Yeah, they wanna call me a nuisance
Yeah, they wanna call me a nuisance
Wie ich es schon mal erwähnte... ich hasse es irgendwo neu zu sein. Okay, yeah, ich war in der Schule eigentlich nicht mehr der Neue. Nur war ich lange weg gewesen und es fühlte sich an, als wäre ich wieder der Neue. Meine Mitschüler waren vorsichtiger in Bezug auf mich geworden. Vielleicht weil keiner so recht wusste warum ich weg gewesen war. Vielleicht weil genau deswegen viele Gerüchte aufkamen. Von schlimmer Krankheit, zu Knast, zu absurden Dingen wie ich wäre auf der Flucht gewesen. Und wisst ihr was? Ich war zu erschöpft, um etwas dazu zu sagen. Sollten sie doch denken, ich hätte mich einer Straßengang angeschlossen und wäre deswegen nicht zur Schule gekommen. Durch Jax Nachhilfe war ich auf einem guten Schulischen Stand und musste, zu Glück, keine Klasse wiederholen. Jedes zusätzliche Jahr hätte mich, aber wohl auch die Lehrer, gebrochen.
Bryce hatte in der Zwischenzeit seinen Abschluss gemacht und somit war mein Beschützer, den ich aktuell vielleicht gebraucht hätte, nicht mehr da. Aber naja, unsere Beziehung war auf ein Minimum reduziert worden. Er wusste nicht mehr wie er mit mir umgehen musste und ich war so tief verletzt von ihm, dass ich nur auf Angriff ging. Blieb noch Maddox, der sich in meiner Abwesenheit zum einen neue Freunde gesucht hatte und zum anderen meinen Platz als „Anführer“ eingenommen hatte. Mit einer Freundin und Mitläufer Freunden an seiner Seite. Die wahrscheinlich durch ihre Oberflächlichkeit besser zu ihm passte als ich. Ergo, ich war erneut allein. Auf mich gestellt und ein Einzelkämpfer. Jemand, den man lieber mied und gleichzeitig ein wenig bewunderte, weil er nicht zur Herde all der gehorsamen Schafe gehörte. Ich war also jetzt der Einsame Coole Einzelkämpfer der sich allein mit den Lehrern anlegte. Wie sehr das alles dennoch an meiner Psyche kratzte muss ich nicht sagen oder? Fuck, ich war am Ende und mir war so viel egal geworden. Ich hatte eben nichts mehr zu verlieren.
Und genau diese „Ich habe nichts mehr zu verlieren“ Einstellung bekamen meine Lehrer mit volle Breitseite ab. Wir gerieten oft... sehr oft... fast täglich aneinander. Das waren alle intelligente, studierte Leute. Im Ernst, das muss ich ihnen zugute halten, sie waren nicht dumm. Verklemmt. Festgefahren. Yeah, dass alles schon. Aber dumm? Das nicht. Und wer sich je gefragt hatte warum ich so gut im Diskutieren bin... wegen diesen Leuten. Meine täglichen Diskussionen mit meinen Lehrern sorgten dafür, dass ich mittlerweile fast jede Diskussion gewann. Weil ich lernte ihnen die Wörter im Mund herum zu drehen, weil ich lernte worauf es ankam. Wie man konterte und sich so geschickt ausdrückte, dass andere meist nicht mal den Spott mit bekamen. Yeah, ich weiß nicht immer fair, aber das hat mich schon in so manchem Interview gerettet. Den besonders früher wollten sie uns dumm dastehen lassen. In Skandale reiten, oder wollte das Label uns übers Ohr hauen. Aber nicht mit mir. Ich mach dich mit Wörtern fertig, ehe du überhaupt merkst, dass du gerade von mir bloßgestellt wirst. Vielleicht spielte auch ein wenig mit rein, dass ich aussprach was viele nur dachten. Menschen sind überraschend sprachlos, wenn man es wagt Dinge auszusprechen die kaum einer beim Namen nennt. Worte haben so viel Macht.
Tja, und zu Hause? Sagen wir mal so, es war schwer. Romain mied mich weiterhin, oder mehr den je? Dafür waren seine Worte schärfer wenn er sie mal an mich richtete. Chrishell und ich gerieten wie eh und je jedes Mal aneinander wenn wir uns über den Weg liefen. Ich biss ganz schön um mich. Bryce mied mich, er schien sich unsicher zu sein wie er mit mir umgehen sollte. Und wenn wir uns über den Weg liefen, dann war er kurz angebunden und kühl. Und ich verletzt und nur so am überlaufen vor bissigen Worten. Ich glaube ich wollte mich nur selbst schützen. In dem ich alles und jeden von mir fernhielt. Allein James hielt es in meiner Nähe aus. Oh, und Eliza die wieder angefangen hatte bei uns zu arbeiten. Warum sie gekündigt hatte, sagte sie mir allerdings nie. Wenn ich nicht grad in der Stadt unterwegs war, dann saß ich Abends bei den Beiden in der Küche und aß mit ihnen zu Abend. Hörte mir Elizas scherzhaften Tadel über meine Unordnung an und trank den Tee, den James uns machte. Spürte, dass ich selbst hier verdammt einsam war.
Ich gehörte nirgendwo dazu. Hatte keinen mit dem ich reden konnte. Nie hätte ich gedacht, dass mir Jax mal fehlen würde. Aber er fehlte mir. Einfach weil er in meiner Klinikzeit immer da gewesen war. Zugehört hatte und ich mit ihm reden konnte. Manchmal lag ich Morgens im Bett und spürte die selbe Schwere wie in der Klinik. Nur das diesmal kein Jax kam und mich aus dem Bett zog. Unter die kalte Dusche stellte und mich zwang etwas zu tun. Am Ende des Tages juckte es keinen ob ich am Wochenende aus dem Bett kam, oder einfach liegen blieb und Musik hörte. Oder ob ich zwei Tage lang in meinem Zimmer blieb und Gitarre spielte. Oder mich hinausschlich und die gesamte Nacht unterwegs war. Was sollte mir schon passieren? Und selbst wenn mir etwas zustoße sollte, wen juckte es? Eben.
Niemanden.
Ich fühlte mich nicht unbesiegbar, nur verzichtbar.
Zu diesem Zeitpunkt nahm ich noch keine harten Drogen. Okay, yeah ich kiffte. Aber wer tat das in L.A. zu der Zeit, in meinem Alter nicht? Meine Medikamente dealte ich zum größten Teil. Teilweise mit meinen Mitschülern, teilweise mit Fremden auf der Straße. Klar, ich bekam Taschengeld und das nicht wenig. Aber ich wollte das Geld nicht anrühren. Wollte es nicht nutzen, weil es sich schmutzig anfühlte. Der Schmerz saß zu tief, als das ich das Geld hätte verwendeten wollen. In dieser Zeit lernte ich viele Leute kennen. Keine Freunde. Nur Menschen denen ich für eine Nacht zuhörte. Aber selbst erzählte ich nie etwas über mich. Ich wollte einfach nicht reden. Ich wollte rebellieren. Meine Ruhe. Auffallen. Schreien. Etwas kaputt machen und lachend durch die Straßen laufen und etwas mit einem verdammten Baseballschläger einschlagen. (Möööglicherweise tat ich das auch. Wie gesagt, mir war im Grunde alles egal. Und ich war schon immer der Typ ganz oder gar nicht gewesen.)
Immerhin hatte ich meine Freiheit zurück. Was wollte ich mehr? Achja, geliebt werden.
♫
Bei unserem letzten Treffen, hatte Jax den Vorschlag gemacht meine „Therapie“ etwas kreativer zu gestalten. Also hatten wir uns für dieses mal an einem viel kreativeren Ort als McDonalds getroffen. Im alten Proberaum von Harlekin und dem neuen von Showbiz. Ein Ort den ich geliebt hatte, dann gemieden hatte und jetzt endlich wieder genießen konnte. Viele unserer Instrumente waren hier, alles schrie nach Persönlichkeit und Geschichten. Unten befand sich unser Equipment und oben auf der kleinen Galerie standen Sofas, Sessel und alles was man so brauchte. Früher hatte ich viele Nächte hier mit den anderen zusammen verbracht.
„Das ist schon verdammt cool“, hörte ich Jax sagen, der sich gerade das Schlagzeug ansah. Amüsiert beobachtete ich ihn dabei und zog meine Beine an meine Brust. Ich hatte es mir auf einem der Sessel gemütlich gemacht, die hier unten standen.
„Dachte du bist beruflich hier und nicht als Fan“, neckte ich ihn. Doch Jax ließ sich nicht von mir ärgern.
„Ich bin auch beruflich hier. Was denkst du sagt dieser Raum alles über dich aus? Darüber das du ihn mit Harlekin genutzt hast und jetzt auch mit Showbiz?“, tat er es ab und schlenderte zu mir hinüber. Setze sich mir gegenüber auf den anderen gemütlichen Sessel.
„Du kannst nicht los lassen und gleichzeitig veränderst du alte Dinge solange, bis sie auch in deine neue Lebensrealität passen. Ein cleverer Schachzug für jemanden wie dich“, fing er direkt ohne langsames Vorspiel an. Ich spürte wie ich mich leicht bei seinen Worten verspannte. Doch es war zu ertragen.
„Mach die Welt, wie sie dir gefällt“, zitierte ich mit einem frechen Grinsen. Brachte Jax somit zum Lachen.
„Das hast du von Pipi Langstrumpf. Aber den Punkt geb ich dir“, gestand er mir zu, ehe seine Mimik etwas ernster wurde.
„Was macht es mit dir hier zu sein?“
Jetzt spannte ich mich doch an. Fuhr mir mit den Fingern durch die Haare, ehe ich meine Arme wieder um meine Knie schlang. So etwas Zeit herauszögerte.
„Ich fühl mich gut und entspannt und gleichzeitig.... melancholisch und traurig. Weil das Gefühl immer noch da ist, das Coby gleich durch die Tür kommt“, versuchte ich ihm zu erklären ohne direkt alles preis zu geben.
„Sein Todestag rückt näher. Willst du heute darüber sprechen?“, fragte er gerade heraus, überschlug seine Beine. Sorgte damit dafür das ich hart Schlucken musste. Wollte ich darüber reden?
„Nein. Noch nicht“, brachte ich dann mit brüchiger Stimme heraus und Jax nickte verstehend. Es war okay.
„Okay mein therapeutisches Armageddon“, griff er den Faden wieder auf und brachte mich mit dem Spitznamen kurz aus der Fassung.
„Dann machen wir heute ein bisschen Musik und du erzählst mir was du so bei den Songs fühlst. Was sie dir bedeuten, oder bedeutet haben“, schlug er den Bogen zum neuen Thema.
Ich brauchte tatsächlich einen kurzen Moment, ehe ich ihm folgen konnte.
„Soll ich selber spielen oder...?“, fragte ich ihn deswegen etwas perplex.
„Selber spielen“, grinste er und nickte auf einige Gitarren, die im Ständer an der Wand standen.
„Zuerst möchte ich gern einen Song von dir hören, der dich glücklich macht. Egal ob einer von deinen, oder von wem auch immer. Einfach ein Song mit dem du schöne Erinnerungen verbindest“, erklärte er mir und fing offensichtlich mit etwas einfachen an. Ich hob eine Augenbraue, versuchte mich allerdings darauf einzulassen und erhob mich langsam vom Sessel. Ging zu den vielen Gitarren hinüber, um die passende auszusuchen. Während ich bereits überlegte welcher Song mich glücklich machte. Was gar nicht so einfach war wie es klang.
„Können wir nicht mit traurig oder so anfangen?“, fragte ich ihn gequält während ich eine Gitarre aus dem Ständer nahm.
„Nope, glücklich. Weil ich weiß das es dir schwerer fällt aus traurig“, erklärte er mir geduldig.
„Fick dich, Jax“, meine Antwort viel etwas schmollender aus, als ich gewollt hatte.
Doch dann kehrte ich zurück zu meinem Sessel und machte es mir dort, zusammen mit der Gitarre gemütlich. Dachte noch einen Moment über diese unmögliche Aufgabe nach, ehe ich anfing „Ghost“ zu spielen. Tatsächlich spürte wie mich allein die Melodie mittlerweile glücklich machte. Als ich anfing zu singen, entging mir nicht wie Jax sich kurz fasziniert etwas vor lehnte. Mich ganz genau beobachtete und zu analysieren schien. Ich schien durch die Musik wohl wirklich mehr zu offenbaren als durch bloße Worte. Dabei waren es ursprünglich nicht mal meine Worte, sondern Naits. Doch mittlerweile waren sie zu meinen Worten geworden. Ich hatte ihnen Bedeutung verliehen.
„Warum macht dich der Song glücklich?“, Jax Worte rissen mich aus meinen Gedanken, kaum waren die letzten Töne verklungen.
„Weil sie von Nait kommen und er mir mit diesem Song wieder Hoffnung gegeben hat. Mein Leben verändert hat und ich ohne diesen Song jetzt nicht hier wäre. Das macht mich glücklich. Der Song ist wie ein Rettungsboot für mich, dass mich zu Nait und in mein neues Leben gefahren hat“, versuchte ich meine Gefühle in Worte zu fassen. Sorgte damit dafür, dass auf Jax Lippen ein sanftes Lächeln erschien.
„Das hört man. Wenn du singst, hört man so viel mehr, als wenn du versuchst es einfach nur zu erklären“, weihte er mich jetzt ein und sah kurz zu der Gitarre auf meinem Schoß.
„Welchen Song würdest du spielen, wenn ich dich frage was aktuell zu deiner Stimmung passt?“, stellte er mir die nächste große Aufgabe. Ohman, der Mann hatte es wirklich drauf mich auf dieses Therapiesetting einzulassen.
„Welcher Song zu meiner aktuellen Stimmung passt? Fuck, Jax das ist ne unmögliche Aufgabe“, beschwerte ich mich gespielt leidend. Doch er grinste nur vor sich hin.
„Schaffst du schon. Horch mal ehrlich in dich rein und sing was dir als erstes in den Sinn kommt“, half er mir ein wenig auf die Sprünge.
Und wenn ich ganz ehrlich war... tauchte da ein Song in mir auf. Einer den ich zusammen mit Coby vor einigen Jahren geschrieben hatte. Einer der mich erneut erwischte und mir aus der Seele zu sprechen schien. Doch ihn jetzt anzustimmen fühlte sich unmöglich an. Zu.. real. Zu wahr. Ließ kurz das zusammenbrechen, dass ich mir so mühsam aufgebaut hatte. Die Lüge die ich mir gebastelt hatte, um sie selbst zu glauben. Ich schwieg mehrere Minuten lang und Jax gab mir diese Zeit einfach. Wartete bis ich langsam anfing die ersten Töne zu spielen. Und noch bevor ich anfing zu singen, schien er den Song zu erkennen. Den in seinen Augen blitze kurz eine Mischung aus Erkenntnis und Stolz auf.
„ I think I need help...
I'm drowning in myself.. “
Meine Stimme klang nicht so fest wie ich es mir in diesem Moment gewünscht hätte. Sie klang dünn und brüchig. Den das war der Moment, in dem Jax mein Kartenhaus zum Einsturz brachte. Oder eher gesagt ich selbst dafür verantwortlich war, aber er mich dazu gebracht hatte. Ich brauchte Hilfe. Ich ertrank in mir selbst, auch wenn ich es nicht zugeben wollte. Seit ich angefangen hatte meine Zeit in der Klinik zu reflektieren und die Zeit danach, ertrank ich. Wollte es nur nicht wahrhaben. Verdrängt ich die Tatsache das ich mich davor drückte damit anzufangen ernsthaft über Coby und unsere Zeit nachzudenken. Darüber das sein Todestag näher rückte und es wieder mal unabstreitbar real machte. Ich mir versuchte vor zu machen, dass ich klar kam. Ich kam nicht klar. Yeah, besser als vorher, aber nicht klar. Und diese Tatsache schien Jax zu wissen. Durch sein Studium in mir zu sehen und jetzt hatte er mich dazu gebracht es auszusprechen.
„Der erste Schritt für eine erfolgreiche Therapie ist es, zuzugeben das man Hilfe braucht“, erklärte er mir. Hatte dabei dieses stolze Funkeln in den Augen.
„Jetzt können wir so richtig anfangen an deinen Baustellen zu arbeiten“