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Kapitel 30 - Blickkontakt

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Kapitel 30 - Blickkontakt

Die Mädchen waren wieder zu den Jungs ans Lagerfeuer gegangen und Peter kam auch zurück mit seiner College-Jacke vom Basketballteam der Schule über dem Arm hängend. Er reichte sie Liv mit einem Lächeln und sie schlüpfte direkt hinein. Casie und Lesley tauschten einen vielsagenden, fröhlichen Blick und Olivias glückliches Gesicht sprach ebenfalls Bände.

Ihr wurde kuschelig warm, zum einen wegen des flauschigen Innenfutters der Jacke und zum anderen, weil es Peters war und nach ihm roch. Die Jacke hing locker an ihr herunter, die Ärmel deutlich zu lang. Kein Wunder bei Peters Größe und trainierter Statue.

Skinny lehnte sich näher zu Casie. „War alles okay gerade?", flüsterte er und deutete mit den Augen zu den beiden Mädchen.

„Ja, Liv brauchte nur einen Rat, aber ich glaube, das ist ein Selbstläufer.", flüsterte sie zurück und deutete unauffällig zu ihrem Bruder.

Skinny verstand sofort und grinste.

„Und? Schon etwas wärmer?", fragte Peter unterdessen Olivia.

„Ja, sehr gemütlich. Danke!", antwortete sie und schaute ihm direkt in seine haselnussbraunen Augen. Er schluckte leicht. Dieses helle blau, in das er gerade schaute, brachte ihn jedes Mal aus dem Konzept.

Der Blickkontakt war intensiv, lang, ja viel länger als jemals zuvor. Das Knistern des Lagerfeuers war jetzt endgültig nicht mehr das einzige Knistern, welches den Strand erfüllte. Dieses, was die beiden umgab, war zwar lautlos, aber spürbar für alle Anwesenden.

Casie konnte das unsichtbare Band zwischen ihrem Bruder und Liv deutlich erkennen. Die Atmosphäre war anders geworden, ihre Verbindung stärker. Erst war sie der Meinung gewesen Peter schaute Olivia wie Kelly damals an, aber jetzt realisierte sie, dass dieser Blick gerade noch kräftiger, noch bedingungsloser war. Ihr wurde klar, dass in diesem Augenblick etwas Großes und Wunderschönes begonnen hatte. Auch wenn das noch niemand außer ihr ahnte, Casie war sich sicher.

Alle Augen waren wie magnetisch auf die mittlere Bank gerichtet, während Casie mit innerer Gewissheit und Erfüllung nach oben in den sternenbesetzten Himmel schaute. Sie erkannte den Großen Wagen und Sirius, den hellsten Fixstern am gesamten Nachthimmel. Justus hatte ihr mal erklärt, dass er Teil vom Sternenbild "Großer Hund" sei, etwa 8,6 Lichtjahre von der Erde entfernt ist und es durch die Bewegungen in der Erdatmosphäre den Anschein macht als würde er flackern.Ihr Fokus lag auf dem besonderen Stern, bis ein viel besonderes Ereignis die Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Sternschnuppe tauchte in ihrem Sichtfeld auf, rauschte von links nach rechts und verglühte einen kurzen Moment später. Casies geweitete Augen schlossen sich unverzüglich. Wünschen! Sie musste sich etwas wünschen! Ein warmes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sich der stumme Wunsch in ihr formulierte, dass ihr Bruder mit Olivia genau so ein Glück haben sollte wie sie mit Skinny.

Zufrieden richtete sie ihre Aufmerksamkeit zurück zu ihren Freunden am Strand. Niemand außer ihr hatte die Sternschnuppe wohl gesehen. Die anderen unterhielten sich mittlerweile miteinander, auch Peter und Olivia schienen wieder in der Realität angekommen zu sein, denn sie beteiligten sich am Gespräch. Casie nahm noch einen Schluck von ihrer Cola, verfolgte die Wortwechsel stumm, aber verstand nur die Hälfte. Die Freunde redeten über ihren Nachmittag. Lesley und Bob waren in der Mall gewesen, Justus musste einen altmodischen Kronleuchter aus einer Haushaltsauflösung putzen und Skinny hatte Dienst in der Asservatenkammer.

„Und du Schwesterchen?", fragte Peter plötzlich.

„Äh was? Worum geht's? Sorry hab nicht zugehört.", gestand sie.

„Wie dein Tag so war."

„Oh ganz okay. War beim Boxtraining und danach habe ich noch für die Uni gelernt."

„Wie fand deine Lehrerin eigentlich deine Abhandlung über Orcas?", wollte Liv wissen. „Habe ich eine gute Wahl getroffen?"

„Oh ja, sie war begeistert. Zitat: Sehr gut herausgearbeitet und erfrischend mal etwas von dir über eine andere Tierart zu hören.", imitierte sie ihre Lehrerin in hoher Stimmlage. „Na ja nächste Woche habe ich meine Haie wieder nah bei mir. Dann gehe ich mit ein paar Leuten aus meinem Kurs tauchen.", ergänzte sie fröhlich, als wenn das absolut normal wäre.

Skinny brummte unverständlich neben ihr und Casie seufzte.

„Da klingt jemand nicht begeistert.", stellte Bob fest.

„Bin ich auch nicht. Mache mir einfach Sorgen jedes Mal, wenn sie das vorhat. Ist ja wohl normal, oder?", fragte er leicht gereizt.

„Das ist normal, wenn auch unberechtigt, denn ein Haiangriff ist äußerst selten. Die Wahrscheinlichkeit liegt im Schnitt bei 1 zu 3,7 Millionen, während das Risiko einer tödlichen Attacke sogar bei rund 1 zu 300 Millionen geschätzt wird. Statistisch gesehen ist selbst ein Sechser im Lotto wahrscheinlicher als ein Haiunfall.", erläuterte Justus sachlich.

Casie schaute Skinny an nach dem Motto „Siehst du?"

„Unter normalen Voraussetzungen vielleicht, aber die Gefahr ist definitiv höher, wenn man so wie Casie gezielt nach Haibegegnungen sucht.", argumentierte er dagegen. „Auch wenn die Viecher nichts tun, kann beim Tauchen alleine schon viel schiefgehen."

„Also erstens sind das keine Viecher, sondern Fische, zweitens habe ich schon an die hundert Tauchgänge in meinem Leben absolviert darunter gut dreißig mit Haien und drittens habe ich auch Angst um dich jeden Tag, wenn du zum Dienst gehst, denn dir könnte bei jedem Einsatz etwas passieren. Und jetzt hör auf zu maulen, sonst nehme ich dich mit!", sagte sie ernst, zog ihn mit beiden Händen an seiner Lederjacke zu sich und küsste ihn liebevoll.

Er gab sich geschlagen, denn dieser Kuss war deutlich besser als weiterzudiskutieren. Außerdem war tauchen absolut gar nichts für ihn. „Ist gut, ich bin schon ruhig."

„Weise Entscheidung und jetzt hat Liv sich ein Lied verdient." Damit tätschelte sie ihre Gitarre und zwinkerte ihrer Freundin zu.

„Okay ähm..." Sie überlegte gründlich. „ Sparks Fly von Taylor Swift. "

Lesleys Mundwinkel zogen sich stark nach oben, ebenso wie bei Casie. Denn beide kannten den Song und wussten, dass es ein Liebeslied war.

„Sehr gerne." Peters Schwester suchte sich die Akkorde heraus und fing an. „The way you move is like a full on rainstorm . And I'm a house of cards . You're the kind of reckless that should send me running . But I kinda know that I won't get far .“

Lesley hatte einen Plan und zog Bob auf die Beine. „Lass uns tanzen. Und ihr auch!" Sie machte eine ausschweifende Handbewegung.

Peter schaute verdutzt und auch ein kleines bisschen unsicher. Sollte er wirklich... mit Liv? Ihm war jetzt auch klar, dass es ein Liebeslied war. Wie tanzte man denn überhaupt zu so etwas? Eng umschlungen? Fragen über Fragen schossen durch seinen Kopf. Er wurde nervös und wirklich überzeugt von seinem Tanztalent war er auch nicht.

„Na los Kumpel!", forderte Bob.

Tatsächlich stand Peter mit wackeligen Beinen auf und schaute Liv an. „Mut Peter, Mut! Du kannst das! Ein Vollblutsportler kann auch tanzen! Deine Chance, los!" Er streckte ihr die Hand aus. „Darf ich bitten?"

Olivia lächelte breit. „Sehr gerne!"

„Yes! Wir sind gut!", flüsterte Lesley zu Bob. Dann drehte sie sich wieder in Richtung der Bänke. „Justus, Skinny, ihr auch!"

Casie ließ sich gar nicht beirren von dem Gewusel um sie herum. Ihre Aufgabe war klar: für ausreichend romantische Stimmung sorgen. „And you stood there in front of me just, Close enough to touch , Close enough to hope you couldn't see , What I was thinking of.“

Skinny lachte auf neben ihr und legte seinen Arm um ihre Taille, was für Lesley so viel hieß wie. „Vergiss es, ohne Casie tanze ich nicht."

Justus grinste, stand auf und griff sich die Marshmallowtüte. Er drückte sie fest an sich und drehte sich mit ihr fröhlich im Kreis. Das hatte jetzt definitiv niemand erwartet vom sonst so reservierten und nüchternen ersten Detektiv. Casie musste sich sehr bemühen nicht loszulachen und von der Bank zu fallen. Auch die anderen ließ diese unerwartete Tanzeinlage nicht kalt und sie pusteten belustigt los.

„ Drop everything now , Meet me in the pouring rain, Kiss me on the sidewalk , Take away the pain . ' Cause I see sparks fly , whenever you smile .“

„Casie, ich wünsche mir danach Invisible von Knox. ", rief Lesley und zwinkerte. Noch ein Liebeslied, natürlich. Der Plan war, dass Casie direkt weiterspielen würde und Peter und Liv damit zwang einfach weiterzutanzen.

„ Get me with those green eyes , baby , As the lights go down. Gimme something that'll haunt me when you're not around . ' Cause I see sparks fly , whenever you smile .“

Bob zog seine Freundin nah an sich, ihre Oberkörper berührten einander. Lesleys Arme schlangen sich um seinen Nacken. Ein tiefer Blick in die Augen, Stirn an Stirn. Die zwei wussten, wie man tanzte, egal zu welchem Musikgenre.

„My mind forgets to remind me you're a bad idea . You touch me once and it's really something . You find I'm even better than you imagined I would be . I'm on my guard for the rest of the world . But with you , I know it's no good . And I could wait patiently . But I really wish you would .“

Peter guckte sich Bobs Haltung ab, war sich aber unsicher, ob das nicht zu nah sei. Mit zitternden Fingern hielt er ihre Hüften fest. Liv verschränkte ihre Finger hinter seinem Kopf. Ein kleiner Sicherheitsabstand von schätzungsweise zwanzig Zentimetern blieb. Dass sie wirklich miteinander tanzten, war schon unbegreiflich genug. So nahe waren sich die zwei bis jetzt noch nie. Beide dachten eigentlich Händchen halten wäre schon zu viel für ihre Herzen, dabei sprangen sie jetzt schon fast aus der Brust, so wild schlugen sie.

„Drop everything now . Meet me in the pouring rain. Kiss me on the sidewalk . Take away the pain . ' Cause I see sparks fly , whenever you smile . Get me with those green eyes , baby . As the lights go down. Gimme something that'll haunt me when you're not around . ' Cause I see sparks fly , whenever you smile . I run my fingers through your hair , And watch the lights go wild. Just keep on keeping your eyes on me. It's just wrong enough to make it feel right , And lead me up the staircase . Won't you whisper soft and slow. I'm captivated by you , baby , Like a fireworks show .“

Ihre Augen trafen sich ein weiteres Mal, während sie sich im Takt der Akkorde miteinander bewegten. Der Sicherheitsabstand verkleinerte sich, ohne das beide aktiv etwas geändert hatten. „Dieses verdammte blau...", schrie Peters Kopf. Ein Blick als stünden sie unter Hypnose und keiner der beiden wollte aufwachen.

Ein letztes Mal sang Casie den Refrain und erst als die Gitarre verstummte, endete auch der Blickkontakt. Ihre Köpfe drehten sich kurz zu seiner Schwester, die aber bereits ein paar Sekunden später Lesleys Wunsch anstimmte.

„Call it divine intervention , The way you're readin ' my mind. Feel like I've known you forever , Even though I just met you tonight . People in every direction . Nothin ' but small talk in here . Tryin ' to steal our attention , But I wish we could disappear . Yeah, I wish we could disappear .“

Peter musste schlucken. Das Lied war langsamer, noch intimer. Und wieso um alles in der Welt entsprach der Text genau seinen Gedanken? Er wäre wirklich gerade am liebsten mit ihr alleine.

„So can we pretend that we're invisible? Kiss me like nobody's watchin ' us . Two ghosts alone in the middle of a crowded room , my love . Can we pretend that we're invisible? For all I care, we're the only ones . Holdin' each other in the middle of a crowded room , my love . Just the two of us .“

Olivia lächelte ihn sanft an. Seine Augen wanderten zu ihrem Lächeln, zu ihren Lippen. „Verdammt!"

„So here's a toast to the moment , To being young and alive . Don't need to know where we're goin '. It'll all make sense when we arrive . Dance with me under the neon , Until the sun starts to rise . It doesn't matter where we are , As long as I got you here by my side . Now won't you disappear with me tonight ?“

Der Wunsch sie einfach zu küssen wurde größer und der Sicherheitsabstand war nur noch verschwindend gering, vielleicht fünf Zentimeter. Olivias Arme hatten sich fester zugezogen und Peters Hände waren jetzt eng auf ihrem unteren Rücken.

„So can we pretend that we're invisible? Kiss me like nobody's watchin ' us . Two ghosts alone in the middle of a crowded room , my love . Can we pretend that we're invisible? For all I care, we're the only ones . Holdin' each other in the middle of a crowded room , my love . Just the two of us .“

Als würde der Refrain des Liedes Peter immer und immer wieder auffordern es einfach zu tun. Er wollte sie küssen, als ob niemand zuschaute. Wollte mit ihr unsichtbar wie zwei Geister zwischen seinen Freunden stehen. Ja, er wollte sie festhalten und nicht mehr gehen lassen.Peter spürte ihren Atem an seinem Gesicht und wieder schaute er unweigerlich auf ihre Lippen. Eine innere Stimme schrie, dass er aufhören sollte sich gegen seine Gefühle zu wehren. Alles in ihm wollte das, allen voran sein Herz. Sein Kopf lehnte sich zu Liv herunter und eliminierte damit den letzten Abstand zwischen ihnen.

„Can we pretend that we're invisible? Kiss me like nobody's watchin ' us . Two ghosts alone in the middle of a crowded room , my love . Can we pretend that we're invisible? For all I care, we're the only ones . Holdin' each other in the middle of a crowded room , my love . Just the two of us .“

Peter küsste Olivia und in dem Moment wo sich ihre Lippen berührten, gab es wirklich nur noch die beiden.

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