Kapitel 20 - Fallende Masken
Kapitel 20 - Fallende Masken
Immer noch herrschte dunkelste Nacht. Die Sonne würde erst in zwei Stunden aufgehen. Es war still, nichts regte sich. Schon einige Sekunden nach dem Aussteigen kroch den Freunden die Kälte über die Haut.Peter, der seinen Blick auf das Peilgerät gerichtet hatte, führte die Gruppe an. Die anderen schlichen hinter ihm an den finsteren Lagergebäuden vorbei. Nirgends war Licht zu sehen.
Nach einigen hundert Metern blieb der zweite Detektiv stehen und deutete auf eine kleine Fabrikhalle. "Imperial Liquor" stand in schwarzen Buchstaben an der hellgrauen Fassade. „Das muss es sein."
„Die Einfahrt scheint auf der anderen Seite zu sein.", stellte Casie fest.
„Aber da vorne ist eine Tür." Bob deutete auf die rechte Gebäudeseite.
Die Tür war verschlossen, aber Peter war vorbereitet und zückte seinen Dietrich aus der Hosentasche. Bevor er sie öffnete, drehte er sich hockend zu Skinny um. „Hast du zufällig deine Dienstwaffe dabei? So zur Sicherheit?"
„Nein, die trage ich nur im Dienst bei mir und da das hier kein offizieller Einsatz ist..."
„Wir kommen auch ohne Schusswaffe klar, sind wir bis jetzt immer.", kam mit fester Stimme vom ersten Detektiv.
„Lasst mich trotzdem vorgehen."
Skinny übernahm jetzt die Führung. Justus trat als letzter durch die Tür. In dem Gebäude roch es nach Whiskey, aber gleichzeitig auch nach altem modrigem Holz, was ihnen signalisierte, dass hier schon lange nicht mehr produziert wurde. Es war dunkel und nur grobe Konturen zu erkennen. Die Freunde folgten einem langen Flur bis zu einer weiteren Tür. Sie hielten kurz davor inne, dann drückte Skinny vorsichtig die Klinke nach unten. Vor ihnen lag eine große Halle. Graues Nachtlicht sickerte durch die Fenster oberhalb in der Wand. Ein Förderband, Maschinen und alte Whiskeyfässer standen herum. Der Geruch war hier noch intensiver. Im Schutz der Maschinen schlichen die Freunde weiter in die Halle hinein. Sie wagten es kaum zu atmen. Jeden Augenblick könnten sie den Dieben begegnen.
Dann sahen sie ihn. Ein großer, dunkler Schatten von dem ein gedämpfter Glanz ausging. Der Camaro stand genau hinter dem Eingangstor, aber keine Spur von den Dieben und auch andere Autos standen hier nicht. Sowohl bei Justus als auch bei Skinny sorgte dieser Umstand direkt für klingelnde Alarmglocken. „Hier stimmt was nicht!"
Doch Zeit zum Handeln gab es nicht. Mit einem Schlag ging das Licht an. Alle Leuchtstoffröhren an der Decke flackerten auf und durchfluteten die Halle mit grellem Licht. Geblendet hielten sich alle die Arme vor ihr Gesicht.
„Siehst du! Ich hab's doch gesagt. Der Camaro war eine Falle.", ertönte eine dumpfe gehässige Männerstimme. Hinter einem der Whiskeyfässer kamen zwei Tiger hervor. Der eine zielte mit einer Waffe in Peters Richtung, während sie näher kamen. „Hast du ernsthaft geglaubt, wir kaufen dir diese dämliche Geschichte mit dem Zwillingsbruder ab?" Er lachte finster.
„Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und uns über euch informiert. So war uns schnell bekannt, dass deine Schwester mit dem Polizei-Azubi hier zusammen ist, der genau so einen Wagen fährt, der heute von einer jungen Tussi, wie die hier, zugelassen wurde. Komischer Zufall findet ihr nicht?", sprach der andere zynisch.
Die Stimmen klangen so undeutlich, dass man keine Schlüsse ziehen konnte, wem sie gehörten.
Zwei Schritte vor den Freunden blieben die Diebe stehen. Sie trugen schwarze Overalls, Turnschuhe, diese grässlichen Masken und waren beide relativ groß gewachsen. Justus wusste sofort, was das bedeutete.
„Hören Sie wir wissen..."
„Klappe, Dicker! Ihr redet nur wenn ihr gefragt werdet!"
Der erste Detektiv verstummte. Genau wie die anderen. Der Finger des einen Tigers spielte unruhig am Abzug der Waffe. Der Finger, Justus schaute genau hin. Am Ansatz des linken Ringfingers zeichnete sich ein blasser Ringschatten ab. Die Hände des anderen Tigers waren braun gebrannt.
„Wir sollten das gleich hier an Ort und Stelle erledigen.", sprach der Mann mit der Waffe, welche jetzt auf Casie gerichtet wurde. Es war nicht das erste Mal, dass jemand mit einer Pistole auf sie zielte, aber dieses beängstigende Gefühl würde nie verschwinden. Fluchtartig taumelte sie einen Meter nach hinten, stieß dabei gegen eines der Whiskeyfässer und stolperte zu Boden.
Ein panisches „Nein!" kam von Peter und auch Skinnys Augen hatten sich verzweifelt geweitet. Er machte einen Schritt zu seiner Freundin rüber, um sich vor sie zu stellen, doch der Tiger unterband dies. „Du bleibst wo du bist und du hältst die Schnauze!" Er fuchtelte mit der Waffe herum, seine Aufmerksamkeit lag dabei auf Peter.
Der andere Tiger behielt Justus und Bob im Auge, überzeugt, dass sein Komplize die Kontrolle über die Situation behalten würde.Da gerade keiner der beiden zu Casie blickte, nutzte sie den Moment und scannte in einem Wimpernschlag ihre nähere Umgebung. Unmittelbar neben ihr, glücklicherweise direkt hinter dem Fass, lag eine schmale etwa zwanzig Zentimeter lange Metallstange auf dem Boden. Unauffällig aber dennoch schnell hob Casie sie auf und schob sie in den rechten Ärmel ihrer Strickjacke. Gerade rechtzeitig bevor der bewaffnete Tiger sie wieder fokussierte. „Aufstehen Püppchen! Na los! Und du stellst dich jetzt wieder brav neben deinen Bruder!"
Casie gehorchte und kam etwas schwerfällig wieder ein paar Meter näher. Als sie neben Peter stehen blieb, suchte sie zuerst Skinnys Blick. Wenn jemand sie ohne Worte verstehen würde dann er. In ihren braunen Augen lag etwas Forderndes gemischt mit einer guten Portion Entschlossenheit.Seine Augen wiederum streiften daraufhin kurz die Pistole, eine P30. Sie lag fest in der Hand des Kriminellen, aber Skinny blieb ein entscheidendes Detail nicht verborgen. Die Waffe verfügte über eine manuelle Sicherung und diese war noch aktiv.
„Von anerkannten Polizisten beim LAPD zu Insassen im Knast. Finde ich eine interessante Wahl. Bei mir war es genau andersrum.", meinte er mit einem provokanten Schmunzeln an seine beiden "Kollegen".
„Du sollst die Schnauze halten!", fauchte sein Gegenüber und zielte jetzt auf ihn.
Das war der Moment. Casie ließ die Stange behutsam aus ihrem Ärmel gleiten. Ihr Bein verdeckte dabei die Sicht für den anderen Dieb. Währenddessen lenkte Skinny die Aufmerksamkeit weiterhin auf sich. „Die Erkenntnis sein Leben verbockt zu haben tut weh, oder?"
Der Tiger legte den Kopf schief, trat näher auf Skinny zu und brüllte noch wütender: „Hörst du schlecht?! Ich sagte Schnauze! Sonst puste ich dir als Erstes dein beschissenes Hirn w..." Weiter kam er nicht, denn Metall traf mit voller Wucht auf sein Handgelenk. Casie hatte ausgeholt und mit aller Kraft zugeschlagen. Den qualvollen Schrei, der darauf folgte, konnte nicht einmal die Maske dämpfen. Dann ging alles ganz schnell: Während die Waffe zu Boden fiel, stürzte Skinny sich auf Tiger Nummer eins. Tiger Nummer zwei war komplett überrumpelt von dieser Wendung und wurde von Justus, Peter und Bob zu Boden gerissen, ehe er hätte etwas unternehmen können. Er hatte keine Chance gegen die drei und lag wehrlos unter ihnen. Skinny rangelte mit dem anderen Dieb. Sie tauschten Faustschläge und Tritte, bis ein lauter Knall durch die Halle schepperte und ihren Kampf abrupt unterbrach. Casie hatte die Pistole aufgenommen und einen Schuss nach oben abgefeuert. Dann richtete sie die Waffe auf Skinnys Gegner. „Scheint als hätte das Püppchen jetzt die Kontrolle. Ich würde ja sagen nimm nächstes Mal lieber eine Pistole ohne manuelle Sicherung für weniger Berechenbarkeit, aber ein nächstes Mal wirst du nicht mehr bekommen! Und jetzt Masken runter!"
Justus, der aufgrund des Machtwechsels zu ihren Gunsten wieder aufgestanden war, grinste triumphierend. „Das ist gar nicht mehr nötig. Ich weiß nämlich mit welchen zwei Beamten wir hier das Vergnügen haben und ich kann euch sagen, dass keiner der beiden Cotta ist."
„Bist du sicher?", fragte Peter hoffnungsvoll.
Der erste Detektiv nickte und teilte den Anwesenden seine Beobachtungen bezüglich der Hände mit.
„Ich nehme an, ich habe das richtig erläutert Mr. Mitchell und Mr. Donnatelli?" Beide Diebe grummelten nur unverständlich unter ihren Masken. „Das werte ich als Ja."
Plötzlich ertönte eine bekannte Stimme. „Euch kann man auch nicht einmal alleine lassen!" Hinter dem Förderband tauchte die dazugehörige Person auf.
„Inspektor Cotta!", kam es überrascht und synchron von den drei Fragezeichen.
Mit gezogener Dienstwaffe trat Cotta näher auf die Gruppe zu. Er zog ein Paar Handschellen aus seinem Holster und warf sie zu Skinny hinüber. „Festnehmen und Waffe sichern!"
„Nichts lieber als das, Boss!" Unsanft drehte dieser Mitchells Arme auf dessen Rücken und klickte die Handschellen fest. Er fluchte aufgrund des schmerzenden Handgelenks und spuckte mit purer Verachtung vor sich auf den Boden. Auch einige Tropfen Blut aus der aufgeplatzten Unterlippe landeten dabei dort.Casie reichte Skinny danach die P30. In gesichertem Zustand entfernte ihr Freund das Magazin und zog kräftig den Verschluss nach hinten, wodurch die letzte Patrone aus dem Lauf ausgeworfen wurde. Als Letztes noch ein visueller Check des Patronenlagers und die Waffe war komplett unschädlich. Dann zerrte er Mitchell auf seine Beine und führte ihn hinter Cotta, der Donnatelli vor sich herschob, nach draußen. Eine vom Inspektor angeforderte Streife nahm die beiden Kriminellen in Empfang.
Nachdem der Streifenwagen abgefahren war, drehte sich Cotta zu den Freunden um. „Was habt ihr euch dabei gedacht? Manchmal glaube ich, ihr liebt es euch in Gefahr zu bringen.", brummte er.
„Um einen schwierigen Fall zu lösen ist es manchmal vonnöten offensivere Ermittlungsmethoden zu wählen. Und ich möchte nicht despektierlich klingen Inspektor, aber wir hatten die Situation im Griff oder anders formuliert: in Casies starker rechten Hand und haben die Täter auch ohne Ihr Erscheinen identifiziert.", wandte Justus selbstsicher ein.
„Oh ja, der Schlag war der Wahnsinn! Wie ein Homerun beim Baseball! Wusch! Haben Sie das mitbekommen, Inspektor?", fragte Peter noch immer komplett aus dem Häuschen und ahmte Casies Hieb mit der Metallstange nach.
„Habe ich. Aber wenn ihr euch an meine Anweisungen gehalten hättet, wäre das alles gar nicht nötig gewesen."
„Ihre Anweisungen?", fragte Bob verblüfft. „Dann haben Sie sich anonym an uns gewandt?" Auch seine beiden Kollegen waren von dieser Aussage überrascht. Die Jungs waren davon überzeugt, Forrester wäre ihr Mister X gewesen.
„Ja, war ich und in dem Gedicht stand "Spuren finden" nicht "Falle stellen und sich mit Autodieben prügeln"!" Er schaute Skinny bei dem letzten Teil eindringlich an, dessen linkes Jochbein durch einen abbekommenen Schlag schon leicht angeschwollen war. „Und übrigens auch nicht "bei Polizisten einbrechen"!" Jetzt ging sein Blick zu den drei Jungs.
„Ja, schon...", wandte Justus ein. „... aber..."
„Nichts aber! Ihr solltet die Leute beobachten! Mehr wollte ich nicht. Ihr seid immer viel zu..., ach was predige ich hier, ihr macht eh immer was ihr wollt!", sprach er aufgebracht. „Und jetzt ab nach Hause mit euch! Morgen nach der Schule kommt ihr aufs Präsidium für eure Aussagen!"
„Wir fahren erstmal zum Krankenhaus und lassen das checken.", sagte Casie mit besorgtem Blick auf Skinnys in Mitleidenschaft gezogenen Wangenknochen.
„Mir geht's gut. Ist nicht das erste Mal, dass ich eine Faust abbekommen habe. Ein bisschen kühlen und dann ist das in ein paar Tagen wieder verschwunden.", beschwichtigte er. „Komm, ich will jetzt mein Auto wiederhaben!"
„Du meinst mein Auto.", grinste Casie.
„Das lasse ich nach der Schicht direkt wieder ändern. Das ist dir klar, oder?"
„Ja, aber bis dahin gehört es mir.", trällerte sie und gab seinem gesunden Wangenknochen einen flüchtigen Kuss. Dann drehte Casie sich zu den anderen um, wünschte ihnen noch eine gute restliche Nacht und schlenderte mit klimperndem Autoschlüssel in der Hand zurück in die Halle. Skinny nickte kurz zum Abschied in die Runde und folgte ihr.
Auch die anderen verabschiedeten sich wenige Minuten später voneinander und traten den Heimweg an. Für die Beantwortung aller offenen Fragen war morgen noch genug Zeit.
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