LNCrawler

Dancing on the graves of the lucky one

Harlekin — www.fanfiktion.de · All chapters

Dancing on the graves of the lucky one

Das lustige daran sich irgendwo einzuschleichen ist eigentlich, dass es so einfach ist. Selbst wenn man so auffällig war wie ich. Man musste einfach nur so tun, als würde man hier hin gehören. Klar einige aus der Crew sahen uns fragend an, doch keiner schien unser Auftauchen zu hinterfragen. Wir hatten uns dazu entschieden einfach hinter der Bühne zu bleiben und uns auf zwei Equipment Kisten am Bühnenrand zu setzen. Von hier aus hatten wir einen guten Blick auf die Bühne. Ihr Bühnenbild war recht schlicht. Bestand größtenteils aus den Instrumenten und einer Videoleinwand dahinter. Der Band Name sagte mir etwas, aber ich hatte tatsächlich kein genaues Bild vor Augen. Was mich nur umso gespannter machte.

„Also, warum sind wir hier?“, fragte ich Nait, während um uns herum fremde Laute mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt waren. Nait neben mir grinste unschuldig und zuckte mit den Schultern.

„Wenn ich nur so sage, glaubst du mir nicht oder?“, fragte er und allein mein Blick sprach Bände.

„Kein Stück“

Kurz zuckte ein Schmunzeln über seine Lippen, ehe er etwas aus seiner Hosentasche holte. Ein kleines schwarzes Säckchen.

„Ich weiß, du wolltest dieses Jahr deinen Geburtstag nicht feiern. Ich weiß auch das du ihn nie wirklich feierst und immer mit Coby weg warst. Und ich weiß auch, dass er schon eine Weile her ist. Ich wollte schon eher mit dir was machen, aber... naja Dinge kamen dazwischen“, begann er und holte aus dem Säckchen vier kleine Armbänder. Sie waren eigentlich nicht mehr als dünne Lederbänder an denen silberne Perlen hingen. Jedes war verschieden. Eines besaß kleine schwarze und silberne Perlen, während mittig ein kleiner Ring befestigt war der Aussah wie ein Halsband. Eines besaß ebenfalls die feinen schwarzen und silbernen Perlen, nur hing in der Mitte ein silbernes Herz dessen Mitte strahlend Grün war. Und die letzten beiden sahen identisch aus. Zwischen das Silber und Schwarz der anderen Perlen waren dunkel Rote Perlen befestigt. Sie sahen aus wie Bluttropfen.

„Ich weiß, ich weiß es klingt jetzt etwas kitschig, aber das sind Schwurbänder“, fing er an zu erklären, während mein Blick ungläubig auf den Armbändern lag. Wir waren also hier weil er meinen Geburtstag feiern wollte? Nein halt, der ganze Tag war zustande gekommen, weil meine Familie meinen Geburtstag feiern wollte. Ohne das ich es gerafft hatte. Allein die Tatsache rührte mich fast zu Tränen. (Ihr wisst doch, ich bin viel näher am Wasser gebaut als ich zugeben will...)

„Was?“, fragte ich ungläubig nach und sah jetzt in seine Augen. Nait grinste leicht und drehte die Bänder zwischen seinen Fingern.

„Schwurbänder. Wenn man sie umlegt verspricht man sich etwas, schwört auf etwas. Egal was. Und die Bänder dienen als Erinnerung daran. Ich dachte mir, dass es eine schöne Idee für dich wäre. Um gewisse Dinge nicht zu vergessen“, erklärte er mir und räusperte sich leicht.

„Drei für dich, eines für mich“, meinte er und legte mir die Armbänder in die Hand. Behielt dabei eines der Roten Armbänder.

„Fuck... das ist so süß, kitschig, perfekt von dir“, raunte ich und starrte die Armbänder in meiner Hand an.

Es war nur eine Kleinigkeit, aber er hatte sich Gedanken gemacht und sie gehörten zu diesem wunderschönen Tag, den er mir geschenkt hatte.

„Naja, nenn es egoistisch, aber ich hatte das Bedürfnis den Geburtstag meines Freundes zu feiern. Einen Monat später“, lachte er leise und lehnte sich an mich, als er sich sein Armband umband. Er schloss seine Augen und berührte die Perlen mit seinen Fingerspitzen.

„Ich schwöre, mit dir durch dick und dünn zu gehen. Auch wenn es nicht immer einfach sein wird. Ich schwöre, dir am Ende des Tages immer zu zuhören“, raunte er, seine Stimme ging dabei fast im Lärm der Bühne und des Clubs unter. Doch für mich waren seine Worte glasklar zu hören. Er sagte es so selbstverständlich, dabei waren seine Worte für mich voller Bedeutung. Mehr als wenn er geschworen hätte mich immer zu lieben. Den ein offenes Ohr war so oft, so viel mehr wert.

Ohne groß drüber nachzudenken schlang ich meine Arme um ihn und drückte ihn an mich. Dankbar für diesen unglaublichen Typen. Nait lachte an meiner Brust leise auf.

„Hey, jetzt bist du dran. Du kannst deinen Schwur leise oder laut sagen. Beides zählt“

„Okay, warte“, lache ich leise und drückte ihn noch kurz an mich, ehe ich ihn los ließ und meine Armbänder betrachtete. Drei Stück.

„Warum drei?“, fragte ich Nait neugierig.

„Ich konnte mich nicht entscheiden und dann dachte ich mir, du hast wahrscheinlich einiges zu schwören“, erklärte er mir und tippte auf mein Handgelenk. Nachdenklich betrachtete ich meine Armbänder. Nahm dann das Erste, dass rote das auch Nait besaß und band es mir um.

„Ich schwöre, dass ich immer mit dir reden werde. Egal wie schwer es sein wird, ich werde mit dir über alles sprechen. Jeden noch so verfluchten Gedanken“, schwor ich dann, legte meine Finger dabei, so wie Nait es getan hatte, an die Perlen. Es fühlte sich richtig an diese Worte zu sagen. Es ihm und mir selbst zu schwören. Mich mit diesem Armband daran zu erinnern.

Nait schwieg, legte aber seine Hand auf mein Bein. Meine Worte bedeuteten ihm eben so viel wie mir selbst. Vielleicht sogar noch etwas mehr. Dann nahm ich das Armband mit dem grünen Herzen. Ich drehte es etwas in meinen Fingern. Betrachtete das Herz und biss leicht auf meine Lippe.

„Ich schwöre, dass ich Coby nie vergessen werde. Nie vergessen werde, was er mir beigebracht hat. Was ich mit und durch ihn gelernt habe. Ich schwöre, dass er durch mich und meine Musik weiter lebt“, sprach ich dann meine Gedanken aus. Meine Stimme klang etwas kratziger als eben, brüchiger, aber auch entschlossen. Aus einem Impuls heraus schloss ich meine Finger um das Armband, ehe ich es mir umlegte und das grüne Herz neben den roten Perlen betrachte. Coby und Nait. Zwei Menschen die einfach zu mir dazugehörten.

Nait strich bestätigend über mein Bein. Ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte bei dem Armband also auch an Coby gedacht. Eine Tatsache die mich rührte. Den Nait akzeptierte diesen Teil von mir einfach. Auch wenn es nicht immer einfach für ihn war. Dann nahm ich das dritte Armband und band es mir um, direkt neben die zwei anderen.

„Und ich schwöre, dass ich der Musik und meiner Familie nie wieder den Rücken zuwenden werde. Ich werden nie wieder vergessen, dass ich sie zum leben brauche und wie oft sie mir schon das Leben gerettet hat“, schwor ich feierlich und betrachtete die drei Armbänder an meinem Handgelenk.

Nait, Coby, Musik.

Drei der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Wortlos drehte ich mich zu Nait und küsste ihn. Dankbar und innig. Er lächelte an meinen Lippen, schien für einen Moment komplett darin zu versinken, ehe plötzlich laute Live Musik von der Bühne zu uns drang. Wir hatten komplett verpasst wie die Band auf die Bühne gekommen war und begonnen hatte zu spielen. Nait zuckte überrascht zusammen und löste sich mit einem Lachen von mir.

„Okay, können wir kurz drüber reden das wir hier einfach sitzen und keiner es hinterfragt? Das sollte nicht so einfach sein“, lachte er ungläubig und sah zur Bühne hinüber auf der ein Typ mit grünen Haaren stand und anfing zu singen.

„Ist es, wenn man weiß wie“, lachte ich und sah ebenfalls zur Bühne hinüber.

„Ich glaube ich kenn ihn, aber ich weiß seinen Namen nicht mehr. Aber Typen mit meiner Haarfarbe merk ich mir immer. Er war cool, haben uns mal auf einem Festival kennengelernt“, erzählte ich Nait und überlegte wie der Name des Sängers war.

„Wundert mich nicht wirklich“, lachte mein Freund und warf einen kurzen Blick auf meine Haare. Kurz beobachtete ich die Band auf der Bühne grinsend, ehe ich zurück zu Nait sah, mein Blick dabei auf einen Fotografen fiel der seine Kamera gerade zur Seite legte und kurz verschwand. Was mich auf eine Idee brachte.

„Hey, wetten ich kann mich auf die Bühne schleichen?“, fragte ich Nait und rutschte bereits von der Kiste. Nait sah mich perplex an, lachte dann allerdings auf.

„Du? Schaffst du niemals. Dafür fällst du wirklich zu sehr auf“, lachte er und schien selbst viel Spaß an alle dem hier zu haben.

„Ohhh dann wetten wir“, kicherte ich und überlegte kurz.

„Wenn ich es schaffe dann machst du mir morgen zum Frühstück Pancakes. Wenn ich auffalle mach ich dir welche“, schlug ich vor. Nait hob grinsend eine Augenbraue, nickte dann allerdings zustimmend.

„Okay Deal. Dann versuch mal dein Glück, mein grünhaariger Chaosprinz“, spottete er.

„Kinderspiel“, meinte ich nur und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. Schlenderte dann los und schnappte mir die unbeobachtete Kamera von dem Typen, alles unter Naits ungläubigen Blick. Wenn ich mich recht erinnerte dann würde die Kamera live die Bühne filmen und das Material direkt live auf die Leinwand hinter der Bühne übertragen. Und wenn ich mich noch recht erinnerte, dann liebte ihr Frontmann es mit der Kamera zu spielen. (Schien an der Haarfarbe zu liegen, den ich liebte das auch.)

Und während ich einfach so, mit der Kamera, auf die Bühne schlenderte, murmelte Nait ungläubig ein: „Das klappt nie. Er ist doch verrückt“

Tatsächlich wurde ich auf meinen Weg auf die Bühne überrascht angesehen, aber niemand hielt mich auf. Ich schaltete also die Kamera an und betrat die Bühne des Roxys. Auf der gerade eine völlig andere Band spielte und dessen Publikum laut jubelte, als sie den nächsten Song anspielten. Ihr Drummer sah mich tatsächlich kurz irritiert an, als ich an ihm vorbei ging und mit der Kamera auf seine Hände summte die auf die Drumms einschlugen. Doch ehe er auch nur die Chance hatte etwas zu sagen zog ich weiter. Bewegte mich dabei einfach zu ihrer Musik und ihrem Vibe mit. Filmte kurz ihren Gitarristen, der mich kaum bemerkte, da er so vertieft in den Moment war. Und dann zog ich weiter zu ihrem Frontmann. Der vorn auf der Bühne alles gab und dessen Haarfarbe meiner so ähnlich war. Nur war sein Grün etwas heller und ausgewaschener als meines. Ansonsten gab der Mann, der eine Art Anzug mit ihrem Bandlogo auf dem Jackett trug, wirklich alles.

Kaum war ich an seine Seite getreten, um ihn besser einfangen zu können, drehte er sich zu mir und spielte mit der Kamera. Hatte sichtlich Spaß dabei und schien kaum auf den Mann hinter der Kamera zu achten. Erst als er seine Hand in meinen Nacken legte und mich zu sich zog, um passend zum Song so zu tun als würde er mich erwürgen, hielt er kurz inne. Starrte erst auf meine Haare, dann in mein Gesicht. Überraschung spiegelte sich in seinem Blick wieder und er verpasste kurz seinen Einsatz. Fing sich dann allerdings wieder und ließ mich los. Hörte allerdings nicht auf mit der Kamera zu spielen. Nur hatte er jetzt ein noch breiteres Grinsen auf den Lippen. Er streckte seine Hand nach mir aus, lud mich ein mit ihm zu singen. Was ich mir nicht zwei mal sagen ließ. Ihn immer noch filmend lehnte ich mich etwas vor, um die nächste Zeile des Refrains mit ihm zusammen in das Mikro in seiner Hand zu singen. Etwas das unerwartet viel Spaß machte. Auch der Rest der Band und das Publikum schienen langsam zu merken WER da plötzlich mit auf der Bühne stand. (Ich will nicht angeben... aber mich kennt man einfach. Allein durch meine Haarfarbe.)

„Jack fucking Napier!“, brüllte ihr Frontsänger, an dessen Namen ich mich immer noch nicht erinnern konnte, atemlos ins Mikro. Fuck, damit hatte ich die Wette mit Nait wohl verloren. Lachend verbeugte ich mich vor ihm und nahm seine Hand, die er mir entgegen streckte. Ließ mich von ihm in eine Umarmung ziehen.

„Sorry, wollte ne Wette gewinnen“, erklärte ich ihm frech grinsend und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare. Brachte ihn damit zum Lachen. Er schien mir deswegen nicht böse zu sein.

„Sorry? Das ist echt ne coole Überraschung“, meinte er und fragte dann gespannt nach:

„Hast du sie gewonnen?“

„Nope, verloren“, gestand ich ihm und brachte ihn und das Publikum damit erneut zum Lachen.

„Hey, wenn du schon mal hier bist“, sprach er weiter und schien tatsächlich echt glücklich zu sein das ich ihren Auftritt durcheinander brachte.

„Bock einen Song mit uns zu singen? Du hast mich nicht nur mit deiner Haarfarbe inspiriert“, fragte er hoffnungsvoll. Was irgendwie niedlich war, den der Frontsänger war viel älter als ich und trotzdem schien ich für ihn etwas besonderes zu sein. (Mein Funke schien also auch ihn mal getroffen zu haben. Verrückt.)

„Hab ich das?“, fragte ich ihn und fuhr ohne zu fragen mit meinen Fingern durch seine verschwitzten grünen Strähnen.

„Steht dir, Lee“, grinste ich, während ich mich endlich an seinen Namen erinnerte.

„Danke, das von dir zu hören ist verdammt cool“, lachte er und legte seine Hand auf meine Schulter. Lehnte sich etwas mehr zu mir und sah mich verschwörerisch an.

„Man munkelt über dich, du bist Meister darin spontan mit anderen zu singen. Also hält sich mein schlechtes Gewissen dich jetzt mit Mad World zu überfallen in Grenzen. Testen wir das doch einfach mal, ja?“, fragte er zum Ende hin. Worauf ich ihm einen spöttischen Blick zu warf.

„Oh, munkelt man das über mich? Na dann“, grinste ich und nahm das Mikro entgegen, dass mir einer aus der Crew eilig gebracht hatte. Der eigentliche Kameramann hatte sich im übrigens wieder seine Kamera geschnappt. Er schien nur so mittelmäßig glücklich darüber zu sein, dass ich sie mir ausgeliehen hatte.

Mit einer kurzen Verbeugung und einer fließenden Handbewegung bedeutete ich Lee weiter nach vorn zu treten, kaum setze die ikonische Melodie dieses Klassikers von Michael Andrews ein. Lee bedankte sich mit einer leichten Verbeugung und übernahm somit den Anfang. Neugierig darauf, wie ich mich einklinken würde.

„All around me are familiar faces

Worn out places, worn out faces

Bright and early for their daily races

Going nowhere, going nowhere“

Kurz schloss ich meine Augen, konzentrierte mich auf die Melodie und seine Stimme. Auf den Vibe der Band, der bei diesem Song ruhiger und andächtiger war. Auch seine Stimme hatte einen andächtigen Klang angenommen, dem ich mich einfach anpasste. Es musste nicht perfekt sein, den grad zählte nur der Moment und die Musik. Das Publikum jubelte begeistert auf, als meine Stimme sich unter seine mischte und ich zu ihm trat. Meinen Arm einfach locker um seine Schultern legte.

Their tears are filling up their glasses

No expression, no expression

Hide my head, I want to drown my sorrow

Lee drehte beim singen seinen Kopf zu mir. Strahlte mich an und schien eben so viel Spaß an dieser spontanen Sache zu haben wie ich. Etwas das ohne Nait nicht zustande gekommen wäre. Ich schuldete ihm eigentlich mehr als ein Frühstück. So viel mehr als das.

♪