LNCrawler

Kapitel 19 - Raubtierfütterung

Herz Über Kopf — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 19 - Raubtierfütterung

Casie verließ die Zentrale und stieg zurück in den Camaro. Der V8-Motor heulte beim Starten auf und sie lenkte den Sportwagen vorsichtig, wie Skinny versprochen, zur Zulassungsbehörde, welche sich genau neben dem Polizeipräsidium befand.

Bevor sie ausstieg, checkte sie noch einmal ihr Make-up und den Ansatz der blonden Perücke im Rückspiegel. Dann nahm sie die Papiere in die Hand und überquerte den großen Parkplatz. Die Absätze ihrer Stiefel klackten dabei rhythmisch über den Asphalt. Durch ihre Sonnenbrille scannte Casie die Umgebung - vor dem Police Department standen ein paar Beamte und unterhielten sich, eine Frau lief mit ihrem Kind an der Hand zu ihrem Auto und ein älterer Herr verließ gerade die Zulassungsbehörde.

Drinnen angekommen nahm Casie ihre Sonnenbrille ab, sprach sich innerlich nochmal Mut zu für ihr Schmierentheater und steuerte dann äußerlich selbstsicher auf einen der freien Schalter zu, wo sie von einem Mann begrüßt wurde. „Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?"

„Hallo, ich würde gerne mein Auto anmelden.", antwortete sie und legte die Unterlagen auf den Tresen.

Der Mitarbeiter schaute sich alles genau an und das Modell schien seine Neugier geweckt zu haben. „Einen Chevrolet Camaro SS bekomme ich hier nicht oft zur Anmeldung. Ein wirklich schönes Auto."

„Absolut! Ich habe mir damit einen großen Traum erfüllt. Lange habe ich gespart und auf diesen Tag gewartet. Als wenn es das Schicksal so wollte, hat es passend zu meinem Umzug hier her geklappt. Und ab morgen ist dann auch endlich der Garagenstellplatz für diese Schönheit frei. Also ist heute zum Glück die letzte unwürdige Nacht auf dem Pendlerparkplatz in der Nähe.", sprach Casie naiv mit einem Lächeln. Sie hatte direkt alle wichtigen Informationen für die Diebe auf dem Silbertablett dagelassen. Stellte sich nur die Frage, ob sie die Infos tatsächlich bekommen würden.

Der Mann musterte sie kurz. „Das freut mich für Sie. Gerade in so jungem Alter ist das wirklich beeindruckend."

„Danke! Mein Dad sagt immer: Von nichts kommt nichts. Wenn man etwas möchte, muss man auch etwas dafür tun. Deshalb gehe ich jetzt in Hollywood meiner Schauspielkarriere nach."

„Ein mutiger Schritt von Ihnen. Den Traum berühmt zu werden haben viele."

„Aus der Masse herausstechen ist das Ziel. Das richtige Auto dafür habe ich ja schon mal.", kicherte sie übertrieben.

„Das stimmt. Ich werde schnell Ihre Papiere fertig machen. Dauert nur einen kleinen Moment.", erklärte der Mitarbeiter äußerst freundlich und mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Dass dieses Lächeln absolut fake war, erkannte Casie sofort.

Dann ging er in den dahinterliegenden Raum, was sie durch die Glasscheibe beobachten konnte. Dort tippte er etwas in den Computer ein, woraufhin der Drucker zu arbeiten begann. Der Mann griff nach seinem Handy. Er machte dabei einen aufgeregten Eindruck. Gab er die Informationen vielleicht schon weiter? Casie war sich nicht sicher, doch die Veränderung in seiner Körpersprache war auffällig.Als er mit den fertigen Unterlagen zurückkam, ließ sie sich ihre Vermutung nicht anmerken, lächelte einfach nur unschuldig, nahm alles entgegen, bedankte sich und verließ danach das Gebäude.

Draußen atmete sie kurz tief durch und machte sich dann auf den Rückweg zum Auto. Casie war auf der Hälfte des Parkplatzes, als ihr das Herz in die Hose rutschte. Inspektor Cotta und Inspektor Kershaw kamen geradewegs auf sie zu. Schnell setzte sie ihre große schwarze Sonnenbrille wieder auf, um etwas mehr von ihrem Gesicht zu verdecken. Sie wollte lieber auf Nummer sicher gehen nicht von einem der beiden erkannt zu werden.

„Einfach weitergehen Casie, einfach weitergehen. Bleib ganz ruhig, die erkennen dich nicht.", sagte sie zu sich selbst.

Als sie einander passierten grüßte Cotta sie mit einem kurzen „Tag Ma'am.".

„Guten Tag Officers.", erwiderte sie mit einem freundlichen Lächeln und lief unbekümmert weiter an ihnen vorbei. Casies Herz schlug dabei wie wild und ihre Beine fühlten sich wie Wackelpudding an, doch sie schien tatsächlich nicht aufgefallen zu sein.

Zurück im Auto rieb sie sich mit der Hand durch ihr Gesicht. Ihre Hände zitterten immer noch leicht dabei. Ihr Blick fiel auf Skinnys Zigarettenschachtel, die in der Mittelkonsole lag. „Sorry Baby, aber davon brauch ich jetzt erstmal eine. Und aus dem Auto muss das Zeug sowieso, wir wollen ja kein Risiko eingehen, dass jemand dieses Feuerzeug erkennt." Casie steckte sich eine der Zigaretten in den Mund und entzündete sie mit dem silbernen Sturmfeuerzeug, auf dem die Initialen S.N. eingeritzt waren. Der Rauch strömte durch das offene Fahrerfenster nach draußen und mit jedem Zug beruhigte sich ihre Herzfrequenz ein wenig. „Teil Eins abgeschlossen. Fehlt noch der actionreiche Rest."

Justus und Bob kümmerten sich anschließend um die Montage des Peilsenders und der Kamera. Mehrfach vergewisserten sie sich, dass beides ordnungsgemäß funktionierte und der Bildausschnitt der Kamera auch auf Bobs Laptop zu sehen war.Peter holte in der Zwischenzeit seinen roten MG von Zuhause, denn den kannten die Diebe noch nicht, was die Chance erhöhte bei einer möglichen Verfolgung nicht direkt aufzufallen.Casie hatte es sich in der Zentrale in Skinnys Arm gemütlich gemacht, während er an seinem Handy spielte, um die Wartezeit zu überbrücken.

Eine Stunde später war der Camaro fertig vorbereitet. Jetzt fehlte nur noch eine kleine Stärkung, schließlich hatten sie eine lange Nacht vor sich.Tante Mathilda war ihre Rettung und servierte eine riesige Auflaufform Mac'n'Cheese, aber nicht ohne neugierig nachzufragen, wieso Casie und Skinny zu Besuch waren und warum das Mädchen plötzlich blonde Haare hatte.

„Ach, eigentlich war das nur ein kleiner Scherz meinerseits. Mich hat einfach interessiert wie Skinny darauf reagiert. Na ja und so eine Perücke zu kleben ist gar nicht ohne, also habe ich beschlossen einfach den Rest des Tages damit herumzulaufen.", erklärte sie mit einem verlegenen Lächeln.

„Und was habt ihr Jungs an Skinners Auto gemacht?", fragte Mathilda skeptisch, was dazu führte, dass die Gabel bei allen drei ein paar Sekunden länger als üblich im Mund verharrte.

Skinny entschärfte die Situation. „Jonas hat mir angeboten mein Infotainmentsystem zu verbessern. Das hatte nämlich mal dringend ein Update nötig.", sprach er lässig und zuckte mit den Schultern, während er die nächste Ladung Nudeln aufpiekste.

Sie schaute daraufhin Justus an, der bestätigend mit dem Kopf nickte. „Veraltete Software bietet sehr viele Nachteile. Man nehme alleine das Navigationssystem: Ohne Update fehlen die neusten Straßen und aktuelle Baustellen oder Staumeldungen werden nicht richtig erfasst, was zu unnötigem Zeitverlust führen kann. Gerade in einer Metropole wie Los Angeles kann das verheerend sein."

Mathilda schüttelte seufzend den Kopf. „Ihr jungen Leute und eure Technik. Früher sind wir auch ohne diesen ganzen Schnickschnack ausgekommen." Dann stand sie auf und räumte die Teller vom Tisch. Das war das Zeichen für die Freunde zu verschwinden.

„Wir müssen dann jetzt los. Danke für das Abendessen Mrs. Jonas.", lächelte Peter freundlich. Die anderen stimmten mit ein und traten dann hinaus in die Abenddämmerung.

„Okay, Casie du kannst dich schonmal mit dem Camaro zum Parkplatz begeben. Wir packen das Equipment zusammen und kommen in Peters MG nach."

„Alles klar, Just."

Während seine Freunde die Sachen packten, warf Justus einen prophylaktischen Blick auf den PC-Desktop und er wurde nicht enttäuscht. Eine neue Nachricht von Mr. X befand sich darauf. Er fragte nach Neuigkeiten und ermahnte sie nichts auf eigene Faust zu unternehmen. Aber dafür war es schon zu spät. Justus antwortete knapp, dass sie noch ermitteln und er sich in Kürze wieder melden würde. Dann sperrte er den Computer und folgte den anderen zum MG.

Der Himmel war in ein dunkles Lila getaucht und vereinzelt leuchteten schon einige Sterne auf. Casie drehte das Radio etwas lauter als "In the middle of the night" zu spielen begann. Nicht nur Skinny liebte dieses Lied, auch sie kam bei der Melodie und dem einschlägigen Text nie ohne Ohrwurm davon. Das Mädchen summte vor sich hin, während sie auf den Parkplatz bog und den Wagen abseits jeder Lichtquelle parkte. Lediglich die Xenonscheinwerfer des Camaros erhellten den Weg vor ihr, doch mit dem Ziehen des Schlüssels umgab Casie nur noch Dunkelheit. Da die Luft recht kühl war, verharrte sie noch einige Minuten auf dem gut gepolsterten Fahrersitz. Ihr Blick wanderte aus dem Seitenfenster - der Parkplatz war komplett verlassen, keine Menschenseele war weit und breit zusehen.Ihr aufleuchtendes Handy mit einer Nachricht von Peter und seinem Standort brachten sie letztendlich dazu auszusteigen.

Die drei Fragezeichen und Skinny fanden direkt gegenüber vom Parkplatz in einem kleinen ausgetrockneten Entwässerungsgraben ihren Beobachtungsposten. Davor wuchs eine niedrige Hainbuchenhecke und bot ihnen den perfekten Schutz. Casie ließ sich kurze Zeit später ebenfalls in dem Graben nieder.

„Letzter Check.", flüsterte der erste Detektiv und überprüfte die Nachtsichtbrille. Bob checkte seinen Laptop und Peter das Peilgerät. Skinny kramte die Verpflegung aus dem Rucksack und verteilte die Schlafsäcke, in die sich alle bis auf Justus zurückzogen.

Er übernahm die erste Schicht, doch es blieb ruhig. Auch während Bobs Wache passierte nichts. Dann war Peter an der Reihe. „Ist es schon so weit?", gähnte er, als er von seinem Freund geweckt wurde.

„Halb drei. Du bist dran.", flüsterte er und rollte sich in seinen Schlafsack.

„Oh Mann. Die sollen jetzt mal anbeißen. Ich vermisse mein warmes Bett.", seufzte er. „Ich will diesen Fall endlich been..." Peter verstummte. „Bob!", sprach er leise aber bestimmt und rüttelte an den Schultern seines Freundes.

„Was ist?", fragte dieser und schlug die eben geschlossenen Augen wieder auf.

„Da drüben! Neben der Hecke!"

Bob drehte sich im Liegen in die Richtung, in die Peters Finger wies. Er kniff die Augen etwas zusammen, dann sah er sie - zwei Männer mit Tigerköpfen. „Na endlich!"

Die beiden weckten die anderen. „Leute! Es geht los!"

Justus murrte kurz. Dann zuckte er zusammen und setzte sich abrupt auf.Casie und Skinny rieben sich die verschlafenen Augen und begannen dann ebenfalls sich zu fokussieren.

„Zwei Typen an der Hecke!", Bob zeigte nach rechts.

„Mist, ich hatte gehofft die zeigen sich hier ohne Maske so ganz ohne Kamera in der Nähe."

„Diese Mistkerle gehen auf Nummer sicher.", raunte Skinny mit zusammengebissenen Zähnen und beobachtete schmerzlich wie sich die Diebe an seinem Auto zu schaffen machten. Einer der Tiger war dabei die Fahrertür aufzubekommen, während der andere ein kleines Gerät aus seinem mitgeführten Rucksack holte.

„Was holt der da raus?", fragte Casie und kniff die Augen zusammen in der Hoffnung dadurch mehr zu erkennen.

„Ein manipuliertes Diagnosegerät. Die gehen immer gleich vor: Einer hebelt die Tür einen Spalt mithilfe eines Luftkissens auf, führt dann einen langen Draht ein und öffnet sie damit von innen. Sobald die Tür auf ist, schließt der andere das Diagnosegerät an die OBD-Schnittstelle an. So können sie in Sekundenschnelle neue Schlüssel im System programmieren und den Motor starten.", erklärte Skinny das Vorgehen der Diebe.

„Die effektivste Methode ein Auto zu stehlen ohne es zu beschädigen.", ergänzte Justus.

Nicht mal eine Minute später brummte der Motor des Sportwagens auf, die Diebe zogen die Türen zu und der Camaro rollte los.

In Windeseile packten die Freunde ihre Sachen zusammen und stürmten zum MG. Sie durften nicht riskieren, dass der Peilsender sich außer Reichweite bewegte.

Nachdem Skinny, Casie und Bob sich auf die Rücksitzbank gequetscht hatten, kramte letzterer seinen Laptop hervor und klinkte sich in die Kamera ein.

„Ja! Der eine zupft gerade an seiner Maske herum!", verkündete er euphorisch.

„Lass mal sehen!", befahl Justus ungeduldig.

Bob, der in der Mitte saß, beugte sich zwischen den Sitzen nach vorne rüber, sodass jetzt alle auf den Bildschirm gucken konnten. Das Bild war dunkel und grißelig, doch immer, wenn die Diebe eine Straßenlaterne passierten konnte man ihre Tigerköpfe gut erkennen.

„Und wer ist es?", fragte Peter neugierig, der keine Zeit hatte zu gucken, da er sich vollkommen auf das Fahren konzentrieren musste.

„Gleich, der hat seinen Arm noch im Weg und jetzt wird es wieder dunkel."

Gebannt schauten die Freunde auf den Laptop.

„Da, es wird wieder heller."

Doch bevor sie sich versahen, war das Bild pechschwarz.

„Verdammt! Was ist passiert?"

„Das darf nicht wahr sein!"

„Ist es Cotta? Jetzt sagt schon!", kam aufgeregt von Peter.

„Keine Ahnung. Er hat die Maske über die Uhr mit der Kamera gehängt.", seufzte Justus.

Peter stöhnte auf und schlug mit der Hand auf das Lenkrad. „So ein Mist!"

„Jetzt können wir die nicht identifizieren! Was machen wir denn jetzt?", wollte Casie wissen.

„Wir müssen ihnen zu ihrem Versteck folgen.", meinte Justus.

„Und wenn die bis nach Mexiko düsen?", wandte Bob ein.

„Wir verfolgen die so weit es geht! Ist doch wohl klar, Andrews! Die hauen nicht mit meinem Auto ab!", brummte Skinny angesäuert.

Peter folgte brav dem Signal des Camaros, welcher sich weiter geradeaus bewegte, nicht nach Süden Richtung Mexiko, sondern in den nördlichen Außenbereich von Rocky Beach. Dort befand sich ein großes Gewerbegebiet mit etlichen Hallen und Lagergebäuden.

„Bleib weit genug zurück, Zweiter. Sie dürfen uns auf keinen Fall bemerken!"

Das Signal irrte noch durch einige Nebenstraßen, bevor die Fahrt zu Ende war.

„Sie haben angehalten!"

„Na dann, Kollegen." Justus atmete tief durch. „Sehen wir uns die Kerle an!"

❀