Kapitel 10 - Freundinnen
Kapitel 10 - Freundinnen
Lesley hielt Olivia die massive Holztür der Bibliothek auf. Vor ihnen erstreckte sich eine riesige Halle mit hoher Decke und unzähligen Regalen, in denen unendlich viele Bücher standen. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt und der Marmorboden glänzte vor sich hin. Überall verteilt standen Tische und Stühle, um dort in Ruhe dem Lesen nachgehen zu können. Die Decke war prunkvoll bemalt und verziert. Sonnenstrahlen fielen durch ein großes rundes Fenster und erhellten den gesamten Raum.
Liv stand der Mund offen und ihre Augen waren geweitet, als sie ihren Blick schweifen ließ. „Wow, ich habe noch nie in meinem Leben eine so schöne Bibliothek gesehen. Ich fühle mich gerade als wäre ich in Hogwarts.", sprach sie verträumt.
Amüsiert über ihre Schwärmerei schob Lesley sie ins Innere. „Dann komm Luna Lovegood, wir suchen uns einen schönen Platz."
Die beiden lehnten ihre Rucksäcke an den Tisch und Lesley zeigte ihrer neuen Freundin alles. Die Bücherregale waren nach Themen unterteilt. Interessiert schlenderte Liv durch die Reihen. Ihre ausgestreckte Hand streifte von einem Buchrücken zum nächsten. Ein Funkeln lag in ihren blauen Augen, fasziniert von der Vielzahl der Bücher und die damit verbundenen Möglichkeiten in unzählige unterschiedliche Welten eintauchen zu können. Während Lesley ein Fantasy-Abenteuer aus einem der Regale gezogen hatte und sich damit zurück an den Tisch setzte, schaute Liv sich die Romane an. Mit einer Liebesgeschichte in der Hand hüpfte sie vorfreudig ebenfalls zurück an den Tisch.
Die massive Holztür der Bibliothek öffnete sich ein weiteres Mal mit einem charmanten Knarzen und Casie trat hinein. Beim Blick auf Lesley fing sie an zu Lächeln und das wurde noch etwas breiter als sie Liv bei ihr entdeckte.
„Heeey ihr zwei. Wie cool dich wiederzusehen, Liv.", sprach Casie freudig.
„Hey Casie. Ich freue mich auch.", entgegnete sie und bekam ein strahlendes Lächeln von Peters großer Schwester. Diese wandte sich danach zu ihrer anderen Freundin. „Wo hast du Bob gelassen?"
„Die Jungs haben wohl einen neuen Fall.", seufzte Lesley mit einem Schmunzeln.
„Oh verstehe... dann sind die ja erstmal Vollzeit beschäftigt.", grinste Casie. „Wie war denn dein erster Schultag, Liv?", schob sie interessiert hinterher.
„Ganz gut. Bin zu Lesley und den Jungs in die Klasse gekommen, aber ich finde mich noch nicht ganz so gut zurecht in der Schule. Irgendwie größer und unübersichtlicher, als ich erwartet habe.", sagte Liv und kratzte sich an der Stirn.
„Das wird noch. Nach ein paar Tagen hast du den Dreh raus.", versicherte Casie.
„Und bei dir? Wie war die Uni?", wollte Lesley wissen.
„Auch ganz gut eigentlich, aber wir sollen eine ausführliche Abhandlung zu einer Tierart schreiben und ich hab noch nicht wirklich einen Plan über was ich schreiben soll, denn meine Lehrerin hat mir doch tatsächlich verboten über Haie zu schreiben. Sagte, ich hätte mittlerweile schon viel zu viele Arten behandelt. Dabei gibt es über 500 verschiedene.", sprach Casie empört.
Lesley lachte amüsiert über ihre Worte auf. „Du und deine Haie. Ein bisschen recht hat deine Lehrerin ja schon. Es gibt so viele Meerestiere."
„Haie sind einfach absolut faszinierend. Da kann man nicht genug drüber schreiben. Außerdem sind sie sozusagen die Polizei der Meere und halten das Ökosystem dadurch im Gleichgewicht. Es gibt keine cooleren Tiere.", schwärmte Casie.
„Du stehst viel zu sehr auf Polizisten.", stellte Lesley belustigt fest.
Casie blinzelte sie kurz sprachlos an. „Also Moment mal! Ich stehe nur auf einen einzigen Polizisten und das ist mein unfassbar attraktiver Freund, dem jaaa diese Uniform verdammt gut steht.", verteidigte sie sich und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Gut, eigentlich hast du dich ja auch in ihn verliebt als er noch ein kleinkriminelles Arschloch war.", kam jetzt neckisch von ihr.
Liv schaute mit einem Schmunzeln auf den Lippen abwechselnd zwischen Casie und Lesley hin und her. Die Freundinnen zickten sich absolut liebevoll an, ohne sich dabei böse zu sein. Dadurch waren die zwei ihr noch sympathischer als ohnehin schon und Liv war froh, dass sie die beiden kennengelernt hat.
„Tja, ich habe mir meinen Bad-Boy geangelt und du dir deinen nerdigen Bücherwurm. Jedem das Seine, meine Liebe.", stichelte Casie grinsend zurück.
Eine Art Staredown entstand zwischen den Freundinnen. Sie schauten sich für ein paar Sekunden mit ernster Miene an, bevor beide gleichzeitig anfingen lauthals loszulachen.
„Ihr seid echt besonders.", lachte auch Liv amüsiert.
„Wir drei. Du hältst es schließlich mit uns Zicken aus.", meinte Lesley und Casie stimmte mit einem eifrigen Nicken zu.
„Liv, du bestimmst jetzt mein Thema für die Abhandlung. Nenn mir ein Meerestier.", entschied Peters Schwester entschlossen.
„Oh wow, okay. Ähm..." Olivia dachte gründlich nach. „Irgendwas Wal-mäßiges... wiiiie... Killerwal!"
Auf Casies Gesicht bildete sich ein Lächeln. „Okay, ja! Gefällt mir! Dann wird es der Orca. Ich suche mir mal ein Buch raus." Damit stand sie auf und schlenderte zu dem Regal mit den Fachbüchern.
„Was hast du da eigentlich für eins?", fragte Lesley neugierig und griff das Buch, welches auf dem Tisch vor ihrer Freundin lag. Sie überflog die Rückseite interessiert und grinste schelmisch. „Liebesroman, soso... die Protagonistin verliebt sich in einen gutaussehenden Surferboy, der natürlich umschwärmt wird von einer Schar Frauen. Klassiker."
„Ein Klassiker, der immer geht. Außerdem surfe ich selbst, also geht's auch um eine Sportart, die mich interessiert.", verteidigte Liv ihre Buchwahl.
„Interessant... Wusstest du, dass Peter auch leidenschaftlich gerne surft?", fragte Lesley und wackelte mit den Augenbrauen.
„Nein, wusste ich nicht. Wie denn auch? Wirklich viel unterhalten haben wir uns noch nicht. Ich kann noch zu keinem der drei irgendwas sagen ehrlich gesagt."
Casie war ebenfalls fündig geworden und trat zurück an den Tisch. „Sooo da bin ich wieder."
„Casie, mit welchen drei Wörtern würdest du deinen Bruder beschreiben?", wollte Lesley von ihr wissen.
„Ähm komische Frage, aber okay. Also Peter... ich würde sagen... Sportskanone, Angsthase uuund bester-Bruder-der-Welt."
„Awww, Geschwisterliebe, süüüß.", kicherte Lesley.
„Wieso die Frage?"
Lesley schob Casie das von Olivia gewählte Buch rüber und wartete gespannt auf ihre Reaktion.
Sie lachte. „Joa, könnte durchaus meinen Bruder beschreiben. Er liebt surfen und es fliegen tatsächlich relativ häufig Mädchen auf ihn. Andererseits trifft diese Beschreibung hier auf verdammt viele Typen zu. Könnte auch ein Buch über Jeffrey sein.", zuckte Casie mit den Schultern.
„Olivia geht auch surfen."
„Oh echt? Das ist cool. Also wenn du die besten Spots abseits der ganzen Touristen wissen willst, solltest du Peter tatsächlich mal fragen. Wenn du mit Haien tauchen willst, bist du bei mir an der richtigen Adresse.", grinste sie breit.
Liv schüttelte energisch den Kopf. „Nichts für ungut, aber auf eine Begegnung mit einem Hai kann ich verzichten. Das mit den Surfspots hingegen ist tatsächlich gut zu wissen."
„Immer so viel Panik gegenüber diesen wunderbaren Knorpelfischen. Ihr verpasst echt was, aber na ja. Um auf Peter zurückzukommen: Er ist wirklich für jede Sportart zu haben. Selbst wenn du nur eine gute Route suchst, um mit deinem Hund spazieren zu gehen oder zum Joggen, Fahrrad fahren, was auch immer, er kennt da echt schöne Wege. Eins muss ich den Dreien wirklich lassen, durch ihre ganzen Fälle kennen sie sich in der Gegend besser aus als sonst jemand.", erklärte Casie.
Lesley nickte. „Oh jaaa, Bob hat mich schon an Orte geführt, die ich vorher noch nie gesehen habe und ich wohne schon mein ganzes Leben hier."
„Okay, dann werde ich Peter vielleicht mal fragen. Ich habe mich zwar mittlerweile schon gut eingelebt hier, aber manchmal weiß ich doch noch nicht so ganz wo was ist. Diese Bibliothek ist auch ein echtes Schmuckstück und ich hatte keine Ahnung davon, bis jetzt."
„Also die Jungs sind sehr hilfsbereit und auf Lesley und mich kannst du dich auch verlassen.", versicherte Casie mit einem Lächeln.
„Danke euch. Bin wirklich froh, dass ihr mich so herzlich aufgenommen habt.", sprach Liv ehrlich und man hörte ihre Erleichterung.
Ihre beiden Freundinnen strahlten sie daraufhin zufrieden an, bevor sie alle ihre gewählten Bücher aufklappten und sich in diese vertieften. Lesley tauchte in eine magische Welt aus Hexen und Zauberern ein, Liv begleitete die achtzehnjährige Lucy auf dem steinigen Weg zu ihrem Traumsurfer und Casie schwamm mit einer Orca-Familie durch die Weltmeere und schrieb nebenbei wichtige Informationen mit.
Nach etwa einer Stunde vibrierte Casies Handy, welches auf dem Tisch lag und sorgte dafür, dass die drei aufschauten. "Skinny ♡" stand auf dem Display. Mit einem kurzen „Sorry" griff Casie danach und antwortete. „Hey Baby, was gibt's?"
„Hey Süße, ich wollte dir eben Bescheid sagen, dass es bei mir später wird. Ich muss noch zwei Berichte schreiben wegen dieser Autodiebstähle. Die haben gestern Nacht wieder zugeschlagen und Cotta ist schon den ganzen Tag total angepisst. Ich wollte jetzt nicht riskieren meinen Job zu verlieren, weil ich mich gegen Überstunden wehre.", kam entschuldigend von ihm.
„Ist schon okay. Mit Cotta solltest du dich auch nicht anlegen, schon gar nicht, wenn der einen schlechten Tag hat. Ich bin auch noch mit Lesley und Liv in der Bibliothek, also mach in Ruhe deine Berichte fertig. Wir bestellen nachher einfach was zu Essen und dann machen wir zwei uns einen entspannten Abend.", lächelte Casie vor sich hin.
„Das klingt verdammt gut. Dann lege ich mal los. Bis nachher, ich liebe dich!"
„Ich liebe dich auch! Bis später." Damit beendete Casie das Telefonat mit ihrem Freund. Liv und Lesley grinsten einander an und wackelten mit den Augenbrauen.
„Was?", fragte sie amüsiert.
„"Entspannter Abend" ist doch genau so eine unschuldige Umschreibung wie "Film gucken", oder?", zwinkerte Lesley.
Casie lachte laut auf. „Na ja... Stressabbau ist schon sehr wichtig, gerade in einem Job wie seinem, der volle Konzentration erfordert. Und außerdem brauchst du gar nicht so tun, Süße. Stille Wasser sind tief und dein „Ich bin müde vom Tanzen" Samstag war auch nur eine Ausrede um mit Bob für Zweisamkeit zu verschwinden.", stichelte sie nebenbei.
Lesleys Mund stand offen und auf ihren Wangen lag ein zartes Rot. Diese Reaktion entlockte auch Liv ein hörbares Lachen, denn Casie hatte ins Schwarze getroffen. „D-das stimmt gar nicht. I-ich war wirklich müde."
„Ja, nachdem Bob mit dir fertig war.", kicherte es von gegenüber.
„Ich hasse dich!", seufzte Lesley beleidigt.
Es war gut, dass neben ihnen alle Tische leer waren, denn so ausgelassen wie Casie und Olivia gerade lachten, hätten sich andere Besucher definitiv gestört gefühlt. Liv hatte unfassbar viel Spaß mit ihren beiden neuen Freundinnen und konnte Rocky Beach jetzt vollkommen als ihr neues Zuhause akzeptieren. Die Vorfreude auf ihr Leben hier mit diesen tollen Menschen an ihrer Seite war riesig.
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