zu sein. Doch mit mir? Angestachelt von meinem rebellischen Geist hielt ihn nichts mehr zurück. Und er entdeckte seine Liebe zu Graffiti. Ihr könnt euch denken wie begeistert der Hausmeister von unserer „Kunst“ an den denkmalgeschützten Schulwänden war oder? (Irgendwie scheine ich so etwas an mir zu haben, dass andere dazu ermutigt sie selbst zu sein. Verrückt. Dabei hatte ich immer selbst damit zu kämpfen ich selbst zu sein und mich so zu akzeptieren wie ich bin.)
Worauf ich hinaus wollte, wir machten viel Ärger und saßen oft zusammen nach dem Unterricht bei Lehrern, die uns einen Vortrag über unser Verhalten gaben. Etwas das Bryce mit Sorge betrachtete, es allerdings auch etwas amüsant fand, da die Lehrer an mir verzweifelten. (Auch mein Bruder hat diese rebellische Art in sich. Doch er hält an seiner Kontrolle fest und lebt sie anders aus als ich. Nicht so hm, direkt.)
Mein einziges Glück war es, dass es immer James war den die Schule anrief und über mein Fehlverhalten in Kenntnis setzte. Was wohl nicht so ungewöhnlich in diesen Kreisen war. Immerhin war er unser Butler und somit anscheinend für uns verantwortlich. (Erstklassige Verschiebung der elterlichen Verantwortung.) Najaaa, der Tag an dem mein Dad von meinem Verhalten in der Schule Wind bekam war ein... sagen wir mal anderer und dunkler Tag in meinem Leben. Den wie sich herausstellte waren Dr. Davis und mein Dad im selben Golf-Club und da läuft man sich wohl ab und an mal über den Weg. Hätte man mir auch früher sagen können. Fuck.
Nun ja, der erste Riss in unserer nicht vorhandene Beziehung kam unerwartet an einem Samstag. An dem Punkt lebte ich bereits seit knapp 3 Monaten oder so bei meiner neuen Familie. Mein Zimmer hatte ich mittlerweile wesentlich mehr Persönlichkeit verliehen, als einige Räume des Hauses je bekommen würde. Zu verdanken hatte ich dies zu großen Stücken Eliza. Den das junge Hausmädchen besorgte mir immer wieder Dinge für mein Zimmer. Meist Poster meiner Lieblings Bands. Jedenfalls schien sie es sehr zu mögen wie ich meine eigenen vier Wände gestaltete. An diesem Samstag hatte ich mir wenig Gedanken zu irgendwas gemacht. Ich glaube ich saß mit Bryce im Salon, der versuchte mir Schach bei zu bringen. Chrishell war keine Ahnung wo. James war unterwegs mit unserem Dad. Und dieser eben im Golf-Club. (Ein Ort den ich im übrigen nie wieder im Leben betreten will. Da bin ich genau so fehl am Platz wie an der Elite Schule.)
Mein Dad war alles in allem ein sehr kühler Typ Mensch. Seine Gefährlichkeit lag in seiner Stille. Den er brauchte einen nicht anbrüllen, nein er schaffte es mit seinem kalten Blick das man sich komplett unwohl fühlte. Und genau diesen Blick trug er, als er mit James vom Golf-Club kam und uns im Salon vorfand. Sein Blick kalt wie Eis und das schlimmste daran war, er traf mich damit. Mit den Jahren würde ich eine gewisse Immunität gegen diesen Blick aufbauen. Doch beim ersten Mal? Da traf er mich mit all seiner Intensität. Mit all seiner Kälte. Und falls sich jemand jemals fragen sollte, woher ich meine Arschloch Seite habe, yeah die kommt von ihm. Meine Mom wäre nie auch nur annähernd zu so etwas kaltem fähig gewesen. Wo war ich stehen geblieben? Achja, als mein Dad vom Golf wieder kam. Als er den Salon betrat sank die Temperatur direkt um einige Grad. Bryce hob direkt den Kopf, den er zuvor nachdenklich über dem Schachbrett gehabt hatte, um über seinen nächsten Zug nachzudenken. Ich saß ihm gegenüber, in einem der bequemen cremefarbenen Sesseln und richtete mich direkt ein wenig auf. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, kaum traf mich sein Blick.
„Ich war wirklich naiv, dass ich dachte du würdest die Chance sehen und nutzen, die ich dir ermöglicht habe. Ich war wirklich der Meinung du hättest genügend Whitley Blut in dir, dass du in der richtigen Umgebung erblühen könntest. Doch deine verdorbene Mutter hat dir mehr mitgegeben, als mir lieb wäre“, begann er mit eiskalter Stimme zu sprechen. Er machte sich nicht mal die Mühe seine Abneigung in seiner Stimme zu verbergen. Die Entrüstung darüber, dass ich so sehr nach meiner Mom kam. (Eine Tatsache die ihm eigentlich aus ganz anderen Gründen schmerzte, aber die würde ich erst viel später erkennen.)
Er schüttelte abwertend den Kopf und fasste sich mit seiner Hand an den Nasenrücken. Fast so als könnte er es nicht glauben, dass ich seine „Güte“ mit Füßen trat.
„Diese Schule hat Tradition und Werte, Jack. Chrishells Familie besucht sie bereits seit Generationen und mit Bryce, und nun leider auch dir, lehrt sie auch der Zukunft meiner Familie ihre Werte. Nur scheinen diese Werte völlig an dir abzuprallen. Deine Herkunft ist anscheinend doch nicht so einfach aus dir heraus zu holen. Dein Benehmen ist eine Schande für unseren Namen. Und dann gibst du dich auch noch mit diesem Price Jungen ab“, erneut konnte ich die Abwertung deutlich aus seiner Stimme heraushören.
Seine Worte, seine gesamte Art machte mich damals komplett sprachlos. Ich hatte mir schon damals nicht ausgemalt, dass ich eine klischee Vater-Sohn Beziehung zu diesem Mann aufbauen würde. Aber ich war der Meinung, dass ich dennoch ein bisschen was von ihm bekommen würde. Tja, Pustekuchen.
„Aber...“, versuchte ich bin dann doch zu verteidigen. Von Bryce kam damals kein einziges Wort. Er hatte es früher nie gewagt die Stimme gegen Vater zu erheben. Etwas das ihm schon als Baby eingepflanzt worden musste.
„Nichts aber. Du bist eine Enttäuschung für die gesamte Familie, Jack“, schnitt mein Dad mir direkt das Wort ab. Er hatte damit aufgehört seine Nasenwurzel zu massieren.
„Dr. Davis hat mir viel erzählt. Ich traf ihn zufällig auf dem Golfplatz. Und ich bin schockiert. Anders kann ich es nicht sagen. Ich habe ihn dazu ermutigt dich und auch den Price Jungen härter zu bestrafen. Euch auf den richtigen Weg zu führen“, meinte er und sah kurz zu Bryce hinunter, eher sein kalter Blick mich wieder traf.
„Ich erwarte eine Veränderung in deinem Benehmen. Du wirst die nächsten zwei Wochen Nachsitzen und Extra Arbeiten erledigen. Dazu wirst du auch hier Hausarrest absitzen“, noch ehe ich etwas dazu sagen konnte, erhob er seine Hand und unterbrach mich so.
„Keine Diskussionen“, schnaubte er und verließ ohne ein weiteres Wort den Salon.
Hausarrest war das schlimmste was man mir antun konnte. Mich einzusperren war nie eine gute Idee. Ich war es gewohnt raus zu gehen, wenn ich es wollte. Ich hatte es gelernt, frei herumstreifen zu können. Besonders in meiner Zeit bei Mom. Das er mich jetzt in meinem Zimmer einsperrte war... hart. Wirklich hart. Ich durfte mein Zimmer nicht verlassen. Musste dort essen, durfte nur zur Schule. Mein einziger Freigang. Hausarrest ist übrigens etwas, dass mich bis heute geprägt hat. Ich halte es nicht aus eingesperrt zu sein. Ein „Trauma“ das sich in dem dunklen Klinik Kapitel meines Lebens weiter vertiefte und dafür sorgte, dass wir zu Harlekins ersten Touren, bei denen wir ausschließlich im Bus unterwegs waren, mehr Pausen als nötig machen mussten. Ich hielt es nicht lange im Tourbus aus. Ohne Coby und die anderen, die mich auffingen (und yeah okay, seien wir ehrlich Drogen und Alkohol) hätte ich das nicht ausgehalten. Aber dazu werden wir noch kommen.