Ya the lost not the famous
Ya the lost not the famous
„Was machst du hier?“, es war die verschlafene und leicht kratzige Stimme von Nait die mich plötzlich zusammen zucken ließ. Fast schon ertappt sah ich vom Bildschirm meines Laptops auf, der ein viel zu helles Licht auf mein Gesicht warf. Mein Freund stand in Boxershorts und großen Schlaf T-Shirt vor mir und rieb sich die Augen. Verwundert darüber was ich gegen 4 Uhr Morgens noch wach hier im Bus machte.
„Schreiben“, fing ich wage an und rutsche auf der Bank etwas, sodass er sich neben mich setzen konnte. Der Laptop stand vor mir auf dem kleinen Tisch den wir während der Fahrt unter anderem zum Essen benutzten. Nait glitt neben mich auf die Bank und gähnte noch mal leise, ehe er kurz auf all die getippten Worte auf dem Bildschirm sah.
„Wenn du nicht schlafen kannst, dann komm doch einfach zu mir. Irgendwie hätten wir uns schon zu zweit in diese Koje gequetscht“, murmelte er dann zwischen zwei Gähnern und legte seinen Kopf auf meiner Schulter ab. So vertraut und sanft, dass mir kurz das Herz schwer wurde. Der Gedanke war mir tatsächlich kurz gekommen, doch irgendwie hatte ich es dann doch nicht getan und mich dazu entschlossen meine wirren Gedanken in Worte zufassen.
Langsam legte ich meinen Arm um seinen warmen Körper und zog ihn an mich, vergrub meine Nase in seinen Haaren und sog den vertrauten Duft ein.
„Hätte ich wahrscheinlich noch getan“, murmelte ich grinsend in seinen Haarschopf. Doch Nait schnaubte nur leise auf.
„Und wann? Wenn die Sonne aufgeht und alle anderen langsam wach werden?“
„Vielleicht ja in 10 Minuten?“, scherzte ich, wofür er mich in die Seite kniff. Er kannte mich zu gut, um mir das zu glauben.
„Schon klar. Red dir das nur ein. Du kannst wegen all deiner Gedanken nicht schlafen und anstatt mich zu wecken hockst du hier komplett einsam rum“, fing er an und löste sich von mir, um in meine Augen sehen zu können. Diesmal wacher als eben noch.
„Fang nicht wieder an alles in dir zu verschließen, nur weil du denkst der Moment passt nicht. Der Moment passt immer. Bei uns allen und besonders bei mir“, jetzt lag ein wacher und entschlossener Ausdruck in seinen Augen.
„Du weigerst dich zu einem Therapeuten zu gehen. Ist okay, aber dann sprich wenigstens mit uns. Egal wann, egal wo. Sonst nimmst du auch nie ein Blatt vor den Mund. Dann fang nicht damit an es bei den wichtigen Dingen zu tun“, sprach er weiter, ohne seinen eindringlichen Blick von mir zu nehmen.
Nach seiner kleinen Ansprache fehlten mir kurz die Worte. Den er schien erkannt zu haben was mit mir los war, ehe ich es selbst richtig gemerkt hatte. Gerade wollte ich meinen Mund für eine Antwort öffnen, da drückte Nait mir seine Hand auf die Lippen. Sah mich jetzt mit eine Schmunzeln auf den Lippen an.
„Spars dir und mach das Ding aus. Komm einfach mit ins Bett. Es ist sau früh und du musst später fit sein. Sei froh das wir noch so lange fahren und du etwas ausschlafen kannst. Und das nächste Konzert erst Morgen Abend ist“ Anstatt etwas darauf zu erwidern beugte ich mich seinen Worten und meiner Erschöpfung. Also bestand meine Antwort nur aus einem nicken und einem Blick in Richtung der Schlafkojen. Nait nahm seine Hand von meinem Mund und nahm stattdessen meine Hand. Ich schaffte es gerade noch so meinen Laptop zuzuklappen ehe er mich mit sich zog und wir uns tatsächlich zu zweit in einer der kleinen Kojen quetschten. Doch der wenige Platz war mir im Moment verdammt egal. Ich konnte Nait kaum nah genug sein. Zog seine Nähe und Wärme wie ein Schwamm auf und fiel in einen tiefen Schlaf ehe ich es überhaupt selber merkte. Ich war einfach plötzlich weg. Mein Körper nahm sich also einfach den Schlaf den er brauchte und endlich haben konnte.
♪
Mein nächster Morgen startete am späten Mittag. So kurz vor Ein Uhr wurde ich von den Geräuschen im Bus aus dem Schlaf gerissen. Wobei gerissen zu dramatisch für die Geräuschkulisse des Busses klang. Den dafür das hier so viele Menschen waren, waren sie überraschend leise (und das obwohl Hardin unter ihnen war). Vielleicht war auch einfach mein Schlaf verdammt tief und ich überhörte sie sehr lang. Immerhin war ich es gewohnt mit vielen anderen (teilweise auch lauten) Menschen zusammen in einem Bus zu wohnen. Jedenfalls war es das Summen der Kaffeemaschine und Daves Stimme die mich aus dem Schlaf holten. Doch mein Hirn war noch nicht wach genug seine Worte zu verstehen. Ich hörte sie, erkannte seine Stimme, aber keine Ahnung was er sagte. Dafür war ich noch nicht wach genug. Was ich jedoch spürte, war mein Rücken, der durch den wenigen Platz heute Nacht und der dadurch resultierenden nicht optimalen Schlafposition etwas schmerzte. Ich hatte überraschend wenig Rückenschmerzen, was vom Sport kommen musste den ich seit einiger Zeit auch wieder verlässlicher machte. (Wenn man auf der Bühne ne gute Show abliefern will, muss man einfach körperlich fit sein. Sonst wird das nichts. Sport außerhalb des Bettes gehört nicht zu meinen liebsten Beschäftigungen, aber was das angeht bin ich trotzdem überraschend ehrgeizig. Alles für den Traum und so.)
Ich drehte mich etwas in Naits Koje, die ohne Nait darin viel geräumiger war und streckte mich so gut es ging. Öffnete meine Augen und fragte mich kurz wie Nait es bei dem wenigen Platz geschafft hatte hier raus zu kommen ohne mich zu wecken. Und dann stand ich auf. War plötzlich direkt im Geschehen des Busses, der bereist durch Philadelphia fuhr. Hardin und Hanako saßen auf einer der Sitzgruppen und sahen aus dem Fenster. Wobei Hanako ihren Kopf mit einem Lächeln an die Scheibe gelegt hatte und verträumt hinaus sah. Sebastian saß neben seiner Freundin und schien etwas auf seinem Handy zu spielen, ab und an brummte er etwas wenn Hanako ihn auf etwas aufmerksam machte, an dem der Bus vorbei fuhr. Gale lehnte bei Dave an der winzigen Küchenzeile und snackte ein paar Cornflakes aus der Packung. Etwas das er sich tatsächlich seit unserem zusammenwohnen von mir angeeignet hatte. Seine Mom hatte es ihm immer verboten Cornflakes direkt aus der Packung zu essen und als er gesehen hatte wie ich es zu Hause einfach tat, muss sich der kleine Junge in ihm daran erinnert haben. Jedenfalls tat er es jetzt wirklich gern.
Dave machte sich gerade einen Kaffee, weswegen er direkt Fokus meiner Aufmerksamkeit war. Mit einem Gähnen legte ich einen Arm um seine Schulter und lehnte mich an ihn.
„Guten Mittag Schlafmütze. Flirtest du mit mir, oder willst du nur das ich dir auch einen Kaffee mache?“, scherzte er kaum hatte ich mich an ihn gelehnt.
„Hm, Beides?“, ging ich mit einem leichten Grinsen drauf ein, während mein Blick über die Anwesenden huschte und bei Nait hängen blieb der auf einer anderen Sitzbank saß und etwas auf meinem Laptop las. Kaum spürte er meinen Blick sah er auf und schenkte mir ein warmes Lächeln.
„Ein Kaffee kostet aber was. Vielleicht musst du mich zum Essen einladen“, lachte Dave und wand sich etwas aus meinem Arm, um seine fertige Tasse Kaffee auf der kleinen Küchenzeile abzustellen und direkt noch einen Kaffee für mich zu machen.
„Klar ich hol dir später ein Eis bei McDonalds, oder willst du einen Cookie von Subway?“, fragte ich ihn und klaute mir eine Hand Cornflakes aus Gales Packung. Der kurz empört Schnaubte.
„Wow mehr bin ich dir nicht wert? Armer Nait“, lachte Dave nur und schüttelte den Kopf über mich.
„Ich hätte dir auch zwei Cookies mitgebracht“, schwor ich ihm mit einem ernsten Blick, ehe ich dankend meine Tasse Kaffee, mit Vanille Sirup, an mich nahm.
„Ich erinnere dich dran“, schmunzelte unser Assistent, der sich mit seiner Tasse zu Nait setze.
„Philadelphia ist so hübsch“, kam es da verträumt von Hanako, die immer noch die Landschaft betrachtete.
„Wir müssen heute unbedingt noch eine Stadttour machen. Ich will in den Magic Garden und vielleicht ins Philadelphia Museum of Art. Und wir müssen über den berühmten Bauernmarkt schlendern“, seufzte sie verzückt und ich konnte aus dem Augenwinkel sehen wie Hardin einen „Tue doch was!“, Blick mit Sebastian wechselte. Der jedoch nur Lächelnd mit den Schultern zuckte.
„Das wird schön. Wie Urlaub“, fügte sie verträumt hinzu und drehte ihren Kopf zu Sebastian, der ihr so keinen Wunsch abschlagen konnte.
„Und alle kommen mit. Wir können ein bisschen Urlaub gut gebrauchen. Nur Arbeit tut keinem gut. Also klappt die Dinger zu Nait und Dave“, ihre Stimme wurde zum Ende hin leicht tadelnd. Nait klappte direkt meinen Laptop zu und auch Dave tat es, nachdem er eine Mail zu Ende getippt hatte.
„Ich muss leider passen. Zu viel zu tun, aber Johnny wird mit kommen. Sein Job ist es eh auf euch aufzupassen“ Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen traf ihn Hanakos scharfer Blick.
„Du kannst dir doch wohl ein paar Stunden Pause gönnen. Auch wenn ich dir dankbar bin, wie hart du arbeitest, Pausen gehören dazu. Ich will nicht das du in einem Jahr Burnout bekommst“ Dave sah sie ein wenig gequält an, den was sollte er jetzt dazu sagen? Also tat er das einzig richtige und seufzte nachgebend.
„Okay, ich bin dabei. Ein paar Stunden Pause tun mir auch gut“
Also war es beschlossene Sache. Später würden wir eine Stadttour ala Hanako machen. Worauf ich mich tatsächlich freute. Den es bedeutete für mich mehr Ablenkung von meinen Gedanken und Gefühlen. Zeit sie zu ordnen und dann Luft, um mit Nait darüber zu sprechen. Etwas das ich wirklich tun wollte. Seine Worte gestern hatten mich nicht kalt gelassen.
Kaum hatten wir das Hotel erreicht, in dem wir heute Nacht schlafen würden war jeder kurz auf seinem Zimmer verschwunden. Was Hardin nicht tat ohne sich darüber zu beschweren, warum er sich ein Zimmer mit Gale teilen musste. Sebastian und Hanako teilten sich (offensichtlich) eines. Nait und ich ebenfalls (ein Zimmer für mich allein lohnt sich nie. Was Dave ganz genau weiß, immerhin schlief ich früher auch immer in Cobys Zimmer. Erinnert ihr euch, wie mies ich darin bin allein zu schlafen?). Tja, und so kam es das Dave auch für Gale und Hardin ein gemeinsames Zimmer buchte. Und weil mein Kumpel schon alles mit mir und dem Rest von Harlekin durch hatte, erstickte er Hardins Gemecker direkt mit der Drohung ihm nächstes mal kein Zimmer mit zwei Einzelbetten zu buchen, sondern eines mit einem Doppelbett. Die Diskussion war also schneller beendet, als Hardin sie anfangen konnte und wir verschwanden kurz auf unsere Zimmer. Machten uns frisch, zogen uns um und atmeten kurz durch.
Was danach folgte war ein überraschend schöner Nachmittag mit allen. Wir hatten uns alle ein bisschen unauffällig angezogen und schlenderten durch die Stadt. Mit Dave, der seit Hanako ihm damit drohte sein Handy einzukassieren, tatsächlich nicht mal eine Nachricht mehr schrieb. Was Johnny verdammt lustig fand, der nur all zu gern mit Hanako zusammen über den Bauernmarkt schlenderte und einige Sachen probierte. Und hey, sie schaffte es tatsächlich uns allen eine kurze Auszeit zu geben. Ohne diese Frau würde vieles wesentlich stressiger ablaufen. Aber sie sorgte immer wieder dafür, dass es allen gut ging. Auch wenn Hardin nicht ganz einsah, warum ihm ein Besuch im Kunst Museum gut tun würde. Doch danach war sogar er ganz still und andächtig, weil ihn einige Bilder „Tief unter die Haut“ gegangen waren. Er ging sogar so weit, dass er auf dem Rückweg neben mir saß und mich fragte was ich beim malen so fühlte und dachte. Hanako hatte mit dem Besuch eine ganz neue Welt für ihn eröffnet. Seinen Geist erweitert und... er war wirklich verdammt begeistert von den Bildern die er gesehen hatte.
Hanakos kleine Auszeit für uns fand ihr Ende in einem wirklich coolen Restaurant, in dem wir Abends saßen und über den Tag quatschten. Mittlerweile durfte Dave auch wieder an sein Handy. Er hatte zwischendurch wirklich Panik gehabt etwas würde für morgen schief gehen und er wäre nicht erreichbar. Aber... das war nicht passiert. Es war alles gut, alles lief wie geplant und somit war er am Abend mehr als erleichtert gewesen. Was man an seiner ausgelassenen Stimmung spürte. Und uns alle noch mal ein Stückchen näher brachte. Uns mehr zusammenrücken ließ. Muss ich noch erwähnen, wie sehr ich dieses Gefühl liebte? Aufzog und es mich für den kommenden Auftritt stärke? Ich glaube nicht. Sollte mittlerweile allen klar sein.