Kapitel 21- Leugnen ist zwecklos
Kapitel 21- Leugnen ist zwecklos
Zwei Stunden Schlaf gab es noch für die Freunde, bevor die Schule wieder rief. Trotz der Müdigkeit freute Peter sich, denn der Fall war beendet, er würde gleich Liv sehen und ohne Ermittlungen ließ sich später entspannt ins Wochenende starten.Pfeifend zog er die Haustür hinter sich zu und schwang sich auf sein Rennrad.Der Wind wehte leicht durch seine braunen Haare, während er gelassen in die Pedale trat. Haus um Haus und Baum um Baum zog dabei an ihm vorbei. Das Wetter war gut und so sollte es auch das ganze Wochenende über bleiben.
Als er auf den Schulhof einbog, sah er Olivia am Fahrradständer stehen. Sie kettete gerade ihr Rad an. Seine gute Laune erhöhte sich dadurch noch ein ganzes Stück und seine Fröhlichkeit spiegelte sich in Form eines Strahlens auf seinem Gesicht wider.Die letzten Meter ließ er sich einfach ausrollen. Dann sprang er voller Elan ab und schob sein Rennrad in die leere Lücke neben Liv. Sie hatte ihn noch nicht bemerkt. Erst als er ein „Guten Morgen!" trällerte, drehte sich ihr Kopf zu ihm.
„Hey Peter. Guten Morgen. Du bist ja gut drauf.", stellte sie fest.
„Ja, das bin ich, denn wir haben die Autodiebe überführt und so steht nur noch dieser Schultag und unsere Aussage im Präsidium nachher einem entspannten Start ins Wochenende im Weg."
„Oh, ich gratuliere! Also hattest du gestern noch einen actionreichen Nachmittag."
„Definitiv und eine kurze Nacht, aber dafür konnten wir einem Freund helfen und den nächsten Fall zu den Akten legen. Hat sich also gelohnt."
„Das freut mich für euch. Ich bin auch schon total bereit für das Wochenende.", meinte sie begeistert. Dann nahm sie ihren Rucksack aus dem geflochtenen Korb, der vorne am Lenker ihres Fahrrads angebracht war und warf den rechten Riemen locker über ihre Schulter. Peter schenkte ihr ein Lächeln, bevor sie sich Seite an Seite in Bewegung setzten und auf das große Backsteingebäude zuliefen.
Drinnen herrschte das übliche Gedrängel auf dem Flur, einige Schüler hasteten zu ihren Klassenräumen, andere waren gerade dabei sich ihre Schulbücher aus den Schließfächern zu suchen.Peter und Olivia bogen gerade um die letzte Ecke vor dem Biologieraum, als ein großgewachsener Schüler frontal in das zierliche Mädchen hineinlief. Liv kam durch diesen unvorhergesehenen Aufprall ins Straucheln, doch Peter streckte instinktiv seinen Arm aus und bekam ihre Taille zu fassen. Er zog sie unbewusst zu sich und verlieh ihr dadurch den nötigen Halt um nicht auf ihren sechs Buchstaben zu landen.
„Oh verdammt! Entschuldige! Ich hab euch nicht kommen sehen.", sagte der Junge direkt, als er sich von dieser unbeabsichtigten Begegnung gesammelt hatte und wieder aufrecht stand.
Olivia blinzelte ihn an. „Ist... ist okay... nichts passiert.", kam holprig aus ihrem Mund.
„Wieso rennst du denn hier so über den Gang, Blake?", fragte Peter den Jungen, den er aus dem Skatepark kannte, in einem ernsteren Ton als er beabsichtigt hatte.
Er schaute Peter daraufhin etwas unsicher an. „Ich... wollte noch schnell nach draußen eine rauchen, bevor der Unterricht anfängt.", erklärte er kleinlaut. „Sorry Mann, ich wollte deine Freundin echt nicht anrempeln!", versuchte er weiter zu beschwichtigen.
"Deine Freundin", diese Worte überforderten nicht nur Peter komplett, auch Liv wusste nicht recht was sie sagen sollte. „Wir... wir sollten jetzt in den Unterricht gehen...", stammelte sie stattdessen.
„Ja...", murmelte Peter und wendete seinen Blick dann noch einmal zu Blake. „Pass nächstes Mal besser auf!", zischte er ihm zum Abschied entgegen, was für Peters Verhältnisse ungewohnt kühl klang. Der Junge hob entschuldigend die Hände und lief dann zügig seinen Weg weiter.
Obwohl Liv weitergehen wollte, bewegte sich ihr Körper nicht. Wie angewurzelt stand sie da, noch immer mit seiner Hand an ihrer Hüfte und ihrer Schulter an seine Brust gelehnt. Ihr war gerade unglaublich warm und auch Peters Herzschlag nahm noch rasanter an Tempo zu, als ihm die Situation, in der er sich gerade befand wieder vollends bewusst wurde. Schnell löste er sich von ihr und trat einen Schritt zur Seite um den ursprünglichen Abstand wieder herzustellen.
„T-tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten.", entschuldigte er sich. Er wollte auf keinen Fall, dass sie sich durch ihn ins Planet Evil zurückversetzt fühlte.
Olivia lächelte ihn schüchtern an. „Schon in Ordnung. Hättest du mich nicht gehalten wäre ich wahrscheinlich auf dem Boden gelandet."
Peter kratzte sich nervös am Arm und er war ein bisschen unschlüssig, ob er noch etwas sagen sollte. Für einen Moment herrschte ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen. „Der Unterricht fängt gleich an.", sagte er schließlich und machte einen wackeligen Schritt nach vorne.
„Stimmt, wir sollten weiter."
Die letzten Meter legten die beiden stumm zurück, beide noch in einem Wirrwarr aus Gedanken vertieft. Warum fühlte sich diese Nähe zueinander so gut an?
Peter setzte sich mit einem hörbaren Ausatmen neben Justus. Dieser guckte ihn fragend an. „Alles okay, Zweiter?"
„Ja, alles bestens.", winkte er knapp ab, klappte sein Biologiebuch auf und richtete seinen Blick starr darauf. Justus runzelte die Stirn, ließ Peter aber in Ruhe.
Auch Bob schaute seinen Freund von hinter ihm aus an. Ihm war nicht entgangen, dass er mit Olivia zusammen den Raum betreten hatte und er ziemlich angespannt aussah. Lesley war das auch aufgefallen und so kreuzte sich der Blick des Paares kurz. Sie würde ihrer Freundin in der Pause auf den Zahn fühlen, dafür war sie viel zu neugierig um es nicht zu tun.
Nach einer Stunde war der Biologieunterricht endlich vorbei. Die Freunde waren auf dem Weg nach draußen. Peter lief neben Justus her und kurz dahinter schlenderten Lesley, Bob und Olivia. Mit einem flüchtigen Blick streiften ihre blauen Augen den Rücken des sportlichen Detektivs. Er trug eine hellblaue Jeanshose, weiße Sneaker und eine Collagejacke des Rocky Beach High Basketballteams. Zwar dauerte dieser kurze Bodyscan nur wenige Sekunden und doch hatte Lesley es aus dem Augenwinkel genau gesehen.
„Geht schonmal vor, wir zwei Hübschen müssen nur kurz für kleine Mädchen.", erklärte Bobs Freundin, griff Olivia sanft aber bestimmt am Handgelenk und schleifte sie hinter sich her Richtung Toiletten. Damit hatte Liv jetzt überhaupt nicht gerechnet. Perplex stand sie einfach nur da, während Lesley hastig jede Kabine checkte, um sicher zu sein, dass die zwei alleine waren.
„Ich will jetzt genau wissen, was zwischen dir und Peter vorgefallen ist.", kam aus ihrem Mund geschossen.
Liv hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht. „Wieso denkst du, dass etwas vorgefallen ist?", fragte sie gespielt ahnungslos.
„Ihr seid zusammen reingekommen, habt aber beide so getan als wärt ihr alleine. Ich kenne Peter jetzt schon seit einigen Jahren und er ist selten so extrem ruhig. Außerdem hat er seine Nase direkt in sein Buch gesteckt, um Justus Fragerei auszuweichen. Peter schaut sich nie freiwillig ein Schulbuch an, wenn der Unterricht noch nicht begonnen hat. Und du hast dich auch einfach stumm hingesetzt ohne deine beste Freundin, nämlich MICH zu begrüßen, was by the way sehr frech war!", schmollte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Also raus mit der Sprache!"
Laut atmete Liv aus. Sie gab auf, vor Lesley konnte sie eh nur schwer etwas verheimlichen. Es war als hatte ihre Freundin einen sechsten Sinn. „So ein Typ, Blake hieß er glaube ich, ist vorhin in mich reingerannt, aber statt zu fallen, landete ich in Peters Arm.", erklärte sie und bei dem Gedanken an seiner Hand an ihrer Hüfte leuchteten ihre Wangen unmissverständlich Rot auf.
Lesleys Mund stand kurz offen. Dann ging er zu und ihre Mundwinkel formten sich zu einem spitzen Grinsen. „OH MEIN GOTT! Ich wusste, dass du ihn süß findest!", quiekte sie.
„Ich...", Olivia wollte leugnen, aber wieso leugnen, wenn ihre Freundin doch voll ins Schwarze getroffen hatte? „Na ja... Ich gebe zu, er gefällt mir schon.", nuschelte sie. „Aber zu meiner Verteidigung: Das sehen doch alle Mädchen in Rocky Beach so, oder?"
Das Grinsen auf Lesleys Gesicht wurde immer breiter. „Einige vielleicht, aber du wirst sein Endgame sein! Wenn es ihn noch nicht erwischt hat, ist es spätestens heute Abend so weit, wenn er dich in diesem Traum von Kleid sieht!"
Olivia schluckte nervös und versuchte den Elan ihrer Freundin direkt zu bremsen. „Nein, nein, nein, Stopp! Nur weil ich ihn süß finde, heißt das nicht, dass wir auch zusammen passen würden. Wir kennen uns doch gerade mal eine Woche."
„Na und? Ob eine Stunde, ein Tag oder eine Woche, um sich zu verlieben brauch es manchmal nur Sekunden. Ich spreche da aus Erfahrung.", kam leicht träumerisch von ihr.
„Nein, ich will nichts zwischen uns kaputt machen. Außerdem ist es bestimmt nur eine kurze Schwärmerei, das geht vorüber.", redete sie sich ein.
Lesley stieß einen lauten Seufzer aus. „Gefühle kann man nicht einfach so wegsperren Süße. Ich dachte das bei Bob damals auch, bis Casie mir die Augen geöffnet hat. Natürlich ist es bei einer Freundschaft immer mit Risiko verbunden, aber wenn der andere genauso fühlt und du es aber nie versucht hast, wirst du es irgendwann bereuen."
„Oder ich werde es bereuen unsere Freundschaft zerstört zu haben. Ich will das Risiko nicht eingehen, wir verstehen uns gut, haben ähnliche Hobbys und ich fühle mich endlich komplett angekommen in Rocky Beach."
Verständnisvoll schaute Lesley sie an. „Okay, mach es so wie du meinst, aber vertrau dir ruhig selbst. Wenn es sich irgendwann richtig anfühlt, dann höre auf dein Herz."
Liv lächelte und zog ihre Freundin in eine feste Umarmung. „Danke, dass es dich gibt!"
„Aww ich hab dich auch lieb!", kicherte sie. „Und jetzt sollten wir raus zu den Jungs."
Diese hatten sich einen schattigen Platz unterhalb einer großen Eiche am Rand des Schulhofs gesucht. Justus lehnte seitlich mit verschränkten Armen gegen die Rinde, Bob hatte sich im Schneidersitz ins Gras gesetzt und Peter war auf die Tischtennisplatte, die ein paar Meter vor dem Baum stand, gehopst und ließ seine Beine locker hinabbaumeln. Währenddessen schaute er konzentriert in sein Handy. Liv ignorierte das schnellere Klopfen ihres Herzens als sie sich zögerlich neben ihn auf die Platte setzte. Sie hoffte, dass durch die Situation zu Beginn des Schultags jetzt nichts zwischen ihnen stand. Peter schaute auf und ihre Blicke trafen sich. Etwas schüchtern lächelte er und ließ damit Erleichterung in Liv aufkommen.
Sie lächelte zurück und nahm ihren Mut zusammen um vollständig zurück zu dieser Unbeschwertheit mit ihm zu kommen. „Hast du dir eigentlich schon überlegt, wo genau wir morgen surfen wollen?"
Seine Augen leuchteten auf. „Ja, ich habe mir gerade den Surf-Forecast angeschaut und die Wellen sind nachmittags am besten am Redondo Breakwater. Das ist ein Beachbreak, der bei Low Tide am besten läuft. Da sind wirklich nur die fortgeschrittenen Surfer unterwegs. Ein absoluter Big-Wave-Spot mit langen, schnellen, nach links brechenden Wellen. Eigentlich eher ein Spot für den Winter, aber die Bedingungen sind für unsere Shortboards morgen absolut perfekt! Guck!" Peter zeigte ihr aufgeregt sein Handy, auf dem er den Forecast aufgerufen hatte. „Nordwest-Swell mit einer Periode von 13 Sekunden, Offshore-Wind aus östlicher Richtung und teilweise Wellen bis zu drei Metern. Dazu eine angenehme Wassertemperatur von 20 Grad.", sprach er begeistert.
Liv tippte auf sein Handy und scrollte selbst nochmal durch, denn es klang zu perfekt, um wahr zu sein. Aber tatsächlich sagte die Vorhersage genau diese Bedingungen voraus. Auch in ihren Augen konnte man ein Glitzern erkennen. „Oh mein Gott, ich freue mich so drauf endlich wieder auf dem Board zu sein und dann auch noch bei solchen wunderschönen Wellen!", sprach sie fröhlich.
„Ich mich auch. Das wird richtig gut!"
Die beiden strahlten sich an und verzauberten sich damit gegenseitig. Sie konnten es kaum abwarten diesen Tag zusammen auf ihren Brettern zu verbringen.
Ihre angeregte Unterhaltung über das Surfen hatten auch die anderen mitbekommen und schmunzelten aufgrund ihres Enthusiasmus. Die Lockerheit zwischen Peter und Olivia war wieder vollkommen da.
Lesley atmete fröhlich aus. „Die zwei sind schon süß zusammen! Findet ihr nicht?"
„Total!", bestätigte Bob und das leichte Lächeln auf Justus Gesicht, als er zu seinem Freund und Liv schaute, war auch eine wortlose Zustimmung.a
Lesley kam ein Gedankenblitz. Ja, sie wollte Liv nicht drängen was Peter anging, aber gegen unauffälliges anstupsen sprach doch nichts, oder? „Ich will mich ja nicht in eure Unterhaltung einmischen, aber sagtest du ihr geht am Redondo Beach surfen?"
„Ja, da wollen wir morgen hin. Wieso?", fragte Peter.
„Da ist voll der schöne Platz am Wasser mit Holzbänken und Feuerstelle. Wir könnten uns doch alle abends da treffen, Marshmallows rösten, was trinken und den Sonnenuntergang genießen. Casie könnte ihre Gitarre mitbringen und ich packe einen Volleyball ein. Was meint ihr?", schlug sie fröhlich vor und schaute in die Runde.
Bob grinste innerlich, er wusste genau was seine Freundin damit bezweckte, aber ihm gefiel die Idee auch so ziemlich gut. „Ich wäre dabei. Just?"
„Da ich eine ausgeprägte Schwäche für weiche, fluffige Schaumzuckerware habe und außerdem den physikalischen Prozess der Lichtfilterung bei einem Sonnenuntergang durchaus spannend finde, würde ich diesem Ausflug beiwohnen wollen."
Peter pustete belustigt los. „Kannst du auch einmal wie ein normaler Mensch reden, Erster?"
Justus grinste. „Um es in dem für dich typischen Sprachgebrauch auszudrücken: Ich komme mit."
„Na geht doch. Jetzt verstehe ich dich auch. Also gut von mir aus können wir das machen, wir sind ja schließlich sowieso schon da."
Alle schauten jetzt Liv an. „Ja okay, klingt gemütlich."
„Gut dann ist es beschlossen.", verkündete Lesley freudig.
„Wir müssen wegen unserer Aussagen gleich sowieso noch ins Police-Department, dann frage ich meine Schwester und Skinny ob sie auch kommen."
Ein paar Minuten später klingelte es zum Pausenende und so trotteten die Freunde wieder in das Schulgebäude.Geschichte, Chemie und Englisch lag jetzt noch vor ihnen, ehe der Schulgong sie ins Wochenende entlassen würde.
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