From these dark, dark thougts in my mind
From these dark, dark thougts in my mind
Meine erste Woche in der Klinik war verdammt deprimierend und im Nachhinein muss ich Jax wirklich für seine Ausdauer danken. Den ohne ihn wäre ich nicht an einem einzigen Tag aufgestanden. Jeden verdammten Morgen weckte er mich jetzt und drohte damit mich erneut unter die kalte Dusche zu tragen. Was er auch tat. Drei Tage lang wehrte ich mich dagegen und er hob mich aus dem Bett, trug mich ins Badezimmer und stellte mich unter die kalte Dusche. Danach ging er mit mir Frühstücken. Ob ich wollte oder nicht, ich musste dann immer etwas essen. Was meinem Körper allerdings verdammt gut tat. Tja, ich hatte ihm wohl zu verdanken das ich wenigstens körperlich wieder auf die Beine kam. Von meiner Psyche sprachen wir lieber nicht. Die war komplett im Arsch und diese Medikamente von Dr. Strange machten es auch nicht wirklich viel besser. Alpträume hatte ich trotzdem noch, heftiger als zuvor, aber das sagte ich ihm nicht. Meine Lust mit diesem Mann zu sprechen lag bei Null.
(Vielleicht... hätte es etwas geändert wenn ich damals versucht hätte mit ihm zu sprechen. Wenn ich den die Kraft dazu gehabt hätte. Aber naja, ich war eben auch nur ein Jugendlicher, der innerlich abgeschlossen hatte. Aber wer weiß, vielleicht hätte ich einfach meinen Mund aufmachen müssen, um sein Bild über mich zu verändern.)
Jax gab sich wirklich Mühe, er erklärte mir die Wirkung meiner neuen Medikamente und was so darin zu finden war. Womit ich sie niemals zusammen nehmen sollte und mit welchen anderen Medikamenten sie sich vertrugen und da ich nichts anderes dort zu tun hatte, hörte ich ihm zu. Wir kamen sogar oft auf andere Medikamente und Drogen zu sprechen. Ich merkte mir das was er mir sagte. Man weiß ja nie wofür man DIESES Wissen mal brauchen würde. (Yeah.... ich würde es gut gebrauchen. Später. Es würde mir heftige Trips bescheren und... den trügerischen Schein von Sicherheit. Mir das Gefühl geben zu Wissen was ich tue. Was ich in vielen Momenten auch klar wusste, nur... ein Fehler, ein falsches Einschätzen von Mengen und anderen Faktoren und schon.... stirbt jemand daran.... Fuck)
♫
Mit zitternden Fingern starrte ich auf meine letzten Worte. Das was ich geschrieben hatte und was sich anfühlte wie ein brennendes Schwert in meinem Herzen. Mir wurde sogar übel davon. Den das was ich gerade geschrieben hatte war eine Wahrheit die ich mehr verdrängte als alles andere. Eine Wahrheit von der allein ich und Dave wussten. Kurz spielte ich mit dem Gedanken die Zeilen wieder zu löschen. Doch ehe ich es tun konnte speicherte ich und klappte den Laptop zu, als hätte ich mich an ihm verbrannt. Was ich irgendwie auch getan hatte. Mental und sinnbildlich gesehen. Mein Atem ging beunruhigend schnell und ich bemühte mich darum wieder ruhiger zu werden. Doch es gelang mir nicht wirklich. Fuck, damit hatte ich eine Tür geöffnet, die ich eigentlich weder jetzt noch in tausenden Metern Höhe öffnen wollte. Wir befanden uns auf dem Rückflug nach L.A. und ich saß hier in der Ersten Klasse fest. Nait neben mir schlief tief und fest. Sein Kopf ruhte auf einem Kissen, dass am Fenster des Flugzeuges lehnte. Er war beim hinaussehen einfach eingeschlafen. Was bei der späten Uhrzeit und dem Alkohol in seinem Körper, kein Wunder war. Auch die anderen schliefen, oder wie im Falle von Gale, schauten etwas mit Kopfhörern auf Netflix.
Ich schloss meine Augen und versuchte noch mal tief Luft zu holen, runter zu kommen. Doch es gelang mir nicht wirklich. In mir stieg Panik auf und all die guten Gefühle unseres heutigen Auftrittes waren verflogen. Unruhig kratzte ich über meinen Handrücken, überlegte was ich jetzt tun sollte und.... stand dann ganz leise auf. Nahm meinen Laptop mit und schlich durch den ruhigen Gang der Ersten Klasse zu einem ganz bestimmten Sitz. Dave schlief ebenfalls. Sein Kopf lag auf einem Kissen und er hatte die Decke bis zum Kinn gezogen. Und würde die Panik in mir nicht immer höher steigen, fuck ich hätte ihn schlafen lassen. Aber das war aktuell nicht möglich und eine Situation in der ich nur mit ihm sprechen konnte. Also setzte ich mich auf den, zum Glück, freien Platz neben ihm und biss auf meine Unterlippe. Wie sollte ich ihn wecken? Vorsichtig rüttelte ich an seiner Schulter.
„Dave?“, versuchte ich es leise, doch mein alter Freund brummte nur was und drehte sich ein wenig von mir weg.
„Davy, fuck werd wach. Es ist auch ein Notfall“, diesmal klang meine Stimme eindringlicher als eben. Ernster und ich rüttelte etwas verzweifelter an seiner Schulter. Wo von er tatsächlich wach wurde. Brummend öffnete er die Augen und sah mich an. Verwirrt und etwas neben sich.
„Jack? Was zur Hölle ist los?“, murmelte er gähnend, doch als sein Blick richtig auf mich fiel richtete er sich hellwach auf.
„Was ist passiert? Du bist total blass?“, er war direkt in Alarmbereitschaft. Unruhig kratzte ich über meinen Handrücken, ehe ich mir seufzend durch die Haare fuhr.
„Ich... ach fuck du weißt das ich von früher schreibe und ich hab etwas angekratzt das... nicht gut war“, fing ich langsam und vor allem leise an zu erzählen. Woraufhin mein Freund aufstöhnte.
„Ich weiß und warum zur Hölle tust du das auf na Tour? Du hättest jeden Zeitpunkt nehmen können und wählst diesen?“, tadelte er mich, legte allerdings seine Hände über meine, ehe ich mich noch blutig kratzte.
„Und warum weckst du Nait deswegen nicht?“, stellte er direkt danach die offensichtliche Frage. Ich wich seinen Blick aus und biss erneut auf meine Unterlippe. Sah ihn dann mit DIESEM Blick an und murmelte ganz leise:
„Weil ich damit nur zu dir kommen kann und weil ich Nait in diesem Fall etwas erzählen müsste zudem... ich noch nicht bereit zu bin“, meine Stimme klang so verdammt dünn, so zitternd das Dave nicht weiter nachfragen musste. Er zog mich mit einem „Ach du verdammter Idiot“, in seine Arme und hielt mich. Den er wusste ganz genau was ich meinte. Was dieses eine Thema war, von dem nur er wusste.
„Dein Timing bei so was ist so miserabel“, stöhnte er, ließ mich allerdings auch nicht los. Den er ahnte, dass wenn er mich jetzt los lassen würde, dann würde ich einfach zerfallen.
„Ich meine wir kommen direkt von einem unfassbar geilen Konzert. Hatten so einen guten Abend und dann schreibst du über dieses Thema? Hier im Flugzeug?“, sprach er leise weiter.
„Nicht direkt darüber“, verbesserte ich ihn. Es ging mir zwar mies, aber das konnte ich dennoch klar stellen.
„Ich schreibe über die Klinikzeit und über Jax. Darüber was er mir beigebracht hat...“, murmelte ich, wobei meine Stimme zum Ende hin wieder brüchiger wurde.
„Ich wünschte mir manchmal echt du hättest nie jemanden getroffen, der dir so bereitwillig über Drogen und Medikamente erzählt“, seufzte Dave und ließ mich langsam los. Sah mich testweise prüfend an. Und kam zu dem Entschluss, dass ich nicht direkt zerfallen würde wenn er mich los ließ. Dann sah er zum Laptop, den ich mitgenommen hatte.
„Darf ich?“, fragte er und kurz zögerte ich. Durfte er? Doch dann klappte ich ihn auf und öffnete die letzten Kapitel über die Klinik für ihn. Sank neben ihm mehr in meinen Sitz und wartete.
Nur war warten unerträglich und etwas das ich gerade wirklich nicht gut konnte. Also lenkte ich mich mit meinem Handy ab und tippte eine Nachricht an Ronnie. Einfach weil unser Kontakt in letzter Zeit wirklich enger geworden war.
Jack
01.09 03:33
„Hey, kennst du das wenn du versehentlich
eine Tür öffnest, die dich so unerwartet in
den Abgrund reißt?
Ich glaube ich hab grad so eine geöffnet.
Also entweder kommen dadurch neue gute Songs,
oder neue Narben.
Ps: Die Tour war der Shit. Schau dir die Videos an!
Bald bist du meine Vorband, kapiert! ;)“
Doch es gab nicht direkt eine Antwort. Ergo schlief der Penner wahrscheinlich. Wie kann er es nur wagen... so um 3 Uhr nachts? Dave las immer noch neben mir. Ab und zu schielte ich zu ihm. Doch dann tat ich etwas, dass ich nie für möglich gehalten habe. Ich suchte Jax Meyer auf den Sozialen Medien und tatsächlich fand ich recht schnell ein passendes Profil auf Insta. Er folgte mir und der Band. Allein diese Tatsache löste verschiedene Gefühle in mir aus. Von so was wie Freude, zu Unwohlsein. Ich schaute mir seine Bilder an und kam recht schnell zu der Erkenntnis, dass er es war. Sein musste. Er hatte sich kaum verändert. War einfach auf diese gute Art und Weise älter geworden. Und dann tat ich etwas, von dem Dave mich leider nicht abhielt und bei dem ich mich noch währenddessen als verrückt abstempelte. Ich schrieb ihm auf Instagram.
Jack
01.09 3:57
„Hey,
erinnerst du dich an mich? Den kaputten fünfzehnjährigen
Jungen aus der Klinik, den du viel zu oft unter die kalte Dusche getragen hast?
Den du gezwungen hast etwas zu essen.
Dem du das Klavier im Musikzimmer gezeigt hast.
Dem du erzählt hast warum man Heroin erhitzt und
was man an Pillen mischen darf und was nicht.
Ich denke aktuell viel über die Zeit nach und
ich wollte dir zum einen dafür danken, dass
du da warst. Mich ertragen hast.
Sonst wäre ich jetzt nicht an diesem Punkt
in meinem Leben.
Danke, Jax.
Und zum anderen muss ich darüber
fluchen, was ich durch dich über Medikamente und all
den Scheiß weiß. Ich weiß du kannst nichts dafür was ich
früher aus dem Wissen gemacht habe. Aber für meine
Psyche muss ich das los werden.
FICK DICH JAX!
Da wir das jetzt geklärt haben... Lust mal mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?
Auf die guten alten Zeiten willen? Als danke für damals?
Und damit ich dir ins Gesicht sagen kann, dass ich kalte
Duschen immer noch wegen dir hasse!
PS: Denk dran wir sind Namensvettern und egal wie komisch das kommt,
eigentlich kannst du nicht nein sagen. Ich bin jetzt berühmt und du folgst meiner
Band. Also Deal?“
Jap, ich war komplett verrückt geworden. Oder hatte nie damit aufgehört. Kurz nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte, machte ich mein Handy aus und legte es so weit wie möglich von mir weg.
„Alter, das war hart zu lesen..“, meinte Dave plötzlich neben mir und wischte sich übers Gesicht. Er war bei den letzten Zeilen angekommen und da er davon wusste, es verstand, kamen ihm die Tränen. Atmete er drei mal tief durch, ehe er mir den Laptop wieder auf den Schoß legte.
„Schreib weiter. Im Ernst das kannst du so nicht stehen lassen. Machs jetzt, weil wenn du jetzt aufhörst und in ein paar Tagen wieder reinließt wird es dich erneut treffen und du machst nie weiter“, argumentierte er und... hatte Recht damit.
„Ich bin da. Was soll passieren?“, fügte er sanft hinzu und fuhr sich noch mal mit den Fingern durchs Gesicht.
„Du machst mich fertig“
„Du hast es vermisst“, erinnerte ich ihn, mit einem ganz leichten spöttischen Grinsen. Aber er hatte recht, ich musste jetzt weiter schreiben. Sonst würde ich es nie tun.
♫
Wenn ich an die Zeit in der Klinik denke, dann ändert sich der Soundtrack meines Lebens sich erneut für mich. Der meiner frühen Kindheit bei Mom klang nach Jazz, nach Amy Winehouse, nach Nirvana und nach Blink-182. Nach den alten Platten von Granny und Moms Gitarre. Bei den Whitleys und während meiner Freundschaft mit Maddox, klang er nach harter E-Gitarre und einem treibenden Bass. Klang nach der Wut von Linkin Park, nach Korn und Limp Bizkip. Er klang nach Ärger. Nach Trouble and Mess. Doch meine Klinikzeit? Die klang nach einem Klavier. Und das nur, weil Jax mir nach meiner ersten deprimierenden Woche das Musikzimmer zeigte, in dem dieser verdammte schwarze Flügel stand. Kein Vergleich zu dem Klavier meiner Granny. Doch meine erste Reaktion war... nicht wie Jax erwartet hatte, nachdem er aus mir heraus bekommen hatte wie sehr ich die Musik liebte.
„Und jetzt?“, fragte ich verdammt unbeeindruckt dafür was er mir da gerade präsentierte. Fassungslos starrte Jax mich an.
„Spiel darauf. Verdammt ich hab der Oberschwester extra den Schlüssel dafür abgequatscht und du lächelst nicht mal“, er war kurz fassungslos darüber. Schien sich dann allerdings wieder daran zu erinnern, dass man mich zu meinem Glück zwingen musste. Also legte er seine Hände auf meine Schultern und schob mich zum Flügel. Drückte mich herunter auf den Hocker und klappte den Deckel auf.
„Spiel, oder ich stell dich morgen früh wieder unter die kalte Dusche“, drohte er mir, halb scherzhaft halb ernst. Allein bei dem Gedanken an das kalte Wasser verzog ich mein Gesicht. Doch ich legte langsam meine Finger auf die Tasten und drückte eine testweise herunter. Lauschte dem vollen und harmonischen Klang. Absolut kein Vergleich zu Grannys Klavier.
„Und was soll ich jetzt spielen?“, fragte ich ihn etwas überfordert, sah von den Tasten zu Jax hoch. Welcher zufrieden lächelte.
„Keine Ahnung, was kannst du spielen?“, fragte er nach und ich runzelte meine Stirn. Es war ewig her, dass ich auf einem Klavier gespielt hatte. Nur ganz selten im Musikunterricht in der Schule.
„Uff, den Lieblings Song meiner Granny“, überlegte ich dann. Das war das erste Lied, dass ich spielen konnte und eines dass ich bis heute beherrsche. Also schlug ich langsam und testweise die ersten Töne von Dream a Little Dream Of Me an. Und allein diese ersten Töne gaben mir das Gefühl von Heimat. Ich hatte wieder das Gefühl in unserer alten Wohnung zu sein. Granny saß auf ihrem Lieblings Sessel und lauschte mir. Mom wuselte summend in der Wohnung herum. Auch sie lauschte mir. Es roch nach Wärme und Leben. Nach Tee und Kaffee. Nach Pelzmänteln und Gras. Sogar Hades saß am Fenster und passte auf. Jax gab mir an diesem kalten und schrecklichen Ort das Gefühl von Heimat. Ein Gefühl, dass ich seit meinem Leben bei den Whitleys nicht mehr gespürt hatte. Und was mich noch mehr überwältigte... ich spürte etwas. Fuck, das Gefühl der Leere war für einen kurzen Augenblicklich verschwunden. Etwas das weder die Pillen, noch die „Gespräche“ mit Dr. Strange schafften. Das schaffte nur die Musik und Jax schien dies erkannt zu haben.
Zufrieden mit sich lehnte er am Flügel und beobachtete mich. Wie ich mit Tränen in den Augen spielte. Diese Stunden im Musikzimmer würden noch mein wichtigster Anker in diesem Irrsinn werden. Und Jax hatte mir diese Tür, diesen Ausweg gezeigt. (Mal davon abgesehen, dass er mir noch ganz andere Türen in dieser Klinik zeigen würde. Aber da sind wir aktuell noch nicht.)
♫