I'll be your entertainment
I'll be your entertainment
Meist sind Erinnerungen mit dem Schleier der Nostalgie überzogen. Egal wie schlimm etwas war, in ein paar Jahren kommt es einem nicht mehr ganz so übel vor. Weil hey, man hat den Scheiß immerhin überlebt. (Jedenfalls bei den meisten Dingen)
Worauf ich irgendwie hinaus will... ich hab mich ziemlich lange davor gedrückt weiter zu schreiben. Ich weiß nicht mal genau warum. Yeah okay, ich vermiss Cob. Werd ihn dadurch noch mehr vermissen, aber gleichzeitig tut es so gut in diesen Erinnerungen zu schwelgen. Tja, ich denke ich hab mich ne Weile einfach nur nicht stark genug gefühlt mich zu erinnern. Aber, ich habe einen Schwur zu erfüllen!
Hm, wo bin ich eigentlich stehen geblieben und wo geht’s weiter? Ich weiß noch das wir uns das nächste Mal wieder Abends am Roxy trafen und ziemlich unverfänglich durch die Straßen schlenderten. Ohne Ziel, oder Plan. Es war einer dieser Abende an denen es keine großen Worte brauchte. Wir verstanden uns auch mit wenigen Worten. Besonders ich war recht schweigsam wegen der Situation zu Hause. Vielleicht passte sich Coby nur meiner Stimmung an, oder ihn belastete in dem Moment selbst etwas. Immerhin war auch er kein unbeschriebenes Blatt Papier. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich es nicht genau, aber ich spürte es. Seine Aura und gesamte Ausstrahlung schrie nach Problemen und Dämonen. Eben genau wie meine.
Das Beste wenn man ohne Plan unterwegs war, war, dass man ganz neue Ecken der Stadt fand. Besonders wenn man wie wir, dachte es gebe keinen Grenzen. (Eine Einstellung die wir bis zum Ende vertraten und zu der ich immer noch stehe. Ich meine, Grenzen sind nur da, weil man sie sich selbst setzt!)
Worauf ich hinaus will, ich erinnere mich noch genau daran wie wir an diesem Abend in einer üblen Ecke der Stadt landeten. Zwei verlorene Seelen zwischen vielen. Die Stimmung zwischen uns war drückend und keiner konnte genau sagen warum. Irgendwann strandeten wir auf der rostigen Feuertreppe eines alten Hauses. Wir ließen die Beine zwischen dem Geländer herunterbaumeln und teilten uns eine Zigarette, während wir wieder über meine Kopfhörer Musik hörten.
„Ach fuck, ich hab keine Lust mehr auf diese Stimmung“, entfuhr es Jacoby frustriert während er mir die fast abgebrannte Zigarette aus den Fingern nahm.
„Was ist dir über die Leber gelaufen? Ich hatte n richtig scheiß Tag. Hatte Streit mit meinem Mitbewohner wegen na Kleinigkeit“, erzählte er mir dann und drückte die Zigarette am Boden der Feuertreppe aus.
„Was für ne Kleinigkeit?“, harkte ich nach und sah ihn interessiert an. Er war so alt wie ich und hatte einen Mitbewohner anstatt eine Familie?
„Weil ich meine Sachen im Haushalt nicht mache und die gesamte Nacht weg war. Er droht damit mich rauszuwerfen“, schnaubte er und sah mich mit einem genervten Funkeln in den Augen an.
„Und dann sitz ich wieder auf der Straße“
„Klingt scheiße. Wie lange warst du auf der Straße?“, fragte ich ihn, woraufhin Jacoby das Gesicht verzog. Kurz dachte ich er würde mir nicht antworten. Warum sollte er auch?
„Lang genug und immer wieder. Ich will das nicht noch mal durch machen“, meinte er dann plötzlich und klang dabei so unglaublich erschöpft. Mit einem tiefen Seufzten lehnte er seinen Kopf an meine Schulter.
„Hast du eigentlich ein zu Hause?“
„Ich würds nicht zu Hause nennen“, gab ich seufzend zu und lehnte meinen Kopf an seinen. Es fühlte sich so verdammt vertraut an, obwohl wir fast noch Fremde waren.
„Wieso?“, harkte er nach und schien sich nicht an der plötzlichen Nähe zu mir zu stören.
„Weil mich diese Familie nicht will. Seit meine Mom....“, ich hielt inne noch ehe ich das Wort gestoben aussprechen konnte. Allein der Gedanke daran wühlte mich auf. Brachte mich aus dem Konzept und sorgte dafür das ich über meinen Handrücken kratzte.
„Nicht mehr da ist, wohn ich bei meinem Vater und seiner Familie. Mehr Geld als Menschlichkeit und niemand will mich da haben. Ich bin wie ihr dreckiges Geheimnis. Kein Teil der Familie“, begann ich ihm dann zu erzählen. Was seltsam war, den ich hatte das noch nie einfach so jemanden erzählt. Nicht mal Maddox und der war mal so was wie mein bester Freund gewesen. Nur Jax in der Klinik hatte davon gewusst. Allerdings auch nur, weil es in meinen Berichten stand.
„Ich bin für sie der gestörte Junge, den sie aufgenommen haben. Den sie in eine Klinik abgeschoben haben. Der nur Probleme macht und nicht in ihre Welt aus Geldscheinen und importierten Marmor gehört“, während ich es ihm erzählte nahm meine Stimme einen verbitterten Ton an. Es tat weh. Es kotze mich an. Ich war trotzdem machtlos.
„Fuck, im Ernst?“, lachte Jacoby ungläubig auf und schielte zu mir hoch. Er schien zu spüren wie sehr mich das Thema aufwühlte, weswegen er vielleicht noch nicht all die Fragen stellte, die ihm unter den Nägeln brannte.
„Willkommen im Club der Gestörten. Dein Dad hat also mehr Geld als Seele?“, scherzte er locker und brachte mich trotz des Themas zum grinsen.
„So viel mehr Geld als ne Seele. Er ist CEO einer Milliarden schweren Firma. Ist schon mit Geld aufgewachsen und fuck ist das ne irre Welt. Wusstest du das man zwischen alten und neuen Geld unterscheidet?“, erzählte ich ihm mit einem bitteren Lachen.
„Woher soll ich das wissen? Fuck J, ich hab nicht mal Geld für neue Schuhe“, lachte er an meiner Schulter.
„Erklär mir das mit dem alten und neuen Geld mal. Wo ist der Unterschied? Ist Geld nicht einfach nur Geld?“, er klang genau so verwirrt über diese Sache wie ich damals.
„Ohhh du hast keine Ahnung“, grinste ich und schnippte neckend gegen seinen Hinterkopf.
„Wenn du altes Geld hast bist du was besseres, weil du ja schon viel länger reich warst als dieser Pöbel, der erst reich wurde. Das ist so dumm. Ehrlich an meiner Schule ist das so ein dämlicher Klassenkampf zwischen denen. Ich könnt mich jeden Tag da erhängen. Zwischen diesen Kids fühl ich mich so fehl am Platz und die Uniform erst“, stöhnte ich und merkte gar nicht wie ich ihm mal eben so von meinem Leben erzählte. Das war das Ding bei Coby, bei ihm konnte ich über alles sprechen. Ohne Hemmungen oder mir Gedanken über seine Reaktion zu machen. Er machte es einem leicht. Was gerade jemanden wie mir unglaublich zugute kam. Jacoby machte übertriebene Würggeräusche bei meiner Erzählung.
„Das klingt wie meine persönliche Hölle. Mein Beileid. Ehrlich. Wie schaffst du das?“, fragte er mich mit einem wirklich erschütterten Tonfall in der Stimme, ehe er selbst drüber lachen musste.
Dadurch das sein Kopf immer noch auf meiner Schulter lag, spürte ich sein ehrliches Lachen in meiner Brust vibrieren.
„So wenig wie möglich hingehen. Vor den wirklich schlimmen Stunden Gras rauchen und heimlich Musik im Unterricht hören. Besonders nicht hingehen ist meine Lieblings Strategie“, weihte ich ihn grinsend ein.
„Würde ich genau so tun“, lachte er erneut und löste sich dann etwas von mir, fuhr sich mit den Fingern durch die blonden Haare.
„Klingt übrigens als ob du auch der Außenseiter bist. Bin ich auch. Der Junge ohne Familie von dem man sich lieber fernhält. Lange Geschichte und ich kanns grad nicht erzählen ohne durch zu drehen“, murmelte er, wobei ein trauriger Schimmer in seinen Blick trat. Und ich verstand ihn. Verstand was er sagen wollte und nicht konnte. Verstand wie er sich fühlte. Er musste nichts sagen damit ich ihn verstand. Ich tat es auch so. Als würde ich seine Gedanken lesen können. Schweigend zog ich ihn deswegen in eine innige Umarmung. Eine die mehr sagte als Worte es konnten.
„Yeah, genau so“, murmelte er und ich konnte spüren wie sich seine angespannten Muskeln in meiner Umarmung lösten.
„Lust auf was lustiges, Coby?“, fragte ich ihn plötzlichen und nutze unbewusst zum ersten Mal diesen Spitznamen für ihn.
„Klar immer doch“, lachte er in meiner Umarmung.
„Perfekt. Dann lass mich für heute Abend dein Unterhaltungsprogramm sein. Ich übernehme keine Garantie für irgendwas und es gibt kein Safe Word“, klärte ich ihn mit einem diabolischen Grinsen auf, als ich mich aus der Umarmung löste und eigentlich noch gar keinen Plan hatte was ich mit ihm vor hatte. Aber das würde sich schon ergeben. Tat es immer. Besonders mit ihm.
♪
Tatsächlich endete die Nacht damit, dass wir lachend vor der Polizei wegliefen. Yeah, ich weiß kam auch für uns damals überraschend. Wer hätte den damit rechnen können, dass unerlaubtes betreten eines Grünstückes wirklich unerlaubt war? Oder eher, wer rechnete den damit das da ein Sicherheitsdienst rum lief? Wir nicht.
„Schneller!“, brüllte Jacoby mich an, der gerade elegant um eine Ecke rannte und mich wenige Sekunden später an meinem Hoodie in einen dunklen Hauseingang zog. Er drückte seine Hand auf meinen Mund noch ehe ich einen überraschten Laut von mir geben konnte. Er drückte mich so eng an seinen Körper, dass ich spüren konnte wie sich seine Brust schnell hob und senkte. Eine Nähe die mich schlichtweg überrannte und sie aufsog wie ein Schwamm. Nähe war etwas in meinem Leben, dass schon immer zu kurz gekommen war. Egal ob Körperlich oder Emotional. Ich sog sie auf wie ein Ertrinkender. Ich merkte nicht mal wie ich mich unbewusst näher an seinen Körper schmiegte. Wir waren so gut im Schatten verborgen, dass die zwei Polizisten die uns verfolgten einfach an uns vorbei rannten. Wir standen noch eine kleine Ewigkeit eng aneinander gedrückt im Schatten des Hauseingangs. Gingen wirklich auf Nummer sicher, dass wir nicht mehr verfolgt wurden. Erst dann nahm Jacoby seine Hand von meinem Mund und wischte sie frech grinsend an seiner Hose ab.
„Du Klammeräffchen hast mich angesabbert“, stellte er spöttisch fest.
„Halt die Klappe, oder ich leck dich richtig ab“, drohte ich ebenfalls grinsend und streckte ihm zur Verdeutlichung meiner Drohung meine Zunge heraus.
„Jetzt hab ich aber Angst“, schnaubte er und lehnte sich vor, leckte quer über meine Wange und striff dabei meine Nase mit seiner Zunge. Angewidert verzog ich mein Gesicht und wischte mit meinem Ärmel über meine Nase.
„Eklig, doch nicht die Nase. Jetzt rieche ich deine Sabber“, jammerte ich und wischte noch mal übertrieben über meine Nase. Was Jacoby allerdings nur mit einem Lachen kommentierte und sich an mit vorbei aus dem Hauseingang schob.
„Scheint so als hätte ich dein Kryptonit gefunden. Merk ich mir. Wenn du frech wirst leck ich dir über die Nase“
„Wenn du das machst leck ich über deine“, drohte ich murrend und folgte ihm. Was er nur spöttisch lachend kommentierte.
„Jacky, ich bin unverwundbar. Am Ende find ich das noch heiß“, neckte er mich und schenkte mir ein anzügliches Grinsen. Eines das ich lieben lernen würde, aber als ich es zum ersten Mal sah machte es mich einfach nur sprachlos. Er war mein Kryptonit. Nicht seine Sabber auf meiner Nase. (Auch wenn das echt eklig ist. Das hasse ich bis heute und jeder der jetzt versucht meine Nase an zu lecken bekommt einen meiner besten Strafenden Blicke!)
„Wenn du das heiß findest, dann verlierst du augenblicklich all meinen Respekt vor dir, Coby“, drohte ich ihm spöttisch und fuhr mit den Fingern durch meine Haare.
„Ohnein! Nicht der Respekt, vom respektlosesten Typen den ich in ganz L.A. kenne!“, rief er lachend und warf mir einen provozierenden Blick zu. Den ich nur zu gern erwiderte.
„Meinst du nicht eher, der einzige Respekt den du bekommst?“, schoss ich zurück und lehnte mich an die Hauswand in meinem Rücken.
„Was man nie hatte, vermisst man nicht oder? Irgendwann wird die gesamte Welt Respekt vor mir haben. Vor uns“, grinste er und lehnte sich neben mich. Angelte sich aus meiner Hoodie Tasche Feuerzeug und den Joint den wir uns aufgehoben hatten.
„Warum sollte sie?“, harkte ich nach und überließ ihm den ersten Zug. Jacoby blies den Rauch in die Luft und ließ sich etwas Zeit mit seiner Antwort. Erst als er mir den Joint reichte beantwortete er meine Frage.
„Weil wir verdammt krasse Musiker werden. Deswegen“
„Wir sind nicht mal ne Band“, erwiderte ich und nahm selbst einen tiefen Zug. Ich liebte die Musik, aber wirklich daran zu glauben es mit eigener Musik zu schaffen kam mir in dem Moment unerreichbar vor. Niemand liebte mich. Niemand wollte mich. Warum sollte ich also Erfolg haben?
„Klar sind wir das. Ab jetzt. Hab grad eine mit dir gegründet“, meinte er komplett ernst und sah mich von der Seite an. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und hob spöttisch eine Augenbraue, blies ihm den Rauch ins Gesicht.
„Achja? Wie heißen wir? Kannst du überhaupt ein Instrument spielen? Singen? Irgendwas?“, meine Stimme klang mehr als skeptisch, auch wenn seine Idee verlockend klang.
„Hab ne Gitarre, die ich einigermaßen spielen kann und Schlagzeug hab ich auch mal ausprobiert. Bekomm ich schon hin und singen? Easy“, ein breites Grinsen legte sich auf seine Lippen. Selbstsicher und entschlossen.
„Und du? Was kannst du so? Ich will keinen untalentierten Idioten in meiner Band“, neckte er mich, wobei er bereits in den Genuss meiner Stimme gekommen war. Zwar nicht im vollen Umfang, aber ich hatte ab und zu leise die Songs mit gesungen die wir zusammen gehört hatten. Ehe ich ihm überhaupt antwortete nahm ich noch einen Zug. Ließ ihn etwas zappeln.
„Ich kann singen und Gitarre spielen. Habs als Kind von einem Punk auf der Straße gelernt und von meiner Granny hab ich das Klavier spielen gelernt. Muss ich dir noch was vorspielen, damit du mir glaubst?“, fragte ich ihn spöttisch. Jacoby hob komplett ernst eine Augenbraue und nickte.
„Klar. Du musst das Vorspielen gewinnen für einen der begehrten Plätze in Below Zero “
„Below Zero? Wie kamst du jetzt darauf?“
„War das erste das mir eingefallen ist und wir sind aktuell an einem Punkt unter Null“, erklärte mir dieser Blonde Verrückte mit einem breiten Grinsen.
„Klingt logisch. Vielleicht spiel ich für deine Band vor“ Ich tat so als müsste ich da ernsthaft drüber nachdenken.
„Wie viele Konkurrenten hab ich?“ Jacoby tat so als würde er jetzt scharf nachdenken müssen, ehe er mich mit einem Todernsten Blick ansah.
„Einen Haufen und der eine kann Tuba spielen. Sind bestimmt... uff...“, er wiegte seinen Kopf nachdenklich hin und her.
„Unter Null Konkurrenten für dich. Wird hart werden“, meinte er komplett ernst und trocken. Für einige Sekunden starrten wir uns einfach nur an. Völlig ernst. Ehe wir beide in lautes Lachen ausbrachen.
„Ich werd mich richtig anstrengen müssen. Sag mir wann und wo und ich werd da sein. Nachdem ich drei Nervenzusammenbrüche hatte und geweint hab“, scherzte ich lachend.
Damals hatte ich absolut keinen Plan was aus dieser Idee von Below Zero werden würde. Fuck, nicht mal Coby hatte eine Ahnung was draus werden würde und was passieren würde wenn wir zusammen Musik machten. Welche Magie das zwischen uns war und was es alles verändern würde. Bisher waren wir zwei Freunde die sich grad erst gefunden hatten und verdammt gut verstanden. Aber sobald die Musik so richtig dazu kommen würde... würden wir merken das wir mehr als nur Freunde waren. Wie nahe sich unsere Seelen wirklich waren und wie sehr wir auf einer Wellenlänge waren. Wie aus Below Zero Harlekin werden würde.
Aber eines nach dem anderen.
Ich meine, ich musste ja erst noch ein Vorsprechen gewinnen. Und der eine Typ kann Tuba spielen. Harte Konkurrenz also!
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