Close my eyes and hold so tightly
Close my eyes and hold so tightly
Es war ein verrücktes Gefühl die Stufen meiner Villa nach unten zu laufen und den altbekannten Weg zur Küche einzuschlagen. Ich meine yeah, wie oft war ich diesen Weg in den letzten Jahren schon gelaufen? Unfassbar viele Male. Zuerst am Höhepunkt meiner Karriere zusammen mit Coby. In den verschiedensten Zuständen. Von müde, zu verkatert, zu betrunken, zu voll zugedröhnt, bis hin zu aufgedreht und glücklich. Und dann war ich diesen Weg am Abgrund meiner Karriere entlang geschlurft und gestolpert. In der Zeit wusste ich die halbe Zeit nicht mal, wen ich gleich in der Küche antreffen würde. Und ob diese Person überhaupt real war. Aber jetzt? Jetzt kam ich leise vor mich hin summend in die Küche und hatte direkt das Gefühl von Familie. Hanako machte sich und Sebastian, der mit Handy am Tisch saß, Rührei, während sie zur Musik aus der Box sang. Gale hatte sich, noch ganz verschlafen, zu ihnen gesetzt und klammerte sich an seine Tasse Kaffee dessen Duft sich unter das Rührei mischte. Hardin schlief wahrscheinlich noch, vor 12 Uhr sah man ihn selten.
„Guten Morgen“, begrüßte ich die Drei gut gelaunt und setzte meinen Weg zur Kaffeemaschine fort.„Guten Morgen“ Es war Hanako die meine Begrüßung gut gelaunt erwiderte, während die Jungs nur ein Brummen von sich gaben. Der eine, weil er sehr sparsam mit Worten war und der andere, weil er noch nicht in der Lage dazu war einen vernünftigen Satz zu bilden.„Ungewöhnlich dich vor Nait hier zu sehen“, stellte sie amüsiert fest und beförderte das fertige Rührei auf drei Teller.„Wollt ihr auch was? Dann mach ich noch ein bisschen was nach“, bot sie an, doch ich schüttelte nur den Kopf.„Nein danke, ich hab noch keinen Hunger und Nait isst zurzeit am liebsten Joghurt mit frischem Obst“ Als der Duft des ersten Kaffees meine Nase kitzelte seufzte ich leise und wohlig auf.
„Na dann“, schmunzelte Hanako und setzte sich zu den Jungs an den Tisch, oder eher hatte es vor. Den, bevor sie sich setzen konnte, schrie sie überrascht auf. Ein kleiner Schwarzer Schatten war von ihrem Stuhl auf den Tisch gesprungen. Sebastian lugte an seinem Handy vorbei und ich konnte ihn leise lachen hören.
„Ich versteh immer mehr, warum du ihn Belial genannt hast. Der kleine verschwindet komplett in den Schatten“
„Und sein Hobby ist es im Dunkeln irgendwo zu sitzen und einen anzustarren“, fügte Gale noch hinzu, der durch Sebastians Worte grinsen musste.
„Ich schwöre, als ich gestern Abend ins Bett gegangen bin, saß er plötzlich mitten in meinem Zimmer und hat mich einfach angesehen. Und dann ist er gegangen. Der Kater ist jetzt schon so komisch wie du“
„Passt doch. Immerhin war es Schicksal, das ich ihn finde“ Ich stellte auch die zweite Tasse auf ein kleines Tablett, ehe ich mich dem großen und mittlerweile gut gefüllten Kühlschrank zuwandte. Nur um daraus Naturjoghurt für Nait zu holen. Gemischt mit etwas Honig und Obst war es wirklich ein gutes Frühstück. Nur war ich nicht so der Frühstücks Mensch wie er. Dennoch machte ich mich daran es ihm zuzubereiten.
„Vielleicht beschützt er uns auch einfach nur? Man sagt immerhin nicht ohne Grund das Tiere, besonders Katzen, Präsenzen sehen und spüren können die wir nicht mitbekommen“, warf Hanako sehr ernst ein, wofür sie von Gale einen entsetzten Blick bekam.
„Jetzt fang nicht mit so was an. Wenn es hier Geister gibt, bin ich raus. Meinst du, deswegen sitzt er immer irgendwo und starrt ins Nichts?“ Er klang wirklich besorgt. Vielleicht sollte ich ihm nichts von der Dämonen Beschwörung erzählen, die Coby und ich hier mal veranstaltet hatten.
„Möglich wäre es“, überlegte Hanako und ich war mir selbst unsicher, ob sie ihn ärgern wollte, oder es ernst meinte.
„Keine Sorge, wenn es hier welche gibt dann beschützt Bel uns. Und du kannst ja mit weißem Salbei ausräuchern“, schlug ich ihm vor und nahm gleichzeitig das Tablett. Naits Frühstück war fertig und ich wollte zurück zu ihm ins Bett. Sebastians lachte leise bei meinem trockenen Einwand, doch Gale sah jetzt mich entgeistert an.
„Dein Ernst? Wieso kennst du dich damit so aus? J?“ Allerdings blieb ich ihm die Antwort schuldig, in dem ich nur grinsend mit den Schultern zuckte und mich schnell auf den Weg nach oben mache.
„J? Warum unbedingt weißen Salbei?“, rief er mir noch nach.
Zurück im Schlafzimmer stellte ich das Tablett auf Naits leeren Nachtschrank ab. Meiner stand immerhin immer voll mit irgendwelchem Zeug. Meine warm Tasse Kaffee nahm ich allerdings mit auf meine Seite.
„Warum wusste ich bisher nicht, dass du ne Kassette von Blink geklaut hast? Und als Kind auf The Cure standest?“, begrüßte Nait mich, der gerade meinen Laptop auf meine Seite stellte. Vorsichtig setzte ich mich wieder zu ihm und nippte an meinem Morgenkaffee mit einem Hauch von Vanille. Nachdenklich wog ich meinen Kopf leicht hin und her.
„Vielleicht weil ich es dir noch nicht erzählt hab?“ Offensichtlich.
„Außerdem The Cure sind ikonisch. Glaube Mom hatte sogar ein Shirt von ihnen“, erzählte ich ihm und nahm den Laptop wieder auf meinen Schoß. Ich hatte das Bedürfnis weiterzuschreiben. Den Moment dafür zu nutzen, ehe alles wieder hektisch und chaotisch wurde.
„Sind sie wirklich. Ich hab mich als Kind richtig rebellisch gefühlt, wenn ich so was wie Blink gehört hab. Mom hasst ihre Musik und hat sich immer darüber aufgeregt, wenn ich sie zu laut laufen hatte“, erzählte Nait mir dann, der mit einem liebevollen Lächeln nach seiner Schale Joghurt griff.
„Ich kann mir verdammt gut vorstellen, wie Ella sich darüber aufregt. Hat sie sie mal auf MTV gesehen?“ Fragte ich belustigt nach. Öffnete nebenbei ein neues Text Dokument, dass noch leer und unbeschrieben vor mir lag.
„Ja und danach hat sie ein Blink Verbot bei uns zu Hause ausgesprochen. Sie war so schockiert über die Jungs. Aber naja, ihr erster Eindruck war auch das Musik Video zu „What's My Age Again?“ und da laufen sie nackt durch L.A. meine Mom war also komplett fassungslos“ Eine Tatsache, die mich nicht wirklich überraschte, aber zum Lachen brachte.
Ella, Naits Mom, war eine wundervolle Person. Herzlich und das Traumbild einer liebevollen Mom. Yeah okay, sie redete sehr viel, aber sie war ikonisch. Und ich konnte mir bildlich ihre Reaktion bei DIESEM Musikvideo vorstellen.
„Im Ernst? Ich glaub ich muss sie mal anrufen und ausfragen, wie ihre Meinung zu Blink ist“, murmelte ich grinsend und nahm es mir fest vor, genau das zu tun.
„Ich glaube sie hasst die Jungs immer noch“, lachte Nait auf, beobachtete mich allerdings neugierig dabei, wie ich meine Tasse zur Seite stellte und anfing weiterzuschreiben.
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Ich glaube alles ging WIRKLICH bergab als Granny Chynthia starb. Die einzig vernünftige Person in unserem kleinen Haushalt. Ich war noch recht jung, als sie starb. Vielleicht 8 Jahre alt oder so. Deswegen erinnere ich mich nicht mehr an all zu viel. Das meiste hab ich in ihrem Leben einfach verpasst. Ich weiß nicht mal mehr wie alt sie zum Zeitpunkt ihres Todes war. Sie war einfach alt. Was gibt es Wichtiges zu ihr zu wissen? Hm, sie war eine verdammt stolze Frau und ich glaube in ihrer Jugend hat sie es den Männern alles andere als leicht gemacht. Ich hab übrigens keine Ahnung wer mein Grandpa und somit der Vater meiner Mom war. Das war nie Thema bei uns. Keine Fotos von ihm, kein Wort von Granny. Vielleicht wusste nicht mal Mom, wer er war.
Wenn ich jetzt drüber nachdenke, ich hätte es ihr zugetraut das sie eine Affäre mit einem berühmten Musiker zu der Zeit hatte und meine Mom dabei rauskam. Ohne dass der Typ davon wusste, da meine Granny zu stolz war es ihm zu sagen. Den ich erinnere mich noch daran, wie Granny immer davon erzählte wie sie auf Konzerte ging und fuck, damals war wohl ne wilde Zeit. Oder meine Granny machte es zu einer. Eigentlich war sie Sängerin in einem Theater. Ergo für die Arbeit zog sie sich schick an, oder adrette wie sie gesagt hätte. Strumpfhose, keine zu sexy Kleider und Röcke. Und man liebte die Frau ihre Pelzmäntel. Wir hatten nie viel Geld, aber Granny musste mal welches gehabt haben den, sonst weiß ich beim besten Willen nicht wie sie sich all diese Pelze leisten konnte. Ich meine heutzutage wäre es ein komplettes No Go, aber zu ihrer Zeit war es Mode wie Cruella De Vill herumzulaufen. Und wenn sie nicht die adrette Sängerin aus dem Theater war, musste sie eine wirklich wilde Frau gewesen sein. Freizügig (also für diese Zeit, was glaube ich sehr freizügig war, oder?). Ein richtiger Freigeist also, wie ihre Tochter und ihr Enkel.
Ich kannte Granny nur krank. Wenn ich mich recht erinnere, hatte sie Krebs, wie so viele zu der Zeit. Doch manchmal schwang noch etwas ihrer alten Eleganz und Talentes durch. Wenn sie mit brüchiger Stimme alte Lieder sang und Geschichten davon erzählte, wie sie auf der Bühne stand. Ein Orchester sie begleitete und alle im Theater den Atem anhielten. Von Galas und Prominenz mit denen ich in dem Alter noch rein gar nichts anfangen konnte. Sie erzählte auch mal von Partys und ich wette sie ließ damals noch die Stellen mit dem Koks aus. Drogen scheinen sich also durch meine Familie zu ziehen. Hm. Früher hatte sie meine Mom, als diese selbst noch ein Kind war, öfter mit ins Theater genommen. Ich hatte Bilder dazu gesehen, Bilder, die ich bis heute aufbewahrte. Es muss eine magische Zeit gewesen sein. Doch wie schon gesagt, das waren Zeiten, die ich verpasst hatte. Ich kannte Granny in ihrem Sessel sitzend und lesend. Oder erzählend am Esstisch. Krank, gebrechlich und verloren in ihrem großen Pelzmantel. Als ich ganz klein gewesen war, hatte ich ihrem Fuchs Mantel einen Namen gegeben. Jedenfalls hat Mom mir das mal erzählt. Ich glaube ich nannte ihn Rita. In meiner Jugend hatte ich in Momenten, in denen es mir psychisch echt mies ging, öfter ihre Stimme im Kopf. Wie sie mir aus „Alice im Wunderland“ vorlas. Bis heute höre ich das Zitat „Scheine, was du bist, und sei, was du scheinst.“ in ihrer Stimme. Einfach weil sie es immer mit dieser ganz besonderen Betonung vorgelesen hatte.
Mom und Granny stritten sich oft. Meist nachts oder Abends, wenn ich schon im Bett war. Doch sie waren dabei so laut das ich sie immer hören konnte. Damals verstand ich vieles nicht. Ich war ein Kind und fand es einfach schrecklich, wenn die beiden sich stritten und anschrien. Doch mittlerweile bin ich mir sicher sie stritten sich viel über die Sucht meiner Mom, die Sache mit meinem Erzeuger und über mich. Den die Beiden hatten verschiedene Ansichten einer Erziehung. Der typische Krieg der Generationen eben. Und dann starb Granny. Sie schlief eines Tages einfach auf ihrem Sessel ein. Im Hintergrund lief eine ihrer Lieblingsplatten von Ella Fitzgerald. Und ich glaube es gibt schlimmeres als bei „Dream A Little Dream Of Me“ einzuschlafen. Noch heute verbinde ich diesen Song mit meiner Granny. Allerdings begleitet mich dann dieses gute Gefühl von Nostalgie. (Wenn ich an sie denke, hat meine Erinnerung übrigens einen kompletten Sepia Filter. Als wäre die Welt damals einfach sepia gewesen.)
Als sie einschlief, war ich, wenn ich mich recht erinnere mit Mom in der Küche. Wir backten Kuchen oder so und als Mom sie holen wollte war ihr Herz schon verstummt. Ich glaube Mom war traurig, den ich erinnere mich an eine drückende Stille und das typische Geräusch, das ein Plattenspieler macht, wenn die Platte zu Ende war, aber sie sich noch drehte. Granny hatte das Ende ihres Lebens erreicht, so wie die aufgelegte Platte. Mom weinte nicht, jedenfalls nicht vor mir. Als ich damals ins Wohnzimmer kam, um zu sehen, wo sie blieben, kniete Mom vor ihr und hielt ihre kalten Hände. Sie schien sich zu verabschieden. Es fühlte sich wie eine Unendlichkeit an. Was es real wahrscheinlich nicht war. Als Mom sich zu mir drehte und mich ansah war mir schon klar was los war. Ich konnte es nicht richtig benennen, aber ich spürte es. Und Moms Worte danach werde ich nie vergessen. Sie hatten sich in meine Seele gebrannt:
„Jackylein, Granny ist fort. Sie hat ihre letzte Zugabe beendet“ Und egal wie viel sie stritten, fuck diese Worte waren Ausdruck ihres Respektes für ihre Mutter.
Ich erinnere mich daran, wie komisch sich dieser Tag angefühlt hatte. Mom hatte die Platte erneut gespielt und erst als auch diese letzten Töne verklungen waren hatte sie telefoniert. Und ich? Ich saß auf dem urigen Teppich vor dem Plattenspieler und hatte zugehört. Ohne Angst. Ich war traurig, aber nicht, weil ihr Tod eine Tragödie war. Es fühlte sich, wenn ich so im Nachhinein darüber nachdenke, natürlich an. Mein erster Berührungspunkt mit dem Tod war also kein Trauma oder so. Er war das beste Beispiel von Akzeptanz der Tatsachen. Und gleichzeitig das letzte Seil das meine Mom hielt. Den für sie war dieser Tod mehr als ein Ende. Aber das konnte ich damals noch nicht wissen. Nicht mal erahnen.
Auch meine erste Beerdigung war keine schlechte Erfahrung. Sie war traurig klar, aber das sind sie doch immer, oder? Es waren soweit ich mich erinnere, nicht so viele Menschen auf Grannys Beerdigung. Sie war auch nicht sonderlich groß, dafür hatten wir kein Geld. Aber es war ein würdiges Ende für sie. Beerdigt in ihrem Lieblings Pelz Rita. Es waren ein paar ihrer alten Kollegen und Freunde aus dem Theater dabei. Und wir. Ich glaube Mom war an dem Tag unter Drogen. Aber ich kann es nicht genau sagen. Ich hatte mich am Grab von Granny verabschiedet und mich darüber gewundert, warum wir Erde auf sie werfen müssen. Also klar, ich wusste das am Ende wieder Erde über sie kam, aber warum sollte jeder Gast selbst etwas Erde drauf werfen? Ein komischer Brauch wie ich damals fand.
Wenn ich heute jemanden mit Pelz sehe, muss ich an meine Granny denken. In Sepia Farben natürlich. Den wie wir alle wissen, war die Welt früher Sepia.
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