You make me wanna die
You make me wanna die
Die Sitzungen mit Dr. Strange raubten mir meist die kläglichen Reste meiner Energie und gaben mir auch noch das Gefühl nach ihnen sterben zu wollen. Okay, allein Strange diese Leistung zuzugestehen wäre unfair allen anderen gegenüber gewesen, die daran Teil hatten. Mein Vater, der mich in diese Klinik gebrachte hatte, Chrishell, die komplett in ihrer Erzählung übertrieben hatte. Bryce, der sich nicht ein einziges Mal meldete und einigen anderen des Personals. Sie sahen mich als den kaputten Jungen an, der ihr Mitleid verdient hatte und dennoch nicht in ihre Welt passen sollte. Nur Jax schien in mir den fünfzehnjährigen Jungen zu sehen, dem einfach zu viel Scheiße passiert war und damit jetzt allein da stand.
Nach einer dieser „wundervollen“ Sitzungen mit „Dr. Ich Liebe Geld“ ging es mir besonders übel. Wir hatten über die Schule gesprochen, oder eher all den Ärger den ich dort gemacht hatte. Um meine Unfähigkeit mich anzupassen und dem System zu beugen. Auch ging es darum, dass ich andere Schüler verletzt hatte. Zum Beispiel mit einem Bleistift. Ich fühlte mich danach so verdammt mies, so leer und so unverstanden das meine Trauer in Wut überschwappte. Leider war das auch einer dieser Tage, an denen Jax Uni hatte und ich ohne meinen Betreuer unterwegs war. (Er konnte eben nicht 24/7 auf mich aufpassen. Immerhin hatte er auch ein Privatleben.)
Nach dieser, alles anderen als heilenden, Therapiestunde schlurfte ich zurück auf mein Zimmer. Ich hatte keine Lust auf irgendwelche sinnlosen Gruppenaktivitäten mit Leuten die locker 10 Jahre älter waren als ich. Also verkroch ich mich in meinem Zimmer. Was jedoch nicht die Wut in meinem Inneren beruhigte. Ich fühlte mich so verdammt unverstanden und ungerecht behandelt. Als wäre ich der Böse in dieser Geschichte und nicht alle andern. Als wäre ich falsch. Als wäre es besser wenn ich einfach sterben würde. So wie Mom.
Allein der schreckliche Gedanke ließ mich frustriert aufschreien. Ich wollte das nicht denken. Wollte es nicht fühlen, aber diese Gedanken drängten sich immer mehr in meine Gedanken. Wurden immer präsenter. Dazu kam, dass ich die Stimme in meinem Kopf, die die ich vorher nur in meinen Alpträumen gehört hatte, immer deutlicher auch im wachen Zustand hörte. Wie er mir diese fiesen Gedanken einflüsterte. Hämisch und.... ich ertrug es kaum. Es wurde von Tag zu Tag schlimmer, besonders wenn Jax mich nicht nervte. Unruhig tigerte ich in meinem Zimmer umher. Rauf und runter. Bis ich ins Bad ging, um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. So wieder klar denken zu können. Was mit den Medikamenten von Strange vielleicht auch einfach nicht möglich war. Aber das wusste ich in dem Alter nicht. Wie auch?
Doch als ich ins Badezimmer kam, fiel mein Blick auf den Spiegel über dem Waschbecken. Sah mir selbst in die Augen die mir plötzlich fremd und bösartig vorkamen. Als würde etwas, jemand in mir schlummern der da nicht sein sollte. (Vielleicht assoziierte mein Gehirn meine Krankheit damals mit dem Bild eines Dämonen. Ich neige dazu Gefühle in Bilder zu verwandeln. Emotionen in Töne oder Gerüche. Versuche sie so für mich greifbar zu machen. Und ihr kennt mich, ich kann sehr dramatisch sein.)
Und fuck, das alles machte mir plötzlich solch eine Angst das ich anfing den Spiegel zu zerschlagen. Mit bloßen Fäusten brachte ich das Glas zum Splittern. Nur um mein eigenes Spiegelbild, das Bild dieses Dämonen, nicht mehr sehen zu müssen. Ich erinnere mich noch ganz genau an dieses Gefühl. Als wäre ich nicht ich. Als würde ich neben mir stehen und mir selbst dabei zusehen. Ich spürte nicht mal den Schmerz, als ich eine der Scherben nahm und mir selbst in die Haut schnitt. Versuchte das Böse aus mir herauszubekommen.
Ich weiß nicht mehr wer mich fand. Wann sie mich überhaupt fanden. Aber wer auch immer es war, der war geschockt von diesem Bild. Und das zog alles einen großen Rattenschwanz hinter sich her. Einen der mich weiter in meiner Freiheit einschränkte. Strange schien nur von seinem Bild von mir bestätigt zu sein, er dachte nicht daran, dass er ebenfalls Schuld daran besaß. An den Rest dieses Tages erinnere ich mich im übrigen nicht mehr. Keine Ahnung was sie mit mir getan hatten. Ich erinnere mich nur noch daran wie ich am nächsten Morgen von Jax geweckt wurde.
„Guten Morgen, die Sonne lacht und die Blätter fallen von den Bäumen“, drang gedämpft Jax Stimme durch die Watte in meinem Kopf. Im nächsten Moment blendete mich die Sonne auch schon, den dieser Penner hatte die Gardinen aufgerissen und das Fenster geöffnet. Danach spürte ich wie die Matratze neben mir nachgab und er sich auf mein Bett setzte. Ächzend hob ich meine Arme und versuchte so meine Augen vor den Strahlen zu schützen. Wobei ich am Rande mitbekam wie meine beiden Unterarme bandagiert waren.
„Da bin ich mal einen Tag an der Uni und du willst dich direkt umbringen“, hörte ich ihn sagen und spürte seine Hand auf meiner Stirn.
„Ich wollte mich nicht umbringen, nur das Böse aus mir raus schneiden“, erklärte ich ihm mit kratziger Stimme, schob meine Arme etwas von meinen Augen und sah ihn träge an. Ich fühlte mich wie vom Bus überrollt.
„Das klingt natürlich viel logischer“, meinte der Student langsam und sah mich mit einem sehr eindeutigen Blick an. Voranging lag Sorge darin. Er starrte mich eine Weile sorgenvoll an, ehe er sich erhob und mir die Decke wegzog.
„Kannst du aufstehen, oder macht dein Kreislauf das nicht mit?“, war seine nächste Frage und noch ehe ich ihm antworten konnte, hatte er mich in eine sitzende Position gezogen. Tatsächlich wurde mir kurz schwarz vor Augen und hätte er mich nicht festgehalten, dann wäre ich einfach wieder zurück ins Bett gefallen.
„Er kapituliert“, teilte ich ihm mit schwacher Stimme mit und spürte wie er mir meinen Stofftiger in den Arm drückte.
„Halt den mal kurz. Bin gleich wieder da“, meinte er und verschwand aus dem Zimmer. Ließ mich komplett überfordert zurück.
Noch ehe ich ganz begriff was das sollte, kam er mit einem Rollstuhl zurück.
„Ich hab keine Lust das du mir auf dem Weg umkippst. Wir machen einen kleinen Ausflug und du erzählst mir was gestern los war“, meinte er nur und half mir dann dabei, mir einen Hoodie überzuziehen. Ich hätte ihn gern gefragt wohin er wollte, doch mir fehlte die Kraft. Wir konnten uns eh nur auf dem Gelände aufhalten. Weiter ließen sie mich nicht gehen. Wie in einem Knast. Kurze Zeit später saß ich im Rollstuhl und wurde von Jax durch die Gänge geschoben, welcher alle nett grüßte denen wir begegneten und der mich tatsächlich raus in den Park schob. Ein leises Seufzten entkam mir. Der Park war zwar schön, aber auch hier hielt ich es einfach nicht mehr aus.
„Keine Sorge wir fahren keine Runde um den Ententeich“, meinte er verschwörerisch und steuerte auf eine unscheinbare Tür im Zaun zu.
„Und was tun wir dann?“, fragte ich ihn verwirrt und beobachtete ihn dabei, wie er die Tür mit etwas Kraft öffnete. Einfach so.
„Sie ist eigentlich nie verschlossen, sondern klemmt nur“, informierte er mich mit einem Grinsen und schob mich schnell hindurch, ehe er die Tür wieder hinter sich schloss. Fest zuzog, sodass man wieder denken konnte sie wäre verschlossen.
„Behalt das für dich“, Jax zwinkerte mir verschwörerisch zu. Hatte mir somit einen geheimen Weg aus diesem Gefängnis gezeigt.
„Und jetzt geht’s zu McDonalds. Hier in der Nähe ist einer. Du hast 20 Minuten Hin Weg um mir ehrlich zu erzählen was gestern los war“, meinte er dann. Ich sank etwas im Rollstuhl zusammen und vergrub meine Hände in den Ärmeln des Hoodies. Ich wollte nicht reden, aber er hörte zu. Was am Ende Grund genug für mich war, doch mit ihm zu reden. Und er versprach mir, mir ein Eis auszugeben wenn ich ihm ALLES erzählte. Und fuck, für ein Eis tat ich gerade alles. Ergo, auch ehrlich mit ihm reden.
Also begann ich bei den dunklen Gedanken, die schon immer irgendwie da gewesen waren, aber mittlerweile immer schlimmer und dunkler waren. Immer präsenter und wie ein Schatten über mir lagen. Ich erzählte ihm von dem Gedanken mich umzubringen, so wie es meine Mom getan hatte. Und ich erzählte ihm von diesem „Dämonen“ in mir und wie ich gestern deswegen durchgedreht war. Jax hörte mir die ganze Zeit über zu. Ließ mich einfach reden und harkte nur manchmal nach. Und es war okay für mich. Bei Strange hatte ich immer ein mieses Gefühl, alles in mir sträubte sich in mir mit ihm zu sprechen. Doch bei Jax war es okay. Ein bisschen so, als würde ich mit Bryce sprechen. Nur mit dem Unterschied, dass ich ziemlich wütend auf meinen Bruder war. Und verletzt. Besonders verletzt. Und als Belohnung für meine Ehrlichkeit gab Jax mir nicht nur ein Eis aus, sondern auch einen Cheesburger und Pommes. Nachdem er mich schräg angesehen hatte, weil ich dazu keine Cola wollte sondern ein Wasser. Er sagte:
„Welcher Jugendliche will bitte keine Cola zu Pommes und Burger? Du bist wirklich verrückt“ Und hey, ich hatte so viel Humor und Kraft durch diesen Ausflug das ich ihm scherzhaft zustimme. Immerhin zahlte mein Vater verdammt viel Geld dafür, dass ich verrückt war. Und um mich nicht mehr in seinem zu Hause zu haben. Im Ernst, niemand sagte mir wir lang mein Aufenthalt überhaupt sein würde. Wochen? Monate? Jahre? Für IMMER?
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Wisst ihr was einem bei einem schwarzen Kater, oder einer schwarzen Katze immer wieder passiert? Man übersieht sie wenn es dunkel ist einfach, weil sie sich perfekt in den Schatten anpassen. Oder sie gehen in einem Wäscheberg aus schwarzer Wäsche einfach verloren. Ein Wunder das wir Bel noch nicht mit gewaschen hatten. Da komme ich auch nur drauf, weil Bel und ich es beide anscheinend gleich lustig finden Hardin zu erschrecken. Einfach so. Der Kater war mir einfach zu ähnlich. Und dann gab es noch Amy, die kleine Prinzessin unserer WG der niemand widerstehen konnte. In den letzten Wochen war sie ordentlich gewachsen. Was nicht zuletzt an der liebevollen Pflege von uns lag. In letzter Zeit war so viel passiert, die Tour und Konzerte, meine Aufwühlende Vergangenheit, Jax und mein öffentlicher Kuss mit Nait. Es war so viel, dass ich mir einfach erlaubt hatte mich ein wenig zurückzuziehen. Oder eher, ich hatte mir vorgenommen einen Tag einfach mal zu Hause zu verbringen und nichts zu machen. Wobei ich im nichts machen wirklich mies war. Ich schaffte es nicht mal eine Stunde lang nichts zu machen. Dafür war in meinem Kopf einfach zu viel los.
Also sagen wir lieber, ich nahm mir vor, einen Tag lang nichts aufwendiges zu machen und mich zu entspannen. Was in meinem Fall bedeutete, ich saß zusammen mit Bel und Amy auf der Terrasse und malte. Ich hatte meine Staffelei hinaus getragen und eine Leinwand eingespannt. Also während Bel zwischen meinen Farbtuben schlief und Amy fangen mit einem Schmetterling spielte zeichnete ich summend mit einem Bleistift ein paar Linien auf der Leinwand vor.
„Manchmal bin ich neidisch auf dein nicht enden wollendes Talent im kreativen Bereich. Ich kann nicht mal was einfaches malen“, meinte Nait plötzlich hinter mir. Er trat barfuß auf die Terrasse und legte seinen Kopf auf meine Schulter, um so besser auf die Leinwand sehen zu können.
„Kommt davon weil du ne schöne Kindheit hattest und nicht so viel eingesperrte Freizeit wie ich“, murmelte ich grinsend und schob seinen Kopf leicht von mir, um mit ruhiger Hand weiter präzise Linien zeichnen zu können. Wollte das Bild einer Katze die eine Gitarre in den Pfoten hielt, auf die weiße Leinwand bringen.
„Süß das du es so formulierst“, schmunzelte er und löste sich von mir, zog sich einen der Stühle herbei und setzte sich.
„Ich find es gut, dass du Jax Hilfe angenommen hast. Wirklich. Ich hab da noch etwas drüber nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen das es wirklich das Beste ist“, begann er langsam während ich weiter meine Striche zog.
„Weil er mehr Ahnung hat als ihr und weil er mich aus dieser Zeit schon kennt?“, harkte ich nach. Meine Stimme klang locker und so als würden wir gerade einfach nur belanglosen Smaltalk führen.
„Vielleicht. Vielleicht auch weil ich nicht mehr das Gefühl habe allein damit zu sein. Auch wenn ich nie allein damit war. Es entlastet mich zu wissen, dass da noch jemand mit mehr Ahnung ist der dich unterstützt und schon Erfahrung darin hat dich unter kalte Duschen zu stellen und in schlimmen Moment zu McDonalds zu bringen“, meinte er und ich wusste direkt das er vorhin mein neustes Kapitel gelesen hatte.
„Weil er meinen Dämon schon kennt und dir dieser Teil von mir hm, Angst? Respekt einflößt?“, fragte ich gerade heraus und drehte mich zu ihm um. Legte meinen Kopf leicht schief.
Nait zögerte kurz und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, seufzte dann auf und nickte leicht.
„Respekt fasst es gut zusammen. Ich musste an den Moment in der alten Wohnung deiner Mom denken. Als du kurz Rückfällig geworden bist. Das war der gleiche Dämon oder?“, sprach er einen der Moment an, die ich am liebsten wieder vergessen würde. Doch ich wollte ehrlich zu meinem Freund sein.
„Yeah das war der selbe. Nur hats gedauert bis ich mit ihm umgehen konnte. Er hat mich zu vielen hm“, ich suchte kurz nach der passenden Beschreibung.
„Unklugen Entscheidungen gedrängt. Und er ist immer noch da. Nur sitzt er mittlerweile gut verschlossen in seiner Zelle. Auch wenn er manchmal etwas zum Vorschein kommt. Er scheint ein Teil von mir zu sein. Kommst du damit klar?“, ich spielte mit dem Bleistift in meiner Hand. Sah Nait immer noch an. Direkt in die Augen. Konnte er damit umgehen, wenn immer unschönere Dinge von mir bekannt wurden? Er war nicht Coby, dessen eigene Dämonen meinen ähnelten und somit besser damit umgehen konnte. Er war mein kleiner unschuldiger Nait.
Kurz zögerte er, nur den Bruchteil einer Sekunde. Was fair war, immerhin war meine Frage nicht ohne.
„Er gehört zu dir und das ist okay. Nicht schön, aber okay und ich werde lernen damit umzugehen. Es schockiert mich nur immer wieder davon zu lesen. Ich hätte dir damals schon so gern geholfen. Dir so viel Leid erspart“, gestand er mir und sah mich mit diesem traurigen Hundeblick an, mit dem er mich jedes Mal bekam.
„Ich meine du warst fünfzehn und wolltest dich umbringen. In dem Alter hab ich mit meiner Playstation gespielt und mit Gale davon geträumt ne süße Freundin zu haben. Meine größte Sorge war in dem Alter, ob ich den Geschichtstest bestehe, oder ob mein Taschengeld für das neuste Spiel reicht. Und du? Du hattest so krass andere Sorgen. So viel größere und ernstere“, fing er an und zuckte leicht zusammen als ich amüsiert auflachte.
„Das Liebe ich an dir. Das du dir über so was Gedanken machst. Komm schon unsere Leben kann man nicht vergleichen und ich beneide dich so sehr für deine schöne Kindheit“, lächelte ich und hockte mich vor ihn auf den Boden. Nahm seine Hände in meine, immer noch amüsiert darüber das er sich über so was den Kopf zerbrach.
„Das ist eine ganz normale Reaktion“, verteidigte er sich leicht beleidigt, musste allerdings auch grinsen.
„Yeah, aber seit wann bin ich normal?“, stellte ich die Gegenfrage. Nait öffnete seinen Mund, um etwas dazu zu sagen. Hielt dann inne und sah mich mit einem Blick an der im Grunde so viel aussagte wie „Okay hast recht“.
„Eben. Normal ist eine Einstellung am Wäschetrockner. Passt absolut nicht zu mir“, scherzte ich und zog seine Hände an meine Lippen. Küsste sanft seine Finger.
„Schaust du mir beim malen zu? Vielleicht brauch ich auch deine talentierten Hände“
„Ich glaub kaum das ich dir dabei helfen kann. Ich kann dir höchstens Pinsel reichen“, lachte er. Wirkte schon viel erleichterter als noch vor unserem Gespräch. Allerdings sagte mir mein Gefühl, dass wir noch einige solcher Gespräche führen würden. Immerhin war damit noch lange nicht alles gesagt und es würde noch einiges auf ihn zu kommen. Aber jetzt zurück zu meiner nichts tu Auszeit.