We used to say we'd never chance
We used to say we'd never chance
Die Music Hall of Williamsburg befand sich in einem alten Gebäude das aussah wie eines dieser typisch rustikalen Steingebäude, die es zuhauf in der Stadt gab. Irgendwie hässlich, aber gleichzeitig auch charmant. Eines der Gebäude die von Innen mehr hergaben als von Außen. Die Bühne war verhältnismäßig klein und der Raum hatte eine Galerie, auf der ebenfalls Leute stehen konnten und einen guten Blick auf die Bühne hatten. Während die anderen sich ein wenig im Backstagebereich ausruhten, das Buffet genossen und Energie sammelten war ich in den Hauptraum gegangen. Hatte mich auf den Rand der Bühne gesetzt und betrachtete den Raum vor mir. Ließ ihn auf mich wirken. Hinter mir war unsere Crew damit beschäftigt unsere Instrumente und die Technik aufzubauen.
Früher hatte ich zusammen mit Coby am Rand der Bühnen gesessen, auf denen wir später spielen würden. Wir hatten den Raum auf uns wirken lassen. Hatten die Stille vor dem Sturm genossen. Darüber gesprochen was diesen Ort ausmachte, wer hier wohl schon alles gespielt hatte. Fuck... er fehlte mir. Die Lücke die sich nie ganz schließen würde.
„War klar das wir dich hier finden“, riss mich plötzlich eine Stimme aus meinen Gedanken. Eine die ich unter tausenden erkennen würde, da ich sie eine Zeit lang ständig um mich herum gehabt hatte. Und plötzlich saß ich nicht mehr allein am Rand der Bühne. Jerry ließ sich direkt neben mir nieder, legte seine Hand auf meine Schulter. Tobin nahm meine andere Seite in Beschlag und neben ihn ließ sich Tony nieder. Überrascht starrte ich die drei an. Fast als würden sich Geister neben mir befinden.
„Was den? Du hast gesagt wir sind VIPs bei jedem Showbiz Konzert“, lachte Tobin und wuschelte durch meine grünen Haare.
„Und wir waren eh grad in der Stadt“, fügte Jerry locker hinzu. Obwohl er wusste, dass ich wusste, das es eine Lüge war. Sie waren nicht zufällig in der Stadt. Sie waren extra nach New York gekommen. Für mich. Für uns.
„Außerdem sagte Dave ihr habt keinen Fotografen und der Typ für die Technik ist miserabel und Tony steuert Kekse von Debora bei“, erklärte Jerry weiter. Grinste mich dabei wissend an.
„Ihr spinnt doch“, brachte ich nach einigen sprachlosen Momenten über die Lippen.
„Müsstest du nach all den Jahren doch langsam wissen“, seufzte Tobin und zuckte mit den Schultern.
„Wir hätten ja was gesagt, aber das war tatsächlich recht spontan. Ich dachte ihr braucht mich wirklich für die Technik, Jerry hat seine Kamera mit gebracht und Tony wurde von Debora zu diesem Männertrip gezwungen, weil sie die Zeit in der sie noch allein ist etwas genießen will“
„Sie sagte, dass sie bald keine Sekunde Ruhe mehr hat und das jetzt braucht“, lächelte Tony und schüttelte den Kopf über seine Frau.
„Und ich störe mit meiner Sorge und Vorsicht ihr Allein sein“
„Ihr wisst gar nicht wie sehr ich euch dafür liebe“, haute ich den Jungs ehrlich um die Ohren und wischte kurz über meine Augen.
„Heulst du?“, neckte Jerry mich, wissend wie nah ich eigentlich am Wasser gebaut war. Jedenfalls bei so etwas.
„Ne hab was im Auge“, log ich und ließ mich dann mit einem auflachen nach hinten fallen. Landete mit dem Rücken so auf der Bühne und sah an die Decke.
„Harlekin ist nicht tot man. Wir sind immer noch da, nur anders. Nur mit Extras. Nur mit Showbiz“ Tobin hatte sich etwas zu mir gedreht und betrachtete mich. Wie ich mit dem Rücken auf der Bühne lag, meine Beine noch über den Rand baumelten und meine violetten Chucks in der Luft hingen. Meine grünen Haare die im Dreck der Bühne lagen und mein Shirt das etwas hochgerutscht war und die Tattoos auf meinem Bauch zeigte. Und allein sein Blick sprach Bände, den er hatte dieses „Fuck, zum Glück geht’s ihm wieder besser“ Funkeln in den Augen. Ein Gedanke den alle hier hatten.
„Wenn ich das Schlagzeug sehe hab ich direkt Lust zu spielen. Testen wir ob der Sound schon stimmt?“, schlug Tony vor und erhob sich bereits im nächsten Moment schon. Ging hinüber zu Sebastians Schlagzeug und setze sich dahinter als wäre es sein. Ich beobachtete ihn aus meiner liegenden Position aus dabei. Wie er sich auf den Hocker niederließ, die Drummsticks nahm und anfing zu spielen. Wie früher. Wie immer. Auch Jerry erhob sich und nahm eine der beiden Gitarren, die bereits bereit standen. Schlug testweise ein paar Töne an und stimmte sie noch ein wenig nach. Das Ganze lief komplett routiniert ab, so als wären es ihre Instrumente und nicht die von anderen. Und irgendwie rührte es mich. Es zeigte mir, wie sehr sie hinter mir standen. Wie sehr sie akzeptiert hatten, dass das Leben weiter ging. Das dies ein neuer Abschnitt war, in dem wir dennoch keine getrennten Wege gingen. Wir waren eine Band, eine Familie die größer geworden war, nachdem sie einen großen Verlust hatte hinnehmen müssen.
„Du heulst gleich wieder“, Tobins Stimme war sanft. Er betrachtete mich immer noch. Einer dieser mir bekannten Blicke.
„Zurecht. Ich meine ihr seit hier. Wir sind hier. Und ich vermisse Cob und bin gleichzeitig so unendlich froh über das hier und jetzt“, erklärte ich ihm mit leiser Stimme.
„Ich weiß“, lächelte er und hielt mir seine Hand hin. Ich ließ mich von ihm hochziehen und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. Wischte noch mal über meine Augen.
„Im ernst ich liebe euch“, wiederholte ich grinsend als er lachend meine Hand los ließ und zu Hardins Bass ging.
„Und wir dich“
♫
Der Vorfall mit dem Bleistift und dem Oberschenkel meines Mobbers ging tatsächlich nicht an die Schulleitung. Wahrscheinlich, weil der Typ schiss davor hatte was passierte wenn sie auch meine Seite der Geschichte hören würden. Den der Stift war nicht ohne Grund in seinem Bein gelandet. Außerdem würde es wohl auch seinen üblen Ruf zerstören. Bis dato war ich also wirklich damit davon gekommen. Eine aufgeplatzte Lippe im Gegenzug für Respekt war meiner Meinung nach ein Fairer Tausch. Nur leider bekam mein Bruder recht schnell davon Wind. Um genau zu sein noch am selben Tag.
Ich hatte es mir gegen Abend auf meinem Bett gemütlich gemacht und hörte über Kopfhörer Musik während ich zeichnete, als plötzlich meine Tür aufgerissen wurde und ein entgeisterter Bryce in meinem Zimmer stand. Irritiert hob ich meinen Kopf und sah ihn fragend an. Warum zur Hölle schaute er so, als hätte er einen Geist gesehen?
„Warum muss ich über drei Ecken erfahren, dass du Roger (Ich glaube jedenfalls das er so hieß. Vielleicht wars auch Robin. Hm, egal) mit einem Stift abgestochen hast?“, platze es aus ihm heraus, kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen. Wir schienen uns also einig darüber zu sein das unsere Eltern nichts davon erfahren mussten. Langsam nahm ich die Kopfhörer aus den Ohren und legte sie neben mich aufs Bett. Nervös kratzte ich über meinen Handrücken. Wie sollte ich ihm das jetzt bitte erklären?
„Ich hab ihn nicht abgestochen. Der Penner ist ja noch am Leben. Ich hab ihm nur meinen Bleistift ins Bein gerammt, weil er wieder meinte respektlos sein zu müssen“, versuchte ich Bryce zu erklären. Wobei meine Stimme, zu meinem Leidwesen, unsicher klang. Ich hatte eben keine Ahnung wie er reagieren würde.
„Der ist einen Kopf größer als du und doppelt so schwer. Du kannst ihm doch nicht einfach...“, fingt er an, wurde allerdings von meinem sturen Schnauben unterbrochen.
„Anscheinend kann ich doch. Er hat einfach meinen Zeichenblock genommen und mich und Maddox beleidigt. Er hats verdient und weil ich n Kopf kleiner bin und nur die Hälfte von ihm bin brauchte ich ne Waffe. Und da ich nur meinen Stift hatte war halt der. Er stirbt schon nicht dran“
„Nein, er stirbt nicht daran. Aber er erzählt herum das du komplett irre bist und ihn mit einem Stift abstechen wollte“, stöhnte Bryce und setzte sich zu mir aufs Bett. Fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Mein großer Bruder schien sich darüber wirklich Gedanken zu machen. Nicht weil unser Dad das raus bekommen könnte, sondern wegen mir. Weil er nicht wollte das ich als irre galt.
„Na und? Dann lassen sie mich vielleicht endlich in Ruhe“, zischte ich angespannt zurück. Noch konnte ich nicht so ganz einordnen, wie Bryce wirklich dazu stand.
„Gut möglich, oder sie machen weiter weil du für sie eh irre bist. Zum Glück geht er damit nicht zu den Lehrern. Sonst würdest du von der Schule fliegen“, sprach er weiter und wirkte kurz so, als würde er sich gleich die Haare raufen.
„Schade dann muss ich wohl weiter auf diese wundervolle Schule gehen“, seufzte ich und schielte zu ihm hinüber. In der Hoffnung er würde meinen Scherz lustig finden. Was er nicht tat.
„Das wäre ein Desaster wenn sie dich von der Schule werfen. Dad würde ausflippen, Mom wäre in ihrer Ansicht über dich bestätigt. Der Ruf der Familie wäre komplett im Eimer und du...“, fing er verzweifelt an, wurde dann allerdings von meinem trockenen Auflachen unterbrochen.
„Fuck, du klingst wie Dad. Dann wäre der Ruf zerstört. Als würde es darum gehen. Wenn Dad ausflippen würde, würde er endlich mal Gefühle zeigen. Und bei Mo... Chrishell bin ich eh unten durch. Das wird sich nie ändern“, konterte ich. Wobei meine komplette Körpersprache angespannt und auf Angriff aus war.
Bryce schien dies zu bemerken, den er hielt inne und sah mich einen Moment lang einfach nur an. Schien sich daran zu erinnern, was ich durch gemacht hatte. Den im nächsten Moment schlang er seine Arme um mich und zog mich an seinen warmen Körper.
„Entschuldige. Ich mach mir einfach Sorgen um dich“, murmelte er während er mich immer noch an sich drückte.
„Ich möchte einfach nicht das sie dich Ärgern, oder für irre halten. Du bist so verdammt kreativ und ganz anders als sie denken. Es ärgert mich so, dass das keiner zu sehen scheint“, erklärte er dann mit leiser Stimme. Worte die meine angespannte Mauer durchbrachen und mir die Tränen in die Augen trieb. Er machte sich wirklich Sorgen und Gedanken um mich. Er sah in mir mehr, als den Störenden Faktor in der Familie. Er sah wie kreativ ich war, wie ich darin aufging. Bryce sah mich und ich war ihm wichtig. Seit langer Zeit fühlte ich mich überhaupt erst wieder gesehen. Richtig wahrgenommen. Vielleicht war es auch das erste Mal seit Rat, dass mich jemand wirklich sah. Und fuck, in diesem Moment heulte ich in den Armen meines großen Bruders, weil alles irgendwie zu viel war. Und weil ich so verdammt froh darüber war... das ich jemanden mal nicht egal war.