Kapitel 7 - Einbrecher
Kapitel 7 - Einbrecher
„Dann schieß mal los, was gestern Nacht bei dir noch passiert ist."
„Ich lag in meinem Bett, hatte noch in einer Computer-Fachzeitschrift gelesen, wurde dann aber immer müder und wollte schlafen. Kurz bevor ich eingeschlafen war, kam plötzlich Tante Mathilda ins Zimmer um mich zu wecken. Sie meinte, dass draußen auf dem Schrottplatz ein Einbrecher wäre. Sie hätten Geräusche gehört, die vermutlich aus der Freiluftwerkstatt kamen. Onkel Titus hatte schon die Polizei informiert. Ich hastete also die Treppe herunter und ging zusammen mit meinem Onkel nach draußen. Es schepperte tatsächlich in der Freiluftwerkstatt und in der nächsten Sekunde huschte ein Schatten über den Hof. Das herannahende Blaulicht der Polizeiwagen war schon zu sehen, aber die Person rannte weg. Ich folgte ihr.", fasste Justus grob die Geschehnisse zusammen.
„Und dann?", fragte Peter gespannt.
Justus zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn noch um die Ecke jagen sehen und bin hinterher, aber als ich an der Stelle ankam, war er weg. Wie vom Erdboden verschluckt."
„Und die Polizei? Was hat die gemacht?", wollte Bob wissen.
„Die sind noch eine ganze Zeit lang durch die Straßen gefahren, haben aber auch nichts Verdächtiges entdeckt."
„Und es war nur eine Person?"
„Ich habe nur eine Person gesehen."
„Hast du irgendwelche Einzelheiten an dem Einbrecher erkannt?", fragte Peter.
„Seinem Bewegungsmuster nach zu urteilen, würde ich eindeutig auf einen Mann tippen. Zudem ziemlich groß, muskulös, sportlich. Er schwang sich aus vollem Lauf ohne Schwierigkeiten über den Zaun.", erklärte der erste Detektiv.
„Na ja, das ist auch nicht schwer.", murmelte der sportliche Peter.
„Schön für dich!", grummelte Justus, dem es nicht sonderlich leicht gefallen war über den Zaun zu kommen.
Peter grinste daraufhin amüsiert und Bobs Blick wanderte in der Zentrale umher. „Und du glaubst, dass der Typ in unserer Zentrale war?"
Justus nickte. „Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie sagt mir das mein Bauchgefühl. Irgendwas ist hier anders. Hier war jemand."
Peter ließ seinen Blick schweifen. Für ihn sah es noch genauso chaotisch aus, wie immer. Sogar seine leere Chipstüte, die er vor ein paar Tagen hier weggeknabbert hatte, lag noch neben dem Mülleimer.
„Aber es fehlt nichts und kaputt ist auch nichts?", fragte Bob.
„Nein, meine Untersuchungen fielen bisher allerdings recht oberflächlich aus, da ich kaum Zeit hatte. Onkel Titus bestand darauf, dass ich mit ihm erst den Schrottplatz inspiziere."
„Ist euch da denn was aufgefallen?"
„Nein, daher würde ich vorschlagen, dass wir systematisch vorgehen: Erst suchen wir nach Spuren hier. Dann geht es durch den Wellblechtunnel zum kalten Tor und zur Freiluftwerkstatt. Anschließend überprüfen wir den Weg bis zur Stelle am Zaun, über den der Täter geflohen ist und die Strecke außerhalb des Schrottplatzes.", bestimmte der erste Detektiv.
„Dann muss der Einbrecher aber von unserer Zentrale und den Zugangsmöglichkeiten gewusst haben.", meinte Bob.
Justus hob eine Augenbraue. „Ich fürchte eine Menge Leute wissen über unsere Zentrale Bescheid und um einen der Zugänge zu finden brauch man nur etwas Geduld und intensive Beobachtung auf uns."
Seine beiden Freunde nickten nachdenklich.
„Also wonach suchen wir?"
„Nach Spuren aller Art: Haare, Stoffreste, Fußspuren und so weiter."
Peter seufzte beim Blick auf das durcheinander in ihrem Wohnwagen. „Das kann ja lustig werden..."
Die drei Jungs teilten sich auf und nahmen jeder eine andere Ecke ihrer Zentrale unter die Lupe. Durch ihre Erfahrungen als Detektive wussten sie zum Glück wie sie am besten vorgehen mussten. Trotzdem rief diese Suchaktion merkwürdige Gefühle hervor, zu wissen, dass hier jemand unbefugt drinnen war und einen Blick auf ihre innersten Detektivgeheimnisse geworfen hatte.
„Irgendwas entdeckt, Bob?", rief Justus nach einer Weile.
„Nein. Hier fehlt nichts und es ist auch nichts beschädigt."
„Du Peter?"
„Auch nichts, aber ich habe hier hinter diesen Büchern einen uralten Liebesbrief gefunden, den du seinerzeit mal Brittany geschrieben hast."
Justus erschrak und fuhr angespannt herum. „Was? Gib den sofort her!" Er wollte sich nicht mehr an die Gefühle und seinen damit verbundenen Fehler erinnern.
Peter kicherte. „War nur ein Witz. Allerdings finde ich es bemerkenswert, dass du einen solchen Brief gar nicht abstreitest. Gibt es da etwas, das wir wissen sollten?"
„Quatsch! Ich habe nie einen Brief an Brittany geschrieben! Ich war nur für den Moment etwas verwirrt, weil es eben...", Justus Ansatz sich zu verteidigen, war auf einmal komplett unwichtig geworden, als sein Blick auf den Boden fiel, direkt neben dem Schreibtisch.
„Was ist?", fragte der zweite Detektiv stirnrunzelnd.
Justus ging in die Hocke und hob ein Haar auf. Es war zehn Zentimeter lang und feuerrot. Bob und Peter staunten nicht schlecht. „Kennen wir irgendjemanden, der solche Haare hat?"
Peter schüttelte den Kopf. „Nein, der einzige, der mir einfällt mit einem Rotstich in seinen Haaren ist Skinny, aber das ist rotblond und er hatte nie so lange Haare. Außerdem trägt er sie ja jetzt wieder hellblond."
„Ich weiß auch niemanden.", sagte Bob.
„Okay, ich auch nicht. Das sollten wir auf jeden Fall im Auge behalten. Aber der Fundort des Haares lässt mich daraus schließen, dass der Einbrecher eher hier in diesem Bereich beschäftigt war." Damit machte er eine kreisende Handbewegung um den Schreibtisch herum.
Der Blick des ersten Detektivs schärfte sich nochmal mehr, während er auf seiner Unterlippe knetete. Jeder hinterließ Spuren, man musste nur genauer hinschauen und das tat er nun. „Schreibtisch, Schreibtischunterlage, Ablagefach für Papiere, Telefon, Bildschirm, Faxgerät, Tastatur, Maus, Rechner", murmelte er vor sich hin und dann hielt er inne. Da war etwas! Sein Blick ging zurück und sein Kopf schnellte hoch in Richtung seiner Kollegen.
„Hast du was entdeckt?", fragte Bob aufgeregt.
„Die Tastatur! Ich saß als Letztes dran und bei mir steht sie immer viel weiter vorne, weil ich so besser tippen kann."
„Dann war er...", fing Peter an.
„Am Computer!", beendete Justus den Satz. Mit einem Stift betätigte er den Knopf des Rechners. Er wollte keine möglichen Fingerabdrücke zerstören. Der Rechner piepte und der Monitor leuchtete auf.
„So viel zum Thema "In der Zentrale ist der Computer sicher und wir brauchen kein Passwort".", verdrehte Bob die Augen.
Justus untersuchte alles genau - Menü, zuletzt bearbeitete Dokumente, E-Mail-Programm, Browser, Systemsteuerung, Einstellungen. Aber es gab keine Hinweise, dass sich jemand am Computer zu schaffen gemacht hatte.
„Nichts!" Der erste Detektiv schüttelte ungläubig den Kopf.
„Na Gott sei Dank! Die Vorstellung, dass jemand in unseren Dateien rumgeschnüffelt hat, ist nämlich ganz schön gruselig.", sprach Bob erleichtert.
Aber Justus wollte das nicht wahrhaben, also schauten sich die drei wie geplant auch außerhalb der Zentrale um. Doch sie fanden keine Spuren. Nachdenklich waren sie gerade wieder auf dem Weg Richtung Zentrale, als Tante Mathilda aus der Haustür rief. „Wenn ihr Hunger habt, ich habe gerade ein Blech Schokomuffins im Ofen."
Diese Worte ließen Justus Unzufriedenheit verpuffen. „Das ist genau das, was ich jetzt brauche." Seine beiden Freunde stimmten ihm zu.
Vor den Schokomuffins und einer Tasse Kakao sitzend, gingen die drei nochmal alle Möglichkeiten durch. Welche Gründe könnte jemand haben, sich nachts auf dem Schrottplatz und der Zentrale herumzutreiben, wenn er weder etwas stehlen noch kaputt machen wollte und auch nichts hinterlassen wollte? Aber sie hatten nicht den Hauch einer Ahnung. Ratlos traten sie zurück in die Zentrale und Justus ließ sich auf den Schreibtischstuhl plumpsen. Er bewegte die Maus und der Bildschirm leuchtete wieder auf. Dann sah er es. „Kollegen! Da ist was!"
„Was? Wo?", fragten Bob und Peter gleichzeitig und eilten zu Justus an den Schreibtisch.
„Da auf dem Desktop ist ein Icon. Es war vorhin noch nicht da!", erklärte der erste Detektiv aufgeregt.
„Das heißt, jemand war gerade hier?", fragte Peter panisch und drehte sich um.
„Unsinn! Der Rechner war die ganze Zeit an. Seit wir die Flatrate haben lasse ich ihn immer im Netz."
„Ja und, was hat das mit der Datei zu tun? Online heißt E-Mail und Internet, aber da war nichts.", meinte Bob.
„Das ist egal, da gibt es noch andere Möglichkeiten." Justus führte den Mauspfeil auf das Icon.
„Du willst das Ding doch wohl nicht öffnen. Wir wissen nicht, was das ist. Nachher zerschießt uns das den ganzen Rechner.", protestierte der dritte Detektiv.
„Bob hat recht. Ich habe zwar nicht viel mit Computern am Hut, aber sogar ich weiß, dass man unbekannte Dateien nicht einfach öffnet. Noch dazu solche die auf mysteriöse Weise einfach erscheinen. Da könnte ein Virus drin sein."
„Habt ihr eine bessere Idee? Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass sich in dieser Datei die Antwort auf die Frage verbirgt, was der Unbekannte hier wollte."
„Wir machen eine Datensicherung auf unserem USB-Stick. Im schlimmsten Fall müssen wir dann alles neu installieren, aber wir verlieren nicht unsere Daten.", schlug Bob vor und Justus setzte diesen Vorschlag in die Tat um.
Peter griff sich währenddessen eine Cola aus dem Kühlschrank und pflanzte sich damit in den alten Sessel. „Welche anderen Möglichkeiten gäbe es denn noch, wie diese Datei auf den Rechner gelangen konnte?"
„Mit einem illegalen Programm, dass demjenigen Zugang auf diesen Rechner gewährt. Dabei muss er nicht vor Ort sein, sondern kann den Computer gewissermaßen fernsteuern. Einmal auf dem Rechner installiert, schickt es alle Informationen an den Hacker wie Passwörter, Dateien, Programme. So kann er mit dem Computer alles machen, was er will: ausspionieren, manipulieren oder eben Dateien anlegen.", gab Justus sein Wissen wieder, welches er aus den unzähligen Computer-Fachzeitschriften gelernt hatte, die er abends vor dem Schlafengehen konsumierte.
„Können wir das Programm denn nicht einfach von dem PC löschen?"
„Dazu verstehe ich dann doch zu wenig von der Sache." Justus zog den USB-Stick aus dem Port. „So, unsere Schäfchen sind im Trockenen."
„Ich kann Jelena anrufen. Die weiß bestimmt, wie wir so ein Programm von unserem Rechner bekommen."
„Auf gar keinen Fall!", zischte Justus. Das war das Letzte, was er jetzt noch gebrauchen konnte, Jelena Charkova, die sich einen Blick über ihre Fälle und Detektivinformationen verschaffte, wahrscheinlich noch untermalt mit besserwisserischen Kommentaren zu Computern und Hacking. Nein, unter keinen Umständen wollte er sie in seiner Zentrale haben.
„Da Kollegen! Schaut mal!", unterbrach Peter seine Gedanken.
Alle drei starrten auf den Bildschirm, auf dem sich der Cursor bewegte, ohne das einer von ihnen eine Hand an der Maus hatte. Justus griff schnell an die Maus und bewegte sie, aber der Cursor reagierte nicht. Stattdessen wurde die Datei jetzt mit einem Doppelklick geöffnet und ein Gedicht erschien im Textverarbeitungsprogramm.
„Felsige Wellen nässen den Wind.
Strand entschwindet dem schweigenden Blick.
Heute ich lehre dem herbstlichen Kind,
Seite um Seite das meergrüne Glück.
Drei Mal es muss die Kehre erhalten,
außen und innen um niemals zu spalten."
„Na fantastisch, ein lyrisch begabter Hacker.", seufzte Peter sarkastisch. „Was soll das Ganze? Ich meine, es gibt Telefon, Internet, E-Mail, sogar die gute alte Post. Wieso sollte uns jemand auf diese verquere Weise etwas mitteilen wollen?"
„Der Absender scheint aus irgendeinem Grund keine andere Möglichkeit zu haben mit uns Kontakt aufzunehmen. Zudem muss er seine Informationen auch noch verschlüsseln."
„Wir haben also ein Rätsel vor uns, einen chiffrierten Text. Es gibt zahlreiche Verschlüsselungsmethoden. Wie sollen wir vorgehen?", fragte Bob.
Justus las das Gedicht noch einmal durch und nuschelte etwas von Kreuz- und Paarreim und Daktylus, was bei Peter für Augenrollen sorgte.
„Natürlich, der gute alte Daktylus.", sprach er genervt, denn er hatte keinen blassen Schimmer, was das sein sollte.
„Das Metrum.", erklärte Justus und bekam den nächsten Seufzer von Peter.
„Wir sollten den Text dreimal ausdrucken und dann kann sich jeder erstmal alleine mit den Versen vergnügen. Einer sucht nach Anagrammen, einer nach Auffälligkeiten bei dem Buchstaben oder nach Zahlencodes. Wir gehen alle gängigen Verschlüsselungsmethoden durch.", schlug Bob vor.
Peter kam sich vor wie in der Schule und so seinen Sonntag zu verbringen demotivierte ihn noch mehr. „Das kann ewig dauern."
„Dann legen wir am besten gleich los.", sprach Justus und klatschte in die Hände.
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