It's just a mirror looking back at me
It's just a mirror looking back at me
Der Nieselregen fiel still und leise vom grauen Himmel. Durchnässte ganz langsam meine Haare und blieb an meinen Wimpern kleben. Eigentlich passte das Wetter unglaublich gut zu meiner Stimmung. Düster und traurig. Etwas nervös, aber bereit diesen Schritt zu gehen. Zögerlich wanderte mein Blick das alte Backsteingebäude nach oben. Verharrte kurz an einem der Fenster ehe ich mich aus meiner Starre löste und die wenigen Stufen zur Tür hinauf ging. Die Tür aufschloss und öffnete.
„Vielleicht hätte ich doch einen Termin vorschieben sollen, aber hier sind wir. Hier hab ich die ersten Jahre meines Lebens gelebt. Hier haben glaube ich meine Dämonen angefangen“, sprach ich dann doch. Meine Stimme klang nicht ganz so fest wie ich sie gern gehabt hätte und meine Hand zitterte leicht. Doch ich ging hindurch und drehte mich dann erst zu Jax um, der vor der Treppe stand und das Haus musterte. Neben ihm stand Nait, den ich geben hatte mit zu kommen. Zum einen als meine mentale Unterstützung, die ich nach meinem Zusammenbruch dringend brauchte, zum anderen weil ich das Gefühl hatte, dass auch er bestimmte Dinge hören sollte. Er hatte Angst, nein Respekt, vor meinen Dämonen und den wollte ich ihm nehmen. Den musste ich ihm nehmen und allein schaffte ich das aktuell einfach nicht.
Nait wechselte kurz einen Blick mit Jax, ehe er vor ging und mir ins Innere folgte. Immerhin war es nicht das erste Mal das wir zusammen hier waren. Jax folgte uns als Letzter und schloss die Tür hinter sich.
„Fühlt sich verboten an hier zu sein. Wie ein heiliger Ort“, kommentierte er es und folgte uns beiden die Stufen nach oben in den dritten Stock.
„Vielleicht weil es das für mich ist?“, auch jetzt klang meine Stimme leise und nicht so fest wie ich es gern gehabt hätte. Doch aktuell fiel es mir einfach schwer sorglos und stark zu sein. Ich war zwar aus meinem Loch gekrochen, in das ich nach Cobys Todestages gefallen war, doch so ganz hatte ich mich davon noch nicht erholt. Vielleicht weil mein Dämon spöttisch am Rande dieses Loches saß und immer wieder damit scherzte mich hinunter zu werfen. Einfach so. Vielleicht aber auch, weil ich es im Grunde selbst war der da am Rande saß und wieder fallen wollte. Weil fallen und sich verstecken leichter war als drüber zu reden und es zu ertragen. Doch ich hatte versprochen darüber zu reden und es zu ertragen, also wollte ich das jetzt auch tun.
„Ist es ohne Frage“ Jax blieb hinter mir und Nait stehen und beobachtete mich dabei wie ich die Wohnungstür öffnete. Uns dieser vertraute Geruch nach meiner Kindheit entgegen schlug. Fast verblasst und überlagert von Staub und der Zeit. Jax diesen Ort zu zeigen fühlte sich anders an als ihn Nait zu zeigen. Anders als ihn damals Coby zu zeigen. Coby wollte ich an diesem Ort ebenfalls ein zu Hause geben, das ihm so sehr fehlte wie mir. Nait wollte ich mehr von mir zeigen. Und Jax? Jax öffnete ich jetzt diese Tür damit wir an meinen Wunden arbeiten konnten. Von Anfang an. So richtig. An keinem anderen Ort fühlte sich mein Innerer Dämon so nahe an wie hier. Ich weiß nicht mal genau wieso. Aber die Wohnung meiner Kindheit schien auch für ihn ein Ort zu sein, an dem er immer wieder zurück kehrte. Vielleicht weil es der Ort seiner Geburt war. Oder einfach weil er eben so nostalgisch war wie ich.
Schweigend trat ich in den Flur, in dem Grannys Mäntel an der Garderobe hingen und ging direkt ins Wohnzimmer. Die Stille hier gefiel mir nicht und so steuerte ich direkt den Plattenspieler an. Legte Moms Lieblinsplatte auf und ließ Jax Zeit alles auf sich wirken zu lassen. Während Nait sich auf das Sofa setze und ich mich auf Grannys Sessel setze, sah Jax sich um. Sein Blick wanderte von den Bildern und Fotos an der Wand zum Matratzen Bett mit den vielen Kissen, zum Plattenspieler und über all die Details meiner Kindheit. Erst nach einer gefühlter Ewigkeit setze er sich neben Nait und sah mich an.
„Ich verstehe das die Villa deines Vaters die Hölle für dich war, wenn du hier aufgewachsen bist“, fing er an und ließ mich dabei nicht aus den Augen. Das ich mich nicht zu Nait gesetzt hatte, sondern den Sessel gewählt hatte schien keine Überraschung für Jax zu sein. Aber ein wichtiges Detail.
„Du sitzt weit weg von uns. Als würdest du Nait vor dir schützen wollen. Warum?“, er hätte vieles Fragen können, doch er fragte genau das. (Fuck, er weiß leider wirklich was er tut. Was zu erwarten war, aber trotzdem, fuck.)
Mein Blick wanderte auf meine Hände, die gefaltet in meinem Schoß lagen. Dachte allerdings nicht so viel über meine Worte nach, wie gedacht.
„Weil ich ihn vor meinem Dämonen schützen will. Ich will nicht das sie was kaputt machen und aktuell fühlt er sich sehr präsent an. Besonders hier. Als würde er im Schneidersitz auf dem Teppich sitzen und abwarten wann sein Moment kommt einen Abgrund zwischen mich und Nait zu bringen“, versuchte ich ihnen zu erklären. Traute mich dabei nicht aufzusehen. Es viel mir schwer darüber zu sprechen.
„Wie kommst du darauf, er wäre erpicht darauf einen Abgrund zwischen euch zu bringen?“, kam die zu erwartende Frage von Jax.
„Weil...“, fing ich an, brach dann allerdings ab und kratze über meinen Handrücken. Hinterließ mit meinen Nägeln feine rote Linien.
„Ich hab Angst ihn zu verlieren und Angst davor das er Angst vor mir bekommen könnte. Weil das immer und immer wieder passiert ist. Weil mich so viele allein gelassen haben. Weil ich es nicht aushalten würde auch ihn zu verlieren. Weil meine scheiß Psyche ein Psycho ist und mir wehtun will“, brach es dann aus mir heraus. Jedoch wagte ich es immer noch nicht einen von beiden anzusehen. Darüber zu reden okay fein, aber es auch zu ertragen war die Hölle für mich.
„Du sprichst von dir selbst als wärst du dein eigener größter Feind. Wie kommst du darauf?“, harkte Jax mit sanfter Stimme nach. Klang kein Stück anklagend. Yeah, wie kam ich eigentlich darauf? Eine verdammt gute Frage. Eine über die ich tatsächlich kurz nachdenken musste. Mit gerunzelter Stirn starte ich den Tiger auf meiner Hand an.
„Vielleicht weil ich mir immer selbst im Weg stehe? Und mich... zerrissen fühle...?“, versuchte ich es ihm zu erklären und schloss meine Augen. Versuchte noch intensiver darüber nachzudenken. Doch Jax nächste Frage traf mich sehr unerwartet.
„Versuch bitte deinen Dämonen für uns zu beschreiben. Wie siehst du ihn selbst? Wie fühlt er sich an? Und warum ist er hier so präsent, obwohl du dich in diesem Ort sicher fühlst?“ Bei seiner letzten Frage öffnete ich meine Augen. Sah ihn verwirrt an.
„Wie kommst du darauf, dass ich mich hier sicher fühle?“, fragte ich ihn irritiert. Über Jax Lippen huschte ein feines Lächeln.
„Weil es so ist. Sonst würdest du keinen Fuß mit deinem Trauma hier rein setzen. Sonst würdest du diesem Ort keine positive Bedeutung mehr geben. Hättest nicht angefangen ihn mit Coby, mit Nait zu verändern und würdest ihn meiden. Du hast hier keine Bilderbuch Sicherheit erfahren, aber eine Art von Sicherheit die dir immer noch was bedeutet. Positiv wie Negativ. Also dein Dämon, wie sieht er aus?“
Mein Blick huschte zu Nait, der mich beruhigend ansah. Er gab sich Mühe mir Sicherheit zu geben. Nicht davor wegzulaufen, sondern es zu verstehen. Auch wenn es schwer und abstrakt für ihn war.
„Eigentlich sieht er mir sehr ähnlich“, gab ich dann zu und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare.
„Absurd?“, fragte ich Jax, der nur den Kopf schüttelte.
„Gar nicht. Meist sehen Innere Dämonen aus wie der Ursprung des Traumas. Er könnte für dich aussehen wie hm, einer der Dealer deiner Mom die dich geschlagen haben. Oder wie deine tote Mom, auch dein Vater oder Chrishell wären möglich. Das er dir ähnlich sieht sagt allerdings eben so viel aus. Verdeutlicht eigentlich nur, dass du dich im Grunde tief in dir drin für alles selbst verantwortlich machst“, meinte er und stieß damit etwas an, dass mir so nicht bewusst war. Ich gab mir an vielen Dingen selbst die Schuld. So gern ich sie auch bei anderen suchte, tief in mir drin gab ich immer mir die Schuld an allem. Ich hätte Mom eher finden können. Hätte mehr Energie in die Beziehung zu meinem Vater stecken können. Hätte mich anpassen können. Und noch vieles mehr. Nur sprach ich es nicht aus.
Jax schmunzelte zufrieden bei meinem Blick. Er schien darin zu lesen, dass er recht hatte und ich es grad erkannt hatte.
„Wenn du sagst, dass du Angst hast das dein Dämon dich und Nait auseinander bringt, dann hast du eigentlich Angst das du es tun wirst. Du, mein Therapeutisches Armageddon, bist wie ein wandelnder Widerspruch. Du sagst zum einen immer, dass dein Dämon dich umbringt und dann sagst du manchmal das ihr nebeneinander Co Existieren könnt. Wie wenn er dich umbringt? Außer du weißt eigentlich das er es nicht tut“, fragte er und jetzt fixierte mein Blick den Teppich, auf dem es sich in meinem Kopf mein Dämon gemütlich gemacht hatte. Mich angrinste und zu sagen schien „Yeah, wie ist das nur möglich, Jackylein?“
„Ist der Tod deiner Granny der Moment gewesen, an dem du sagst dein Dämon wurde geboren, oder ist es der Tod deiner Mom?“, riss mich Jax Stimme aus meinen Gedanken. Und ganz ehrlich? Ich konnte es kaum benennen. Ging tief in mich und versuchte mich zu erinnern.
„Früher. Er war schon davor da“, meinte ich plötzlich ganz leise. Auch das war mir vorher nicht so klar bewusst gewesen.
„Wann?“, harkte Jax erneut nach. Und ich legte meine Stirn nachdenklich in Falten.
„Ich weiß nicht genau. Schon eher. Da hat er glaube ich auf mich aufgepasst wie in Unsichtbarer Freund oder so. Immer wenn ich Angst hatte, weil Mom Besuch hatte. Oder sie und Granny sich gestritten haben“, versuchte ich dieses Gefühl zu greifen. Das mir allerdings wie Sand durch die Finger rann.
„Du hast viel verdrängt und das ist Normal. Das macht eine gesunde Psyche in schlimmen Momenten. Besonders bei Kindern. Es hinterlässt Narben, aber die sehen wir nicht sofort“, erklärte er mir und Nait.
„Und trotzdem müssen wir sie aufarbeiten und dran arbeiten“, sprach er weiter und beobachtete mich ganz genau. Schien meine Unruhe zu spüren und wie schwer es gerade geworden war all das zu ertragen.
„Ist okay, wir können ne Pause machen“, meinte Jax da plötzlich und erhob sich, um ein Fenster zu öffnen. Mir so Raum und vor allem Luft zum Atmen zu geben. Erleichtert darüber schloss ich meine Augen. Zog meine Beine an meinen Körper und seufzte leise, als ich meinen Kopf auf meine Knie legte. Das alles machte mich fertig und wir waren immer noch erst am Anfang. Meine Gedanken drehten sich, ich spürte den intensiven Blick dieses Dämonen auf mir und gleichzeitig fühlte sich mein Körper unglaublich schwer an.
„Wenn wir erst mal bei Coby angekommen sind kannst du mich glaube ich wieder einweisen. Das macht mich fertig“, jammerte ich mit leiser Stimme. Spürte plötzlich eine warme Hand auf meinem Kopf, die durch meine Haare strich.
„Ich glaube so weit wird es diesmal nicht kommen. Ich würde dich zu sehr vermissen“, Naits warme Stimme und besonders seine Worte trafen mich unerwartet. Er stand vor mir und wickelte eine meiner grünen Strähnen um seinen Finger. Lächelte dabei leicht, während ich ihn aus großen Augen ansah.
„Ich meine, du bist echt kaputt. Aber mit Jax fühlt es sich an, als könnten wir das zusammen schaffen. Überleg mal, als wir uns kennengelernt haben dachte ich du bringst dich noch in der selben Nacht um. Du warst so am Ende. Dir war alles so egal“, seine Stimme war etwas leiser geworden, klang ernster als eben aber immer noch so unfassbar warm.
„Und jetzt sitzt du hier und setzte dich mit all der Scheiße auseinander. Stehst wieder auf der Bühne und kannst so stolz auf dich sein. Vom Sextape wieder zurück zum Musikvideo“, scherzte er am Ende und brachte mich so tatsächlich zum Lachen.
„Yeah okay, die Sache hab ich tatsächlich etwas verdrängt“, gab ich leise lachend zu.
„Ich ehrlich gesagt auch, bis Hardin neulich meinte er hätte es online gefunden und.... gesehen“, lachte Nait und schüttelte seinen Kopf über unseren Bassisten.
„Ich sags dir, dass hat mich eifersüchtig gemacht. Gleichzeitig wurde ich neugierig weil ich mich nie getraut habe es anzusehen und dann war ich etwas... stolz? Ist das dass richtige Wort dafür? Jedenfalls dachte ich mir das dass da mein Freund ist und der heiße Kerl jetzt mir gehört. Mit Herz und Seele und das auch noch nüchtern. Diese Schlampen werden nie erfahren wie es ist nüchtern mit dir zu schlafen“, haute er dann einfach raus. Seinen Worten folgte eine kurze Stille. Ich starrte ihn perplex an, Jax stand am Fenster und hatte seinen Kopf zu uns gedreht. Starrte Nait eben so fassungslos an wie ich. Doch dann fing ich mich wieder und meine Fassungslosigkeit löste sich in einem befreiten Lachen.
„Okay wow Naity so denkst du also darüber?“, lachte ich und legte meine Hände auf seine Wangen, zog ihn dann zu mir herunter um ihn zu küssen. (Der Kerl macht mich so fertig. Im Ernst komplett fertig.)
„Wenigstens braucht ihr beide keine Paartherapie“, kommentierte Jax das Ganze schmunzelnd.
„Wie wärs wenn ich uns was zu Essen hole und danach machen wir weiter? Ich bin noch nicht fertig mit dir, Napier. Überleg dir schon mal, welcher Song deinen Dämonen am besten beschreibt“, grinste Jax, ehe er mich und Nait tatsächlich kurz allein ließ. Mich so Kraft sammeln ließ. Eben weil er wusste wie dringend ich das brauchte. (Danke Jax.)