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You don't have to carry the weight that you keep

Harlekin — www.fanfiktion.de · All chapters

You don't have to carry the weight that you keep

Chrishelles Worte hallten immer noch in mir nach. Romain, der Mann der sich nie auch nur ein bisschen für mich interessiert hatte, fragte auf dem Sterbebett nach mir. Sollte er da nicht nach den wichtigen Dingen in seinem Leben fragen? Quartalszahlen. Aktien, oder so? Aber nein. Er schien nach mir zu fragen.

„Du musst dich irren“, zwischen dem Spott in meiner Stimme, hatte sich etwas rauer, kratziges gemischt. Doch Chrishell schüttelte nur den Kopf.

„Nein, tue ich nicht. Er fragt nach Alice Sohn. Nach dir. Nach Jack“ Kurz traf mich ihr unergründlicher Blick, ehe sie sich eine Tasse Tee nahm und ihre Fassade wieder besser saß.

„Er muss ganz wirr sein. Die Ärzte sagen das ist normal bei seiner Krankheit. Vielleicht wird er keinen von euch erkennen. Auch mich erkennt er nicht mehr immer“, teilte sie uns mit und wirkte wieder so erschöpft. Sie war für mich immer das pure Böse gewesen. Eine Klischee Stiefmutter aus einem Grimm Märchenbuch. Doch jetzt wirkte sie einfach nur wie eine müde Frau, die mit dem Mann abschloss mit dem sie ihr Leben verschwendet hatte. Sie hatte ihm stets den Rücken freigehalten und zu ihm gestanden, obwohl er sie betrog und belog. Ein Leben das ich nie führen wollen würde, oder jemanden zumuten würde.

„Können wir jetzt zu ihm?“, fragte Bryce sie. Auch er wirkte seltsam bedrückt und still. Immerhin war von dem Mann, zu dem er mal aufgesehen hatte, nicht mehr viel übrig.

„Versucht euer Glück“, gab seine Mom ihm das okay. Etwas verkrampft klammerte ich mich an meine Tee Tasse. Mir wurde wieder mal bewusst warum ich mich in dieser Familie nicht wohlfühlte und warum ich ihr komplett den Rücken gekehrt hatte. Abgesehen von Bryce. Welcher fragend zu mir sah und meinen Blick suchte. Den ich mit einem kurzen Nicken erwiderte. Das „bringen wirs hinter uns“, ersparte ich mir ihm zu liebe. Stattdessen stand ich einfach auf und folgte Bryce, der seiner Mutter kurz mitfühlend die Hand drückte, ehe er vor ging. Meine Tee Tasse nahm ich einfach mit. Ich brauchte etwas woran ich mich festhalten konnte.

Schweigend gingen wir durch die Eingangshalle mit all den weißen Blumen, die Marmortreppe nach oben. Wie oft hatte ich mich diese Treppe runter oder rauf geschlichen. Als wir oben im Flur standen wanderte mein Blick direkt zu meiner alten Zimmertür am anderen Ende des Ganges.

„Eliza hat das wenige Zeug das du hier gelassen hast in den Keller gebracht“ Bryce schien meinem Blick gefolgt zu sein.

„Nimm es ruhig mit wenn dir danach ist, oder sieh es einfach nur durch“, bot er mir an und fügte noch hinzu:

„Die Türen hier stehen dir dennoch immer offen. Dafür sorge ich ab jetzt“ Ich hörte seine Worte zwar, doch ich nahm sie noch nicht richtig auf. Dieser ganze Ausflug hatte Potenzial dafür, mich zurück zu Alkohol und Drogen zu bringen. Oder zu einer Notfallsitzung zu Jax. Auch wenn ich eher hoffte, dass sie zu guten neuen Songs führen würde.

„Bringen wir es bitte hinter uns, ehe ich durchdrehe, oder er stirbt“, meinte ich dann und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare, sah mit einem entschuldigenden Lächeln zu Bryce. Dieser nickte nur verstehend und setzte seinen Weg zum Schlafzimmer seiner Eltern weiter fort.

„Ich bin dir wirklich dankbar das du hier bist. Allein würde ich es nicht schaffen“, gestand er mir und seufzte tief und schwer, als er vor der Schlafzimmertür stehen blieb. Kurz zögerte, ehe er sie öffnete und uns dieser ganz bestimmte Klinische Geruch nach Verfall entgegen kam.

Der Geruch war anders als bei meiner Mom, anders als bei.... Coby. Doch er erinnerte mich daran und das traf mich unerwarteter, als den blassen knochigen Mann der zwischen den Kissen im Bett lag und nichts mehr mit dem kühlen Alptraum meiner Vergangenheit zu tun hatte. (Würde ich es euch bildlicher und dramatischer Beschreiben wollen, hätte ich gesagt, ich konnte den Tod bereits an seiner Bettkante sitzen sehen). Romain Whitley war nicht nur alt geworden, nein er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Aus dem groß gewachsenen Mann mit den kalten grauen Augen, war ein gebrechlicher Mann geworden, der wohl ohne Hilfe nicht mehr aus dem Bett kommen würde. Sein weißes Haar hatte jeglichen Glanz verloren und auch seine Aura, die mich immer hatte frösteln lassen war verschwunden. Ein Anblick den auch Bryce traf, den dieser war in der Tür stehen geblieben und starrte traurig auf das was von seinem Vater übrig geblieben war. Was, nicht viel war.

Romain drehte seinen Kopf etwas zu uns und sah erschöpft zu uns herüber. Er schien einen Moment zu brauchen, ehe er Bryce zu erkennen schien.

„Bryce?“, fragte er mit kratziger Stimme. Mein Bruder schluckte schwer, straffte dann allerdings die Schulter und trat ans Bett seines Vaters.

„Ja Dad ich bin es“ Er zwang sich zu einem Lächeln und ergriff seine knochige Hand. Setze sich auf einen der Stühle die an seinem Bett standen. Romain gab einen leisen erkennenden Laut von sich, ehe er seinen Kopf zu mir drehte und mich anstarrte. Erneut verkrampfte sich alles in mir. Ich sollte nicht hier sein, hatte hier nichts zu suchen. Er schien mich nicht zu erkennen.

„Wer steht da?“, fragte er und kniff die Augen etwas zusammen.

„Jack. Ich hab ihn mitgebracht“, erklärte Bryce ihm, bedeutete mir mit einem bittenden Blick näher zu kommen. Mein Drang mich einfach umzudrehen und zu gehen war gewaltig. Doch dann setzte ich mich doch in Bewegung und setze mich auf den Stuhl neben Bryce. Romain musterte mich nachdenklich, ehe er plötzlich seine Augen aufriss.

„Alice Sohn“, stieß er aus, als er mich zu erkennen schien.

„Yeah, Jack“ Leider klang meine Stimme nicht mal halb so fest wie ich es mir gewünscht hatte. Klar, es gehörte wohl nicht zum guten Ton einen sterbenden Mann wütend anzufahren, doch ich hätte es dennoch gern getan. Für alles was er mir angetan hat, in dem er einfach weggesehen hatte. Den seine Ignoranz war wohl mit das größte Verbrechen an mir gewesen. Erneut kratzten meine Finger über meinen Handrücken. Ich hielt Romains starrenden Blick kaum aus. Doch plötzlich sammelten sich Tränen in den Augen des alten Mannes. (Im ernst, ich dachte er wäre anatomisch nicht in der Lage zu weinen... aber er kann es!)

„Du hast immer noch ihre Augen. Ihre wunderschönen blauen Augen. Ihr Temperament und ihre Kreativität“ Seine Worte ließen mich komplett erstarren. Ich hielt sogar kurz meine Luft an. Bryce neben mir schwieg und hielt einfach nur die Hand seines Vaters, der sich fast schon an ihn klammerte. Plötzlich war das ehemals kalte Gesicht von Romain voller Reue. Spiegelte alle seine Fehler und verpassten Chancen wieder.

„Es tut mir so leid, Jack. Ich hab deinen Anblick nie ertragen. Wegen ihrer Augen. Du siehst deiner Mutter so ähnlich und das habe ich nie ertragen. Alice war eine so besondere Frau und ich hab ihr nicht geholfen als sie Hilfe brauchte. Ich war zu stolz und zu blind für das Leid der Frau die ich liebte. Chynthia hatte recht, als sie sagte ich sei ein herzloses Monster. Und jetzt wo es zu spät ist spüre ich all die Last auf mir, die Geld nicht nehmen kann. Eine gebrochene Ehefrau, die mir immer treu war. Eine verflossene Liebe, die mich hätte glücklich machen können. Zwei Söhne, die mit einer Last zu kämpfen haben die ich ihnen auferlegt habe“ Nie hätte ich gedacht das gerade mein Vater mal reuevoll auf sein Leben blicken würde, doch er tat es. Seine Stimme klang so erschöpft und voller Schmerz, dass es etwas in mir traf. Eine von den Wunden aufriss, die ich so sorgsam mit Coby zugenäht hatte.

Romain hatte meine Mom wirklich mal geliebt und warf sich jetzt vor wie es mit ihr gelaufen war und somit auch mit mir. Bereute es nicht für mich da gewesen zu sein, weil er meinen Anblick nicht ertragen hatte. Weil ich ihn an meine Mom erinnerte. Tja, ich wusste absolut nicht was ich mit dieser Information anfangen sollte. Dementsprechend saß ich schweigend da und sah ihn an. Wie gern würde ich ihm jetzt alles vorwerfen und gleichzeitig... brachte ich kein Ton heraus. Es war nicht so das ich ihm plötzlich verzieh, dafür waren diese Wunden einfach zu tief. Es war auch nicht die Tatsache das er bereute, die mich so traf, sondern eher das Ausmaß des Leides das er verursacht hatte. Bei mir. Bei meiner Mom. Bei Bryce und sogar bei Chrishell. Da lag ein Mann vor mir, der sein Leben verschwendet hatte für Macht und Geld und erst am Sterbebett verstand, das ihn dies nicht glücklich gemacht hatte. Jetzt wo alles zu spät war. So wollte ich nie enden.

„Ich will nie so werden wie du“ Die Worte kamen mir einfach über die Lippen. Ehrlich und kühl. Yeah, er starb. Yeah, er bereute. Aber ich konnte nicht alles vergessen und ihm verzeihen, nur damit seine Seele ruhe fand. Das war ne romantische Vorstellung vom Tod, aber nicht die Realität. Romain lächelte ganz leicht bei meinen Worten.

„Gut. Du warst nie wie ich. Ich wäre enttäuscht wenn du plötzlich damit anfängst“ Er schloss kurz seine Augen. Es schien ihn anzustrengen mit uns zu sprechen, oder eher mit mir zu sprechen.

„Alice wäre stolz auf dich“ Und das waren die Worte, die meine verdammte Wunde erneut zum bluten brachte. Die mich zerrissen. Viel zu schnell stand ich auf. Fuhr mir fahrig mit den Fingern durch die Haare und verließ das Zimmer. Ohne Abschiedsworte. Ohne ihm zu sagen ich würde ihm verzeihen, den fuck, das wäre gelogen. Sollte dieser Mann seine selbst auferlegte Last wie sein Geld mit sich schleppen. Vielleicht hat jeder Mensch nach dem Tod Frieden verdient, aber das liegt nicht in meiner Hand. Und ich bin wohl der Letzte der für seinen Frieden verantwortlich war.

Ich hörte noch wie Bryce aufmunternde Worte an seinen Vater richtete. Mein Bruder hatte alles mit einem traurigen Blick verfolgt, doch er folgte mir nicht. Er blieb noch bei Romain und ich gönnte ihm diesen Moment.

Ich verließ die Villa ohne noch mal zurück zu sehen. Alles in mir tobte, brannte und ich verfluchte Romain dafür das er dafür verantwortlich war. Klar, es wäre nett gewesen wenn ich Draußen auf Bryce gewartet hätte. Wir uns als Brüder in dieser schweren Situation geholfen hätten. Aber das konnte ich nicht. Brachte ich nicht über mich. Mit schnellen Schritten verließ ich das Grundstück und zündetet mir eine Zigarette an. Nicht cool, aber besser als Alkohol und Drogen. Ich atmete den Rauch tief ein, ehe ich ihn ausstieß und mein Handy aus meiner Hosentasche zog. Ohne zu zögern Naits Kontakt raus suchte und auf anrufen drückte. Gerade brauchte ich ihn so sehr, sonst würde ich noch auf dem Weg nach Hause innerlich verbrennen, verbluten oder etwas komplett dummes tun.

„Jack, hey“, meldete sich Naits verschlafene Stimme nach dem zweiten Tuten. Allein der Klang seiner Stimme beruhigte mich etwas. Erinnerte mich daran, nichts dummes zu tun. Ihm zu Liebe.

„Hey mein kranker Ruhepol. Wie geht’s dir?“, fragte ich ihn und nahm noch einen Zug von der Zigarette.

„Geht so, aber ist unwichtig. Wie geht’s dir? Du klingst ganz durch den Wind“, stellte er selbst in seinem kranken Zustand fest. Er klang deutlich verschlafen und verschnupft. Und kurz, ganz kurz, war da wieder diese Innere Blockade in mir, die so oft verhindert hatte das ich mit jemanden sprach. Nur trat ich sie diesmal ein.

„Beschissen“ Ein raues Lachen löste sich aus meiner Kehle während ich die Straße entlang lief. Immer weiter weg von den Whitleys.

„Romain hat... echt was wachgerüttelt“, fing ich an und schloss ganz kurz meine Augen, um mich wieder zu sammeln.

„Weil der alte Mann plötzlich meinte sein Leben zu bereuen. Wie er mit mir und meiner Mom umgegangen ist“ Ich konnte hören wie Nait sich im Bett aufsetze und sich gleichzeitig eine Katze darüber beschwerte. Wahrscheinlich hatte Amy auf ihm geschlafen.

„Warte was?“, harkte er nach und wieder lachte ich rau auf.

„Er hat sich entschuldigt Naity“ Kurz schwieg Nait auf der anderen Seite, ehe ich ihn laut ausatmen hörte. Er musste mir nicht nur anhören wie mies es mir ging, sondern auch zu spüren. Wahrscheinlich war er aber auch eben so überrascht von Romain wie ich.

„Oh krass... Romain bereut sein Leben. Das... ist traurig“, meinte er plötzlich und ich konnte hören das er es wirklich so meinte.

„Yeah, aber zu spät. Nur weil er stirbt heißt das nicht das ich ihm verzeihen kann. Das die Wunden vergessen sind und seine Taten nicht weniger schlimm. Davon wird unsere Beziehung nicht gerettet. Davon wird Mom nicht weniger drunter leiden, weils bei ihr auch schon lange zu spät ist. Davon wird Bryce sich nicht weniger leer fühlen. Davon wird... ach fuck das ich das jetzt echt sage“, stöhnte ich wütend auf, sprach allerdings weiter ehe Nait was dazu sagen konnte.

„Davon hat er Chrishells Leben nicht weniger versaut. Ich konnte ihm nicht verzeihen und ihm dieses romantisierte Ende geben ala, alle haben dir am Ende verziehen weil. Ich kanns nicht. Ich bin so wütend auf ihn“, sprach ich meine wirren Gedanken ungefiltert aus und Nait hörte mir einfach zu.

„Kommst du nach Hause? Oder brauchst du Luft?“, fragte er mich plötzlich und ich hielt inne. Blieb sogar auf der Straße stehen und trat meine abgebrannte Zigarette auf dem Gehweg aus.

„Keine Ahnung ich bin so wütend, ich will was kaputt machen und gleichzeitig tut so weh, das ich mich verkriechen will. Er hat alte Wunden aufgerissen und das will ich nicht. Nicht von ihm. Fuck, er hat kein Recht dazu das mit mir zu machen“, schnaubte ich und spürte gleichzeitig die Tränen in meinen Augenwinkeln.

„Komm nach Hause und wir verbrennen auf der Terrasse zusammen Geld und du darfst was durch die Gegend werfen und dann machst du aus deinen Gefühlen Musik“ Naits Stimme war warm und voller Liebe, obwohl er komplett verschnupft war.

„Und nimm dir n Uber oder so hier her. Oder soll dich jemand abholen?“, fragte er und jetzt spürte ich einige Tränen auf meiner Wange.

„Ach fuck kann mich jemand abholen?“, fragte ich ihn bittend und sank an einer hohen Steinmauer auf den Boden.

„Klar, bis auf Hanako und Sebastian sind alle da. Ich schick jemanden los dich abholen“

„Danke“, nuschelte ich und schickte Nait meinen Standort.

„Bleibst du trotzdem noch dran? Ich kann grad nicht allein damit sein“, fragte ich ihn noch mit leiser Stimme. Meine erste Wut war langsam etwas verpufft.

„Immer doch. Ich bin froh wenn du mit mir redest, anstatt alles mit dir allein auszumachen. Selbst wenn ich nur zuhöre oder da bin“

„Danke“

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