Kapitel 32 - Gedankengänge
Kapitel 32 - Gedankengänge
Erst am späten Vormittag schlug Liv ihre Augen auf. Im Zimmer war es bereits hell durch die Sonne, die mit voller Stärke durch die Gardine vor dem Fenster schien. Kurz kniff sie ihre Augen zusammen. Es dauerte einen Moment bis sie das grelle Licht nicht mehr blendete und sie sich aufrichtete. Ihr Handydisplay zeigte 11:42 Uhr.
„Verdammt ist es schon spät...", murmelte sie vor sich hin.
Um nicht noch mehr vom Tag zu verpassen, sprang sie direkt aus dem Bett und machte sich fertig.
Unten in der Küche kochte ihre Mutter bereits das Mittagessen. „Morgen.", sagte sie knapp zur Begrüßung.
Ihre Mutter lachte auf. „Du meinst wohl eher Mittag."
Sie kratzte sich am Kopf. „Ja, das beschreibt es besser. Aber jetzt bin ich wenigstens topfit für den Rest des Tages." Ein kurzes Tätscheln von Georgies Kopf folgte. „Und für Peter.", schob sie noch in träumerischem Tonfall hinterher.
Ihre Mutter hielt kurz in der Bewegung mit dem Schneebesen inne und zog neugierig die Augenbrauen hoch. „Peter? Der Junge, mit dem du dich angefreundet hattest und surfen warst?"
„Ja, der." Bei dem Gedanken an den Tanz und den Kuss wurden ihre Wangen direkt wieder warm. „Nur... ist da deutlich mehr als Freundschaft zwischen uns.", gestand sie glücklich, wodurch ihre Mutter den Schneebesen auf die Küchenzeile legte, sich interessiert zu ihrer Tochter drehte und anfing zu grinsen. „So so. Du hast also einen Freund und rückst damit jetzt erst raus?"
Liv kicherte. „Ja, weil wir erst seit gestern zusammen sind."
„Du weißt aber, dass ich ihn jetzt so schnell wie möglich kennenlernen möchte, ja?", lachte ihre Mutter.
„Wir gehen nachher joggen, dann kannst du ihn kennenlernen."
„Oh mit Vergnügen. Ich muss ja wissen, ob er ein guter Junge ist."
„Er ist toll.", sagte sie verliebt.
„Das hoffe ich für ihn. Meine Tochter hat nur das Beste verdient. Und jetzt setz dich hin mein Schatz, das Essen ist gleich fertig."
Während im Hause Morgan das Mittagessen serviert wurde, saß Justus alleine in der Zentrale und blätterte gedankenverloren in einer seiner Computerfachzeitschriften herum. Darauf konzentrieren konnte er sich allerdings überhaupt nicht. Der gestrige Abend ging ihm nicht aus dem Kopf. Wieder ein Pärchen mehr in seinem Freundeskreis. Genau genommen waren jetzt alle ihm wichtigen Personen in einer Beziehung. Nur er war immer noch alleine. Liv war sich zwar sicher, dass auch er sein passendes Gegenstück finden würde, aber hier war er noch skeptisch. Justus war sich eigentlich nie unsicher, außer es ging um Gefühle. Die konnte man selten rational erklären und nach einem logischen Prinzip konnte man auch nicht handeln. Ein Stück weit machte ihm Liebe einfach Angst.
Damals bei Brittany hatte es sich angefühlt, als hätte man ihm sein wertvolles Gehirn herausgenommen. Sein Körper handelte einfach und er konnte es nicht kontrollieren.Dann dachte er an Lys, seine erste Freundin. Sie passte gut zu ihm, denn sie war ebenfalls intelligent und interessierte sich für verschiedene wissenschaftliche Themen. Am liebsten mochte sie Biologie. Sich mit ihr zu unterhalten war angenehm leicht gewesen, auf Augenhöhe. Ihr schelmisches Lächeln mochte Justus besonders. Manchmal fragte er sich, ob sie die eine gewesen wäre, wenn sie nicht nach New York gezogen wäre.
Als er das Wort "Hacking" in der Überschrift eines Artikels seiner Zeitschrift aufschnappte, gingen seine Gedanken schlagartig zu Jelena. Er verzog angewidert sein Gesicht. Justus wollte absolut nicht an diese unmögliche Person denken, doch automatisch fielen ihm die unterdurchschnittlichen, respektlosen Äußerung ihrerseits auf dem Konzert wieder ein. Wie konnte man so verbittert sein, nur weil er ihren Intellekt übertraf? Es war für ihn unverständlich.
Plötzlich öffnete sich das "kalte Tor" und er zuckte zusammen. Bob kam in geduckter Haltung in die Zentrale.
„Dritter? Was machst du denn hier?", fragte er überrascht.
„Hey Just. Ich suche mein Notizbuch mit meinem Terminkalender. Zu Hause konnte ich ihn nicht finden, hab mein ganzes Zimmer auf den Kopf gestellt. Also dachte ich, es kann nur hier sein. Ich war mir nicht mehr sicher, wann ich die nächste Nachmittagsschicht bei Rock Plus habe. Mein Gehirn ist wie ein Sieb in Moment.", erklärte Bob die Situation.
„Verstehe." Justus scannte den Raum und entdeckte Bobs Büchlein auf dem linken Sessel. „Da liegt es doch." Er deutete darauf.
Bobs Augen folgten seinem Finger. „Ah Gott sei Dank." Erleichtert atmete er aus und nahm es in die Hand. Eine Seite nach der anderen blätterte er um. „Dienstagnachmittag.", murmelte er mit einem Nicken. Dann blickte er wieder zu Justus. „Und was machst du Schönes?"
„Ich versuche nur ein bisschen zu lesen."
„Versuchst? Alles in Ordnung? Du wirktest gestern Abend schon so nachdenklich."
„Das hab ich dir doch schon erläutert. Ich hege Bedenken, ob wir unter den aktuellen Bedingungen noch in der Lage sind unsere Fälle zielgerichtet zu verfolgen, wenn Amors Pfeile deine und Peters Konzentration lähmen."
Bob verdrehte die Augen. „Ernsthaft jetzt? Lesley und ich sind schon länger zusammen und das hat mich nie behindert bei unseren Ermittlungen."
„Ob das bei Peter ähnlich sein wird, bezweifle ich. Seine sportlichen Aktivitäten spannen ihn bereits zeitlich immens ein. Dazu kommt jetzt noch eine Beziehung." Der erste Detektiv verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wenn wir ihn brauchen ist er da. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Ist das wirklich der einzige Punkt, der dich beschäftigt?", hakte Bob weiter nach.
Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte Justus. „Ja, das ist alles."
So ganz schien Bob ihm nicht zu glauben, aber er bohrte nicht weiter nach. Hätte er sowieso nicht gekonnt, denn sein Handy klingelte auf einmal.
Bei dem Blick auf das Display grinste er. „Oh dein Lieblingsmensch ruft an." Justus runzelte irritiert die Stirn. „Hey Jelena, was gibt's?"
Als er den Namen hörte, kam ihm die Magensäure hoch. Trotzdem horchte er neugierig auf. Was sie wohl wollte?
„Hey Bob. Gut, dass ich dich erreiche.", sagte sie und Bob entging dabei nicht der leicht angespannte Unterton. „Ich fasse mich kurz. Ich brauche deine Hilfe in der Musikschule."
Bob setzte sich langsam auf den Sessel. Justus beobachtete messerscharf jede Nuance seiner Körpersprache. „Meine Hilfe? Du weißt, ich liebe Musik, aber mein Gitarrenspiel ist eher eine Gefahr für das öffentliche Gehör."
„Es geht nicht um Musik, sondern um Papierkram. Und um absolute Diskretion." Jelena hielt kurz inne, bevor sie die Bombe platzen ließ. „In der vergangenen Nacht wurde im Keller der Schule eingebrochen."
Abrupt setzte der dritte Detektiv sich aufrechter hin. Seine Augen wanderten kurz nervös zu Justus, der so tat, als wäre er wieder in seine Zeitschrift vertieft. In Wahrheit aber registrierte er jede Veränderung.
„Ein Einbruch?", wiederholte Bob überrascht. „Wurde etwas gestohlen? Habt ihr die Polizei gerufen?"
Jetzt konnte Justus nicht mehr so tun, als wäre ihm dieses Telefonat vollkommen egal und schaute Bob direkt an.
„Mein Vater hat Inspektor Cotta verständigt, ja.", erklärte sie ungeduldig. „Aber gestohlen wurde scheinbar nichts. Der Täter hat lediglich das historische Archiv im Kellergeschoss komplett verwüstet. Aktenkisten wurden umgeworfen, alte Verträge liegen auf dem Boden. Mein Vater ist nervös. Er will, dass die Dokumente gesichtet, geordnet und digitalisiert werden, bevor noch einmal jemand einsteigt und etwas zerstört."
„Und da dachtest du an mich und mein Talent fürs Archivieren.", kombinierte Bob. „Klar helfe ich dir. Ich kann morgen direkt nach der Schule vorbeikommen. Soll ich Justus und Peter..."
„Auf gar keinen Fall!", unterbrach Jelena ihn direkt. „Du kommst alleine, Bob. Wenn Justus Jonas von einem Einbruch erfährt, nistet er sich wahrscheinlich häuslich im Keller ein und fängt an, meinen Vater zu verhören. Ich habe keine Lust auf seine Wichtigtuerei und seine pseudointellektuellen Vorträge. Du hilfst mir beim Scannen. Wir bringen das Archiv in Ordnung. Kein Erster Detektiv, kein Zweiter Detektiv. Verstanden?"
Justus hatte längst die Augenbrauen nach oben gezogen und war kurz davor etwas zu sagen, doch Bob hob abwehrend eine Hand, um ihm klar zu machen, dass er sich nicht bemerkbar machen sollte.
„In Ordnung, Jelena. Ich behalte es für mich.", lenkte Bob seufzend ein und rieb sich die Schläfen. „Dann morgen um drei vor der Musikschule?"
„Ja, ist gut. Danke Bob." Jelena war erleichtert, dass sie sich auf ihn verlassen konnte.
„Okay dann bis morgen. Tschau." Er legte auf und schaute in Justus genervtes aber neugieriges Gesicht, der nicht verstehen konnte, was genau Jelena gesagt hatte.
„Ein Einbruch?"
Bob steckte das Handy weg. „Es ist nichts Wildes, Justus. Nur ein bisschen Chaos im Archiv."
„Und die werte Frau Charkova wünscht explizit nicht, dass der Erste Detektiv seine analytischen Fähigkeiten zur Aufklärung des Delikts beisteuert, nehme ich an."
„Sie will einfach keinen Aufruhr. Ich habe ihr mein Wort gegeben, dass ich alleine komme. Bitte lass es gut sein."
Justus schnaubte leise und sagte mit eisiger, professioneller Distanz: „Wie du meinst, Dritter. Wenn du deine Freizeit als unbezahlte Hilfskraft für arrogante Geigenspielerinnen opfern möchtest, ist das deine Sache. Mich interessiert die Angelegenheit nicht im Geringsten."
Bob atmete erleichtert aus, obwohl er eigentlich wissen sollte, dass sein Freund bei einem möglichen Fall für die drei Fragezeichen nie gleichgültig reagierte. Im Geist hatte Justus bereits begonnen Theorien aufzustellen.
„Na gut, Erster. Ich muss wieder los. Wir sehen uns dann morgen in der Schule."
Justus hielt die Zeitschrift wieder fest in der Hand. „Ja, bis morgen früh."
Wenige Sekunden später war er wieder alleine und das Grübeln ging weiter.
Peter pfiff fröhlich vor sich hin, während er in seine kurze schwarze Laufshorts und ein weißes Tanktop schlüpfte. Die Schnürsenkel seiner dunkelblauen Laufschuhe band er sich sitzend auf seinem Bett. Noch kurz die äußeren Haarsträhnen richten, die dabei ins Gesicht gefallen waren und er war bereit aufzubrechen.
„Ich gehe joggen. Wird wahrscheinlich ein bisschen später.", rief er Richtung Wohnzimmer, als er seinen Schlüsselbund in die Hosentasche stopfte.
„Okay, aber sei bitte um spätestens neunzehn Uhr wieder hier zum Essen.", ertönte die Stimme seiner Mutter.
„Ist gut. Bis nachher."
Damit trat er nach draußen und zog die Haustür hinter sich zu. Die Temperaturen waren mittlerweile angenehm. Der Wind wehte lau, ließ aber dennoch die Blätter der Bäume tanzen.
Peter freute sich sehr darauf, Liv gleich wiederzusehen. Es waren nur ein paar Stunden ohne sie, aber er hatte sie direkt vermisst, als er in der Nacht zurück in seinen MG gestiegen war. Wenn es der richtige Mensch war, konnte man sich schnell an die Anwesenheit desjenigen gewöhnen.
Er joggte los. Zu ihrem Haus waren es nur einige hundert Meter und selbst wenn es länger gewesen wäre, für einen Sportliebhaber wie ihn war kein Weg zu weit. Die Sonne begleitete ihn dabei.
Keine zehn Minuten später klingelte er an der Tür. Olivias Mutter öffnete. „Oh hey. Du bist Peter, nehme ich an?"
„Ähm ja, Hallo Mrs. Morgan. Liv und ich wollten zusammen joggen gehen.", erklärte er etwas schüchtern.
„Nenn mich einfach Melissa. Komm rein, Liv sucht noch ihre Laufschuhe."
„Danke."
Peter trat in das kleine, gemütliche Haus ein. Georgie tapste fröhlich auf ihn zu. Er ging in die Hocke, um den Hund mit Streicheleinheiten zu begrüßen. „Hallo mein Junge. Hast du Lust auf ein bisschen Bewegung?" Georgie bellte einmal kurz. Offenbar war das ein Ja.
„Hab sie endlich gefunden.", erklang Olivias Stimme laut von oben aus ihrem Zimmer.
Alleine ihre Stimme zu hören, zauberte Peter ein Lächeln ins Gesicht.Eilige Schritte kamen die Treppe herunter und als sie ihren Freund sah, strahlte sie ebenfalls über beide Ohren. „Hey, du bist ja schon da." Fröhlich hüpfte sie in seine Arme.
Fest umklammerte er sie. „Hab dich verdammt vermisst, deswegen bin ich ein bisschen früher los."
„Gefällt mir ziemlich gut.", lachte sie.
Als die beiden ihre Umarmung lockerten, drückte Peter ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen.
Livs Mutter lächelte vor sich hin und verschwand in der Küche, um die beiden nicht zu stören.
„Weißt du, dass ich das den ganzen Tag machen könnte?" Sie schloss direkt wieder die Lücke zu ihm.
Er zog sie näher an sich und vertiefte den Kuss deutlich. Es wurde inniger, langanhaltender. Erst ein ungeduldiges Jaulen von Georgie konnte sie trennen.
„Ist ja schon gut, wir gehen jetzt." Liv hob beschwichtigend die Hände. Dann schnappte sie sich die Leine und befestigte sie um ihre Hüften. Ihr Blick ging zu ihrem Freund. „Hast du eine Route im Kopf?"
„Ja habe ich. Sind etwa sieben Kilometer."
„Perfekt."
Sie teilten einen letzten Kuss, ehe sie das Haus zusammen mit Livs Hund verließen und ihre erste gemeinsame Joggingeinheit starteten.
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