My screws are loose, but the joke's on you
My screws are loose, but the joke's on you
Der letzte Tag im Oktober hatte es irgendwie spielend leicht ganz nach oben auf meine Liste meiner Lieblings Feiertage geschafft. Was, wenn man es rein rational betrachtet doch keine so große Überraschung war. Weihnachten war für mich nie das traumhafte, magische Fest gewesen das sie überall anpriesen. Als ich klein war bei meiner Mom, war dieses Fest noch ganz okay gewesen. Auch wenn diese Tage meist die waren, in denen Mom noch schwerer als eh schon aus dem Bett kam. Aber es hatte etwas gemütliches gehabt mit ihr nichts zu tun und Weihnachtsplatten zu hören. Bei den Whitleys war Weihnachten ein funkelndes Fest mit diamantenen Schneeflocken, aber ohne jegliche Gemütlichkeit und Liebe. Geschenke und „Nächstenliebe“ standen ganz oben. Das war die Zeit des Jahres an der Chrishell sich besonders gemeinnützig zeigte. Viel Geld an „Arme“ Leute spendete. Sich in einer Suppenküche ablichten ließ und und und. Es war zum Kotzen und mehr als geheuchelt. (Jedenfalls wenn ihr mich fragt. Vielleicht hatte sie am Ende des Jahres auch einfach nur ein schlechtes Gewissen, dass sie vor dem neuen Jahr bereinigen wollte.)
Gleiches gilt übrigens für Thanksgiving. Bei Mom war dieses Fest fast schon egal gewesen. Granny war es damals gewesen, die sich an diesem Tag Mühe mit dem Essen gab. Ergo verlief es im Sande, als sie starb. Und bei den Whitleys war es wieder nur ein Fest der Selbstdarstellung mit riesigem Festmahl. Yeah okay, dass Essen war gut, aber es war nichts besonderes. Nur ein Tag an dem wir alle gezwungen waren an einem Tisch zu sitzen. Was genau so schrecklich war wie es klingt, glaubt mir. Und Silvester machte mich selbst zu melancholisch, um es nüchtern in den letzten Jahren gut auszuhalten. Auch wenn ich auf das Feuerwerk stehe. Und naja, da es Coby in vielen Dingen ähnlich ging wie mir, hatten wir an Halloween am meisten Spaß. Keine deprimierende Festtagsstimmung, oder von den Medien übertrieben romantisierte Darstellung. Einfach gruseliger Shit, Horrorfilme und Süßigkeiten. Und das zieht sich bis heute bei mir durch. (Auch wenn ich glaube das sich an meinen Meinungen noch mal etwas ändern könnte. Nait LIEBT Weihnachten! Was ich bei seiner Familie und der Mom wohl auch tun würde.)
Aber heute geht es noch nicht um Weihnachten. Heute ist Halloween und wir hatten unseren Auftritt auf dem „Welcome To Horrorwood“ Festival. Da das Festival etwas Abseits von L.A. stattfand hatten wir keine all zulange Anreise. Dave und Johnny hatten ihre organisatorische Magie spielen lassen und somit konnten wir ultra entspannt am Morgen zum Veranstaltungsort fahren und mussten uns um kaum etwas Gedanken machen. (Ich bin SO Dankbar dafür das ich so verlässliche Leute dafür habe, die sich für mich um manche Dinge Gedanken machen. Ohne sie wäre ich verloren ehrlich!)
Vielleicht fragt sich jetzt der ein oder andere, warum wir so früh da waren, wenn es doch erst los ging wenn die Sonne untergegangen war und wir nicht mal die erste Band waren. Naja, ganz einfach, ich und der Rest der Band wollten das Gelände ganz in Ruhe erkunden. Grob erinnerte ich mich noch an alles, den ich war vor einigen Jahren schon mal mit Coby hier gewesen. Doch da ich solche verlassenen Orte liebte und der Gedanke meine Faszination auch an die anderen weiter zu geben, hatten mich genug gereizt früh aufzustehen und hin zu fahren.
„Wow, das ist ja so was von der Hammer hier“, entfuhr es Hardin, als er sich am Tor des alten Freizeitparks umsah. Überall wuselten Crew Mitglieder herum und sorgten nicht nur dafür, dass es überall sicher war und es Strom gab, sondern auch durch Lichterketten und Deko für eine unfassbare Stimmung. Auch die Bühne stand bereits und wurde mit vielen Händen auf den Abend vorbereitet.
„Krass das wir da spielen dürfen. Ich hab mir mein Leben als Rockstar zwar cool vorgestellt, aber das hier ist noch mal ne Nummer cooler“ Hardin grinste übers gesamte Gesicht und klopfte mir Kumpelhaft auf die Schulter.
„Du bist manchmal echt wie das Goldene Schokoladen Ticket für Wonka“, fügte er noch begeistert hinzu. Womit er wohl nicht ganz unrecht hatte. Durch meine zahlreichen Kontakte standen wir jetzt hier und würden nach Weihnachten auf diese kleine Europa Wintertour gehen.
„Zahlt sich eben doch aus nett zu anderen zu sein und ihnen und ihrer Arbeit respektvoll entgegen zu kommen“, spottete ich, eher scherzhaft als ernst.
„Oder mit jedem der einem über den Weg läuft komplett begeistert über Musik zu reden“, fügte Gale nüchtern hinzu und konnte sich gerade noch lachend vor einem leichten Schlag retten.
„Jungs, seit doch einmal seriös“, seufzte Hanako, doch auch auf ihren Lippen lag ein Lächeln.
„Sebastian und ich wollten zuerst Richtung Riesenrad. Hardin, Gale wollt ihr mit?“, fragte sie und kurz wunderte ich mich, dass sie nur die beiden fragte. Bis mir wieder einfiel, wie nachdenklich Nait heute Morgen gewesen war. Wahrscheinlich hatte er Hanako darum gebeten etwas für Zweisamkeit bei uns zu sorgen.
„Klar warum nicht“, stimmte Gale direkt zu, der es auch zu bemerken schien. Nur Hardin sah kurz verwirrt aus und sah zu mir und Nait.
„Warum gehen wir nicht...“, doch dann schien es bei ihm Klick zu machen.
„Oh ja klar kommen wir mit. Nait wollte ja in Ruhe mit ihm reden“, meinte er unüberlegt, was von Gale mit einem genervten Stöhnen kommentiert wurde.
„Ohman“, murmelte er, ehe er Hardin am Arm mit sich zog, ehe dieser sich lautstark darüber beschweren konnte, was er den jetzt falsch gemacht hatte.
Nait atmete leise seine angehaltene Luft aus und fuhr sich mit den Fingern durchs Gesicht.
„Er wäre der mieseste Spion den Amerika je gesehen hätte“, brummte er und schüttete noch mal mit dem Kopf.
„Na, der schlechteste der Welt“, verbesserte ich ihn und legte meinen Arm um seine Schulter, nahm ihn mit sanfter Gewalt mit. Weiter in den Park hinein. Wenn die anderen zuerst zum Riesenrad gehen würden, dass in der Ferne rostig und trotzdem irgendwie magisch in den Himmel ragte, dann würde ich ihn zuerst mit zu den alten Karussellen nehmen.
„Was brennt dir auf der Seele, dass es nicht bis morgen warten kann?“, fragte ich ihn gerade heraus. Was Nait hinnahm, aber dennoch zu überlegen schien wie er anfangen sollte. Oder eher welchen der drei Anfänge er nutzen sollte, die er sich im Vorfeld zurecht gelegt hatte. Doch dann gab mein Freund einen verzweifeltes Geräusch von sich.
„Eigentlich kann es warten. Hanako meinte ich soll es direkt ansprechen wenn es mir auf der Seele brennt. Aber ich will auch den Auftritt später nicht kaputt machen“
„Was du nicht tun wirst, außer du eröffnest mir jetzt, dass du mich verlässt“ Nait starrte mich daraufhin kurz fassungslos an, war dafür sogar stehen geblieben.
„Niemals“, stieß er empört aus. Fuhr sich dann mit den Fingern durch die Haare, so wie ich es immer tat.
Doch dann traf mich sein klarer Blick.
„Nein, ich hab mit Hanako darüber gesprochen wie ich mich fühle wenn ich von dir und Coby lese. Und sie sagte ich soll auch mit dir drüber reden“, erklärte er mir dann, die wahrscheinlich zusammengefasste Variante. Doch ehe ich etwas dazu sagen konnte, sprach er schon weiter.
„Wobei das Problem eigentlich nur bei mir liegt. Das weiß ich schon. Du hast nichts falsch gemacht, oder so. Es liegt wirklich nur an mir. Das meinte Jax auch“, begann er mir zu erklären. (Interessant er hat sich also auch an Jax gewendet.)
„Und Hanako?“
„Und Hanako“, seufzte er, ehe er mich plötzlich viel zu Ernst ansah.
„Hey, können wir uns hinsetzen? Ich glaube das ist kein Stehtisch Thema“ Ich versuchte es wirklich locker zu nehmen. Doch gleichzeitig spürte ich, wie sich in meinen Magen ein kleiner Knoten bildete. Wir hatten schon mal drüber gesprochen, doch irgendwie schien es klar zu sein das es damit noch lange nicht getan war.
„Komm mit“ Ich schnappte mir seine warme Hand und führte ihn den Weg weiter entlang. Vorbei an rostigen Fahrgeschäften und halb verfallenen Buden. An alten, fast verborgenen Skulpturen. Bis zu einem alten Karussell, dass in einer besseren Verfassung war als man vermutete. Auch wenn hier und da Glühbirnen fehlten und die Holzpferde nicht mehr ganz so frisch aussahen. Es hatte diesen ganz besonderen Vintage Scharm, den nur solche Dinge zu haben schienen. Ein kleines Lächeln huschte über Naits Lippen, als ich mich auf die Stufen des Karussells setze, mich mit dem Rücken an eines der Pferde lehnte.
„Okay interessante Wahl. Eine Bank hätte es auch getan“, sagte er während er sich neben mich setze.
„Langweilig“ Jetzt musste er leise lachen.
„Okay, okay. Allein deswegen Liebe ich dich“, lachte er, ehe seine Mimik wieder etwas ernster wurde. Nicht so ernst wie eben, aber ernster. Er sah kurz auf seine Hände herunter, ehe sich sein Blick an einer alten Wurfbude verfing, bei der das Holz vom Dach schon einbrach.
„Es ist absurd“, begann er und hielt direkt wieder inne. Mein sonst so klarer Freund schien nicht zu wissen wie er seine Gedanken aussprechen sollte.
„Ich mag Coby. Umso mehr ich von ihm lese, umso sympathischer ist er mir. Als würde ich immer mehr Facetten an ihm sehen, so wie an dir. Und das macht mir zum einen so was wie Angst, was komplett dämlich ist und gleichzeitig werde ich eifersüchtig. Weil ich aus deinen Texten lese wie sehr du ihn geliebt hast. Respektiert hast. Gebraucht hast. Und das ist erst der Anfang. Dann hab ich diesen Gedanken weiter gesponnen und...“, er hielt erneut inne, stöhnte dann allerdings gequält auf und sah mich eben so gequält an. Fast schon peinlich berührt.
„Ich bin eifersüchtig auf einen Toten. Auf eine Erinnerung. Auf das was ihr hattet, weil es so, so anders war. Und gleichzeitig wünschte ich mir du hättest diese Verbindung immer noch in deinem Leben. Ach es ist alles so kompliziert in meinem Kopf geworden“, zum Ende hin klang Nait tatsächlich genervt von sich selbst.
„Und das obwohl ich weiß welchen Wert und welche Stellung ich in deinem Leben habe und was für eine Einstellung du hast. Anscheinend lebt in mir dieser kleine Funke eines eifersüchtigen Neandertalers. So hat Hanako es genannt. Jax nannte es eher, normale Zweifel in der Beziehungsphase in der wir uns, laut ihm, befinden“
Mein Blick lag die gesamte Zeit auf seinem Gesicht. Ich beobachtete seine Mimik und versuchte seine Gedanken zu verstehen. Doch bei seinen letzten Worten huschte ein spöttisches Grinsen über meine Lippen.
„Diese Neandertaler Rolle steht dir nicht, Naity“ Vielleicht kam mein Kommentar etwas zu trocken und spöttisch, den im nächsten Moment boxte er mir gegen den Arm.
„Ich weiß, aber was soll ich machen?“, stöhnte er Augen rollend.
„Jax sagte auch, dass ich unterbewusst diesen Druck habe die Rolle von Coby einzunehmen. Was laut ihm aus zwei Gründen unmöglich ist. Zum einen bin ich Charakterlich komplett anders und zum anderen würdest du das nie zu lassen. Sein Beispiel dazu war, ein Hund kann auch nicht die Rolle einer Katze einnehmen“
„Kannst du auch nicht. Du bist mein Golden Retriever Welpe“, neckte ich ihn weiter, dachte allerdings dennoch über seine Worte nach. Würde ich wirklich nicht zulassen das jemand, er, Cobys Rolle einnehmen würde? Wobei es schon verdammt nach mir klang.
„Wenn du mich weiter so nennst brauch ich irgendwann einen als Tattoo“
„Brauchst du. Nicht irgendwann. Ich zeichne dir eins“, schlug ich ihm mit einem begeisterten Funkeln in den Augen vor. Auch wenn es grad gar nicht Thema war.
Meine Hand wanderte wie von selbst auf seine. Mit meinen Fingern fuhr ich seine entlang, ehe ich kleine Kreise auf seinem Handrücken zog.
„Wahrscheinlich sollten wir mehr drüber reden oder? Damit du gar nicht erst so fühlst. Und du hast recht, das Problem liegt irgendwie bei dir. Hör auf seine Rolle ausfüllen zu wollen. Du spielst seit Anfang an deine eigene in meinem Leben. Und wenn du das brauchst sag ich dir das jeden Tag beim Aufstehen. Ich brauch dich in meinem Leben so wie du bist“, während ich sprach zeichnete ich ein Herz auf seinen Handrücken.
„Oh, und Coby würde es lieben das du eifersüchtig auf ihn bist. Er würde dich damit so richtig aufziehen und dir im selben Atemzug genau das selbe sagen wie ich“, lachte ich leise und nach einem kurzen schweigenden Moment musste Nait ebenfalls lachen. Es klang tatsächlich gelöster als eben. Er drehte seine Hand, um seine Finger mit meinen zu verschränken, seinen Kopf an meine Schulter zu legen.
„Ihr beide zusammen wärt so sehr mein Untergang“, murmelte er mit einem leicht traurigen Lächeln.
„Vielleicht würde es mir tatsächlich helfen wenn du noch... offener mit mir drüber sprichst. Ich weiß das du da Rücksicht nimmst. Lass das. Sag mir weiterhin wie sehr du ihn vermisst. Wie sehr irgendwas mit ihm war. Ich glaube mein Neandertaler, von dem ich nicht wusste das er da ist, braucht das“
Sanft küsste ich seinen Haarschopf, ehe ich mit einem leicht neckenden Tonfall meinte:
„Wenn dein Neandertaler das hören will, dann versuch ich es. Ist so eine schlechte Angewohnheit von mir, über jeden Scheiß zu reden, aber über wichtige Sachen zu schweigen. Unterbewusst sitzt das Trauma immer noch tief. Diese Angst verlassen zu werden wenn ich über bestimmte Gedanken spreche. Gib mir Zeit, weiter Sicherheit zu bekommen und frag nach. Du kannst gar nichts falsches Fragen“, murmelte ich zum Ende hin selbst verdammt ernst.
„Das ist etwas das bei mir Zeit braucht“, gab er zu. Doch aus seiner Stimme konnte ich das Lächeln hören.
„Soll ich dir den Park noch zeigen, ehe es hier von Besuchern nur so wimmelt? Die alte Geisterbahn? Das Riesenrad? Das Spiegelkabinett?“ Ich hatte wirklich Lust ihm diesen magischen Ort zu zeigen. Auch wenn er bei Tageslicht nicht so wirkte wie bei Nacht. Komplett allein.
„Klar und später wenns Dunkel ist schlendern wir noch mal drüber“, lachte er. Wirkte so viel erleichterter als noch vor unserem Gespräch.
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