Kapitel 16 - Inspektor Cotta
Kapitel 16 - Inspektor Cotta
Das Eindringen und Durchsuchen der Häuser von Donnatelli und Fort verlief ohne Zwischenfälle und so fuhren die drei Fragezeichen anschließend wieder zum Schrottplatz.
Sie diskutierten über mögliche Indizien und doch blieb ihre Diskussion ergebnislos. Es war frustrierend.
Justus schüttelte entmutigt den Kopf. „Wir wissen gar nichts. Nichts!"
Peter war genauso ratlos. „Wir reden mit genau einer Person, Mr. X, der uns Gedichte schreibt und vielleicht ein Polizist ist, vielleicht aber auch nicht. Die Verdächtigen kennen wir, können sie aber nicht befragen. Es gibt keine Zeugen, keine Beweisstücke und neunundneunzig Prozent der Hinweise sind für die Mülltonne." Er raufte sich die Haare. „Können wir uns nicht ein anderes Hobby suchen?"
Bob nickte schwer. „Und wenn wir Pech haben sitzt am Ende des Falls ein Freund hinter Gittern."
Das brachte ihren Fokus zurück zu Inspektor Cotta. Sie hatten trotz aller Verdachtsmomente Skrupel bei ihm einzubrechen, zudem wohnte er nicht alleine, also beschlossen sie einfach bei seinem Haus zu klingeln.
Peter war sich diesbezüglich sehr unsicher. „Selbst wenn er jetzt Dienst haben sollte, was ist mit seiner Schwester? Willst du dich heimlich im Haus umsehen, während sie nichts ahnend Tee für uns kocht?", fragte er an Justus gewandt.
„So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe.", entgegnete er, doch seine Worte klangen nicht so entschlossen.
Als sie an dem alten mit Efeu bewachsenen Haus ankamen, sahen sie Caroline Cotta bereits von Weitem im Garten stehen.
„Ah hallo Jungs, was kann ich für euch tun? Mein Bruder ist in der Polizeibehörde.", sprach die Frau mit den langen schwarzen Haaren und grünen Augen.
„Wir würden gerne mit Ihnen über Ihren Bruder reden, denn wir haben den Eindruck, dass er in Schwierigkeiten steckt.", antwortete Justus wahrheitsgemäß.
„Da seid ihr nicht die einzigen... Kommt rein." Sie lächelte schmerzlich und öffnete das Gartentor.
Drinnen wies sie auf die Küchenstühle und stellte sich und den Jungs ein Glas mit kühlem Eistee hin. Doch bevor Justus sich setzte, erfragte er den Weg zur Toilette. Er wollte sich unter diesem Vorwand etwas umschauen. Peter kniff für einen kurzen Moment die Augen zusammen. Ihm gefiel nicht, was sie hier taten oder vielmehr tun mussten.
Caroline nahm gegenüber von Peter und Bob Platz. „Es ist euch also auch aufgefallen?"
Bob nickte und erzählte von ihrer Begegnung im Police Department. Ihren Fall verschwieg er dabei wohlweislich.
Cottas Schwester umklammerte ihr Glas mit beiden Händen und lächelte bitter. „Ja, das wundert mich nicht. Seit einigen Wochen schon ist seine Laune schlecht, er ist ungeduldiger, verschlossener, aufbrausender. Er ist ein völlig anderer Mensch." Kurz blickte sie nachdenklich vor sich hin. Dann sprach sie weiter. „Ich habe ihn mehrmals gefragt was los ist, aber immer kam nur „Nichts, alles bestens." Dabei bin ich seine Schwester und ich weiß genau, dass es nicht Nichts ist."
„Und Sie haben keine Vermutung, was los sein könnte?"
„Nein, keine Ahnung. Und ihr? Hat es vielleicht mit seiner Arbeit zu tun?"
Bob und Peter schauten sich an. Beide zögerten einen kurzen Moment. Cottas Schwester war sichtlich besorgt um ihren Bruder. Sollten sie jetzt auch noch lügen?
Der dritte Detektiv räusperte sich und setzte gerade zum Sprechen an, als die Küchentür aufging und Justus sich mit blassem Gesicht an den Tisch setzte, sein Glas in die Hand nahm und es in einem Zug leer trank.Besorgte Blicke lagen auf ihm und er gab vor Bauchschmerzen zu haben und sofort nach Hause zu müssen, weil dort seine Medikamente waren.
Caroline war verwirrt, aber Justus versicherte ihr, dass sie sich nochmal mit ihr in Verbindung setzen würden. Dann verließen sie das Haus und fuhren zurück zum Gebrauchtwarencenter. Bob und Peter wussten direkt, dass die Bauchschmerzen nur eine Ausrede waren, aber dass Justus aussah wie der leibhaftige Tod und dieser leere Blick dazu verunsicherte sie.
„Jetzt spuck's schon aus, Erster! Was hast du entdeckt?", drängelte Peter.
„In einer Tüte im Spülkasten... war eine Tigermaske versteckt.", kam es holprig aus dem Mund des ersten Detektivs.
Nach diesen Worten stand auch der Schock in Bobs und Peters Gesicht und der dritte Detektiv musste sich echt bemühen seine weit aufgerissenen Augen konzentriert auf der Straße zu behalten. Alle drei waren unfähig einen klaren Gedanken zu fassen und so schwiegen sie den Rest der Fahrt.
Justus ließ sich schwer atmend auf den Bürostuhl in der Zentrale fallen. Eine neue Nachricht von Mr. X hatten sie nicht erhalten. Er wartete auf ihre Ergebnisse und so fing der erste Detektiv an zu tippen.
„Hast du einen Plan, Just?", wollte Peter wissen, der ernüchtert in den alten Sessel plumpste.
„Vielleicht.", sagte er nur knapp und ließ seine Finger weiter über die Tastatur gleiten.
„Aber einen Plan wofür?", fragte Bob, während er seine Brille putzte.
„Ich will hundertprozentige Gewissheit, den letzten unwiderlegbaren Beweis für Cottas Schuld. Bevor ich das nicht weiß, werde ich nichts tun." Auf Justus Gesicht war grimmige Entschlossenheit zu sehen.
„Und wie willst du das herausfinden?"
„Mithilfe einer Antilope."
Verdattert blinzelten seine beiden Freunde ihn an. „Bitte was?"
„Mit einer Antilope, die wir den Tigern zum Fraß vorwerfen. Nur wird diese Antilope etwas unverdaulicher sein und unsere Tiger sich hoffentlich die Zähne daran ausbeißen. Alles was wir dafür brauchen ist jemand, der sich bestens mit scharfen Zähnen von Raubtieren auskennt...", grinste Justus, tippte das letzte Wort des Gedichts und stellte es für Mr. X auf den Desktop.
„Kannst du dich bitte nicht so kryptisch ausdrücken und Klartext reden?", forderte Bob.
„Morgen vielleicht. Ich will erst die Antwort von Mr. X abwarten. Es ist erstmal nur ein Hirngespinst und ich will die Pferde nicht scheu machen."
Mehr war aus Justus nicht herauszubekommen, egal was seine Freunde auch versuchten. Also machten sie sich auf den Weg nach Hause.
Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Der Halbmond linste ab und zu durch die Wolkenlücken und die Nachtluft war kühl. Bob stieg in seinen Käfer und Peter auf sein Rennrad. Doch bevor er losfuhr, zog er noch den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Anschlag zu.Die runden Rücklichter des Käfers konnte Peter noch eine Weile in der Ferne sehen, bis sie wie kleine Glühwürmchen am Horizont verschwanden.Gemächlich trat der zweite Detektiv in die Pedale. Er genoss die nächtliche Ruhe und den Schwall an frischer Luft in seiner Lunge. Schwacher Lichtschein einiger Laternen begleitete ihn durch die sonst dunklen Seitenstraßen von Rocky Beach.Seine Gedanken beschäftigten sich immer wieder mit der Antilope. Was Justus damit wohl meinte? Auch Liv schlich sich in seinen Kopf und die damit verbundene Vorfreude auf ihre Surfverabredung am Samstag und auch ein bisschen auf das Konzert am Freitag. Hätten sie gerade nicht diesen ernsten Fall, hätte er mehr Zeit darin investiert sie besser kennenzulernen. Aber so musste dieses Vorhaben wohl bis Freitagabend warten in der Hoffnung die Ermittlungen bis dahin abgeschlossen zu haben.
Olivias strahlendes Lächeln vor seinem inneren Auge verpuffte, als er plötzlich hinter sich ein herannahendes Auto hörte. Es fuhr langsam, zu langsam für Peters Geschmack. Er erhöhte seine Geschwindigkeit was nur dazu führte, dass auch das Auto schneller wurde. Die durchdrehenden Reifen und ein hässliches Quietschen hallten durch die Nacht und jagten ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Nur ein paar Sekunden später war der Wagen neben ihm, ein schwarzer Nissan. Peter starrte durch die Scheibe, doch durch die Tönung konnte er nichts erkennen.Der Wagen begann Peter zur Seite zu drängen, immer näher Richtung Bordstein. Panisch blieb ihm nichts anderes übrig, als anzuhalten. Sein Herz pochte wie verrückt und sein Blick war starr auf den Nissan gerichtet, der ebenfalls anhielt. Die Tür ging auf und ein Tigerkopf kam zum Vorschein, in seiner Hand eine Pistole, die auf den zweiten Detektiv zielte.
„Einsteigen!", raunte eine dumpf klingende Stimme. Als hielt sich jemand ein Taschentuch vor den Mund. Peter stand wie angewurzelt da. „Wird's bald? Auf den Beifahrersitz!"
Mit wackeligen Knien legte er sein Fahrrad auf dem Seitenstreifen ab, setzte sich in Bewegung und stieg widerwillig ein. „W-was haben Sie vor?", stotterte er und starrte wieder auf die Waffe, die auf ihn gerichtet war.
„Das hängt ganz davon ab, wie auskunftsfreudig du bist. Was wisst ihr? Für wen arbeitet ihr?"
Peter zögerte. „Arbeiten? Was meinen Sie?"
„Verkauf mich nicht für dumm!", zischte der Mann ihn an. „Du und deine Freunde! Ich weiß, dass ihr Detektive seid! Also raus mit der Sprache!"
Sie waren also bei einer ihrer Spurensuchen gesehen worden. In Peters Kopf arbeitet es jetzt auf Hochtouren. Wer saß hier gerade neben ihm und welche Geschichte sollte er ihm auftischen? Er überlegte fieberhaft und wünschte sich in diesem Moment Justus zu sein, denn dem wäre sofort das Richtige eingefallen. Ihm fiel nichts Besseres ein, als eine haarsträubende Geschichte über die Suche nach einem verschollenen Zwillingsbruder und ein rätselhaftes Erbe.
Der Tiger sah ihn von der Seite an. „Das klingt völlig bescheuert!"
Peter war innerlich komplett angespannt und betete, dass diese Situation gut für ihn ausgehen würde. Nach außen hin zuckte er aber lediglich mit den Schultern. „Wir hatten schon merkwürdigere Fälle."
„Ich soll einen Zwillingsbruder haben?"
Der zweite Detektiv nickte und schöpfte Hoffnung. Nahm ihm der Mann dieses Märchen wirklich ab?
Der Wagen holperte über einen Feldweg und hielt an. Sie befanden sich irgendwo im Nirgendwo außerhalb von Rocky Beach. Kein Haus, keine Menschen weit und breit.
Erschrocken blickte Peter sich um. „Was... tun wir hier?"
„Aussteigen!"
„Was haben Sie vor?", fragte er panisch.
Wieder wurde die Waffe gehoben. „Aussteigen habe ich gesagt!"
Justus wurde durch eine ins Zimmer polternde Tante Mathilda geweckt, die heftig an seinen Schultern rüttelte. Vor Schreck fiel er fast aus dem Bett. „Was um Himmels Willen ist denn los?", fragte er mit zusammengekniffenen Augen aufgrund der eingeschalteten Deckenbeleuchtung.
„Mrs. Shaw ist am Telefon. Peter ist nicht nach Hause gekommen!", sprach seine Tante aufgeregt.
„Was? Wie spät ist es?", fragte er jetzt hellwach und schmiss die Decke beiseite.
„Zwei Uhr morgens."
Mit dieser Information hastete er die Treppe hinab zum Telefon. Am anderen Ende ertönte die besorgte Stimme von Mrs. Shaw. „Justus, Peter ist nicht nach Hause gekommen! Ich war gerade in seinem Zimmer aber er ist nicht da. Bei Casie ist er auch nicht und wie mir deine Tante mitteilte bei euch auch nicht. Wo ist er nur?" Die Verzweiflung war deutlich zu hören.
„Er hat sich gegen zweiundzwanzig Uhr auf den Weg nach Hause gemacht.", erklärte er. Sein Magen zog sich vor Sorge zusammen.
Tante Mathilda war jetzt ebenfalls die Treppe hinuntergekommen und stand neben ihrem Neffen. „Habt ihr Ärger mit jemandem? Steckt ihr wieder in irgendeiner Sache drin?", fragte sie in mahnendem Ton, doch Justus ignorierte es und konzentrierte sich auf das Telefonat.
„Und Peter wollte direkt nach Hause?", kam die Frage von Henry Shaw im Hintergrund.
„Ja, meines Wissens nach schon."
„Vielleicht hatte er einen Unfall mit seinem Rad. Oh Gott, erst passiert Casie diese schreckliche Geschichte als sie mit dem Fahrrad unterwegs war und jetzt ist Peter unauffindbar. Ich rufe gleich in allen Krankenhäusern der Umgebung an und informiere die Polizei." Mrs. Shaw schluchzte. Sie war den Tränen nahe.
Bei dem Wort "Polizei" fuhr Justus unwillkürlich zusammen, denn er hatte eine böse Ahnung.
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