You're real, I'm just a fake
You're real, I'm just a fake
Vom ersten Moment an schien mich irgendwas mit diesem Typen zu verbinden. Ich leugnete es, versuchte es zu ignorieren und mich davon zu überzeugen, dass auch er nur einer von vielen oberflächlichen Bekanntschaften in meinem Leben sein würde. Doch Jacoby machte mir recht schnell einen Strich durch diese Rechnung. Den ersten Schritt dazu machte dieser Irrer direkt nach dem Konzert. Wir hatten verdammt viel Spaß zusammen gehabt. Ich hatte gelacht. Viel und ehrlich. Und jetzt wollte ich mich eigentlich auf den Weg nach Hause machen. Wobei von wollen nicht wirklich die Rede war. Ich wollte nicht zurück und Jacoby schien dies zu merken. Instinktiv und ohne das ich es aussprechen musste.
Nachdem die Band ihren letzten Song gespielt hatte begann sich der Raum langsam etwas zu leeren. Viele blieben noch, um zu feiern doch wir schoben uns gemeinsam durch die Tanzende Masse nach Draußen.
„Fuck, was eine Stimmung“, lachte Jacoby und fuhr sich durch die verschwitzen blonden Haare, die ihm wild vom Kopf abstanden.
„Legendär“, stimmte ich ihm grinsend zu und trat an seiner Seite aus der Eingangstür. Nur leider direkt in die Arme des Spaßbremsen Türstehers. Der uns erst irritiert und dann verdammt wütend ansah.
„Hey, ich hab euch beide doch gar nicht da reingelassen. Wie seit ihr rein gekommen, ihr kleinen Pisser?“, brüllte er und wollte nach meinem Arm greifen. Doch ich war zu schnell für seine Finger. Packte Jacoby am Saum seines Shirts und zog ihn mit mir.
„Lauf!“, rief ich ihm zu, während er schon keine andere Wahl mehr hatte, als mit mir zu fliehen. Egal was er vorgehabt hatte, ich riss ihn mit mir.
Was ihn allerdings kein bisschen zu stören schien. Den er Lachte vergnügt auf und rannte ohne zu zögern mit mir mit. Hinter uns, die Spaßbremse. Laut fluchend versuchte er uns einzuholen, doch wir waren zu flink. Waren zu schnell in den nächtlichen Passanten des Sunset verschwunden. Doch wir rannten weiter. Solange bis wir lachend an einer Hauswand stoppten und uns dagegen lehnten. Ich jetzt erst den Saum seines Shirts los ließ und zu ihm Blickte. In seinem Blick funkelte etwas wildes, etwas verrücktes das ich bisher nur bei mir selbst bemerkt hatte. Es fühlte sich jetzt schon anders an als mit Maddox.
„Was jetzt?“, fragte er mich und rutschte etwas an der Wand nach unten. Musste erst wieder zu Atem kommen. Ich rutschte ebenfalls etwas an der Wand hinab und kratze über meinen Handrücken. Irgendwie machte es mich fertig, dass es sich mit diesem fast Fremden so... gut und locker anfühlte.
„Keine Ahnung. Musst du nicht nach Hause?“, fragte ich ihn und beobachtete seine Reaktion darauf ganz genau.
Erst runzelte Jacoby die Stirn, dann huschte ein kurzer Schatten durch seine funkelnden Augen, ehe dieser wieder verschwand und er grinsend mit den Schultern zuckte.
„Wahrscheinlich irgendwann. Aber ich werd wohl nicht vermisst und du?“, stellte er die zu erwartende Gegenfrage. Brachte mich damit verächtlich zum Schnauben.
„Absolut nicht“, murmelte ich und fuhr mir durch meine wirren braunen Haare. War ein wenig ratlos was wir jetzt tun sollten. Oder was ich tun sollte. Doch Jacoby nahm mir die Entscheidung einfach ab, in dem er sich erhob und mir seine Hand hinhielt.
„Cool, dann sind wir also zwei Streuner die nicht nach Hause wollen“, erfasste er die Situation ziemlich präzise. Und zu meiner eigenen Überraschung ergriff ich seine Hand und ließ mich von ihm wieder auf die Füße ziehen.
„Sieht so aus“, lachte ich leise und spürte eine leichte Gänsehaut auf meiner Haut. Ließ seine Hand schnell wieder los.
„Ich kenn einen ziemlich coolen Ort. Bist du schwindelfrei?“, hörte ich mich dann schon selbst fragen.
„Yeah bin ich. Wieso?“, harkte er nach und sah mich etwas zweifelnd an. Wurde aus dem Grinsen, dass sich bei dieser Antwort auf meinen Lippen bildete nicht ganz schlau.
„Ach nur so“, winkte ich ab und schlendere bereits die Straße entlang. Kurz schien er jetzt doch zu zögern, ehe er mir folgte. Seine Schritte sich automatisch meinen anpassten. Eine Tatsache die ich nur am Rande wahrnahm und die mich doch traf. Seine Anwesenheit beruhigte mein stets aufgewühltes Inneres irgendwie und gleichzeitig war seine Energie ansteckend. Eine Mischung die ich nie ganz verstehen würde. Doch ich nahm sie dankbar an. Ich führte ihn zu einem Wohnblock am Rand des Sunsets und blieb bei der Feuertreppe stehen, die kurz vor dem Boden aufhörte.
„Von da oben haben wir einen genialen Blick auf die Gegend“, weihte ich ihn ein. Jacoby sah von mir, zu dieser alten und vor allem rostigen Feuertreppe. Dann nach oben zum Dach und wieder zu mir. Er schien kurz zu überlegen ob wir jetzt sterben würden. Und ehrlich, ich hatte damit gerechnet das er kniff. So wie Maddox bei solchen Aktionen immer gekniffen hatte.
„Okay cool“, lautete dann Jacobys Urteil und ehe seine Worte ganz bei mir ankamen, schwang er sich bereits geschickt die erste Stufe nach oben. Zog sich den kleinen Abstand vom Boden bis zu Treppe hoch. Begann damit sie zu erklimmen.
„Kommst du? Oder starrst du nur?“, rief er mir belustigt zu und erklomm weiter die wackelige und alles andere als sichere Treppe. Immer noch etwas ungläubig schwang ich mich auf die Leiter und machte mich daran ihm zu folgen. Kletterte geschickt die wackelige Stufen nach oben. Noch konnte ich es nicht so ganz fassen, dass er wirklich einfach mitgekommen war. Sich weder von mir, noch von dieser rostigen Treppe abhalten ließ. Jacoby hatte sich längst den kleinen Abstand zwischen Treppe und Dach hinauf gezogen, war dadurch aus meinem Blickfeld verschwunden. Schnell machte ich mich daran, mich ebenfalls das letzte Stück aufs Dach zu ziehen.
„Wow, die Stadt sieht von hier oben wirklich schön aus“, hörte ich ihn andächtig sagen. Er stand ganz am Rand des Daches und starrte auf den Sunset unter uns. Wirkte viel in sich gekehrter als eben noch.
„Ich sag doch, geniale Aussicht“, murmelte ich und trat neben ihn. Stand dicht bei ihm am Rand dieses Daches. Nur ein Schritt weiter und ich würde fallen.
„Kommt dir auch grad der Gedanke, dass wir nur einen Schritt vom Tod entfernt sind? Und diesen einen Schritt zu machen, so absurd es klingt, unfassbar verlockend ist?“, sprach er plötzlich die flüchtigen Gedanken in meinem Kopf aus. Einfach so.
„Yeah, ehrlich gesagt denk ich da öfter dran als ich zugeben würde“, hörte ich mich ehrlich antworten. Ohne groß über die Konsequenzen nach zu denken, hatte ich es ihm einfach gesagt. Ihm diesen intimen Blick in mein Innerstes gegeben.
„Andere hätten mich jetzt lebensmüde oder verrückt genannt“, lachte er leise auf und ließ sich am Rand des Daches nieder. Sodass seine Beine über dem Abgrund baumelten. Und ich tat das Gleiche. Setze mich neben ihn und hörte mich selbst trocken auflachen.
„So nennt man mich täglich. Ich hab das mit dem verrückt sogar schriftlich. Aber weißt du was...“, kurz hielt ich inne, spürte seinen neugierigen, aber nicht urteilenden Blick auf mir.
„Das macht die Besten aus. Verrückt sein meine ich. Wären wir nicht verrückt, dann hätten wir jetzt nicht diese Aussicht über die Stadt“, erklärte ich ihm. Meine Stimme klang dabei fast schon vorsichtig, einfach weil ich die Erfahrung gemacht hatte wegen solchen Gedanken ausgelacht zu werden. Doch Jacoby lachte nicht. Auf seinen Lippen bildete sich ein trauriges Lächeln und er fuhr sich mit den Fingern durch die blonden Haare.
„Sie verpassen was“, war sein Kommentar dazu. Er verstand es. Verstand was ich damit sagen wollte, was ich meinte.
Kurz schwiegen wir. Lauschten den Geräuschen der Stadt, ehe ich die Stille nicht mehr aushielt und meine Kopfhörer und Bryce Ipod aus meiner Tasche holte. Zu diesem Zeitpunkt war Stille für mich einfach unerträglich. Ich hielt sie so wenig aus, dass ich sie immer mit etwas füllen musste. Mit Musik, oder meiner eigenen Stimme. Mit Lärm oder einfach irgendetwas. Schweigend reichte ich Jacoby einen der Kopfhörer, den er dankend annahm und sich ins Ohr steckte. Ich rückte sogar noch etwas näher an ihn, damit das Kabel der Kopfhörer nicht spannte. Und allein aus einem Gefühl heraus, reichte ich ihm meinen heiligen Ipod. Steckte mir selbst einen der Kopfhörer ins Ohr und überließ ihm die Entscheidung darüber was wir hörten.
„Hmh, gute Songs hast du da drauf“, murmelte er grinsend, als er durch die Songs scrollte. Und dann drangen die ersten Töne von Linkin Parks „From the Inside“ aus dem Kopfhörer.
Ich erinnere mich bis heute daran welchen Song er wählte. Was dieser Song zwischen uns änderte. Dieser Erinnerung ist so präsent in meinen Gedanken, dass ich sie nie vergessen werden. Klingt kitschig, aber als wir mal ein paar Konzerte mit Linkin Park gespielt haben (Yeah, genau da hab ich auch die Tasse her), hab ich Chester und Mike dafür gedankt das ihre Musik mich und Coby näher gebracht haben. Uns inspiriert hat, wie so viele andere Bands auch. Den in diesem Moment, auf dem Dach eines Hauses am Sunset, da war dieser Song einer der ersten Funken die uns trafen. So wie Ronnies Funke uns zuvor beim Konzert getroffen hatte.
Bis zum Ende hin hat Chester immer meinen Respekt. Musikalisch wie Menschlich. Auch er hat gekämpft, nur verlor er seinen Kampf, während ich mich noch mitten in ihm befinde.
Rest In Peace Chester
♫
Meine Finger fühlten sich schwer an und ich konnte die getrockneten Tränen auf meinen Wangen spüren. Wischte fahrig meinen Händen über sie. Mein Laptop lag noch offen auf meinem Schoss und Bel lag mittlerweile neben mir im Gras. Völlig entspannt schnurrte der schwarze Kater vor sich hin. Vielleicht spürte er Cobys Präsenz neben uns. Wer weiß das schon.
„Hey, da ist ja unser kleiner Emo“, hörte ich plötzlich eine Stimme. Liebevoll und neckend, obwohl auch in ihr Trauer mitschwang. Überrascht hob ich meinen Blick. Wischte noch mal über meine Augen und starrte auf die kleine Gruppe die sich dem Grab näherte. Jerry, Tony, Tobin, Dave und Johnny kamen auf mich zu. Während Jerry einen Blumenstrauß hielt, trugen Dave und Johnny zwei Tüten von unserem Lieblings Tacoladen.
„Wir dachten wir bringen dir mal was zu Essen vorbei“, meinte Tobin und setze sich zu mir ans Grab. Berührte liebevoll die Schnauze des Löwen, ehe er sich setze.
„Und besuchen unseren Löwen“, fügte Jerry hinzu, der den Blumenstrauß auf die Pfoten der Statur legte und kurz andächtig seine Augen schloss.
„Wir vermissen dich, Kumpel. Ist einfach alles anders ohne dich“, auch Tony setze sich ins Gras. Schenkte mir ein mitfühlendes Lächeln obwohl wir alle im selben Boot saßen. Sie machten mich sprachlos. Allein weil sie alle gekommen waren. Mit Cobys Lieblings Essen. Fahrig klappte ich meinen Laptop zu und wischte mir erneut mit den Ärmeln meines Hoodies über mein Gesicht. Versuchte die neuen Tränen weg zu wischen. Ich schaffte es gerade nicht mal ein Wort raus zu bekommen.
„Ist schon okay. Mir fehlen auch die Worte. Das ist ein harter Tag“, murmelte Tobin, der sich neben mich gesetzt hatte und mich einfach in seine Arme zog. Das sie alle da waren machte mich fertig und wärmte zum anderen mein Herz. Wir waren als Familie hier. Trauerten gemeinsam und würden gemeinsam über alte Geschichten lachen.
„Fuck“, fluchte ich nuschelnd in Tobins Shirt.
„Schon klar, du warst schon immer der emotionale von uns“, lachte Jerry auf, der sich allerdings ebenfalls ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen musste.
Ich konnte das Rascheln der Tüten hören, als Dave und Johnny das Essen auspackten. Wie ein Picknick.
„Ich weiß nicht ob ich was runter bekomme“, murmelte ich schniefend und löste mich langsam von Tobin. Den es nicht zu stören schien, dass er jetzt einen nassen Tränenfleck auf dem Shirt hatte.
„Versuchs. Ich wette du hast heute noch nichts gegessen“, schmunzelte Dave und schob eine der Tüten zu mir. Der herrliche Duft ließ meinen Magen verräterisch knurren. Doch ich spürte keinen Hunger.
„Ich weiß noch wie Coby bei Diskussionen ums Essen immer zu diesem Laden wollte. Egal wie weit weg der war. Und wir dann irgendwann immer nachgegeben haben und dahin laufen mussten“, erinnerte sich Tony.
„Ohja, und dann hatten wir alle schlechte Laune wegen dem langen Weg, aber Coby war total glücklich und meinte es wäre jeden Schritt wert gewesen“, lachte Tobin und schüttelte seinen Kopf etwas bei der Erinnerung.
„Und wie wir nicht der Meinung sein könnten, dass hier wäre das beste Essen der Stadt“
„Ich musste so oft dahin fahren und mitten in der Nacht Tacos für ihn holen“, stöhnte Dave zwischen zwei Bissen.
„Die kannten mich schon alle da mit Vornamen. Es hieß nur noch, oh hey Dave das Übliche?“
Es fühlte sich so normal an mit ihnen hier zu sitzen und in Erinnerungen zu schwelgen, dass ich wirklich das Gefühl hatte mir würde langsam etwas von dem Gewicht von den Schultern fallen. Es war nicht okay, aber es war aus haltbar. Dank meiner Familie. Dank den Leuten, in denen ich eine Familie gefunden hatte. Sie gaben mir das, was mir 16 Jahre meines Lebens gefehlt hatte. Halt und das Gefühl wirklich richtig zu sein.
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