Kapitel 25 - Gassirunde
Kapitel 25 - Gassirunde
Mittlerweile war es dunkel geworden, der Himmel tiefblau gefärbt und mit vielen unterschiedlich großen Sternen besetzt. Der Halbmond ragte über den Santa Monica Mountains und umspielte die Bergspitzen mit seinem seichten Schein.Unten auf der Küstenstraße fuhr der rote MG, mit dem Pazifischen Ozean im Hintergrund.
„Sorry, dass du meinetwegen jetzt schon losmusstest.", entschuldigte sich Liv.
„Ach, ist vollkommen in Ordnung.", winkte Peter ab. „Viel länger bleiben wollte ich auch nicht. Und ehrlich gesagt fand ich dieses Gezanke zwischen Just und Jelena schon sehr anstrengend."
„Ja, dass hab ich so krass auch irgendwie nicht erwartet."
„Ich finde es einfach schade. Justus seine Besserwisserei geht mir auch oft auf die Nerven, aber er meint das nie böse. Er ist nun mal einfach ein Schlauberger."
„Im Grunde genommen hat er sich ja auch nur verteidigt. Denn angefangen mit den Sprüchen hat er nicht."
„Stimmt, das war sie. Was sagst du denn sonst zu Jelena?", wollte Peter wissen.
„Ich habe mich gut aufgenommen gefühlt, dafür dass sie mich nicht kannte. Und was sie so erzählt hat, fand ich auch interessant. Ich denke, wir könnten Freundinnen werden, aber dafür müsste natürlich mehr Kontakt bestehen. Und ich bin mit meinem Fahrrad eher auf Rocky Beach beschränkt."
„Freut mich, dass du dich wohlgefühlt hast. Mehr Kontakt würde ich mir auch wünschen. Klar, mit dem Rollstuhl ist sie eingeschränkt, aber man könnte ja etwas barrierefreies zum Treffen aussuchen. Sie würde gut in unsere Clique passen, wenn man die Beziehung mit Justus mal vergisst. Meine Schwester würde sich wahrscheinlich auch gut mit ihr verstehen."
„Da hast du recht. Ist nur schade, dass Justus dann bestimmt nie mitkommen würde, oder eben sie nicht. Das glaube ich auch, Casie ist wirklich toll."
„Oh ja. Casie ärgert mich zwar oft, aber sie ist trotzdem die tollste große Schwester, die es gibt. Hast du eigentlich Geschwister?", fragte er interessiert.
„Nein, leider nicht. Meine Eltern haben sich getrennt als ich zwölf war und Mom ist seitdem mit mir alleine. Aber Georgie ist manchmal wie ein zweites Kind.", lachte Liv.
„Oh das tut mir leid."
„Schon in Ordnung. Dad lebt noch in San Francisco und ich kann ihn immer besuchen, wenn ich möchte."
„Das ist gut. Du musst mir deinen Hund mal vorstellen. Hunde sind nämlich meine absoluten Lieblingstiere. Casie und ich wollten auch immer einen, aber weil meine Eltern so oft auf Reisen sind haben sie unser Betteln jedes Mal abgelehnt.", erklärte er mit einer leichten Traurigkeit in der Stimme.
Liv lächelte ihn mitfühlend an. „Ich muss gleich noch mit ihm spazieren gehen. Wenn du möchtest, komm doch einfach mit."
Auf Peters Gesicht machte sich Freude breit. „Ja, total gerne!"
„Gut, ich brauche Zuhause nur andere Schuhe. In diesen hochhackigen Dingern kann ich nämlich keine Hundert Meter mehr gehen." Sie rieb sich mit ihrer Hand die schmerzenden Knöchel.
Peter lachte. „Ich verstehe auch nicht wie ihr Frauen diese Stelzen überhaupt anziehen könnt."
„Wir wollen halt gut aussehen."
„Das tust du auch ohne hohe Schuhe." Peter sprach seinen Gedanken laut aus, ohne wirklich darüber nachgedacht zu haben.
Dieses Kompliment ließ Livs Wangen warm werden und sie konnte nichts dagegen tun. „Danke, das ist wirklich lieb von dir." Verlegen strich sie sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und diese kleine Geste bewirkte großes bei Peter. Schmetterlinge fingen an in seinem Bauch zu kreisen.
Er lächelte sie einfach nur an. Vielleicht ein bisschen zu träumerisch, aber Liv schien es nicht als das zu identifizieren. Möglicherweise weil sie dieses Lächeln so sehr faszinierte, dass es ihr schwerfiel klar zu denken.
Peter hätte sie noch stundenlang einfach anschauen können, aber er musste sich auf die Straße konzentrieren. Die Küstenstraße war mehrere Kilometer lang und führte direkt nach Rocky Beach. Livs blaue Augen streiften Peter des Öfteren unauffällig auf den letzten Kilometern. Sie freute sich darauf gleich noch ein bisschen Zeit mit ihm zu verbringen, auch wenn es nur für einen kleinen Spaziergang sein würde.
Der MG parkte auf der Auffahrt von Familie Morgan und die beiden stiegen aus. Olivia lief zum Haus und schloss auf. Sie hatte die Tür gerade mal einen Spalt geöffnet, da schoss Georgie ihr schon entgegen. Er rannte sie fast um, so sehr freute er sich sie wiederzusehen. Mit wedelndem Schwanz sprang er zu ihr hoch, bereit für eine ausgiebige Streicheleinheit.
„Ist ja gut, ist ja gut. Ich hab dich auch vermisst.", kicherte sie.
Auch Peter lachte auf diese süße Interaktion der beiden. Jetzt erst bemerkte der Golden Retriever, dass sein Frauchen nicht alleine war. Immer noch aufgeregt tapste er an den unbekannten Gast heran und beschnupperte ihn ausgiebig. Peter beugte sich zu ihm runter und bewegte seine Hand langsam auf ihn zu, abwartend auf die Reaktion des Hundes. Er stupste die Handfläche des Jungen mit seiner Nase an und signalisierte damit, dass er gerne von ihm gestreichelt werden würde. Peter tätschelte seinen Kopf, kraulte ihn hinter den Schlappohren und lächelte begeistert. „Hallo Georgie. Freut mich dich mal kennenzulernen. Du bist ja ein ganz Hübscher." Als Dank für dieses Kompliment schleckte der Hund über seinen Unterarm.
Liv schaute sich die Szene vor ihr verträumt an. Sie würde es nicht zugeben, aber sie hatte sich gerade noch ein ganzes Stück mehr in Peter verliebt.
Er schaute fröhlich zu ihr hoch und ihr wunderschönes Lächeln machte die Situation gerade noch schöner. „Darf er Leckerlis?"
„Ja, klar. Soll ich dir eins von drinnen holen?"
„Ich habe welche im Auto."
„Echt?" Liv war erstaunt darüber.
„Wie gesagt: Ich liebe Hunde. Und bei unseren Ermittlungen war die Leckerli-Tüte im Auto schon oft sehr hilfreich. Ich hole schnell eins." Er joggte zum MG und griff in das Ablagefach der Fahrertür. Aus Georgies Lefzen lief Sabber heraus, als er die Stange aus getrocknetem Fleisch roch.
„Mach Sitz!" Der Hund gehorchte und nahm ihm behutsam das Leckerli ab. „Braver Junge!", lobte Peter und wandte sich dann wieder mit einem Lächeln an Liv. „Er ist echt toll."
„Ja, das ist er und er mag dich jetzt schon sehr. Ich ziehe mir dann schnell andere Schuhe an und hole die Leine. Wartest du hier mit ihm?"
„Ja, klar."
Peter kuschelte weiter mit Georgie, während Liv für ein paar Minuten im Haus verschwand. Mit weiß-blauen Sneakern an den Füßen und einer schwarzen Hundeleine in der Hand trat sie wieder nach draußen.
„Also die Schuhe passen auch ziemlich gut zu deinem Kleid." Er grinste zwar, meinte diese Aussage aber Ernst.
Olivia blickte an sich hinunter und lachte. „Gibt dem ganzen einen sportlichen Touch. Mag ich eigentlich eh lieber als dieses Schickimicki."
„Da stimme ich dir zu. Ich hatte diesen Anzug bis jetzt nur einmal auf einer Hochzeit an. Hätte Bob nicht darauf bestanden, hätte ich vermutlich etwas anderes angezogen."
„Aber es steht dir wirklich sehr gut.", meinte sie mit einem schüchternen Lächeln.
„Danke!" Er strahlte über beide Ohren. Er bekam öfter mal Komplimente von Mädchen, aber die von Liv bedeuteten ihm wirklich etwas.
„Gerne. Dann lass uns mal loslaufen."
Olivia befestigte die Hundeleine an Georgies Halsband. „Willst du ihn nehmen?"
„Ja gerne!"
Damit bekam Peter die Leine überreicht und sie liefen los.
Es war ruhig in den Straßen. Nur das Zirpen einiger Grillen und das leichte Surren der Straßenlaternen war zu hören. In den Fenstern einiger Häuser brannte noch Licht, andere lagen komplett im Dunkeln.Die beiden Freunde genossen die kühle Abendluft auf ihren Gesichtern und die Gegenwart des jeweils anderen, während sie durch das Wohngebiet schritten. Georgie tapste neben ihnen über den Bürgersteig, scherte ab und zu nach links oder rechts aus um zu schnüffeln oder um eine Markierung an einem hohen Grasbüschel zu hinterlassen.
„Wie spät wollen wir morgen eigentlich los?"
„Ich hatte so gedacht, dass ich dich um halb eins abhole. Bis wir da sind ist eins. Ab zwei Uhr sollen die Wellen immer perfekter werden und laut Forecast ändert sich das erst wieder so ab sechzehn Uhr, da dreht der Wind dann wohl.", meinte Peter.
„Okay, das klingt gut. Dann habe ich auch genug Zeit um mein Board nochmal zu inspizieren. Stand doch jetzt schon einige Zeit herum."
„Ja, mach das am besten. Ich habe aber auch immer Ersatzteile und Werkzeug dabei. Falls mal eine Finne bricht oder die Leash reißt."
„Das ist schlau. Ich weiß auch noch gar nicht wo hier der nächste Surfshop ist."
„Am Hafen. "Liquid Teal" heißt der. Da bekommt man alle gängigen Sachen: Bretter, Neoprenanzüge, Zubehör... Liegt direkt neben der Surfschule. Mein Kumpel Finley arbeitet da. Aber wenn du was Extravagantes brauchst, kann ich dir "Poseidon" in Santa Monica empfehlen.", erklärte er.
„Gut zu wissen. Danke!", lächelte Liv und Peter erwiderte es.
Die beiden liefen noch eine ganze Zeit weiter, bis der Golden Retriever alle seine Bedürfnisse erledigt hatte. Dann drehten sie um.Immer wieder warfen die zwei sich verstohlene Blicke zu. Hätte sie jemand dabei beobachtet wäre man schnell auf den Gedanken gekommen, dass sie einander ziemlich attraktiv fanden. Die beiden schauten sich mehr an, als dass sie wegguckten. Nur selbst fiel ihnen das gar nicht auf.
Ehe die zwei sich versahen, standen sie bereits wieder vor dem Haus von Familie Morgan.
„Das hat Spaß gemacht."
„Können wir gerne öfter mal machen. Ich denke, Georgie hätte nichts dagegen. Er geht gerne spazieren. Ich nehme ihn auch immer mit zum Joggen.", erklärte das Mädchen.
„Sehr gerne. Beim Joggen wäre ich auch dabei. Mache ich mehrmals die Woche."
Olivia lachte. „Welche Sportart machst du eigentlich nicht?"
„Wieso? Ich gehe doch nur surfen, joggen und spiele Basketball und Fußball im Schulteam.", sagte er als wäre das nicht verhältnismäßig viel.
„Ja stimmt, das ist ja wirklich nicht viel. Da fehlt noch Football, Tennis und Baseball.", kam amüsiert von Liv.
Peter lachte laut. „Ganz schön aufmüpfig für deine Größe." Er stupste mit seinem Zeigefinger spielerisch gegen ihre Schulter.
„Man sollte mich nicht unterschätzen." Drohend aber immer noch lachend hob sie ihren Zeigefinger.
„Würde ich nie tun.", versicherte er mit erhobenen Händen und einem frechen Grinsen.
„Gut! Du wirst nämlich morgen sehen, was ich drauf habe."
„Ich bin schon sehr gespannt. Und jetzt komm her!" Peter öffnete seine Arme für eine Umarmung. Seine wackeligen Knie hielt er dabei gekonnt unter Kontrolle.
Mit klopfendem Herzen trat sie näher und legte ihre Arme um seinen Rücken. Sie hoffte, dass er ihre inneren Schmetterlinge nicht mit den Flügeln schlagen hörte. Peters Arme schlangen sich um ihre Schultern. Dabei schwebte ihm der blumige Duft ihrer blonden Haare in die Nase. Es war eine freundschaftliche Umarmung und doch bedeutete sie für beide so viel mehr.
Nach einem kurzen Moment lösten sie sich voneinander.
„Danke für den schönen Abend und fürs Fahren.", sagte sie sanft.
„Ich habe zu danken. Das hat wirklich Spaß gemacht. Auch das kleine Fellknäuel hier mal kennengelernt zu haben." Peter beugte sich zu Georgie runter, der sich während der Umarmung direkt neben sie gesetzt hatte.
„Du bist jederzeit willkommen."
„Danke!" Nach einer kurzen Streicheleinheit zum Abschied, lief Peter zurück zu seinem Auto. Bevor er einstieg, rief er noch: „Gute Nacht ihr zwei."
Olivia hob die Hand und erwiderte ein liebevolles „Gute Nacht Peter."
Sie verschwand mit ihrem Hund im Haus und Peter trat seinen kurzen Heimweg an.
❀