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Time ticks by as the story unfolds

Harlekin — www.fanfiktion.de · All chapters

Time ticks by as the story unfolds

Für den Bruchteil einer Sekunde überschlugen sich meine Gedanken. Rasten direkt in die verschiedensten Szenarien hinein. Wie es gut lief wenn ALLE wussten das Nait und ich zusammen waren. Wie es richtig mies lief und auch ganz kurz, wirklich verdammt kurz, wie unsere Beziehung daran zerbrach. Realistisch gesehen, würde das eine Prüfung werden die so oder so noch auf uns zu kommen würde. Die Frage war also nicht die nach dem „kam es raus“ sondern eher nach dem Zeitpunkt. Gestoppt wurden meine Gedanken von einem aufploppenden Icon auf dem Tablet. Der Moderator rief uns an. Gleich wären wir live im Internet.

„Bereit?“, fragte ich Nait der sich neben mir versteift hatte. Unsere Beine berührten sich immer noch und Nait schien nicht bereit zu sein diesen Umstand zu ändern.

„Bereit“, bestätigte er dann. Auch Nait atmete noch mal tief durch. Vorsichtig lehnte ich mich mit meiner Tasse Kaffee nach vorn, um den Videoanruf anzunehmen. Kaum hatte ich auf den grünen Hörer gedrückt erschien ein, mir nicht ganz unbekanntes, Gesicht auf dem Bildschirm.

Der Mann, der wahrscheinlich nur ein paar Jahre älter war als ich, hatte schon mal das Vergnügen gehabt ein Interview mit mir und meiner alten Band Harlekin zu führen. Wenn ich mich recht erinnerte war sein Name Nick Ferrel. Er war bekannt dafür ein ziemlich charmanter und authentischer Gesprächspartner zu sein und hatte immer eine Cap auf dem Kopf. Eigentlich waren meine Erinnerungen an ihn nur positiv, weswegen ich mich überraschend entspannt wieder zurück lehnte und ihm sowie allen die gerade live dabei waren, ein entspanntes Lächeln schenkte.

„Hey“, begrüßte ich ihn und trank einen Schluck Kaffee während Nait neben mir leise ausatmete und sich ebenfalls zu einem kleinen Lächeln zwang.

„Hey, cool das es heute geklappt hat und ihr euch die Zeit nehmt“, begrüßte Nick uns ebenfalls. Er saß allem Anschein nach in seinem Studio und wirkte genau so professionell wie ich ihn in Erinnerung hatte. Am Rand des live Anrufes konnte ich den Chat erkennen, den Nick uns ebenfalls zugeschaltet hatte und der Nait und mich eben so herzlich Willkommen hieß.

„Klar doch, gerade haben wir etwas Luft und freie Zeit“, nahm ich den Faden direkt auf. Das hier war, wenn ich wirklich ehrlich war, ein komplettes Heimspiel für uns. Nicht nur weil wir zu Hause waren.

„Und das obwohl euer erstes Album erst raus gekommen ist. Ich glaube ich spreche für die Mehrheit, wenn ich sage, dass ich nicht mit deinem Comeback gerechnet hab, Jack. Umso schöner ist es dich wieder auf einer Bühne zu sehen und das mit ganz neuer Band“, kam Nick direkt auf das Thema zu sprechen. Meine Hände schlossen meine warme Tasse noch etwas mehr ein. Doch ich blieb entspannt. Das war momentan keine Frage mehr, die mich groß aus der Fassung brachte.

„Yeah, dass hätte ich ehrlich gesagt vor einigen Monaten auch nicht gedacht. Da war ich noch ganz auf dem Stand, nie wieder Musik machen zu können. Und ganz ehrlich? Ich war mental und körperlich auch so gar nicht in der Lage dazu. War schon ein Wunder wenn ich wusste welcher Wochentag ist“, gab ich ehrlich zu. Wobei ein scherzhaftes Grinsen an meinen Mundwinkeln zupfte. Nick wirkte kurz wirklich überrascht über meine ehrliche und direkte Antwort und auch Nait schien verblüfft deswegen zu sein.

„Aber, zum Glück sind diese Zeiten vorbei“, sprach ich weiter und löste eine Hand von meiner Tasse, um damit durch meine Haare zu fahren.

„Das letzte Jahr war für mich ein Trip durch die Hölle. Mit Drogen, Alkohol, viel Trauer und Selbstmordgedanken. Das Showbiz in mein Leben gestolpert ist fühlt sich für mich nach wie vor wie ein Wunder an. Wenn Nait mir damals nicht einen seiner unfertigen Songs gegeben hätte, säße ich jetzt nicht mehr hier“, beendete ich meinen Satz und sah Nick und somit auch alle die zusahen, mit einem Blick voller roher Ehrlichkeit an.

Nick schwieg kurz. Dann richtete er seine Cap und atmete laut aus.

„Harte aber ehrliche Worte. Euer neuer Album sticht mit vielen Emotionsgeladenen Songs hervor und einer ganz besonders. Als ich Leave a Light on zum ersten Mal gehört habe sind sogar mir die Tränen gekommen“, gab er dann zu und schwang so gekonnt den Bogen zurück zum Album.

„Das Besondere an unserem ersten Album ist, dass es eigentlich eine wilde Mischung aus vielen Faktoren ist. Das rohe Showbiz, bevor Jack zu uns kam. Dann die neuen Songs, die zusammen mit ihm entstanden sind und Songs die Jack beigesteuert hat. Songs die teilweise noch aus Cobys Feder stammen und die wir zusammen mit den alten Mitgliedern von Harlekin fertig gestellt haben. Song die deswegen nach Harlekin klingen und die wir als neu gefundene Band richtig feier“, plötzlich war es Nait der sich dazu äußerte. Und egal wie nervös er eben noch gewesen war, jetzt klang er ruhig und gefasst. Fast schon so, als habe er das schon Hundertmal gemacht.

„Leave a Light on, hat für mich eine ganz besondere Stellung. Ich hab ihn in Gedanken an alle geschrieben, die ein Licht brauchen, um wieder zurück zu finden. So wie ich eines brauchte und bei Showbiz, bei Nait gefunden habe. Die Melodie dazu, hat für mich auch eine ganz besondere Geschichte. Sie stammt von Cobys Grandpa, der ihm zu Lebzeiten verdammt viel bedeutet hat. Coby hat sie oft gesummt und so ist sie bei mir hängen geblieben. Ich konnte ihn am Ende nicht retten, aber ich kann mich selbst retten und versuchen ein Licht für andere zu sein“, während ich sprach senkte ich meinen Blick. Sah auf die kleine Pfütze Kaffee in meiner Tasse. Auch wenn ich darüber sprechen konnte, es war trotzdem ein verdammt persönliches Thema. Aber keines das ich tot schweigen wollte.

„Starke Worte. Man merkt wie persönlich die Songs auf eurem Album sind, besonders dieser Song. Und ich finde es bewundernswert, dass ihr so offen darüber sprecht. Auch wenn ich mir vorstellen kann, dass es auch für den Rest der Band nicht leicht war“, Nicks Worte waren ebenfalls sehr ehrlich. Er war keiner der Typen, die versuchten Skandale heraus zu locken, oder einen bloß zu stellen. Mit solchen Leuten hatte ich zum Anfang meiner Karriere oft genug gesprochen. Wieder war es Nait, der das Wort ergriff. Ein sanftes Lächeln auf den Lippen.

„Ehrlich gesagt, war es leicht. Klar, kein Zuckerschlecken, aber wir wussten von Anfang an worauf wir uns mit Jack einlassen. Und niemand von uns hat sich das nicht zugetraut, oder war der Meinung das es zu viel sei. Wir waren schon immer eher eine Familie, statt nur einer Band. Jack hat vom ersten Moment an überraschend gut rein gepasst“, meinte er und setzte sich etwas gerader hin. Sah jetzt noch selbstbewusster aus.

„Hanako sagte am Anfang immer, dass sie mit uns Jungs schon alle Hände voll zu tun hat und einer mehr macht da keinen Unterschied mehr. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir so schnell so eine Verbindung haben und genau diesen Lauf nimmt, aber wir waren alle bereit“

„Das merkt man direkt, wenn man euch zusammen auf der Bühne sieht“, stimmte Nick zu. Auch wenn das Gespräch vielleicht anders lief als von ihm geplant, schien ihm der Verlauf zu gefallen.

„Heftig oder? Damit hab ich nie gerechnet“, ein leises Lachen entkam mir. Ich lehnte mich kurz vor und stellte meine Tasse auf dem Tisch ab, sprach dabei einfach weiter.

„Auch nicht das ich mal der Älteste in meiner Band sein würde. Ich war immer der jüngste und plötzlich bin ich der Älteste mit der Erfahrung. Fuck Nick, alt werden ist hart“, lockerte ich die Stimmung weiter auf. Lehnte mich wieder zurück aufs Sofa und fuhr mir Grinsend mit den Fingern durch die Haare. Nick lachte laut auf, als ich das ansprach.

„Geht mir ähnlich. Plötzlich sind auch bei uns so junge neue Moderatoren mit frischen Idee und total am Puls der Jugend“, lachte er und schüttelte den Kopf darüber.

„Und plötzlich führt man fast alle Interviews online“, scherzte ich mit ihm. Las nebenbei die Kommentare im Chat, die das teilweise mitfühlen konnten und sich noch teilweise über meine ehrlichen Worte vom Anfang unterhielten.

„Was aber ziemlich cool ist. Wann sonst hat man einen Einblick in dein Wohnzimmer?“

„In unser Wohnzimmer“, korrigierte Nait und fügte noch hinzu:

„Wir wohnen seit kurzer Zeit alle zusammen. Eine große chaotische Band WG“, womit er die Neugier von Nick, auf ein ganz anderes Thema lenkte.

„Oh das stell ich mir auch interessant vor. Wie klappt das Zusammenleben so?“, fragte er neugierig und ich ließ Nait die Frage einfach beantworten. Den dieser hatte sich neben mir endlich ganz entspannt und schien sogar Spaß an der ganzen Sache hier zu haben. Ergo hatte ich Zeit meinen Frühstückskuchen zu essen und ein bisschen die Kommentare zu lesen.

♫

Man sagt, dass der Körper und die Psyche bei einem heftigen Schock wie automatisch weiter laufen. Man funktioniert einfach. Doch irgendwann geht das vorbei. Dann bricht die Realität über einem zusammen. Und genau das passierte mir in meiner vierten Nacht, in meinem neuen Zuhause. Die Tage davor waren alle irgendwie gleich und doch anders. Mein Vater und meine Stiefmutter waren kaum zu hause und wenn Chrishell doch mal da war, dann mied sie mich oder ließ mich ihren Unmut über meine Anwesenheit spüren. Also verbrachte ich viel Zeit mit dem Butler James und noch mehr mit dem Hausmädchen Eliza. Sah meinem Bruder bei seinen Hausaufgaben zu und suchte seine beruhigende Nähe. Meist war ich so erschöpft von den neuen Eindrücken meiner neuen Umgebung, dass ich Abends schnell in den Schlaf fand. Mein Körper war einfach viel zu erschöpft. Tja, leider hielt dieser Zustand nicht all zu lange an.

Wenn ich mich recht erinnere fing alles mit einem Alptraum an. Ich erinnere mich kaum noch an Details zu diesem Traum, dafür ist er bereits zu lange vorüber. Aber ich erinnere mich an das Gefühl. Nie zuvor hatte ich mich hilfloser und einsamer gefühlt. Die Trauer über Moms Tod, die durch den Schock und die Umstände bisher von mir verdrängt worden waren, krachten über mir zusammen. Ich glaube ich sah sie in meinem Traum vor mir. Tot in der Badewanne liegend. Verloren. Ich war weinend aus diesem Alptraum aufgeschreckt. Überrascht darüber wie real er sich angefühlt hatte. Und fuck, ich weinte. Seit ich bei meinem Vater war, hatte ich nicht geweint. Als hätte das Haus selbst mir die Tränen verboten. Doch plötzlich kamen sie einfach. Flossen über meine Wangen und wollten nicht aufhören. Mein Körper wurde richtig erschüttert von diesem Weinkrampf. Ich fühlte mich so verdammt allein. So hilflos und verloren. Fuck, ich hatte Mom wirklich verloren und war plötzlich in einer mir fremden Welt gefangen. In einem Zimmer, in dem ich mich nicht wohlfühlte. Yeah, ich war 13 Jahre alt, aber in diesem Moment fühlte ich mich unfassbar jung. Klein und verloren. Und ich war so verzweifelt, dass ich mich leise aus meinem Zimmer schlich und zu der einzigen Person schlich, von der ich die Hoffnung hatte sie würde mich trösten. Oder wenigstens nicht direkt wieder wegschicken.

Als ich an Bryce Zimmertür angekommen war zögerte ich dennoch. Sollte ich klopfen? Einfach rein gehen? Würde er überhaupt für mich da sein? Ich stand bestimmt fast 5 Minuten wie erstarrt vor seiner Tür. Und wäre fast wieder umgedreht, wenn es mir nicht komplett davor grauste zurück in mein leeres Zimmer zu gehen. Also sammelte ich all meinen Mut und drückte die Türklinge hinunter. Schlich so leise wie möglich in sein dunkles Zimmer. Bryce ruhiger Atem empfing mich, als ich in die Dunkelheit trat. Er schien tief und fest zu schlafen. Blind schlich ich durch sein dunkles Zimmer, bedacht darauf möglichst leise zu sein. Was eigentlich quatsch war, immerhin wollte ich ihn gleich eh wecken. Als ich an seinem großen Bett angekommen war, zögerte ich erneut. Wir kannten uns weder lange und sonderlich gut, was wenn er mich doch wegschickte? Oder die Abneigung seiner Mom plötzlich doch auf ihn abgefärbt hatte? Leise schniefend wischte ich mir erneut Tränen aus den Augen. Fuck, das war so erbärmlich.

„Jack?“, nuschelte da plötzlich die leise und vom Schlaf kratzige Stimme meines Bruders. Er musste trotz meiner Mühen leise zu sein, dennoch wachgeworden sein. Ich zögerte noch kurz, wischte erneut mit meinem Ärmel über meine Augen.

„Yeah, sorry ich...“, versuchte ich ihm zu erklären, doch meine Stimme brach ab. Jetzt hörte ich das leise Rascheln aus seinem Bett, es klang so als würde er sich aufsetzen. Und tatsächlich setzte er sich auf und machte das warme Licht seiner Nachttischlampe an. Sah mich aus verschlafenden Augen an, die schnell einen ernsten Blick annahmen. Yeah, ich musste echt übel ausgesehen haben. So verheult und komplett verzweifelt vor ihm stehend. Für einen Moment sahen wir uns einfach nur schweigend an. Bryce schien zu überlegen was los war, ich war unsicher ob ich nicht einfach wieder gehen sollte. Doch dann rutschte er ein Stückchen in seinem Bett zur Seite und klopfte neben sich.

„Na komm. Setz dich. Was ist passiert?“, fragte er mich, immer noch mit kratziger Stimme. Zögerlich setzte ich mich auf sein Bett, rutschte bis ans Kopfende und schlang meine Arme um meine Knie. Zog sie eng an meine Brust. Wie ein Schutzschild.

„Ich...“, fing ich an, stoppte dann allerdings wieder. Fuck, die Worte wollten einfach nicht über meine Lippen kommen. Wie sollte ich es ihm nur erklären?

Bryce rutschte weiter neben mich und legte seine Decke mit über meine Beine. Wartete geduldig ab, bis ich Worte gefunden hatte.

„Ich hatte einen Alptraum. Von Mom. Fuck sie ist... tot“, das letzte Wort kam fast lautlos über meine Lippen. Erneut sammelten sich Tränen in meinen Augen.

„Den Anblick werde ich nie wieder los“, gestand ich ihm dann leise. Meine Finger gruben sich fest in die Haut meiner Beine. Fast als würde ich den Schmerz brauchen, um mich von meinem psychischen abzulenken. Und hey, wahrscheinlich war Bryce mit der Situation eben so überfordert wie ich, doch er rutschte näher an mich heran und nahm mich behutsam in den Arm.

„Ich weiß. James hat mir alles erzählt. Das tut mir so leid“, murmelte er leise, ehrlich. Er sparte sich einfach diese Floskel von wegen es würde schon alles wieder gut werden. Den das würde es erst mal nicht. Das wussten wir beide. Und obwohl wir uns erst kurze Zeit kannten, nahm er mich in den Arm und hielt mich. War einfach da, während die Tränen wieder über meine Wangen flossen und ich über Moms Tot trauerte. Es langsam zu begreifen schien, was das überhaupt bedeutete. Für endgültige Konsequenzen hatte. Doch diese Nacht brachte mich näher an Bryce heran. Wenn auch nur für eine viel zu kurze Zeit.