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Mister devil , it's an honor to meet you

Harlekin — www.fanfiktion.de · All chapters

Mister devil , it's an honor to meet you

Es heißt immer eine gute Geschichte bräuchte einen guten Antagonisten. Mittlerweile weiß ich, dass ich mein eigener Antagonist bin. Doch damals mit 13 Jahren war der größte Antagonist in meinem Leben mein leiblicher Vater. Ein Mann über den ich bis dato selten nachgedacht hatte, noch weniger über ihn wusste und er für mich bisher den Status einer Märchen Figur hatte. Er musste existieren, sonst gäbe es mich nicht. So weit biologisch klar. Doch in meiner Welt hatte er bis zu Moms Tod absolut keine Rolle gespielt. Was sich schlagartig an diesem warmen Herbsttag änderte. Den an diesem Tag im September bekam der Mann ohne Namen und Gesicht plötzlich beides. Und zwar in Form von stahlgrauen Augen, braunem Haar und einer Mimik die nicht fürs Lächeln gemacht zu sein schien. Romain Whitley.

Wie sehr er meine Mom wohl dafür hasste, dass sie ihn als meinen leiblichen Vater in meine Geburtsurkunde eintragen ließ? Oder galt sein Hass eher gegen sich selbst, dass er das Ganze zugelassen hatte? Blind vor Liebe. (Konnte mein Vater überhaupt Lieben? Ich bin mir bis zum heutigen Tag unsicher ob er überhaupt ein Herz besitzt.)

Blind vor Liebe dieses teuflische Dokument auch noch unterzeichnet hatte, anstatt mit seinen blutrünstigen Anwälten dagegen vor zugehen. Er bereute es jedenfalls sehr. Was mir noch sehr gut in Erinnerung ist, war der Moment an dem mein Vater mich vom Jugendamt abholte. Ich saß bei einer netten jungen Frau im Büro, die sich noch nicht der Grausamkeit dieser Welt ergeben hatte und aß Kekse, als dieser große Mann im Anzug das Büro betrat. Sie hatte mir gesagt, dass sie meinen Vater informiert hatte. Bis dato hielt ich es noch für einen Scherz, dass diese Märchenfigur wirklich kommen sollte. Doch da stand er. Mit ernster Mine und perfekt sitzenden Anzug. Und wisst ihr was seine ersten Worte waren?

„Bringen wir das Ganze hier schnell über die Bühne. Ich muss zurück ins Büro.“ Jap, ganz genau. Seine größte Sorge galt seiner liegenbleibenden Arbeit und nicht seinem Sohn, der gerade seine Mutter verloren hatte. Und sie nur ganz so nebenbei erwähnt, auch gefunden hatte. Der erste von vielen Tiefschlägen dieses Mannes, gegen mich.

Ich erinnere mich noch daran wie eingeschüchtert ich war. Kein Wort verließ meine Lippen und auch wenn die motivierte Mitarbeiterin ihr bestes gab, um zu retten was nicht zu retten war, blieb die Stimmung fremd und kalt. Während mein Vater also alles nötige unterschrieb und ich schweigend auf meinem Stuhl saß, fühlte ich mich schon unwohl. Doch ich wollte nicht aufgeben und den gerade erweckten Traum von sicher sein aufgeben. Den war es nicht die Aufgabe eines Elternteils seine Kinder zu beschützen? Als mein Vater mich mit den kühlen Worten:

„Los komm Jack. Bringen wir das hinter uns.“ Aufforderte meine Sachen zu nehmen und ihm zu folgen spürte ich schon, dass dies nicht das Happy End wird das ich eigentlich brauchte. Wie Recht ich doch mit meinen 13 Jahren hatte.

Die Autofahrt verlief in kompletter Stille ab. Keine Erklärungen wo es hinging, zu ihm selbst oder gar die Frage wie es mir ging. Selten hatte ich mich unwohler bei etwas gefühlt. Sonst war ich vorlaut und frech, drückte sogar Moms Dealer einen dummen Spruch, auch wenn ich wusste das er mich dafür schlagen würde. Aber Romain Whitley hatte mit seiner kalten Art etwas an sich, dass mich daran hinderte ihn überhaupt zu fragen wo wir hinfuhren. Also sah ich die komplette Fahrt über schweigend aus dem Fenster und traute mich kaum zu atmen. Er hörte beim Autofahren nicht einmal Radio. Und ich bitte euch, welcher Unmensch fährt den in absoluter Stille?!

Die Gegend flog nur so an den Scheiben seines Bentleys vorbei. Raus aus den Gegenden die ich kannte und rein in eine Welt die mir komplett fremd war und immer bis zu einem gewissen Grad fremd bleiben würde. Die Häuser wurden größer und schöner. Die Gehwege sauberer und die Hecken gepflegter. Ich war es gewohnt, dass Häuser nah beieinander standen, doch hier legte man viel Wert auf Abstand und Privatsphäre. Unser endloser Weg führte uns an die Küste und als der Bentley durch ein wirklich massives Tor rollte musste ich schlucken. Das Haus, nein die Villa, die sich vor mir erstreckte war ein Monument an Reichtum und Status. Etwas in dem man nicht wohnte, sondern das man besaß um damit anzugeben wie viel Geld man doch hatte. Und ohne auch nur einen Schritt in dieses Haus gemacht zu haben, fühlte ich mich bereits wie ein schmutziger Fremdkörper.

Ich gehörte hier nicht her. Das war nicht meine Welt. Ich passe nicht in dieses System, in die Vorstellung von Leben das hier gelebt wird.

Fuck, ich war mit meinen 13 Jahren komplett eingeschüchtert von allem. Und als mein Vater mit den Worten:

„Jetzt komm.“ Ausstieg, hätte ich heulen können. Aber keine Träne verließ meine Augen. Stadtessen stieg ich aus und holte meinen Koffer aus dem Kofferraum. Er war alles was ich noch hatte. Und das war nicht sehr viel. Ich folgte meinem Vater die wenigen Stufen zur riesigen Haustür hinauf und als er diese massive Tür öffnete, hielt ich die Luft an. Und das was uns Empfang war kalte Perfektion. Ich hasse solche Orte bis heute. Würde mein eigenes zu Hause, so ein kalter Ort sein würde ich durch drehen. Ich brauche wärme, Gemütlichkeit, Identität in meinen eigenen Vierwänden.

„Hier wohnen wir. Ich erwarte von dir, dass du nichts kaputt machst und dich benimmst, Jack.“ Die Stimme meines Vaters klang genau so kühl, wie sein gesamtes Auftreten wirkte. Damals brachte ich nicht mehr als ein Nicken zustande. Doch es schien ihm zu genügen.

Das nächste an das ich mich erinnere ist, dass ich das klacken von Absätzen hören konnte. Ein Geräusch, dass ich bis heute nicht ausstehen kann. Die lauten Absätze gehörten einer perfekt gestylten Frau, die mit verkniffener Miene in den Eingangsbereich kam. Bei dieser Frau handelte es sich um Chrishell Whitley, meine Stiefmutter. Und im Nachhinein bin ich mir sicher, dass sie bis zu diesem Tage nichts von mir wusste. Rein gar nichts. Und yeah, ich kann es ihr nicht direkt verübeln, jedenfalls nicht aus meiner heutigen Sicht, aber ich kann es ihr dennoch ankreiden wie sie mich behandelt hat. Und DAS nehme ich ihr mehr als übel. Den sie hätte sich auch trotz allem für einen anderen Weg entscheiden können!

Chrishell jedenfalls wirkte alles andere als begeistert mich in ihren heiligen vier Wänden zu sehen. Und das hörte man ihr euch deutlich an, den ihre ersten Worte an mich waren ebenfalls kein Willkommensgruß, sondern:

„Er sieht verwahrlost aus. Was eine Schande für die Familie.“ (Autsch, tut bis heute weh dran zu denken.)

Mein Vater jedenfalls nahm mich nicht in Schutz vor dieser Frau, würde er nie tun. Er seufzte nur tief und drehte sich wieder zur Tür um.

„Nichts was ein Bad und ein Besuch beim Frisör nicht richten kann. Soll sich das Hausmädchen drum kümmern. Ich muss zurück ins Büro. Der Junge kann in eines der Gästezimmer ziehen. Den Rest überlasse ich dir Lieblings.“ Und weg war er. Ohne mit der Wimper zu zucken ließ er mich und seine überforderte und emotional verletzte Frau allein. Ich könnte jetzt viel zu ihr sagen. Den fuck, es gab viel zu ihr zu sagen. Chrishell Whitley tut immerhin öffentlich viel dafür nicht vergessen zu werden. Weiterhin relevant zu bleiben und die Familie im perfekten Licht erstrahlen zu lassen. Es hätte der Himmel für mich werden können. Sofern ich Teil der Familie gewesen wäre. Also für sie nicht biologisch gesehen. Doch leider war ich nicht ihr Sohn, sondern der Ausrutscher, einer der vielen Affären ihres Mannes. Und versucht das mal ins richtige Licht zu rücken.

Jedenfalls waren wir beide in diesem Moment überfordert. Sie wohl immer noch überrascht darüber, dass ich überhaupt existierte UND sogar offiziell sein Sohn war und ich eingeschüchtert von der ganzen Situation. Plus das kleine Trauma, dass meine Mom in mir hinterlassen hatte. Was ein toller Start, in meine neue Familie. Und dabei hatte ich noch nicht mal einen Plan davon, dass ich ab heute auch einen Bruder hatte. Den sollte ich erst nach Schulschluss kennenlernen. Und solange war ich wohl oder übel mit Chrishell, in diesem viel zu großen Haus allein. Ihr könnt euch vorstellen wie toll das war oder? Yeah, genau so beschissen fühlte es sich auch an. Genau so.

♫

„Hier steckst du.“ Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und ließ mich heftig zusammen zucken. (Fuck, war ich versunken ins Schreiben gewesen.)

Mit geweiteten Augen sah ich hoch zu einem müden Nait, der bei meinem Anblick allerdings lächeln musste.

„Was den? Ich wohne auch hier, schon vergessen?“ Neckte er mich und schielte neugierig auf den Bildschirm meines Laptops. Ich drehte ihn etwas so, dass er es besser lesen konnte und fuhr mir mit den Fingern durch die Haare.

„Kurz ausgeblendet, ich war verdammt versunken ins Schreiben.“ Gab ich zu und scrollte ganz nach oben. So weit zurück, dass er das bereits fertige Kapitel über meine Mom und... ihren Tod lesen konnte.

„Lies es gleich in Ruhe.“ Riet ich ihm und wartete bis er sich neben mich auf das gemütliche Outdoor Sofa gesetzt hatte. Er nickte kurz und nahm den Laptop entgegen, um ihn auf seinen Schoß zu legen.

„Es geht also um deine Mom. Wie geht’s dir?“ Stellte er fest und setzte diese Frage direkt besorgt hinterher. Natürlich machte er sich Sorgen um mich, immerhin war das eines meiner größten Themen. Ich ließ mir einen kurzen Moment Zeit mit meiner Antwort, horchte in mich um zu checken wie es mir überhaupt ging.

„Ich weiß es nicht.“ Gab ich dann ehrlich zu, lehnte meinen Kopf an seine Schulter.

„Erst ging es mir mies, aber nur weil Hanako wieder mit dem Thema Therapie angefangen hat. Ich verstehe sie, tue ich wirklich. Ich sehe all ihre Punkte, ihre Sorge und den Sinn dahinter.. aber ich kanns nicht.“ Gab ich leise zu, den Blick auf die Skyline von L.A. gerichtet.

„Vielleicht irgendwann, aber nicht jetzt. Ich hab deine Mom angerufen weißt du, weil ich mich glaube ich nach diesem mütterlichen Verständnis gesehnt habe. Sie hat es verstanden und hat mir gleichzeitig gesagt das es okay ist, sie mir aber die Hölle heiß macht wenn ich trinke und was nehme. Es tat so verdammt gut mit ihr zu reden. Danach hatte ich das Bedürfnis über meine Mom zu schreiben. Die guten Dinge weißt du.“ Versuchte ich ihm zu erklären und spürte im nächsten Moment bereits seine Finger in meinen Haaren. Sanft strich er durch meine verwuschelten Haare.

„Verstehe, dann ist das was jetzt kommt ziemlich emotional oder?“ Seine Stimme war so sanft, so voller Verständnis das ich hätte heulen können. Einfach, weil ich mich bei ihm nicht verstellen musste. Es war okay, wie es war.

„Yeah und du solltest es mit dem richtigen Soundtrack hören.“ Ohne auf seine Reaktion abzuwarten nahm ich meine Kopfhörer aus der Hosentasche und steckte Nait einen der kabellosen Dinger ins Ohr, der andere landete in meinem eigenen. Eine meiner liebsten Rituale zwischen uns. Es fühlte sich unglaublich vertraut und intim mit ihm an. Wortlos suchte ich das erste Album von Amy Winehous heraus. Wenn er schon einen so krassen Einblick in meine Kindheit, meine Seele und mein Trauma bekam, dann mit dem richtigen Soundtrack. Dann mit dem Album, dass meine Mom zuletzt gehört hatte. Überrascht hob Nait eine Augenbraue, als die ersten Töne erklangen. Doch dann legte sich ein Schmunzeln auf seine Lippen. Meinen Kopf lehnte ich erneut an seine Schultern. Ließ ihn lesen, was mein Leben damals mit 13 Jahren aus den Fugen gehoben hatte.