Kapitel 24 - Wortgefechte
Kapitel 24 - Wortgefechte
„Fräulein Charkova, schön Sie mal wieder zu sehen.", begrüßte Bob seine Freundin.
„Die Freude ist ganz meinerseits Mr. Andrews."
Er beugte sich zu ihr runter und umarmte sie herzlich. Auch Lesley und Peter begrüßten sie auf diese Art.
Justus nickte nur gezwungen und bekam mit Mühe und Not ein „Jelena." heraus.
Das Strahlen verschwand für einen kurzen Moment aus ihrem Gesicht. Sie erwiderte sein Nicken. „Justus."
Dann wanderte ihr Blick zu Olivia und wurde direkt wieder freundlicher. „Hey, wir kennen uns glaube ich noch nicht. Ich bin Jelena Charkova."
Liv streckte ihr mit einem Lächeln die Hand entgegen. „Hey, freut mich. Ich heiße Olivia Morgen, aber sag einfach Liv. Olivia nennt mich nur meine Mom."
„Cool, dass du mitgekommen bist, Liv.", sagte sie und wendete sich dann wieder an die anderen. „Dann lasst uns mal reingehen. Es geht in zwanzig Minuten los."
Hinter der Eingangstür erstreckte sich eine große Empfangshalle, in der einige Stehtische aufgestellt waren. An ihnen standen andere Besucher, einige mit Sektgläsern oder kleinen Häppchen in der Hand.
Jelena steuerte mit den Freunden im Schlepptau auf einen etwas rundlichen Mann mit schwarzen Haaren zu, der sich mit einem älteren Pärchen unterhielt.
„Pápatshka!", rief Jelena. Der Mann drehte sich um, nachdem er dem Paar viel Spaß beim Konzert gewünscht hatte.
Ein Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht. „Ah wie schön! Die drei Detektive und ihre Freundinnen.", sprach er mit hörbarem russischen Akzent.
„Zdravstvujte Mr. Charkov.", grüßte Justus und erntete einen überraschten Blick von den anderen.
„Ich wusste gar nicht, dass du Russisch kannst, Justus.", meinte Sergej Charkov.
„Die gängigsten Wörter sind mir durchaus geläufig."
„Wow! Justus Jonas weiß wie man ein Wörterbuch benutzt.", kam schnippisch von der Seite.
Lesley, Liv, Peter und Bob warfen einander einen Blick zu, der soviel hieß wie „Oh nein jetzt geht's los".
„Im Gegensatz zu dir. Sonst wüsstest du dich respektvoller auszudrücken.", zischte er zurück.
„Na na Kinder! Hier wird nicht gestritten!", ermahnte ihr Vater.
Die beiden funkelten sich daraufhin nur argwöhnisch an und unterließen weitere Wortgefechte.
„Gut, da das geklärt wäre begrüße ich euch ganz herzlich in der "Melody Lane Music School". Für die beiden Damen, die mich noch nicht kennen: Ich bin Sergej Charkov, Jelenas Vater und Lehrer für Streichinstrumente an dieser Schule."
„Wir freuen uns Sie kennenzulernen Mr. Charkov. Ich bin Bobs Freundin Lesley und das ist Liv." Sie deutete auf Olivia, die kurz die Hand hob und „Sehr erfreut." sagte.
„Schön, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid. Ich dachte mir, dass es für euch doch mal ganz nett wäre ein Konzert mit klassischen Klängen zu erleben, ohne dass der Musiker eine wertvolle Geige stehlen möchte."
„Da haben sie recht. Wobei ich mir sicher bin, dass die Stücke, die hier gleich vorgespielt werden uns ebenfalls in ihren Bann ziehen werden.", meinte Bob und lächelte freundlich.
„Das will ich doch hoffen. Wir als Musikschule haben schon lange an diesem Konzert gearbeitet. Viele ehemalige Schüler sind Teil des Orchesters, worauf wir sehr stolz sind."
Durch die Lautsprecher an der Decke ertönte ein Gong, ähnlich wie dem in der Highschool wenn die Pause zu Ende war.
Jelenas Vater schaute zu einem der Lautsprecher. „In fünf Minuten geht es los. Nehmt euch gerne was zu Trinken und zu Essen vom Buffet mit. Jelena begleitet euch zu den Plätzen und dann bleibt mir nur zu sagen: viel Spaß bei der Vorstellung."
„Danke sehr!", sprach Peter für die Gruppe.
Sie statteten sich mit Gläsern und Tellern aus, wobei sie anstelle von Sekt zu Orangensaft griffen. Kleine Sandwiches und Käsehäppchen durften auch nicht fehlen und so schritten sie den Gang entlang Richtung Konzertsaal.
Der Saal war für Schulverhältnisse ziemlich groß und trotzdem gab es kaum noch freie Plätze.
„Schöne Architektur.", staunte Lesley mit dem Blick auf die unterschiedlichen Wandpaneele aus Holz, die dem Raum eine interessante Struktur verliehen.
Jelena rollte die leichte Schräge, die weiter zur Bühne führte, hinunter und machte eine ausschweifende Handbewegung. „Das moderne Äußere der Schule spiegelt sich auch in diesem Saal wider. Er ist in der sogenannten Weinberg-Form gebaut, also die Bühne liegt in der Mitte und das Publikum sitzt stufenförmig darum herum. Die unregelmäßigen Formen der Wandpaneele brechen durch ihre Rillen den Schall, damit der Ton im Raum gut verteilt wird."
„Sehr interessant. Danke für die Erklärung."
„Gerne."
Justus verdrehte die Augen. Wie er ihre besserwisserische Art doch hasste. „Du hast vergessen zu erwähnen, dass das verbaute Holz für warme Töne und gute Schwingungen sorgt."
„Hätte dir wohl ein bisschen Holz im Mund auch gutgetan. Deine Töne sind nämlich einfach nur ätzend und gute Schwingungen gehen von dir auch nicht aus!"
Das hatte deutlich gesessen.
Justus schnaubte verächtlich und rümpfte die Nase. „Pfff wie primitiv. Geistig flach, aber ich habe nichts anderes von dir erwartet."
Die anderen starrten sich unsicher an. Dass es unschön zwischen den beiden werden würde, war allen klar, aber doch so sehr? Lesley zog Bob unauffällig am Arm, ganz nach dem Motto „Tu irgendwas!"
Er atmete hörbar aus. „Können wir bitte weiter zu unseren Plätzen gehen, ohne dass ihr euch die Augen auskratzt?"
Jelena streckte selbstsicher ihren Kopf in die Höhe. „Folgt mir."
Sie liefen die restlichen Meter zu ihren Plätzen in der ersten Reihe, aber Justus war stinksauer. Er zischte und fluchte undeutlich mit zusammengebissenen Zähnen. Nur das Wort "Monosynaptikerin" war deutlicher zu verstehen.
Die Freunde rückten durch, wobei Jelena aufgrund ihres Rollstuhls ganz außen im Gang sitzen musste. Erst Lesley, Bob, Liv, Peter und... Nein! Auf gar keinen Fall würde Justus sich neben Jelena setzen. „Liv, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich mich links von Peter setze und du dich stattdessen rechts neben ihm niederlässt? In Anbetracht der geistigen Unreife einer gewissen Person würde es mir auf diesem Platz deutlich schwerer fallen, die musikalischen Klänge zu genießen!"
Sie schaute kurz zwischen den verhärteten Fronten hin und her. Das Mädchen im Rollstuhl hatte die Augen auf Justus Äußerung verdreht. „Ähm nein das macht mir nichts aus." Olivia stand auf und tauschte mit ihm den Platz.
„Vielen Dank!"
Als Antwort gab sie ihm ein leichtes Lächeln und kurz traf sich ihr Blick dabei mit Peters. Er strahlte Wärme und Bestärkung aus.
Das Licht im Saal dimmte sich und der Vorhang der Bühne ging auf. Dahinter erschien ein großes Sinfonieorchester, bestehend aus mindestens sechzig Menschen. Ganz vorne auf einem kleinen Podest stand eine Dirigentin mit einem Taktstock in der Hand. In drei Reihen hatten sich die Musiker vor ihr positioniert. Violinen, Cellos, Flöten, Posaunen, Pauken und noch andere Instrumente waren zu erkennen.
„Wow, das sind verdammt viele verschiedene Instrumente.", bemerkte Liv.
„Ein klassisches Sinfonieorchester wie dieses hier besteht aus vier Hauptinstrumentengruppen. Die Sitzordnung ist so aufgebaut, dass sich die Instrumente akustisch optimal ergänzen. Siehst du?", Jelena deutete auf die vordere Reihe. „Direkt vor der Dirigentin sitzen die Streicher. Dahinter folgen die Holzbläser und die lautstarken Blechbläser zusammen mit dem Schlagzeug bilden die hintere Reihe."
„Ah okay." Dankbar für die Erläuterung lächelte Liv das Mädchen im Rollstuhl an.
Dann begann die Dirigentin ihren Taktstock zu schwingen und die Instrumente erklangen in einem harmonischen Zusammenspiel.
Peter und Olivia tauschten einen erstaunten Gesichtsausdruck aus. Beide hätten nicht gedacht, dass es so gut klingen würde und sie tatsächlich Spaß an klassischer Musik haben könnten. Lesley und Bob genossen das Konzert Arm in Arm, ihr Kopf lag dabei sanft auf seiner Schulter. Auf Justus und Jelenas Gesicht lag Zufriedenheit. Die Melodien resetteten ihre eben noch erhitzten Gemüter und förderten die innere Entspannung.
Neunzig Minuten lang erfüllten Sinfonien von Komponisten wie Mozart, Beethoven und Haydn den Saal.
Nachdem das letzte Stück gespielt wurde, gab es tosenden Applaus und Standing Ovations vom Publikum. Das komplette Ensemble verneigte sich und verschwand anschließend wieder hinter dem roten Vorhang.
Mit völliger Begeisterung verließen die Besucher gemächlich den Konzertsaal. Viele verweilten noch eine Weile bei einem Gläschen Sekt und angeregten Gesprächen in der Eingangshalle, während andere schon den Weg nach Hause antraten.Die Freunde steuerten ebenfalls mit strahlenden Gesichtern die Eingangshalle an. Jelena und Justus waren sogar so zufrieden, dass sie ihre Abneigung füreinander mal für sich behielten.
„Und Liv, Peter wie fandet ihr euer erstes richtiges klassisches Konzert?", wollte Bob wissen.
„Viel besser als erwartet, ehrlich gesagt.", gab Peter zu.
„Mir hat es auch sehr gut gefallen.", bestätigte Olivia. „Ich bereue es definitiv nicht, dass ich mitgekommen bin."
„Das ist schön zu hören. Und meinen Vater wird das auch sehr glücklich machen.", freute sich Jelena.
„Lesley hat mir erzählt, dass du Geige spielst. Gehst du auch hier zur Schule?", fragte Liv interessiert.
„Mein Vater unterrichtet mich von zu Hause aus. Wir wohnen in den Bergen zwischen Santa Monica und Rocky Beach. Mit dem Rollstuhl ist es nicht so einfach dort wegzukommen, deswegen bekomme ich Heimunterricht und gehe nicht auf eine normale Schule.", erklärte sie.
„Oh, das klingt ehrlich gesagt ein bisschen einsam. Macht dir das nichts aus?"
„Nein gar nicht. Meine Freunde sehe ich dann meistens am Wochenende. So wie euch heute.", lächelte sie.
„Und es war verdammt schön dich mal wieder zu sehen. War viel zu lange her.", meinte Bob. Lesley und Peter nickten zustimmend. Nur Justus hielt sich ungewohnter Weise mit Worten zurück. Die Worte, die er mit ihr gewechselt hatte, waren alles andere als schön gewesen und er hatte genug davon. Also schwieg er, auch in der Hoffnung, dass sie zeitnah den Heimweg antreten würden.
„Ich habe mich auch gefreut euch wiederzusehen, zumindest 75 Prozent von euch. Und Liv kennenzulernen." Da war der nächste Hieb Richtung Justus und damit war sein Schweigen Geschichte.
„Wow, da beherrscht jemand die einfache Prozentrechnung. Gratulation. Hat dein Privatunterricht ja was gebracht und deine wenigen Gehirnzellen sind nicht ganz abgestorben!", sprach der erste Detektiv bissig. Dann wandte er sich an Bob. „Dritter, wärst du so freundlich und würdest mir deinen Autoschlüssel geben? Ich möchte keine weitere Unterhaltung mehr führen und würde mich daher schon mal zum Käfer begeben."
Bob seufzte laut und gab Justus seinen Schlüssel. Mit einem einfachen „Danke." entfernte er sich von der Gruppe und würdigte Jelena keines Blickes mehr.
„Erbsenhirn!", murmelte sie mit einem empörten Kopfschütteln.
„Schade, dass ihr nicht miteinander auskommt.", meinte Lesley.
„Mit dem auskommen? Ist doch gar nicht möglich! Er ist überheblich, vorlaut und nervtötend!", raunte sie. „Ich würde euch sehr gerne öfter sehen, aber er ist mir echt zu anstrengend."
„Justus kann auch anders sein. Du müsstest ihm nur eine Chance geben.", versicherte Peter.
„Bei den Ermittlungen in unserer Villa, hatte er die Möglichkeit dazu. Stattdessen hat er mich von oben herab behandelt und so behandele ich ihn jetzt auch. Meine Meinung zu ihm steht fest!"
„Na gut, da kann man dann wohl nichts machen."
Aus Olivias Handtasche klingelte es. Es war ihr Handy mit einer Nachricht von ihrer Mom. „Hey mein Schatz, bist du schon wieder zu Hause? Georgie muss auf jeden Fall nochmal raus."
Liv schaute auf die Uhr und es war schon ziemlich spät. „Oh Mist!", nuschelte sie.
Peter schaute sie fragend an. „Alles okay?"
„Ähm ja ich müsste nur langsam wieder nach Hause. Meine Mom ist nach langer Zeit endlich mal wieder aus und mein Hund ist jetzt schon ziemlich lange alleine.", antwortete sie zögerlich.
„Dann bringe ich dich jetzt nach Hause." Er wendete sich den anderen zu. „War schön dich zu sehen, Jelena. Bob, Lesley, wir sehen uns morgen Abend."
„Tut mir leid, ich wäre gerne länger geblieben. Es war ein schöner Abend, danke dafür."
„Hat mich gefreut, Liv. Kommt gut nach Hause."
Mit herzlichen Umarmungen verabschiedeten Peter und Olivia sich von ihren Freunden und gingen zurück zum MG. Justus winkten sie zum Abschied mit einem aufmunternden Lächeln zu. Er erwiderte es, auch wenn ihm gar nicht danach war.Äußerlich ließ der erste Detektiv keine Erkenntnis über seinen wahren Gemütszustand zu, doch in ihm herrschte Ratlosigkeit. Er wollte nicht, dass ihn diese Sprüche von Jelena beschäftigten, doch sie taten es. Sie war ihm auch nicht sympathisch, aber was hatte er bitte getan, dass er es verdient hatte so angegangen zu werden? Emotionen waren schwierig für ihn zu analysieren. Alles ließ sich mit Logik erklären, aber diese Spannung zwischen ihnen irgendwie nicht.
Während Justus weiter vor sich in die Luft starrte und auf Bob und Lesley wartete, parkte der MG rückwärts aus und verließ Santa Monica in Richtung Rocky Beach.
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