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Kapitel 26 - Surfen

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Kapitel 26 - Surfen

Müde aber glücklich fiel Peter zurück zu Hause in sein Bett. Er zog die weiche Decke bis unter sein Kinn, legte die rechte Hand hinter seinen Kopf und blickte an die Zimmerdecke.Seine Gedanken schweiften wie mittlerweile fast jeden Abend zu Liv, zu den Momenten mit ihr - die unbeabsichtigte Nähe auf dem Schulflur, das Strahlen in ihren Augen, als sie sich die Wettervorhersage angeschaut hatte, der Klang ihres Lachens, während ihr Hund sie begrüßte, der Duft ihrer Haare, ihre Figur in diesem schönen Kleid.

„Sie bringt mich komplett um den Verstand!", seufzte er in die Dunkelheit seines Zimmers hinein. „Und morgen sehe ich sie auch noch bei meiner liebsten Sportart. Verdammt, nicht mal Kelly war so perfekt."

Peter drehte sich auf den Bauch und vergrub seinen Kopf unter dem Kissen. „Mann ey, mich hat's komplett erwischt!", murmelte er verzweifelt in die Matratze.

Wenn er nur wüsste, dass es Liv genauso erwischt hatte.

Ihr Arm war um ihren Hund gelegt, der auf der Seite neben ihr lag. Manchmal stellte sie sich vor, wie es wäre mit Peter so irgendwo herumzuliegen, eng an seinen durchtrainierten Rücken geschmiegt. Die Vorstellung war zu schön und doch ermahnte sie sich selbst. „Wir sind Freunde, mehr nicht. Mach nicht alles kaputt mit deiner Schwärmerei!", brummte sie in Georgies braunes Fell hinein, der daraufhin den Kopf leicht zu ihr drehte und müde schmatzte.

„Entschuldige Bärchen. Wir schlafen jetzt. Zumindest versuche ich es. Vielleicht hilft ja die Vorfreude auf morgen."

Mit einem lauten Ausatmen schloss Liv ihre Augen und driftete nach fünfzehn Minuten mit perfekten Wellen bildlich vor sich in den Schlaf.

Der nächste Morgen begann mit dem Klingeln ihres Weckers. Es war 09:30 Uhr. Durch die Gardinen in ihrem Zimmer schimmerte das Sonnenlicht. Olivia setzte sich langsam auf, gähnte ausgiebig und schaute sich nach ihrem Hund um. Der lag auf dem grauen Teppich vor ihrem Kleiderschrank und betrieb ausgiebige Fellpflege. Sie schmiss die Bettdecke zur Seite und ging zu ihm rüber. An ihren Kleiderschrank musste sie sowieso.

Eine kurze Kuscheleinheit später richtete sich der Fokus auf die Vorbereitung für das Surfen. Ein Bikini nach dem anderen flog auf das Bett. Zwar würde man den beim Surfen gar nicht sehen, aber trotzdem überlegte Liv genau, welchen sie anziehen sollte.

„Was wohl Peters Lieblingsfarbe ist? Vielleicht blau wie sein Fragezeichen?"

Ihre Entscheidung fiel daher auf einen hellblauen Zweiteiler mit weißen kleinen Sternen darauf. Peter war so präsent in ihrem Kopf, dass er schon ihre Klamottenwahl beeinflusste. Zusammen mit einem kurzen anthrazitfarbenen Neoprenanzug, war ihr Surfoutfit komplett. Ein "Shorty" war ausreichend bei zwanzig Grad Wassertemperatur und dem warmen Wind in Kalifornien.

Zufrieden hüpfte sie die Treppe hinunter und machte sich mit den Klängen aus dem Radio im Hintergrund Frühstück. Vor sich hin pfeifend ging sie mit ihrer Müslischale in der Hand in den Garten und setzte sich auf die hölzerne Bank, welche unter einer großen Linde stand. Georgie tollte währenddessen über den Rasen mit seinem Plüschknochen. Der Anblick ihres spielenden Hundes zauberte Liv ein Lächeln ins Gesicht.

Nach dem Frühstück ging sie in die Garage und holte ihr Surfbrett heraus. Das 5'4 lange Board wurde liebevoll von ihr auf den sattgrünen Rasen gelegt. Liv überprüfte es gründlich auf Beschädigungen, konnte aber zum Glück nichts feststellen. Da die Finnen und die Leash ebenfalls noch gut aussahen, musste es nur noch einmal neu gewachst werden, bevor es am Nachmittag zum Einsatz kommen konnte. Dafür entfernte sie altes Wachs und Schmutz mit einem Wachskamm und Reiniger. Alleine dadurch sah ihr Surfbrett aus wie neu. Zum Schluss trug Olivia konzentriert zuerst den Basecoat und anschließend in kreisenden Bewegungen den Topcoat auf. Dadurch entstanden überall kleine Grippunkte, die im Sonnenlicht ganz klar zu erkennen waren und ihr halfen später nicht vom Board zu fliegen.

„Fertig und damit einsatzbereit!", nickte sie mit einem Lächeln auf den Lippen.

Der Blick auf die Uhr verriet ihr, dass Peter in einer Stunde da sein würde. Sie ging zurück in ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Der ausgewählte Bikini wurde übergeschmissen. Dazu eine kurze olivgrüne Leinenshorts und ein luftiges weißes Top. Liv schlüpfte in ihre braunen Flip-Flops und machte sich einen hohen Pferdeschwanz. In ihre Strandtasche wanderten ihr Neoprenanzug, ein großes Handtuch, wasserfeste Sonnencreme und eine große Flasche Wasser.

„Jetzt heißt es nur noch auf Peter warten."

Der rote MG stoppte pünktlich um halb eins auf der Auffahrt von Familie Morgan. Olivia kam mit ihrer Tasche über der Schulter und dem Brett unter dem Arm durch das Gartentor gelaufen.

„Heeey!", trällerte sie.

Peter begrüßte sie ebenfalls mit hörbarer Freude, nahm ihr das Surfboard ab und schnallte es über seinem eigenen auf das Dach seines Autos. Dann waren die Hände frei für eine, von Herzklopfen geprägte, Umarmung. Livs Strandtasche flog auf den Rücksitz und die Fahrt begann zum Redondo Beach.

Etliche verstohlene Blicke, hunderte fliegende Schmetterlinge und einige gewechselte Sätze später, bog der MG auf eine eher versteckte Zufahrt ein und parkte dort.

„Da wären wir. Um die Ecke müssen wir nur noch die Treppe hinunter und wir sind im Paradies.", erklärte Peter fröhlich.

„Dann los! Ich kann es nämlich gar nicht mehr aushalten.", kam sichtlich hibbelig von Liv.

Peter schnallte die Bretter ab und Olivia holte die beiden Taschen aus dem Auto. Vollbepackt schritten sie die erwähnte Treppe hinab und Liv konnte ihren Augen nicht trauen. Der Redondo Beach war malerisch - weitläufiger heller Sandstrand und rechts daneben der hufeisenförmige Pier, auf dem sich zahlreiche Fischrestaurants, Souvenirshops, Bars und noch einige andere Läden tummelten. Den wunderschönen Blick auf den Pazifik nicht zu vergessen. Dahinter lag der lebhafte Yachthafen "King Harbor", der für seine erstklassigen Wassersportmöglichkeiten bekannt war.

„Wow, ist das schön hier!", schwärmte das Mädchen.

„Ja, das ist einer meiner liebsten Spots. Aber für mich auch das erste Mal, dass ich hier im Sommer surfe. Und der Strandabschnitt vor uns ist komplett für Surfer. Hinten am Yachthafen kann man dann solche Sachen wie Wasserski oder Kiten machen. Es ist wirklich optimal und jeder hat genug Platz, selbst wenn es mal etwas voller ist."

„Genau so liebe ich das: entspannt surfen ohne Konkurrenzkampf, Abdrängen oder Neid."

Peter nickte zustimmend.

Nebeneinander durchschritten sie den hellen Sand. Ihre Füße sackten mit jedem Schritt etwas ein und wirbelten die feinen Körner in die Luft. Perfekt geformte Wellen rollten auf sie zu und die Luft flimmerte seicht von den warmen Strahlen der Sonne. Nur eine Handvoll anderer Menschen war ebenfalls hier und hatte bereits ihren Spaß auf dem Pazifik.

Nah am Wasser ließen die beiden Freunde ihre Taschen von den Schultern gleiten und stellten ihre Boards vertikal in den Sand. Die zwei kramten ihre Neoprenanzüge heraus. Peter zog sich sein Tanktop über den Kopf und Liv hatte Mühe ihn nicht zu auffällig dabei zu beobachten. Wie zu erwarten war sein Oberkörper durchtrainiert - klar definierte Bauchmuskeln, breites Kreuz, starke Arme. Er sah noch besser aus als sie sich das vorgestellt hatte. „Holy!", fluchte sie innerlich. Ihr war unglaublich warm und daran war nur minimal die Sonne schuld. Sie griff nach ihrer Wasserflasche, in der Hoffnung dadurch etwas abzukühlen. Es half nur bedingt.Über seine enge knielange Badeshorts zog Peter seinen Shorty und schloss den Reißverschluss erstmal nur bis zum Bauchnabel. Sein Kopf drehte sich zu Liv, die jetzt anfing sich ihrer Klamotten zu entledigen. Seine braunen Augen musterten ihre schlanke aber gut geformte Figur und ihren sternenbesetzten Bikini. Peter zwang sich wegzuschauen, sonst hätte er schnell ein Problem gehabt, denn seine Fantasie meldete sich kurz in seinem Kopf zu Wort. Er schaute zum Meer, in den Himmel und dann erst wieder zurück zu ihr. Olivia war in ihren "Neo" geschlüpft und versuchte sich den Reißverschluss am Rücken hochzuziehen. Alleine war das immer ziemlich umständlich.

„Soll ich dir helfen?"

„Das wäre super. Ich muss mir auch mal einen Neuen kaufen. Diese Reißverschlüsse hinten sind eine Qual!"

Peter lachte. „Ja, ich weiß, darum habe ich auch zu diesem hier gewechselt."

Er stellte sich hinter sie, strich ihren Zopf sanft zur Seite und schloss den Neoprenanzug in einem Zug. Ein Zucken wie bei einem Stromschlag ging durch seinen Körper, als er mit seinen Fingern ihre weiche Haut berührt hatte.

„Danke! Dann nur noch schnell eincremen und wir können loslegen.", meinte Liv und ihre Vorfreude war klar zu hören.

Während Olivia großzügig Sonnencreme auftrug, hatte Peter sich hingekniet und seine Leash an seinem rechten Knöchel befestigt. Sie verband ihn mit seinem Brett und sorgte dafür, dass er es nicht verlieren würde, falls ihn eine Welle oder fehlendes Gleichgewicht vom Board fegen würde. Beide Freunde surften im Regular-Stance, also mit dem linken Fuß vorne und trugen daher die Verbindungsleine am rechten Bein.

Da standen sie nun nebeneinander im Sand, Surfbretter unter dem Arm geklemmt und einem Gesichtsausdruck, der pure Entschlossenheit und Euphorie ausstrahlte. Sie sahen sich an und hatten den gleichen Gedankengang. Fast zeitgleich rannten die beiden los und stürzten sich mit den Boards voraus in die Fluten. Ihr losgelöstes Lachen erfüllte den gesamten Strandabschnitt.

Auf dem Bauch liegend paddelten sie aufs offene Meer hinaus. Wenn eine Welle kam, wurde unter ihr hindurchgetaucht. Weit genug draußen drehten die beiden sich Richtung Strand und beobachteten die anrauschenden Wellenkämme. „Dann zeige ich dir mal wie man richtig surft.", sprach Peter mit einem frechen Grinsen.

„Nur zu, oh Großmeister Shaw. Auf diesen Moment warte ich schon die ganze Woche."

„Gut, ich nehme die da vorne." Er deutete auf die nächste Welle. „Pass gut auf!"

Damit setzte er sich in Bewegung, paddelte die Welle kraftvoll an und richtete sich beim Einsetzen des Schubs auf seinem Board auf. Dazu setzte er seine Hände flach auf Brusthöhe auf und drückte seinen Oberkörper mit gestreckten Armen hoch. Seine Füße sprangen schnell mittig auf, der linke etwas weiter vorne. Er legte einen sauberen Take-Off hin. Als er sicher stand, steuerte er das untere Wellental an, ging in die Knie und lehnte sich nach vorne. Sein Blick richtete sich wieder zum Top der Welle, wo er sich oben angekommen nach hinten lehnte und sein Gewicht dorthin verlagerte. Dadurch fuhr er die nächste Kurve. So blieb er eine ganze Zeit lang auf der Welle.

Liv beobachtete ihn ganz genau dabei und ihre Augen leuchteten. „Das sind ziemlich saubere Turns."

Peter bewegte sich immer näher auf den Strand zu. „Na Peter kommt da noch ein Trick?", fragte sie sich gespannt und ja er war noch nicht fertig. Er wollte sie beeindrucken, natürlich würde er seinen Ritt da nicht einfach nur mit einem Cutback beenden. Tief ging er in die Hocke, griff mit seiner Hand an die Längsseite des Boards und lehnte sich wieder nach vorne. Dadurch ragten die Finnen unter dem Brett frei aus dem Wasser und es war möglich sich zu drehen. Peters Blick über seine Schulter unterstützte die Bewegung zusätzlich und so legte er einen sauberen 360°-Spin hin.

Olivia pfiff anerkennend vor sich hin. „Wow, er ist unglaublich gut. Das ist mit einer der schwierigsten Tricks überhaupt."

Zufrieden mit seiner ersten gesurften Welle paddelte er zurück zu Olivia. Seine braunen Augen waren leicht zusammengekniffen gegen die Sonne. Aus seinen Haarspitzen tropfte Wasser. „Und? Was sagst du?"

„Du hast nicht übertrieben. Das war absolut Clean. Und der 360 war mwah!" Sie machte einen Kuss in die Luft.

Ein herzliches Lachen kam als Antwort. „Freut mich, dass es dir gefallen hat. Und jetzt hätte ich gerne eine Showeinlage von dir." Es klang ein bisschen herausfordernd und Olivia wollte zumindest versuchen mit ihm mitzuhalten.

„Die kannst du haben!"

Sie guckte sich eine Welle aus und legte los. Ihr Take-Off und die Turns waren ebenfalls nicht von schlechten Eltern. Mit einer absoluten Leichtigkeit glitt sie über die zwei Meter hohe Welle. Da diese aber bereits stark zu brechen begann, entschied Liv sich dazu ihren Ritt mit dem Floater zu beenden. Dazu fuhr sie unten eine letzte Kurve und steuerte wieder auf den Kamm der Welle zu. Sie machte sich klein und nahm Druck von ihrem vorderen Fuß, wodurch sie förmlich über den Schaum hinweg schwebte. Im richtigen Moment verließ Olivia die brechende Lippe, die Schwerkraft ließ sie nach unten fallen und ihre gebeugten Knie federten die Landung weich ab. Dieser Teil war der schwierigste an diesem Trick, denn wenn man sein Gleichgewicht nicht halten konnte oder den optimalen Zeitpunkt verpasste, würde einen die Welle gnadenlos überrollen. Aber Liv schaffte es und ließ sich von der Gischt zurück zum Strand tragen.

Auf dem Brett liegend schwamm sie wieder zu Peter, der mit einem begeisterten Strahlen auf sie wartete. „Du hast mich nicht enttäuscht. Das war fantastisch!" Er klatschte in die Hände, applaudierte.

„Vielen Dank, vielen Dank!". Sie verneigte sich im Sitzen spielerisch.

„Gerne. Dann können wir ja jetzt so richtig loslegen, oder?", fragte er mit einem Grinsen.

„Auf jeden Fall! Los geht's! Schauen wir doch mal wer von uns sich mit Schnelligkeit die nächste Welle verdient!" Damit warf Olivia sich zurück auf den Bauch und kraulte so schnell sie konnte los.Mit dieser Herausforderung hatte sie Peter komplett überrumpelt und er reagierte verzögert. Sie hatte zu viel Vorsprung und damit gehörte die nächste Welle ihr. Kopfschüttelnd aber amüsiert nahm Peter die darauffolgende.

Nach unzähligen Cutbacks, Snaps, Turns, Flips und was das Surferherz sonst noch alles höher schlagen ließ, verließen die beiden Freunde glücklich und außer Atem das Wasser. Es war bereits 16:30 Uhr und die Wellen wurden durch den drehenden Wind immer chaotischer. Es war also an der Zeit den restlichen Nachmittag auf dem Trockenen zu verbringen. Außerdem schuldete Liv Peter ja auch noch ein Eis, wegen ihrer Niederlage beim Fahrradrennen.

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