Kapitel 33 - neidische Blicke
Kapitel 33 - neidische Blicke
Peter und Liv hatten ihre gestrige Joggingeinheit zusammen extrem genossen. Es war so viel schöner, wenn man seine Hobbys mit der Person teilen konnte, die man liebte.Sie waren zu einem höher gelegenen Aussichtspunkt gelaufen, von dem man einen schönen Blick Richtung Santa Monica hatte. Auf einer Parkbank sitzend hatten sie die Aussicht und ihre Zweisamkeit genossen.Keine Minute wurde unnötig verschwendet und so war er pünktlich zum Abendessen um neunzehn Uhr wieder durch die Haustür getreten. Genau wie von seiner Mutter gewünscht.
Jetzt war es sieben Uhr morgens und Peter stand wartend mit seinem Rennrad am Kino. Der Treffpunkt, um zusammen mit Olivia zur Schule zu fahren.Er hatte sich lässig mit seinen Unterarmen auf den Lenker gestützt und behielt die Straße im Auge. Als seine Freundin auf ihrem Fahrrad um die Ecke gebogen kam, erhellte sich sein Gesicht schlagartig. Ein verliebtes Lächeln hatte sich breit gemacht und seine braunen Augen fixierten ihre Gestalt.
„Guten Morgen, mein Schatz.", trällerte Olivia ihm entgegen.
„Hey, Süße! Gut geschlafen?"
„Ja wunderbar, bin aber trotzdem noch etwas müde." Sie hielt neben ihm an und beugte sich zu ihm rüber.
Peter schloss die Lücke und küsste sie liebevoll. „Ich bin auch noch müde, aber nützt ja nichts."
Gemeinsam fuhren sie weiter. Die kühle Morgenluft wehte ihnen ins Gesicht und zerzauste ihre Haare etwas.Als sie an der Schule ankamen, wurden sie bereits von Lesley, Bob und Justus erwartet.
„Guten Morgen, Leute!"
„Guten Morgen, Traumpaar.", begrüßte Lesley die beiden mit einem Grinsen.
Sie ketteten ihre Fahrräder an, verschränkten ihre Hände miteinander und liefen zusammen mit den anderen Richtung Schulgebäude.
Bereits auf dem Schulhof spürte Olivia einige Blicke auf sich. Überwiegend von anderen Mädchen, aber es waren keine freundlichen Blicke. Sie musterten Liv argwöhnisch und herablassend. Unter vorgehaltener Hand tuschelten sie miteinander.Ein leichtes Stechen schoss durch ihren Magen. Was hatte sie getan, um solche hasserfüllten Blicke zu verdienen? Sie schluckte den plötzlichen Kloß in ihrem Hals runter und bemühte sich das Geschehene einfach zu ignorieren.
Im Schulgebäude empfing die Freunde das bekannte Bild - Hektik auf den Fluren und das laute Zuschlagen von Spindtüren.Normalerweise kümmerte sich jeder in der Eile des Morgens um sich und darum pünktlich im Klassenraum zu sitzen, doch auch hier schien sich jetzt auf einmal alles auf die verschränkten Hände von Peter und Olivia zu fokussieren.
Wieder ging Getuschel los und es war ganz klar zu hören, wie ein Junge zu einem anderen sagte: „Oh mein Gott, schau mal! Shaw hat die Neue aufgerissen."
Livs Muskeln verkrampften sich mit jedem Schritt. Peter bemerkte ihre Anspannung anhand ihrer Finger, die sich in seine Haut bohrten. Natürlich hatte er auch mitbekommen, dass sie gerade überall Gesprächsthema waren, nur war ihm das Ganze ziemlich egal, aber seiner Freundin fiel es offenbar schwer, diese missgünstigen Blicke und Sprüche zu ignorieren.
„Wir sind gleich beim Klassenraum. Du schaffst das.", flüsterte er ihr bestärkend zu, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging mit ihr an der Hand ein kleines bisschen schneller.
In Gedanken versunken ließ Olivia sich auf ihren Stuhl fallen. Auch den anderen war dieser Empfang nicht entgangen. Es war komplett absurd. Ja, Peter war ziemlich beliebt und natürlich fanden viele Mädchen ihn toll, aber diese Reaktion war nicht zu erwarten.
Mit einem sorgenvollen Blick behielt Peter von seinem Platz aus seine Freundin im Auge. Liv hatte nie einen Grund gehabt unsicher mit sich zu sein, aber vor Selbstbewusstsein strotzte sie dennoch nicht. Sie stand nie gerne im Mittelpunkt, aber jetzt tat sie es unweigerlich wegen ihrer Beziehung. Das nagte auch an Peter. Vor allem nervte es ihn aber, dass die Leute sich nicht einfach um ihr eigenes Leben kümmern konnten.
Lesley versuchte Liv gut zuzureden. Natürlich sah auch sie ihr an, dass das gerade eben nicht spurlos an ihr vorbeiging. „In ein paar Tagen haben die ein neues Gesprächsthema gefunden, glaub mir." Sie streichelte beruhigend über ihren Arm.
Ihre Freundin seufzte. „Dass mir so viel Neid entgegen fliegt, weil ich einen der beliebtesten Jungs an der Schule date, hätte ich jetzt nicht erwartet.", gestand sie.
„Süße, du sagst es selbst: Neid. Das ist es. Viele wären gerne an deiner Stelle, aber das ist nicht dein Problem. Peter war lange genug Single. Die hatten ausreichend Zeit um ihre Chance zu nutzen. Jetzt haben sie halt Pech gehabt."
„Trotzdem verunsichert mich das ehrlich gesagt." Liv knibbelte an ihren Fingernägeln.
„Brauch es aber nicht. Du bist wunderschön, intelligent, lieb, witzig und vieles mehr. Das weiß ich und Peter weiß das auch. Das Lästern ist nur der armselige Versuch ihre eigenen Unsicherheiten zu überspielen. Aufwertung durch Abwertung. Lass sie reden. Alles, was zählt ist, dass du und Peter glücklich seid."
„Ich versuche es, aber was ist, wenn es nicht nur bei bösen Blicken bleibt. Sondern jemand versucht uns auseinander zu bringen?"
„Du kennst Peter und er kennt dich. Die Leute haben gar keine Ahnung von euch. Alles, was du hören würdest wären nur irgendwelche Lügengeschichten. Wichtig ist, dass ihr immer miteinander redet. Kommunikation ist echt das Wichtigste in einer Beziehung. Und Süße zeig Zähne! Ich bin auch eher der friedliebende Typ, aber wenn ich von jemandem ein negatives Wort über Bob höre, werde ich ungemütlich. Setz Grenzen, lass dich nicht verarschen!"
Lesleys Worte zeigten Wirkung und halfen Liv sich wieder besser und selbstsicherer in ihrer Haut zu fühlen. Ein kleines Lächeln schlich zurück auf ihr Gesicht. „Danke, Les!"
„Immer!" Sie umarmte ihre Freundin kurz.
Peter hatte Liv und ihre Körpersprache genau beobachtet. Er stand auf und ging zu ihr rüber. Ohne etwas zu sagen, zog er sie in einen festen Kuss. Wenn seine Mitschüler alle schon blöd schauten, dann wollte er ihnen wenigstens klarmachen, dass niemand an dieser Beziehung etwas ändern konnte. Dieser Kuss war ein Statement, das Zeichen „Das ist meine Freundin und ihr könnt mich alle mal!"
Er legte seine Stirn an ihre und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. „Ich liebe dich!", sagte er ernst, aber komplett sanft.
Damit schaffte er es aus dem kleinen Lächeln ein breites Strahlen zu machen. „Ich liebe dich auch.", hauchte sie zurück.
Ein paar Minuten später betrat ihr Lehrer den Raum und startete ohne Umschweife mit dem Unterricht.
Der Schultag verlief schleppend und in jeder Pause sah Liv sich mit den Blicken ihrer Mitschüler konfrontiert. Es nervte sie zwar trotzdem und angenehm war das Ganze auch nicht, aber sie vertraute auf Lesleys und Peters Worte. Sie musste nur weiterhin durchhalten und stark sein, dann wäre ihre Beziehung schnell nur noch eine Randerscheinung und ein anderes Thema würde in den Mittelpunkt rücken.
Die beiden fuhren nach der Schule zu Liv, um Mathe-Hausaufgaben zu machen und den restlichen Nachmittag zusammen zu verbringen. Lesley musste zu Booksmith und Justus sollte Onkel Titus beim Abladen des Pick Ups helfen.
Doch bevor er sich auf den Weg zurück zum Schrottplatz machte, wandte er sich an Bob, der gerade in sein Auto steigen wollte. „Dritter, sollten sich an der Musikschule ungewöhnliche Vorfälle ereignen, die in dir den begründeten Verdacht reifen lassen, dass dieser Einbruch lediglich die Spitze eines weitaus komplexeren Eisbergs ist, so halte ich die Aufnahme von Ermittlungen unsererseits für absolut unumgänglich. Dir ist schließlich ebenso bewusst wie mir, dass Inspektor Cotta und seine Beamten bisweilen eine beträchtliche Zeitspanne benötigen, um auch nur die vage Spur eines Täters auszumachen."
Bob musste schmunzeln. Justus und sein Übereifer. Vermutete hinter allem ein großes, mysteriöses Verbrechen. „Schon gut, Just. Du musst nicht gleich wieder den Teufel an die Wand malen. Es ist schließlich nur ein simpler Einbruch. Jelena hat mir am Telefon gesagt, dass es bloß ein Riesen-Durcheinander im Archiv gibt und sie meine Hilfe beim Digitalisieren braucht. Aber ich versichere dir, dass ich die Augen offen halte. Wenn zwischen den Notenblättern und was weiß ich noch allem irgendetwas faul ist, merke ich das als Erster. Ich fahre dann mal los, sonst komme ich noch zu spät."
„In Ordnung. Ich erwarte dennoch einen Zwischenbericht.", sagte Justus ernst und schulterte seinen Rucksack.
„Morgen kann ich dir gerne erzählen, wie es war. Also dann..." Bob stieg in seinen gelben Käfer und machte sich auf den Weg nach Santa Monica zur Melody Lane Musikschule.
Kurz vor fünfzehn Uhr rollte er auf den großen Parkplatz. Einige Autos standen noch in den Lücken, vermutlich von Lehrkräften, denn auch hier war der heutige Unterricht bereits beendet.
Er hing sich seine Laptoptasche über die Schulter, schloss den Wagen ab und schlenderte Richtung Eingang. Von Weitem sah er Jelena bereits dort auf ihn warten.
„Hey Jelena.", grüßte er sie und gab ihr eine freundschaftliche Umarmung.
„Danke, dass du gekommen bist, Bob. Und sogar wirklich alleine."
„Na klar. Ich halte mein Wort." Die beiden betraten die Eingangshalle. „Habt ihr mittlerweile schon Hinweise, was der Einbrecher gesucht haben könnte?"
„Nein, absolut keine Ahnung. Es weiß auch niemand, ob dort im Keller überhaupt irgendetwas Wertvolles aufbewahrt wurde. Die Lehrkräfte sind sich alle sicher, dass dort nur alte Klausuren, Notenblätter, Verträge und andere Dokumente gelagert wurden."
„Verstehe. Und wir sollen jetzt den ganzen Papierkram durchgehen und digitalisieren, richtig?"
„Genau, als extra Absicherung sozusagen. Die Dokumente werden irgendwann zerstört, aber mein Vater möchte alles vorsichtshalber noch ein paar Jahre aufbewahren. Also irgendwann gibt es dann nur noch das digitale Archiv, welches wir anlegen. Ich habe gestern bereits alles programmiert und entsprechende Ordner erstellt. Wir sortieren also die Zettel, scannen sie ein und schieben sie in die entsprechenden Ordner.", erklärte sie Bob den Ablauf.
Gemeinsam betraten sie den Fahrstuhl in der Eingangshalle und Bob drückte den Knopf für das Kellergeschoss. Die Tür schloss sich und der Fahrstuhl setzte sich mit einem Surren in Bewegung. Die Fahrt dauerte nur wenige Sekunden. Dann glitt die Tür wieder zur Seite und gab den Blick auf einen langen, schmalen Korridor mit dunkelgrünem, abgenutztem Linoleumboden frei. An der Decke hingen nackte Leuchtstoffröhren, die leicht flackerten und leise summten. Die Wände waren grau und gesäumt von dicken, isolierten Heizungsrohren. Auch einige Kabelstränge guckten aus dem Beton heraus.
Als sie aus dem Fahrstuhl hinaustraten und Bob seinen Blick nach rechts wandte, erkannte er eine schwere, graue Brandschutztür aus Stahl. Vermutlich befand sich dahinter der Treppenaufgang, der zurück in die Eingangshalle führte.
Auf der linken Seite des Flures wartete das Herzstück des Kellers und Bobs und Jelenas Ziel - der Archivraum.Die Tür war schlicht und auf ihr war ein Schild mit der Aufschrift "Archiv" angebracht.Jelena griff sich den Schlüsselbund, den sie auf ihren Oberschenkeln liegen hatte und steckte einen kleinen silbernen Schlüssel mit einem schwarzen Kopf in die Tür. Zweimal drehte er sich im Schloss, bis die Tür aufsprang.
Dahinter befand sich ein großer Raum mit deckenhohen, massiven Schwerlastregalen aus Metall. Hier lagerten hunderte von grauen Pappkartons und alten Holzkisten.Mittig im Raum stand ein wuchtiger Arbeitstisch aus dunklem Eichenholz. Auf ihm stand Jelenas aufgeklappter Laptop und ein Dokumentenscanner.
Die nächsten Stunden des Tages würden die beiden hier zwischen Bergen von Papieren und einem muffigen Geruch aus altem Papier und Staub verbringen.
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