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And now, the final frame

Harlekin — www.fanfiktion.de · All chapters

And now, the final frame

Das Hanako die Therapiesache wieder angeschnitten hatte nagte an mir. Vielleicht weil sie recht damit hatte. Vielleicht auch, weil ich dadurch zwangsläufig unrecht hatte. Was mich sonst wenig störte, doch bei diesem Thema schon. Jedenfalls hatte ich meinen Laptop zugeklappt und wortlos mit genommen, als ich die Küche verlassen hatte. Und okay yeah ich fühlte mich etwas verloren. Und allein. Was absurd war, den mein Haus war mittlerweile wieder ein Ort des blühenden Lebens. Hardin chillte am Pool und unterhielt sich mit Gale, der im Pool seine Runden zog. Sebastian hörte ich zwar nicht aktiv, aber ich wusste das er mit Nait zusammen im Wohnzimmer eine Serie schaute. Und yeah ich hätte mich ohne Probleme zu ihnen gesellen können. Hätte mich an Nait kuscheln können. Doch das unterstrich gerade nur Hanakos Punkt. (Grrr diese Frau hat viel zu oft Recht.)

Und naja, ich musste nachdenken. Über dieses unliebsame Thema der Therapie. Und was tut ein Typ wie ich wenn er über so unliebsame Themen nachdenken muss?

Richtig, er verzieht sich auf den Balkon an seinem Schlafzimmer und ruft die Mom seines Freundes an. Seit Naits Mom Ella in mein Leben getreten war, spürte ich seit so vielen Jahren wieder wie es war eine Mom zu haben. Eine die wirklich für einen da war und zuhörte. Eine richtige Mom und nicht das was meine zuletzt, vor so vielen Jahren, gewesen war. Und gerade sehnte ich mich nach dem mütterlichen Rat den ich nie hatte.

„Jack? Was für eine schöne Überraschung. Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?“ Meldete sich Ellas Stimme bereits nach wenigen Sekunden aus dem Lautsprecher meines Handys. Ich hatte sie auf Laut gestellt und das Handy in meinen Schoß gelegt. So hatte ich die Hände frei um, naja gerade ein wenig nervös über meinen Handrücken zu kratzen. (Diese Angewohnheit werde ich wohl nie los.)

Doch kaum hörte ich ihre Stimme schlich sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen.

„Hey Ella, yeah es ist alles gut. Ich wollte nur ein bisschen Quatschen.“ Beruhigte ich sie und hörte kurz danach ihr erleichtertes Ausatmen.

„Zum Glück. Ich muss mich noch daran gewöhnen das du mich einfach zum quatschen anrufst. Nait tut das so gut wie nie. Aber das weißt du ja.“ Seufzte sie, ließ mir aber keine Zeit zum sprechen, da sie direkt zum nächsten Thema wechselte.

„Ich hab Videos von eurem großen Auftritt gesehen. Oh Jack das war wunderschön. Ich hätte dich da so gern in den Arm genommen und gleichzeitig war ich so stolz dich da oben für Jacoby singen zu sehen.“ Yeah damit überraschte sie mich total und ich musste hart schlucken.

„Wirklich? Du warst stolz auf mich?“ Wiederholte ich ihre Worte, nur stellte ich sie als Frage. Ella lachte leise auf und ich konnte im Hintergrund irgendwas klappern hören. Wahrscheinlich stand sie wieder mal in der Küche.

„Ja natürlich bin ich stolz auf dich. Ich bin auf euch alle so unglaublich stolz. Daran musst du dich gewöhnen oder?“ Fragte sie sanft nach und ich musste erneut schlucken. (Und wie ich mich daran gewöhnen musste.)

„Fuck muss ich.“

„Also was liegt dir auf der Seele? Du hast doch nicht nur zum quatschen angerufen und willst wissen wie es meinen Blumen geht oder?“ Sie war eine Mom, was hatte ich eigentlich erwartete? Das sie kein Gespür dafür hatte das mir etwas auf der Seele lag?

„Ehrlich gesagt liegt mir ein Staubkorn auf der Seele.“ Fing ich zögerlich an, fügte dann doch noch schnell hinzu:

„Oder eher doch etwas mehr. Hanako hat das Thema Therapie angesprochen, weil wir im Winter auf eine Festival Tour gehen. Nach Europa.“ Weihte ich sie ein, während meine Finger mit etwas mehr Druck als eben über meinen Handrücken kratzten.

„Festivals im Winter? Ich dachte das ist so eine Sommersache. Aber ich freue mich für euch. Das klingt klasse. Doch Hanakos Gedanken kann ich gut verstehen. Da wird es viel Alkohol geben oder? Und andere Sachen.“ Erriet sie. Kurz fühlte ich mich ertappt, doch dann verschwand das Gefühl schnell wieder. Es tat gut mit ihr darüber zu sprechen.

„Yeah. Und sie hat die wahrscheinlich berechtigte Sorge, dass ich rückfällig werden könnte. Weil die Versuchungen so nah an mir sind. Dazu der Stress so einer Tour. Wobei ich das Tour Leben verdammt genieße. Das wird nicht das Problem sein. Na jedenfalls sagte sie ich solle mir lieber früher als später einen Therapeuten suchen nur....“ Ich hielt kurz inne und schloss meine Augen.

„Nur sträubt sich alles in mir dagegen. Dafür waren meine Erfahrungen damit zu mies und den Weg den ich jetzt für mich gefunden habe zu effektiv. Ich hab angefangen zu schreiben. Über meine Vergangenheit und das tut echt gut. Und ich verarbeite so viel in meinen Songs. Rede mit so vielen Leuten darüber und weiß, dass ich das schaffen werde. Yeah okay vielleicht wird’s nicht immer so einfach, aber ich schaff das. Ich brauch niemand fremden mit dem ich nicht offen reden kann. Ich hab doch so viele Menschen um mich. Ich bin letztes Mal nur gefallen, weil ich nicht mit ihnen gesprochen habe und den Fehler wiederhole ich nicht.“ Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus und Ella hörte sich jedes einzelne geduldig an.

„Wenn es sich für dich nicht richtig anfühlt und du einen Weg gefunden hast der für dich aktuell funktioniert, dann ist das okay. Ich verstehe dich und ich finde es gut das du es geschafft hast mich deswegen anzurufen. Vielleicht brauchst du aktuell keinen Therapeuten, sondern Menschen um dich denen du so vertraust und vielleicht brauchst du aktuell auch einfach eine Mom, die dir die Hölle heiß macht wenn du was von dem Zeug anrührst.“ Scherzte sie mit dem gewissen Ernst in der Stimme den es brauchte.

„Also ist es okay?“ Fragte ich vorsichtig nach.

„Ist es. Aber wenn du was davon anrührst werde ich es erfahren und dir die Hölle heiß machen.“ Warnte sie mich vor. Und naja, ich glaube ein „Ich bin enttäuscht von dir.“ von ihr zuhören würde Straffe genug für mich sein. Da das Thema jetzt scheinbar für sie beendet war und alles dazu gesagt wurde, fing Ella an über ihren Tag zu reden. Darüber das die Nachbarin sie nervte, weil diese der Meinung war sich einen Hahn zu kaufen der jeden Morgen bei Sonnenaufgang krähte und darüber das sie auf der Arbeit ihre Kollegen nervten. Es tat gut und es lenkte mich ab. Doch gleichzeitig zog ich immer wieder Parallelen zu meiner eigenen Mom. Oder eben das was sie nie gewesen war. Und so öffnete ich nach dem Gespräch mit Ella erneut meinen Laptop und fing an zu schreiben.

Es gab Tage in meinem bisher noch jungen und kurzen Leben, an denen fühlte es sich fast so was wie normal an nach Hause zu kommen. Dann hatte Mom was gekocht und saß allein in der Küche. Hörte Radio und wirkte klar bei Verstand. Nach Grannys Tod wurden diese Tage weniger und die Tage an denen sie nicht mal aus dem Bett kam nahmen zu. Als Kind verstand ich es nicht. Verstand nicht warum meine Mom nicht aus ihrem Bett herauskam um Mom Dinge zu tun. Oder warum sie keine Kraft hatte. Keine Kraft hatte zu kochen, oder duschen zu gehen. Jetzt als Erwachsener weiß ich, dass sie Depressionen hatte. Und fuck, ich verstehe sie komplett. Mittlerweile hab ich auch Tage an denen ich nicht aus dem Bett komme. Doch als Kind? Fuck, ich wusste nicht weiter. Und egal was ich versuchte, es änderte nichts. Ich weiß noch das ich versuchte mich zu ihr zu legen und sie aufzumuntern. Manchmal las ich ihr etwas vor. Nichts.

Oder ich machte ihr etwas kleines zu Essen. Nichts.

Spielte ihr auf dem Klavier vor, oder sang für sie. Nichts.

Yeah meine Mom war zu sehr in sich selbst gefangen. Die Drogen schienen ihr Ausweg daraus zu sein. Was ich aus heutiger Sicht leider mehr als verstehen kann.

Es gab Zeiten da war ich unfassbar sauer auf sie. Warf ihr alles mögliche vor, gab ihr die Schuld für so vieles. Damals war es einfacher einer Toten, die sich nicht mehr erklären kann, die Schuld an allem zu geben. Doch dann wurde ich älter und mein Blickwinkel veränderte sich. Jetzt verstehe ich sie. Und hey, ich vermisse sie irgendwie. Hätte ihr gern noch so viel gesagt. Besonders das ich sie jetzt verstehe. Doch das kann ich nicht mehr. Ich könnte euch jetzt von so vielen miesen Erinnerungen und Tagen mit meiner Mom erzählen. Weiter auf die Gewalt eingehen, die ich durch ihre „Freunde“ erfahren habe. Aber das will ich nicht. Ihr müsstet mittlerweile verstanden haben wie viele Schatten über diesen Teil meiner Kindheit liegen. Konzentrieren wir uns lieber auf die wenigen guten Momente mit meiner Mom. Und auf ihr zu frühes Ende. Den fuck, meine Mom wurde nicht mal 30 Jahre alt.

Einer dieser guten Momente gestaltete sich in Form von einem Tages Ausflug in den Zoo. Yeah, total banal eigentlich aber für mich zu der Zeit unfassbar. Wir gingen so selten irgendwo hin, nach Grannys Tod noch viel seltener. Und dann das. Mom hatte einige gute Tage und etwas Geld übrig. (Ich weiß nicht wo sie es her hatte, aber vielleicht hinterfragen wir das grad mal nicht.) Jedenfalls stiegen wir Morgens in den Bus und fuhren den weiten Weg zum Los Angeles Zoo. Ich war so aufgeregt all die Tiere von denen ich nur Bilder kannte in echt zu sehen. Vor allem Tiger und Löwen. Irgendwie hatte ich schon immer eine Verbindung zu Katzen aller Art. Sie waren faszinierend, elegant und gleichzeitig diese genialen Killer. Mit einer Kraft die sich unter diesen niedlichen Öhrchen verbarg. Mom war an diesem Tag nicht nur überraschend klar im Kopf, sondern auch wirklich fröhlich. So hatte ich sie selten erlebt. Sie lachte, sie erzählte mir so viele Dinge und während der Busfahrt sang sie leise und gut gelaunt für mich all ihre Lieblings Lieder.

Der Zoo selbst machte mich damals komplett sprachlos. Er war riesig und voller neuer Eindrücke. Bis dato hatte ich nicht mal gewusst, dass meine Mom so viel Wissen über Tiere hatte. Doch zu jeden Tier hatte sie einen, damals für mich spannenden Fakt parat. (Vielleicht las sie auch einfach nur die Infotafeln, im Nachhinein bin ich mir unsicher.)

Und yeah okay Giraffen und Elefanten sind allein wegen ihrer Größe spannend und ein Highlight für sich. Ich meine was sind Giraffen überhaupt für Viecher? Würde mir jemand von ihnen erzählen und wüsste ich nicht das sie wirklich existieren hätte ich gesagt sie kommen aus einem Fantasy Roman oder so. Doch mein eigentliches Highlight war wie schon gesagt die Raubtiere. Fuck, ich weiß noch genau wie ich mit großen Augen auf die Tiger hinter dem Gitter gestarrt hatte. Sie waren noch viel cooler als Shere Khan aus dem Dschungelbuch. (Oder mein Stofftier.)

Bis heute liebe ich Tiger, was man auf dem ersten Blick erkennen kann. Den ich trage das Abbild von einem auf meinem Handrücken. Coby sagte immer zu mir, dass ich den Humor einer Hyäne habe, aber das Herz eines Tigers. Und er besaß das Herz eines Löwen. Die mich übrigens auch verdammt fasziniert hatten. Das Rudel das damals im Zoo lebte strahlte eine königliche Erhabenheit aus, die mich zutiefst beeindruckte. Dieser Tag war nicht nur einer der besten meiner Kindheit und eine der schönsten Erinnerungen an meine Mom, nein an diesem Tag entdeckte ich Hyänen. Bis dato wusste ich nicht mal das diese Tiere existierten. (Ich hatte König der Löwen wirklich erst verdammt spät geschaut....)

Hyänen haben es mir seit diesem Moment irgendwie angetan. Vielleicht ist es ihr Lachen, dass mich sie ins Herz hat schließen lassen, oder diese niedlichen runden Ohren. Oder ihr missverstandener Charakter. Weil sie oft als hässlich und grausam gelten. Immerhin stehen sie vor allem in vielen Afrikanischen Kulturen für Tod, Unglück und Hinterlist. Doch sie haben mehr zu bieten. Sie sind niedlich und kuscheliger als man annimmt. Außerdem sind sie intelligenter als man denkt und überraschend einfallsreich. Sie sind nicht grausam, sie sind effizient. Worauf ich also hinaus will, seit dem Tag im Zoo mit meiner Mom liebe ich die kichernden Monster. Nicht umsonst findet sich im Harlekin Logo auch oft eine Hyäne wieder. Es ist unser Bandtier für das ich verdammt hart gekämpft habe! (Die Diskussion darüber ging damals fast eine Woche. Wenn ich von etwas überzeugt bin lasse ich nicht locker. Also diskutiert nicht mit mir, wenn ich nicht die nötige Ausdauer dafür mitbringt.)

Eine weitere schöne Erinnerung an meine Mom ist eine wirklich banale. Aber für mich beschreibt es meine Mom einfach so verdammt gut. Mom konnte Gitarre spielen. Ironisch das ich es nicht von ihr gelernt habe, sondern von einem Fremden auf der Straße. Aber so sei es. Und in meiner früheren Kindheit, als Mom noch die Kraft dazu hatte, spielte sie unglaublich gern. Vor allem früh Morgens wenn sie dachte das noch alle schliefen. Dann saß sie auf dem Sofa, die Gitarre auf dem Schoß und spielte. Nur für sich allein. Manchmal beobachte ich sie heimlich dabei. Den ich wusste würde ich mich bemerkbar machen, würde sie aufhören. Mom hatte eine unglaublich schöne Stimme. Klar und kraftvoll aber mit einer Sanftheit die man ihr kaum zugestehen wollte. Bis heute verbinde ich das besondere Licht des Morgens mit meiner Mom. Sehe vor meinem inneren Auge wie es kleine helle Punkte auf ihr Gesicht zauberte und ihre Blonden Haare Golden erscheinen ließ. Oft waren Moms Lieder voller Trauer. Handelten von der verlorenen Liebe und Einsamkeit. Damals hinterfragte ich es nie. Verstand die Bedeutung hinter ihren Worten nicht, oder das sie von der verlorenen Liebe zu meinem Vater sang. Oder zu einem Mann, der sie wirklich geliebt hatte. Vor meinem Dad, oder nach ihm. Als der Konsum meiner Mom größer wurde verkaufte sie die Gitarre. Ich hab Jahre später nach ihr gesucht und wollte sie zurückkaufen. Doch bis heute hab ich sie nicht wiedergefunden. Sie bleibt verschwunden und unauffindbar, wie die Hoffnung meiner Mom auf die große Liebe.

Wie bereits erwähnt erreichte meine Mom Alice nicht mal ihr 30tes Lebensjahr. Und ich glaube es wird mir unglaublich schwerfallen diese Stelle zu schreiben. Es wird viele alte Wunden aufreißen und hoffentlich auch wieder schließen. Den zu meiner Geschichte gehört eben auch ihr viel zu frühes Ende. Ihr Tod war wie das Ende eines Kapitels in meinem Leben. Sie beendete damit so viel mehr als nur ihr eigenes Leben. Mit ihr starb ein großer Teil meiner Kindheit. Es beendete mein Leben in Armut und eröffnete mir ein neues, strahlendes Leben das ich so nie wollte. Es nahm mir den letzten Rest Liebe den ich für lange Zeit bekommen sollte. Änderte den Soundtrack meines Lebens. Weg vom ruhigen Jazz, dessen zarten Töne durch das sanfte Morgenlicht tanzten und hinein in kaltes Mondlicht und die harten Gitarrenriffs einer E-Gitarre. Ich meine klar, es hat mich beeinflusst und am Ende dazu geführt das ich der bin, der ich eben bin. Aber wehtun tut es trotzdem. Machen wir uns nichts vor, es war die aller größte Scheiße meines jungen Lebens.

Ich war 13 Jahre alt als sie sich umbrachte. Bis heute weiß ich nicht genau wieso und warum genau. Wie den auch? Sie hinterließ nichts außer ihre Leiche und ein Trümmerfeld in meinem Leben. Keinen Brief. Keine Erklärung. Ein Polizist damals äußerte die Vermutung, dass sie Halluzinationen durch die Drogen hatte und es deswegen getan hatte. Oder das ihre Depression der Auslöser gewesen war. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit wie so oft zwischen den Zeilen. Ihr Tod und die damit kommende Veränderung in meinem Leben führte außerdem dazu, dass sich die Wege von mir und Hades trennten. Ich sah meinen Kater nach diesem Tag nie wieder.

Ich erinnere mich noch viel zu genau an diesen Tag. Und am liebsten würde ich jetzt über alles andere schreiben als darüber. Aber drum herum komme ich wohl nicht. Und ich will es. (Irgendwie)

Mom verließ das Antlitz dieser Erde an einem warmen September Tag. Einer dieser Tage an denen die Bäume schon bunte Blätter haben, aber noch nicht fallen und die Sonne noch viel zu viel Kraft hat. Wie so oft verbrachte ich meine Nachmittage nach der Schule in der Stadt. Oder genauer gesagt in einem Plattenladen bei uns im Viertel. Der Besitzer hatte meine Anwesenheit schon längst akzeptiert und gestattete mir hier all die neuen und alten Platten an zu hören. Wie es damals noch üblich war verteilten auch viele ansässige Bands ihre eigen Produzierten CD's und Kassetten in den Läden und somit saß ich direkt an der Queller neuer Musik. Für die Platten dieser kleinen Bands gab es ein eigenes Regal, in denen die Empfehlungen von Ed, dem Besitzer, ausgestellt wurden. Es war wohl sein Beitrag an den Karrieren der kleinen Bands. Auch Harlekin würde Jahre später in diesem Regal stehen und von Ed auf den „Zu empfehlen“ Platz gestellt werden. Und da er mich zu mögen schien, durfte auch ich ab und zu die Empfehlung geben. (Die größte Ehre meines 13ten Lebensjahres. Ehrlich er war ein kritischer Mann der nicht viel auf die Meinung anderer gab. Außer auf die eines frechen 13 Jährigen. Hehe.)

Ergo, es war ein guter Tag bei Ed im Laden gewesen. Ich hatte eine neue coole Band gefunden und summte einen ihrer Songs vor mich hin, während ich auf dem Heimweg war. Ohne auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben was mich zu Hause erwartete kletterte ich die Feuertreppe nach oben und kletterte durch das Wohnzimmerfenster, dass meine Mom stets für mich offen hielt. Nichts abnormales an dieser Stelle. Ich horchte in die Stille der Wohnung. Auch nichts ungewöhnliches an der Stelle. Mom war oft weg und ich oft allein. Doch was mich damals stutzig werden ließ, war die Tatsache das Hades nicht mit in die Wohnung wollte. Er bleib auf dem Fensterbrett sitzen und bewegte sich kein Stück mehr. Sein Blick wirkte selbst für eine Katze ernst. Was vielleicht auch an seinem markanten Gesicht lag. Erst dachte ich mir nichts groß dabei. Im Nachhinein wusste ich, er hatte wohl schon viel eher den süßlichen Geruch des Todes und den metallischen Geruch von Blut wahrgenommen. Er wusste es, ehe ich sie sah.

Und fuck, ihren Anblick werde ich nie wieder vergessen. Er verfolgte mich noch lang in meinen Träumen und hätte wohl wirklich vernünftig behandelt werden sollen. Mittlerweile würde ich sagen, ich habs verarbeitet. Der Anblick verfolgt mich nicht mehr und ich kann trotzdem Horrorfilme schauen ohne getriggert zu werden. (Was ich Coby zu verdanken habe. Der Typ liebte Horrorfilme über alles.)

Naja was soll ich sagen. Es war nicht wie in einem Horrorfilm und gleichzeitig schon irgendwie. Es war realer Horror. Da ich davon ausging, dass meine Mom nicht zu Hause war machte ich Musik auf dem alten Plattenspieler von Granny an. Auf ihr lag noch eine von Moms Lieblings Platten. „Frank“ das erste Album von Amy Winehouse. Und so war der erste Song den ich hörte „Stronger Than Me“. Fuck, er war so passend wie unpassend. Und während der Song lief und Amys ikonische Stimme im Hintergrund darüber sang, dass jemand stärker als sie sein sollte, ging ich ins Badezimmer. Und meine Welt drehte sich auf den Kopf. Den in der vollen Wanne lag meine Mom. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Haare an den Spitzen nass da sie auf dem Wasser schwammen. Im schummrigen Licht unseres kleinen Badezimmers wirkte sie fehl am Platz. Zu blass. Zu unschuldig. Sie trug ihr Lieblings Kleid. Ein lockeres Boho (Ich glaube so nennt man das heute) Kleid mit viel Spitze und Blumen Muster. Das Wasser hatte einen unnatürlichen Rot Stich. Ich weiß noch das meine Hände allein von ihrem Anblick gezittert haben und das ich das Messer auf den Fliesen erst auf den zweiten Blick wahrgenommen hatte. Ich weiß nicht mehr was ich in dem Moment dachte, oder welche Gedanken mir durch den Kopf jagten. All diese Details sind verschwunden, oder verdrängt. Ich erinnere mich nur noch an ihren Anblick und daran das mir klar war, dass sie Tot war. Wie Granny. Nur grausamer und selbst bestimmter. Sie hatte sich bewusst dafür entschieden zu gehen.

Alles was danach kam ist wie ein verschwommener Traum. Ich weiß weder was die Polizei zu mir sagte, noch wann ich sie eigentlich gerufen hatte, oder was ich zu ihnen gesagt hatte. Alles weg. Alles von einem schweren nach metallischem Blut riechenden Tuch verhüllt. Wofür ich im Nachhinein dankbar bin. Manchmal ist es besser zu vergessen.

Ruhe in Frieden Mom. Ich hoffe wirklich das du ihn gefunden hast.

♫